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Alpenklassiker im Nordwestwind – ein Bein 0.2% zu kurz

Montag, 22. Mai 2017 – Tour zu den schönsten Alpengipfeln.

Das Matterhorn, fotografiert aus einem starken Aufwind direkt über dem ‚falschen‘ Wendeort Gornergrat.

Die Segelflug-Reise zum Ortler und ans Matterhorn ist einer meiner bevorzugten Alpenflüge. Diesmal habe ich es bei der Flugeingabe etwas zu eilig und plaziere einen der Wendepunkte für ein aritmethisch sauber gerechnetes 28%-FAI-Dreieck eine Spur daneben. Eigentlich müsst man ja nur den Wendepunkt in die FAI-Flächen legen – wenn man sie denn auf dem PC-Display erkennen kann. Das ist aber auch weiterhum das einzige ‚Problem‘. Sonst gehts wirklich nur um’s fliegen. Endlich habe ich mich einmal von meinen elend langsamen Durchschnittsgeschwindigkeiten ein wenig gelöst. Das nächste Mal versuche ich, den Flug einmal im dreistelligen Bereich zu umrunden. Also nicht weiter oder länger, sondern etwas schneller!

Der Nationalpark am Ofenpass präsentiert sich heute in traumhafter segelfliegerischer Optik. Der Ortler ist am rechten Bildrand an seiner Schneekuppe zu erkennen.

Heraus gekommen ist an diesem Tag ein herrlicher Flug über einer schneereichen Frühlingslandschaft. Im Wallis häckselt ein zackiger Nordwest alle Aufwinde quer durch. Damit mache ich in den Matter Tälern seltsame Erfahrungen. Die steilen Klüfte sind an diesem Nachmittag alle ungewohnt parallel angeströmt. Gut, ist da etwas Wasser in den Flächen, die Schüttlerei fühlt sich an wie ein Föhnflug. ‚Cinqueächzt und giiret jedenfalls durch alle Böen. Im nächsten Winter muss ich wohl bei der Liegewanne einmal einen Ölwechsel machen.

Einmal mehr fühle ich mich auf dem entspannten Heimweg glücklich und privilegiert wie ein Schneekönig. Was für ein tolles Erlebnis, diese beiden wunderschönen und doch gegensätzlichen Alpengipfel – der eine ein über und über mit Schnee und Gletschern bedeckter Kalkhaufen, der andere ein richtiger Walliser Granitzacken, an dem ausser ein paar dünnen Eisfeldern nichts kleben bleiben kann – an einem Nachmittag anzufliegen.

Den letzten Aufwind kann ich im Binntal (jaa… ich glaube es selber noch nicht so richtig) bis auf 3’800 m.ü.M. hinauf ausdrehen – und damit ohne irgendeine Unterbrechung – wie etwa der doofen Kreiserei in einem Aufwind – dem Strich nach zurück nach Hause pfeifen. Haah, soguet – und das erst noch alles mit McCready >2.5 oder einem Reiseflug-Speed von mehr als 140 km/h. Unglaublich, wie agil sich ‚Cinque‘ im hohen Alter bewegt 🙂

Hier sind alle Flugdetails von Rainer Roses Online Contest.

Auf der Flucht vor feuchtheisser Luft

Freitag, 24. Juni 2016: Ortler-Matterhorn

Nach einem ‚gefühlten‘ Monat mit monsunartigen Wetterverhältnissen schaltet die Meteorologie für zwei Tage auf ‚Hochsommer‘. Einen davon, den Freitag, 24. Juni, darf ich dank eines verständnisvollen Chefs im Segelflugzeug-Cockpit geniessen – was für ein Privileg: die schönsten Gipfel der Alpen aus dieser Perspektive und bei diesen Wetterverhältnissen zu erleben. Darunter ist natürlich auch die bellavista – kürzlich nach einem bekannten Beatmungsgerät für Intensivmedizin umbenannt – naja, vielleicht war’s ja auch umgekehrt – aber das schliesse ich hier in mein Dankeschön an meinen neuen Arbeitgeber, der Hightech-Geräte dieses Namens herstellt, natürlich ein 🙂

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An Anfang zäh und tief.
Der Flug verläuft nur am Anfang und am Ende spektakulär. Es ist unglaublich zäh, um aus der feuchtheissen Luft in der Walensee-Region hoch genug hinauszukommen, um im Prättigau Anschluss an die trockenere Luftmasse und die etwas hochbasigere Thermik zu finden. Die Windverhältnisse bleiben mir lange ein Rätsel. Eine Luftströmung aus östlicher Richtung macht es schwierig, die Aufwinde sauber zu erwischen. Die Thermik ist trotz weit ausladender Kondensation häufig sehr eng – ich bekomme meinen Segelflieger, den ich optimistisch mit Wasser gefüllt habe, nicht immer sauber in die Aufwinde und komme anfangs nur langsam und vor allem eine Etage zu tief voran.

