Alles verkehrt herum.

Montag, 11. April 2011. Es gibt Tage, die verbrächte man vermutlich aus segelfliegerischer Optik am sinnvollsten mit einer Flasche Rosé in der rechten, einer feinen Zigarre in der linken Hand und mit einem Fleischplättli vor sich.

Der Samstag, 9. April war wohl ein Flugtag dieser Kategorie. Das Meteobriefing zeigt eine Stuttgarter Sonde, die sogar der Edi Huber trotz seiner jugendlichen achtzig Lenze noch nicht gesehen hat. Mit zwei wackeren Inversionen drin. Und einer für einen Apriltag irrsinnigen Durch-Heiz-Temperatur von öppä 30°C. Obendrauf dafür mit einem starken Nordost-Wind in jenen Höhen, in denen wir zu fliegen wünschen. Da wird von ordentlicher Thermik wohl nicht viel übrig bleiben.

Wir haben es aber trotzdem gewagt. Das sind vermutlich letzte Reste winterlicher Sucht-Entzugs-Therapie. Wieder praktizieren wir unseren für Herbsttage typischen Abflug über die Glarner Alpen. Mit einem vor allem für die ASSAG-Bilanz wundervollen Schlepp auf 2’800 Meter über Niederurnen. Dann schleichen wir über das Sernftal und das hinterste Stück Weisstannental ins Prättigau. Da geht die Schüttlerei in der Leethermik schon los. Mit viieel Querlage und Unterarm-Training beim ständigen Ausgleichen der Fahrt-Differenzen kommen wir ein erstes Mal über den Gipfel der Sassauna. Nur, um eine Runde später ganz unten bei der Seilbahn wieder von vorn zu beginnen. Die Prättigauer Nordkreten produzieren offensichtlich erhebliche und verbreitete Lee-Gebiete. Die Frage ist bloss, wie man daraus wegkommt. Auf die Südseite des Tales und damit in den Schatten zu fliegen, scheint etwas verwegen. Also wurschteln wir uns ein zweites Mal über den Sassauna-Gipfel hinauf und flüchten mit der erkämpften Höhe direkt nach Klosters. Da sind die Gäste vermögender und auch die Aufwinde stärker. Aber höher als 3’000 Meter bekommen wir das Fliegerchen nicht. Darüber fegt der Nordwind durch die Thermik und zerreisst sie in viele kleine Fetzen. Schwer zu finden sind die deswegen.

Alle Aufwinde auf der Südseite der Täler.

Durch starke Abwinde versuchen wir unser Glück über Davos. Da müsste ja der Tal- und der Nordwind zusammen mit der Sonne auf den aperen Südhängen über der Flüelastrasse steigende Luft erzeugen. Das denkt heute auch der Roman Stutz, der mit seiner schönen LS mitten im Tal sein Glück sucht. Auch er kommt wie wir anfangs nicht so recht weg. Das Prättigau wird zusehends länger, dafür unsere Höhe immer geringer.

Dann versuchen wir es halt an der Nordkrete des Gatschiefer. Das ist der Berg direkt südlich vom Älpeltispitz (kennen eigentlich nur die Kloschterser). Aber hier geht’s endlich den Hügel hinauf. So segeln wir ein gehöriges Weilchen auf den Schneefeldern im Schatten des Tales von Monbiel (kennen auch die Schänner). Und erreichen immerhin genug Höhe, um über Gotschna und die Fideriser Heuberge an den St.-Margrethen-Berg zu flüchten und über dem Taminatal wieder einzufädeln. Auch hier tragen die Kreten des Pizols. Alle. Zuverlässig. Bis auf Gipfelhöhe. Aber mit enormen Fahrtschwankungen direkt über den Kreten. Ungemütliche Geschichte. Marc meint treffend, heute wäre er wohl am besten verkehrt herum ins Flugzeug gesessen, dann hätte das gewohnte Bild wieder einigermassen gestimmt.

Alle Vögel kreisen heute im Schatten. Auch wir.

So bschiissed mir üs wiiter über das Calfeisental an den Piz Segnes. Auch hier kreisen alle Vögel (auch wir) an der schattigen Nordseite in engen Achten über den Gipfel. Und weiter geht die Reise über den angeströmten Kreten an den Hausstock. Auch hier dasselbe. Südseite und Sonne zählen heute nicht. Dafür der Nordwind. Der trägt uns bis an den Bifertenstock, wo wir der imposanten ‚Akademiker-Route‘ (kennen nur die Bergsteiger) den Felswänden entlang über den Gipfel hinaus segeln. Wunderbare Sache. Und von da an den Tödi, wo der Marc Angst mit feiner Hand und viel Geduld über dem Röti-Couloir und den Simmlergrat über den schönsten aller Gipfel hinaus turnt. Dafür zeige ich ihm dann den Horse-Shoe. Den kennt fast gar niemer.

Alleine dafür hat sich die Überei im Prättigau nun doch noch gelohnt… Bifertenstock mit der bekannten Akadamiker-Route (Schneerunse).

Trotz aller lausigen Temperatur-Sonden kann man offenbar doch immer irgendwie segelfliegen. Wir runden den Tag mit einem Rundflügli zum Säntis und einem feinen Nachtessen bei unserem Wolfgang ab. Beides ist eine feine Sache.

Hier der Link zu allen Auf- und Abwinden

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