Am übelsten ist der Einstieg ins Unterengadin. Die bekannten, trichterförmigen Südflanken der Nuna bei Zernez – wo heute eine Open-Air-Konzertveranstaltung stattfindet, trägt zwar nahe am Hang, aber die Thermik setzt jeweils ruckartig und nur unregelmässig, dafür heftig ein, die Fahrt-Zu- und Abnahme ist gefährlich. So setze ich einfach den Hängen nach weiter ostwärts, um an einer kegelförmigen, etwas tiefer gelegenen Stelle nicht nur am Hang Achten fliegen zu müssen, sondern vor dem Hang an einer ungefährlicheren Stelle sauber in die Thermik eindrehen zu können. Mit etwas Geduld grabe ich tief über der herrlichen Landschaft des Nationalparks endlich einen ruppigen, aber kräftigen Aufwind aus und kann meinen Segelflieger endlich eine Etage höher hinauf zirkeln. Bei jedem Kreis spüre ich die Ränder des Aufwindes, manchmal gerate ich auch darüber hinaus in kräftiges Fallen. Die Luft fühlt sich etwas ‚gummiger‚ an, als die einigermassen knackige Temperatursonde voraussah.IMG_3467

Vor den Schneeflanken des Ortlers wende ich – das Wallis ist schliesslich auch noch auf der heutigen Menukarte – vor allem das Matterhorn. Die Reise dahin verläuft komfortabel und hoch, durch die aufkochenden Luftmassen in der Region Savognin, dann über die Tessiner Alpen direkt an den Nufenen und ohne Kreis weiter über Binntal, Simplon zum Eingang des Vispertales. Die Wetteroptik ist herrlich. Hohe, breite Cumulus, keine Gewittertendenz, glasklare Luft und gute Steigwerte.

Ein brachialer Aufwind – von ganz unten heraus
Vor dem Weissmies erwische ich einen der starken Aufwind von ganz unten heraus und klettere mit dem Variometer am Anschlag auf die hier erlaubte Höhe von 3’900 M.ü.M. hinauf. Vor mir wird der Fächer der gigantischen Gipfelkulisse rund um Saas Fee und Zermatt ausgebreitet. Es ist einfach unglaublich schön hier oben. In der Ferne in Richtung meines Zieles Matterhorn lockt ein einsamer, isolierter Cumulus – es muss jener über dem starken Aufwind aus den Granitflanken der Westseite der Mischabelgruppe bei Täsch sein.

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Über dem Dom – und theoretisch zuhause.
Er trägt mich weit über den Dom hinauf – eigentlich bin ich jetzt mathematisch betrachtet hier bereits wieder zuhause. Diese Höhe würde reichen, um ohne einen Kreis mit meinem Segler nach Schänis zu gleiten, das ca. 120 km von hier entfernt ist. Aber eben nur mathematisch betrachtet – dazwischen liegen noch die Furka und später der Klausen-, Kisten- oder Panixerpass – je nachdem, über welchen Pass ich am Ende des Fluges ins Glarnerland hineinkomme, in dem die feuchtheisse Luft seit Stunden hochkocht und alle Schlupflöcher zurück nach Schänis zustopft.

‚Aussen herum‘ ist auf jeden Fall entscheidend viel weiter und damit schwieriger – egal, ob man das über das ebenfalls im Dampf versinkende Mittelland oder über die Surselva und den Walensee unter die Flügel nimmt.

Die Strategie ist deshalb klar. Ich nehme im Wallis alles an Höhe mit, was ich kriegen kann und strecke die soweit nach Osten, wie es geht. Funktioniert einwandfrei. Das Urserental zieht aus komfortabler Höhe unter meinem Rumpf durch, die Surselva erreiche ich problemlos hoch, wenn das Glarnerland nicht komplett zugestaut ist, werde ich mich einfach irgendwo in eine Lücke fallen lassen und unter die Wolkendecke schlüpfen.

Unter die feuchtheisse Decke ins Dampfbad schlüpfen
Das klappt schon an der ersten möglichen Stelle – am Kistenpass, wo ich einigermassen durch die Wolkenlücken hindurch hellere Stellen dahinter erkennen kann. So gleite ich in absolut ruhiger Luft durch das Glarnerland hinaus nach Rapperswil, begleitet von überall aufschiessenden Cumulus. Eine gehörige Hypothek, wie sich abends herausstellt. In einigen Regionen gehen heftige Gewitter mit Hagelkörnern gross wie Pingpong-Bälle nieder.

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Mein Anhänger-Nachbar Peter Gassmann und ich bringen aber unsere Kunststoff-Vögel trocken in den Hänger. Kurz, bevor die ersten Tropfen niedergehen und später während mehr als einer Stunde ein Gewittersturm unsere Stammtischrunde in der Flugplatzbeiz durächuuttet. Aber mit genügend Schaum auf dem Bier und einem oder vielleicht zwei Appenzellern ist auch das problemlos auszuhalten.

Ein herrlicher Flugtag – und noch immer: was für ein tolles Hobby!
Das ist die Foto-Galerie – und das hier sind die OLC-Flugdetails.

Und das sind die Wettervorhersagen zu diesem Flug:Payerne_Sonde Thermals

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Zusammen ans Matterhorn.

Freitag, 10. August 2012. Heute ist der beste Flugtag unseres diesjährigen Vinon-Aufenthaltes. Wir packen die homogen guten Flugbedingungen und fliegen alle zusammen von Vinon nach Zermatt. Cooler Flug. Cooles Team. Cooler Ferien-Abschluss. Eigentlich kann’s ja kaum noch besser werden!

Nicht originell, aber sicher & schnell: der Trampelpfad in die Alpen.

Wir folgen dabei auch heute der klassischen Route, weil die einfach am schnellsten ans Ziel führt. Zwar in diesem Jahr nicht besonders abwechslungsreich – aber dafür effizient und zielführend. Wir kommen flott voran, liegen weit vor meinem geistigen Zeitplan. Mario macht

Foto von Philippe Stapfer in der ASH-25 ‚NT‘ vom Überflug des Matterhorn-Gipfelgrates.

heute mit seinem voll getankten Discus etwas den Besenwagen und arbeitet sich von hinten hartnäckig immer wieder an seine Vorausflieger heran. An der Barrage Rochemolles hat er uns schon fast eingeholt, da wird unser Fliegergrüppchen in einem einzigen Aufwind ziemlich auseinander gerissen.

Lee-Thermik an der Barrage Rochemolles.

Beim Anflug auf die Ostseite der Staumauer schüttelt es mich ziemlich durch und vor allem der

Unglaublich schöner Berggipfel, auch von dieser Seite: Der Westgrat (Zmuttgrat) des Matterhorns.

Krete entlang auch hinunter. Der Aufwind, den ich suche, ist im NW-Wind-Lee der Aiguille de Scolette. Immer eine etwas schwierige Geschichte, den zu zentrieren, ich bekomme es lange nicht zusammen, während des ganzen Kreises steigen zu können, so steil ich den auch anlege. Kommt davon, wenn man an der falschen Stelle sucht 🙂

Eine Kreis-Hälfte sinkt immer deutlich. Und dann bekomme ich auch noch Gesellschaft von meinen Schänner Kollegen und wir versuchen auf ähnlichen Höhen zu steigen. Das wird mir dann fast etwas eng, zudem müsste die andere Talseite zusammen mit dem Wind eigentlich die ruhigeren und konsistenteren Aufwinde produzieren. Also fliege ich als kleiner Separatista dorthin.

Abgetrocknet.

Während ich so am Col d’Etaches zwar ruhiger aber auch langsamer steige, können Markus, Beat und Valentin den wirbligen Aufwind an der Aiguille de Scolette endlich fassen und mit Geduld auch bis auf 4’000 Meter hinauf nutzen. Der Aufwind scheint im oberen Bereich dann auch wesentlich besser zu tragen als meine Aufwindlinie an den Gipfeln zum Susa-Tal. Die Folge davon ist, dass ‚SV‘ und ‚VN‘ rasch zum Charbonnel gelangen und Mario und ich eine Etage tiefer hinterher hecheln. Mit etwas Geduld kommen wir aber beide dort in den engen, zerrissenen und ruppigen Aufwinden auch hoch genug für den vernünftigen Weiterflug ins hohe Gelände hinüber zum Val d’Aoste. Es dauert aber letztlich bis zum gesetzten Ziel in Zermatt, bis sich die ‚Flugzeug-Handorgel‘ wieder etwas zusammenzieht.

Mein Lieblingsaufwind im Aosta-Tal.

Der Übergang ins Valpelline klappt hervorragend, überhaupt ist auf dem ganzen Flug hierher niemand von uns je in wirklichen Schwierigkeiten. Es hat überall Reserven eingebaut, in der Flughöhe, beim zeitlichen Flugplan usw. Die Aufwinde sind zuverlässig und stark und auch noch dort, wo man sie vermutet. Der perfekte Tag also.

Das ist auch am Eingang des Valpellines so. Dort ist südöstlich der gleichnamigen Gemeinde ein kegelförmiger Berggipfel, wo drei Flanken zusammenlaufen und praktisch den ganzen Tag lang immer irgendwo ideal angestrahlt werden. Darüber steht heute ein kleiner, vom NW-Wind verschobener Cu-Fetzen. Das war bei früheren Gelegenheiten der stärkste Aufwind des ganzen Tages. Auch heute fahre ich auf 3’000 Metern direkt über dem Gipfel ein, schiesse beim Hochziehen meines heute ziemlich mit Wasser gefüllten Fliegerchens gleich einmal 200 Meter in die Höhe, drehe ein und steige, steige, steige. Booaah, ist das cool! Der Aufwind produziert zwar heute keine 6.5 Meter / Sekunde wie auch schon, aber 3.5 sind ja auch schon ordentlich, damit man schnell in höhere Regionen gelangt.

Blick ins Val Ferret (da schiessen die Walliser auf Wölfe) und auf die Brenva-Flanke des Mont-Blanc sowie den Peuterey-Grat.

Damit ist der Weg ans Matterhorn frei. Vorsichtig folge ich meinen voraus fliegenden Kollegen Beat, Markus (beide mit geballter Kompetenz im Duo Discus ‚SV‘) und Valentin, der sich in seiner DG-808 C fest an den Duo klammert und eisern daran festhält – und so eine ideale Matterhorn-Einweisung erhält. Das geht aber auch nur, wenn man sein fliegerisches Handwerk so gut beherrscht wie er. Kompliment!

Welle am Matterhorn.

Das Beste kommt aber noch wie das Chriesi auf dem Chueche. Vom Zmuttgrat (Matterhon-Westseite) bis zur Tête de Valpelline tragen nicht nur die NW-Hänge – sondern der ganze südliche Talbereich bei der Schönbiel-Hütte. Das führt zu einem Gipfeltreffen besonderer Art. Während auf dem scharfen Gipfelgrat des Matterhorns um halb Vier nachmittags die letzten Japaner-Bergesteiger erschöpft den langen Abstieg antreten und ein Heli (von hier aus betrachtet eine armselige Art der Fortbewegung) jemanden um den scharfen Zacken fliegt, versammelt sich zwischen 4’000 und 4’600 Metern eine kleine, exklusive Gemeinde von Segelfliegern, zumeist von Startplätzen in den französischen Alpen stammend. Der junge Segelflieger Philippe Stapfer, der zusammen mit seinem Vater Andres heute ebenfalls in einer ASK-25 der Schaffhauser Segelfluggruppe in Vinon gestartet ist, dreht sogar einen kleinen Kurzfilm des Überfluges des schönsten Gipfels der Welt.Markus und Beat machen noch einen kleinen Besuch in der Monte-Rosa-Gruppe, während ich über den Wolken den Gipfeln und Kämmen der höchsten Walliser Gipfel zum Grand St.-Bernard folge. Dort klettere ich über dem ‚Tal der Wölfe‘ (Val Ferret) wieder hoch und fliege über den Petit-St.-Bernard zurück in die Region Val d’Isère. Via Col Carro geht’s im Eilzugtempo zurück nach Bardonecchia und in die Ecrins.

In der Zwischenzeit sammelt ‚SV‘ im Valpelline Mario wieder ein und zusammen machen auch sie sich auf den direkten Heimweg über die Flieger-Autobahn (Grivola, Grand Paradis, Col Carro) zurück an den Col d’Etaches.

Da fliegen heute die Scheunentore!

Ein letztes Mal für dieses Jahr erklimmen wir an der Crête des Angneaux die Endanflughöhe für einen komfortablen Rückflug nach Vinon.

Einen Aufwind lassen wir uns heute alle zusammen nicht entgehen. Wie ein Magnet zieht uns alle am Abend eine grosse, schwarze Cu-Wolke über dem Tête d’Amont an. Und wie die zieht! Das Variometer fährt an den rechten Anschlag und der Höhenmesser dreht in kurzer Zeit auf 4’000 Meter hinauf. Heute passt aber wirklich alles zusmmen. Damit ist der schnelle Heimflug ins 160 km entfernte Vinon das reine Vergnügen.

Au revoir.

Ein letztes Mal in diesen Ferien sausen wir nochmals durch die Ecrins und verabschieden uns von den Granit-Zacken der südlichsten Viertausender Europas. Folgen den Graten und Gipfeln des Parcours, um beim Mgne. du Coupe ein letztes Mal für dieses Jahr in die gleissende Sonne und die unendlich weit scheinende Ebene des Plâteau Valensole zu blinzeln. Es war ganz einfach herrlich! Wenn’s geht, kommen wir gerne wieder – au revoir, à bientôt, Haute-Provence!

Bilder-Galerie / Link auf OLC-Flugdaten.

Wellenreiten über dem Grand Paradis.

Auf 5’500 M.ü.M. mitten im schönsten Alpenpanorama.

Flugbericht von Donnerstag, 9.August 2012.

Der heutige Flugtag unterscheidet sich von den letzten durch eine höhere Labilität der Luftmasse. Das Flugbild der beflogenen Strecke ist allerdings von den anderen Flügen kaum zu unterscheiden. Wieder ist das beste Fluggebiet im Briançonnais in der östlichen Maurienne und den V-Tälern in Aosta. Obendrauf zu diesem ohnehin schon schmackhaften Menu wird heute auch noch Leewelle serviert.

Was für ein Privileg: motorlos auf 5’500 Metern über Norditalien blicken zu können! Link auf Bilder-Galerie.

Nach dem gestrigen Aussenlandungs-Streichresultat muss ich heute mein Selbstvertrauen etwas zusammen suchen, um vor dem Start die ASW-20-B wieder mit Wasser zu füllen. Denn steigen tut sie damit natürlich schon nicht so gut wie im leeren Zustand. Und zwei Aussenlandungen hintereinander will ich deswegen definitiv keine. Also mache ich mich heute speziell vorsichtig ans Werk und überquere das Plâteau Valensole aus einem voll ausgewundenen ersten Aufwind und komme problemlos und schnell auf der klassischen Route in die Voralpen.

Gemeinsam mit Valentin Tanner in seiner leichten DG-808, dem Straub-Express im Duo Discus und Renato Späni erklimmen wir dann auf dem schnellstmöglichen Weg den Einstieg ins Briançonnais. Am Tête d’Amont dreht das Variometer erstmals gegen 4 Meter/Sec. hoch und das auch noch bis auf fast 4’000 Meter hinauf. Damit ist der Weg frei in die östliche Maurienne. Via den erneut im Nordwestwind turbulenten und damit gefährlichen Charbonnel erreiche ich problemlos und schnell den Col du Carro.

Eine der schönsten Stellen der Alpen: der Gran Paradiso.

Dort duftet es aus heute allen Ritzen nach Welle. Zusammen mit einem unbekannten Ventus suche ich die vordersten Fumulus-Fetzchen ab. Tatsächlich: anfangs zaghaft, dann eindeutig klettere ich vor den Wolken aufwärts, höher und höher. Zu dieser Örtlichkeit haben die Glarner (Steinböcke) enge Beziehungen. Bei der Errichtung des ältesten Wildreservates Europas (Freiberg Kärpf) besorgten sich die Glarner damals bei den Italienern in dieser Region ein paar Steinböcke. Bei uns zuhause hatten sie wie heute die Bären vorgängig alles ausgerottet.Hier im Grossen Paradies sind also die UrUrUrgrosseltern der behenden Huftiere zuhause gewesen, denen man auf der Südseite des Kärpfs gelegentlich auf einer Wanderung oder Skitour Aug‘ in Auge gegenübersteht.

Gurten- und Schlauchsalat. Dafür Lesebrille.

Ab einem gewissen Alter hat man bekanntlich ganz neue Probleme. Da wird plötzlich eine Lesebrille um den Hals gehängt. Und natürlich der Sauerstoff, der ja auch irgendwie seinen Weg in die Nasenlöcher finden soll. Und dann sind da auch noch die Fallschirm-Gurten. Und die Gurten, die man braucht, damit man nicht aus den Flugzeug fällt. Wenn man nun wie ich im Flugzeug, sobald sich das Capot schliesst,  80% der vorhandenen Intelligenz verliert, wird das schon etwas kritisch. Denn dann ist die Lesebrille plötzlich unter dem Sauerstoff-Schlauch verklemmt und passt nicht mehr auf das plötzlich zu weit entfernte Nasenbein. D.h., man muss dann eigentlich bereits entscheiden, ob man lieber nichts sehen oder langsam das Bewusstsein verlieren will. Bis ich den ganzen Schlauchsalat einigermassen aussortiert habe, falle ich mehrmals aus der Welle. Aber weil ich die Lesebrille dann irgendwann auf habe und auch das Vario dank Sauerstoff wieder klar höre, finde ich sie auch wieder. Und kann mich darüber freuen, dass die Aussicht auf eine der schönsten Regionen der Alpen immer toller wird.

Alle Hundert Kilometer einmal kreisen.

Auf 5’500 Meter wird’s mir dann aber zu gering, das Steigen und ich mache mich auf den Heimweg. Der fällt natürlich mit dieser Ausgangslage kürzer als auch schon aus. Genauer gesagt, drehe ich über Briançon nochmals hoch. Und zwecks Verbesserung der Optik, aber trotzdem unnötig, über dem Parcours ebenfalls nochmals. D.h., ich habe einen 200-km-Endanflug bis zum Apéro bei Noemi von der Crone im Château vor mir.

Kreislos. Entspannend. Herrlich. Was für eine wunderschöne Fliegerei! Überhaupt tut mir das Segelfliegen hier bei diesen guten Bedingungen und im Einsitzer in der Seele gut. Nach den vielen Unfällen, die dieses Jahr kaum zu verdauen sind. Christophe. Bernd. Georg. Und vor wenigen Tagen auch noch Jens. Sie hätten bestimmt am heutigen Flugtag auch ihre helle Freude gehabt…

Wie angekündigt: morgen geht’s zusammen ans Matterhorn. Hier schon mal ein kleiner Vorgeschmack. Bis bald.

Diese Aufnahme stammt von unserem jungen Schaffhauser Segelflieger-Kameraden Philippe Stapfer. Er hat vom Überflug des rassigsten Zackens der Welt einen kurzen Film auf Facebook eingestellt.

Stabil. Stabiler. Aussenlandung.

Im Kriechgang via Vaumuse zum Col de Vars.

Flugberichte von Dienstag, 7. August und Mittwoch, 8. August 2012

Diese beiden Flugtage gehören zu den stabileren, seit ich in Vinon fliege. Ganz zu Anfang der dortigen Aktivitäten ist es uns mangels Kenntnissen der lokalen Verhältnisse und mangels Hilfe erfahrener Piloten oft nicht gelungen, in die Voralpen zu gelangen. Wir sind damals meistens über dem Plâteau Valensole gefangen gewesen.

Eine Luftmasse, so stabil und zäh wie ein ausgetrockneter Kuhfladen: Cockpit-Eindruck über dem Grand Bérard / Ubaye-Tal (da bin ich aber doch noch mit viel Geduld über die Inversion gekommen).

Mit den Jahren habe ich dann doch noch herausgefunden, wie man sich aus der stabilen Luftmasse über dem unteren Durance-Tal in die Voralpen ins obere Durance-Tal schleicht. Das klappt anfangs zwischen Durance und Plâteau-Kante bzw. gerade darüber öfters gut bis St.-Auban. Dann via Vaumuse den Hängen nach bis zum Authon. Und von dort gelingt es meistens, etwas mehr Luft unter die Flügel zu bekommen und den Einstieg ins Vallée de la Blanche / an den Parcours zu schaffen. Diese Strecke hat den Vorteil, dass man den Flugplätzen nachfliegt und so, wenn man im Gleitbereich bleibt, immer eine gute Chance auf eine gefahrlose Aussenlandung hat und rasch wieder geschleppt wird, wenn man nur schon seine Rechnungs-Nummer des Start-Flugplatzes auswendig weiss. Südfrankreich ist u.a. deshalb eines der besterschlossensten Segelfluggebiete der Welt.

Das ist zwar die Sonde von Payerne, aber etwa so ist die Luftmasse an diesem Tag aufgebaut gewesen.

Dienstag, 7. August, war wieder so ein stabiler Tag. Zwischen 2’000 und 3’000 M.ü.M. lag eine dicke eingeschobene Warmluft-Masse, die ein Durchbrechen der Luft nach oben nur an ganz wenigen Hotspots (Mgne. de la Blanche am Parcours, an den Trois Evéchés sowie am Grand Bérard) an den heissesten Geröllfeldern zuliess. Und auch das nur mit sehr viel Geduld. Dort habe ich dann den gemächlichen Heimflug gestartet und bin wesentlich problemloser als von da weg zurück nach Vinon zurückgeflogen. Immerhin ist auch an diesem Tag der Einstieg bis hinauf zum Col de Vars gelungen. Wie, zeigt die detaillierte OLC-Flugauswertung.

Und dann doch noch ein Streich-Resultat.

Aus meiner Sicht noch stabiler (sofern möglich) ist der folgende Flugtag, Mittwoch, 8. August gewesen. Da bin ich obendrein auch noch einen Tick zu früh gestartet und habe es gerade mal bis zur Pont Manosque mit einem vorherigen, gescheiterten Fluchtversuch nach Oraison geschafft.Wenigstens ist der Entscheid zur Aussenlandung richtig, früh genug und die Landung auf ein problemloses Feld korrekt gewesen. Und dank Mario Straub, der sich nach meiner Aussenlandemeldung praktisch ‚vom Himmel gestürzt‘ hat, um mich zu depannieren, bin ich schon nach kurzer Zeit beim leicht verfrühten Apéro im Château gewesen. Es gelingt nicht immer alles. Wenn Aussenlandungen weiterhin nur einmal auf 1’000 Flugstunden passieren, ist das ja noch auszuhalten. Und ausser der ungeplanten Landestelle ist auch nix Ungewöhnliches passiert.Und für die kommenden Tage sind die Prognosen wieder vielversprechend. Wie wir dann doch noch mit dem ganzen Club ans und übers Matterhorn gekommen sind, folgt in Kürze.

 

‚Cinque‘ im abgemähten Weizenfeld. Lang genug ist’s ja auf jeden Fall.

Der schönste Alpen-Klassiker (Ortler-Matterhorn) andersrum und im Gruppetto *)

20.08.2011. Eine Hitzeperiode sorgt dieses Jahr in der zweiten August-Hälfte für spannende Segelflugbedingungen. Ab Vinon werden in der Woche nach unseren Ferien bei 36° C Bodentemperatur fast täglich Flüge in die Schweizer Alpen geflogen. Im Büro kann ich es inmitten des grössten Ölpreis- und Bestellungs-Puffs seit Jahren deshalb kaum erwarten, am Wochenende einen dieser geschenkten Tage nochmals für einen schönen Alpenflug und würdigen Saisonschluss zu packen.

Foto von einem (anderen) Flug im Frühling an den Ortler.

Ideal scheint mir dafür mein favorisierte Alpenklassiker (Ortler-Matterhorn). Aber diesmal wegen des schwierigen Abfluges in der stabilen Sommerluft in der Linthebene mit dem ersten Wendepunkt Zermatt und dem zweiten im Vinschgau. So kann man hoch aus den Glarner Alpen auf dem Schenkel des Dreieckes starten und kommt überhaupt auf die Rennbahn ins Bündner Oberland. Das geht meist besser als ein Abflug ins Prättigau, weil da morgens die Luft kaum Bewegung zeigt man in der Rheintaler Suppe untergeht. Die Kunst ist bei diesen Flügen jeweils, abends den dritten Wendepunkt in der Linthebene noch hoch aus dem Bündner Alpen erreichen und das Dreieck beim Abflugpunkt in Mollis schliessen zu können. Aber auf diesen spannenden Teil komme ich noch zurück.

Der schönste Zacken der Welt (Foto Martin Haller).

Das Gruppetto

Vor dem Start entschliessen sich Roland Hürlimann, Peter Schmid und Mario Straub spontan, die Aufgabe mitzufliegen. So starten wir kurz nacheinander um 11.00 Uhr und finden im Sernftal die ersten, zuverlässigen Aufwinde. Ich entscheide mich für die vermeintliche Direttissima und fahre am Kärpf unter den Kreten ein. Und komme nicht sauber weg. Der Aufwind ist vom starken Westwind um und hinter die Kreten umgelenkt und kaum zu zentrieren, bzw. nur über den Kreten in einem schmalen Band drin überhaupt nutzbar. Kreisen ist ausgeschlossen und viel zu gefährlich. Heinz Brem schiesst mir durch den Kopf: Am Charbonnel hat er mal während einer längeren Übung treffend bemerkt, „man sollte die im Geradeausflug gewonnene Höhe möglichst nicht beim Wenden wieder vernichten…“

Zuwenig Geduld

Mit geringstmöglicher Marge falle ich deshalb bei der Hausstock-Krete ins Bündner Oberland und kann endlich beim Panixer-Stausee tief einen ersten Aufwind packen, der mich auf eine vernünftigere Höhe hebt. Ab da geht’s wie mit dem Postauto. Zuverlässig alles der Nordkrete entlang über Oberalp und Furka bis ans Eggishorn. In dieser Phase wäre Wasser in den Flügeln schön gewesen. An der Furka hängen die Gleitschirme im Dutzend über den Hängen, man muss extrem aufpassen, keinen aufzuladen.

Roland auf Tauchstation

Beim Eggishorn wechsle ich die Talseite an den Simplon und taste mich nach einem Funkspruch von Roland Hürlimann vorsichtig am Weissmies vorbei ins Mattertal. Um diese Zeit kommt man hier in der Gegend offenbar noch nicht besonders hoch und Roland muss bis auf 2’300 Meter hinunter und in Stalden eine Ausgrabungs-Aktion starten, um überhaupt in der Luft zu bleiben. Er hat beim tiefen Einflug in die Chrächen des Mattertales nichts Aufwindiges mehr gefunden. Also bleiben wir dank dieser Warnung alle hoch und erklimmen am Gornergrat nachmittags um zwei Face-to-face mit dem schönsten Zacken der Welt die Maximalhöhe von fast 4’000 Metern, um in der Direttissima ins Binntal zurück zu sausen. Es ist einfach unglaublich, durch welche wunderschöne Landschaft wir ab Schänis immer wieder fliegen können.

Wechselndes Glück

Im Binntal holt mich der Peter Schmid in der ASG 29 ein. Bis zum Pizzo Scopi beim Lukmanier fliegen wir zusammen, dort erwischt er allerdings einen Aufwind sofort und steigt mir in der ASG-29 sauber davon. Es sollte bis an die zweite Wende dauern, bis ich ihn wieder einholen kann. In den Tessiner Nordalpen komme ich nach dem schnellen Vorfliegen der letzten zwei Stunden zeitweise kaum mehr vom Fleck. Ich bin offenbar zuweit südlich und damit im Einflussberich der stabileren Luft aus Süden unterwegs. Ähnliche Effekte kann man auch am Mont Cenis oder beim Col du Montgenèvre beobachten. Roland, der das Vorderrheintal hinunter flitzt, ist schneller, hat die stärkeren Aufwind und fliegt mir auf und davon. Er ist als erster im Vinschgau. Dazwischen durchfliegen wir aber über dem Engadin einer nach dem andern traumhafte Bedingungen und eine unvergleichliche Landschaft. Die Wolken hängen in der richtigen Dosis am Himmel. Und sie tragen teilweise mit traumhaften Steigwerten von bis zu fünf Metern (Peter Schmid am Piz d’Err) auf nahezu 4’000 Meter hinauf.

Das Engadin hat Karies.

Südlich des Piz Quattervals, über dem Stausee von Livigno, finde ich über einer Mondlandschaft einen Aufwind, da löst es mir mal wieder fast die Schuhbändel. Eindrehen über dem Gipfel, der aussieht wie ein braungelber, ocker und schwarz gefärbter Backenzahn mit extremer Karies, hochziehen, Klappen schön langsam rückwärts fahren, eindrehen, am Storzä ziäh – und vier Meter konstantes Steigen auf dem Vario. Jiijjhhhaaaaaa – so macht dieser Sport auch nach 30 Jahren immer wieder unglaublichen Spass… Und die Optik nach Südosten sieht einigermassen amächelig aus. Die Hoffnung wächst, jetzt auch noch Tabland zu erreichen. Auch wenn es schon vier Uhr nachmittags und Ende August ist. Die Zuversicht wächst, auch wenn die Wolken im Vinschgau schon etwas verhudlet aussehen.

Kniffliger dritter Schenkel.

Die Kunst ist nun, am Ortler mit seiner hohen Basis so hoch zu steigen, dass man den Gleitflug in die tote Luft bis beinahe nach Meran hinunter schafft und nach 40 bis 50 km Gleitflug doch noch so hoch zurückkommt, dass man im Tal von Prato oder auf der Nordseite des Vinschgau wieder Anschluss findet. Und damit zurück nach Schänis kommt. Dafür braucht man nur noch zwei Aufwinde. Jenen am Ortler und jenen an der Nuna bei Zernez. Rückholereien aus dieser Region gehören zu den gefürchteten, mehrtägigen Übungen, wenn man überhaupt irgendwo gescheit zu Boden kommt. Also am besten gar nicht nach unten sehen.

Mario im Elend und doch wieder zurück in Schänis.

Peter Schmid und Roland Hürlimann sind auf der Nordseite des Vinschgau nach Tabland geflogen und finden über den Reschenpass einen einwandfreien Weg, sauber aus dieser südtiroler Luft-Suppe herauszukommen. Mario Straub und ich fliegen direkt über den Ortler an die Wende. Ich selber komme sauber wie selten herum, Mario ist etwas später dran und zeigt bei Prato mal wieder, wie er kämpferisch und doch umsichtig mit Stress und schwachem Steigen am Abend im hintersten Winkel eines Alpentales sauber umgeht. Er kommt nach einer 30-Minuten-Übung im Schatten beim Ortler wieder auf Absprunghöhe und kann den Flug in seinem kleinen Discus mit viel Geduld und Coolness zu Ende fliegen – herzliche Gratulation – Super-Leistung!

Geometrieaufgaben am Schluss

Die letzte Herausforderung ist nun, im Engadin so hoch wie möglich zu klettern, über dem Prättigau so wenig Höhe wie möglich zu verlieren, Reichenburg zu umrunden und via Mollis, dem morgendlichen Abflugpunkt, das Dreieck schliessen zu können. Es wird bei mir ziemlich knapp. Ich fliege auf 3’000 Metern bei Klosters in die tote Flachlandluft. Einzig über dem Rhätikon und der Schesaplana kann ich die Höhe etwas strecken. Es zeichnet sich ab, dass ich zwar herumkommen werde, aber nicht, ohne den Höhenabzug von 1’000 Metern überdehnen zu müssen. Es ist nun komplett ruhig. Den Zylinder von Reichenburg durchfliege ich noch auf 1’400 Metern. Jetzt noch nach Mollis. Boaah, ist das weit dahin… Und wenn’s geht, würde ich danach gern noch nach Schänis zurückfliegen. Denn dort ist um 19.00 Uhr der Fluglehrer-Hock. Da sollte ich schon anwesend sein.

Am Kerenzer kann ich auf 1’000 Metern unten nochmals 200 Meter Sicherheitshöhe ausgraben, das Dreieck (zu tief) schliessen und Schänis danach problemlos erreichen. Glücklich klettere ich in der ungewöhnlichen Hitze abends um halb Sieben in Schänis aus dem Fliegerchen. Das war vielleicht ein spannender Husarenritt heute!

Loggerpuff.

Die Auswertung zeigt dann wieder einmal, dass der OLC mit dieser komplizierten Geometrie nicht auf Anhieb ein FAI-Dreieck zusammen bekommt (oder ich wieder mal irgend ein technisches Detail nicht korrekt beachtet habe). Das ist mir dieses Jahr beim exakt gleichen Flug (einfach anders herum) schon einmal passiert. Das tut zwar dem Vergnügen keinerlei Abbruch – aber ärgerlich ist das trotzdem.

Den Hammer in Sachen Auswertungs-Problemen liefert mein von der FAI homologierter Zander GP 941-Logger. Der zeichnet wie früher schon einmal einen Flug ab Vinon statt ab Schänis auf. Vinon war der letzte Startort in meinen Ferien. Und trotz zweifachen An- und Ausschaltens bekommt es das Gerät nach dem langen Strassentransport offenbar nicht gebacken, den korrekten Startort Schänis zu registrieren.

FAI-500er über dem Golfe du Lyon.

Was in diesem Fall zu einem weltweit einmaligen Flug ab Vinon führt. Mehrheitlich über den Golfe du Lyon bis fast nach Korsika, durch Marseille CTR und die Marinebasis Toulon hindurch und zurück nach Vinon. Was die Technik heute nicht alles möglich macht!

Das hier ist die korrekte Flug-Aufzeichnung von Pocket-Strepla.

und das macht (gelegentlich, immer nach einer längeren Verschiebung des Loggers am Boden) der Zander GP 941 daraus.

Und zum Schluss noch das zu diesem wunderbaren und unvergesslichen Flugtag im Gruppetto *) von Schänis passende Zitat von Federico Blatter:

„Wer will denn in den Himmel – wir sind doch schon im Paradies“.

*) Roland Hürlimann, Peter Schmid und Mario Straub.
Definition von „Gruppetto“:

Und das wären die Details des ganzen Fluges sowie hier noch die Wetter-Analysen dieses 20. August.

 

Der andere Klassiker: Ortler-Matterhorn.

Mittwoch, 25. Mai 2011. Noch morgens um sieben sitze ich grübelnd vor dem PC und zweifle, ob ich nach Hanspeter Geier’s Wetterprognose nicht doch gescheiter ins Büro fahren soll, obwohl ich heute extra um fünf Uhr aufgestanden bin, um meinen täglichen Bürokram und die oelpooler-Internetseite auch heute im Falle meiner Abwesenheit so aussehen zu lassen, als sei ich wie üblich an der Arbeit. Aufgrund der Prognose von ‚topmeteo.eu‘ entscheide ich mich aber doch für’s Fliegen und mache mich auf den Weg nach Schänis, während meine Brigitte heute (wieder einmal) das Geschäft alleine hütet.

Wie sich zeigen sollte, liegt Hanspeter heute ausnahmsweise einmal etwas daneben. Das reale Wetter hat deutlich mehr Feuchtigkeit und stärkeren Wind als er prognostiziert. Es ist dafür labiler als erwartet. Die Front, die auf den Nachmittag im Norden der Schweiz erwartet wird, scheint bis in die Alpen Einfluss zu nehmen. Vor allem der Wind wird mich heute noch mehr als mir lieb ist beschäftigen.

Geometrie-Aufgaben.

Franz Strahm hilft mir in aller Frühe beim Montieren und ich fülle den Flieger mit Wasser, als ob ein Bombentag bevorstünde. Der Abflugpunkt ist mit dem Flugplatz Schänis etwas mutig gewählt, die Wolkenfetzen hängen auf allen Höhen, grundsätzlich sind die untersten aber ziemlich tief. Es geht aber aus geometrischen Gründen nicht anders. Vor allem, weil ich der Auswerterei beim OLC mit dem ‚Start auf dem Schenkel‘ nicht recht traue, bzw. nicht weiss, wie man das am Ende genau deklariert. Die FAI will bei den Wendepunkte Sektoren. Der NSFW Zylinder. Schon das schliesst sich ja gegenseitig eigentlich aus. Wie soll das dann funktionieren, wenn dazwischen auch noch ein Zylinder (oder doch Sektoren) eingeflochten werden? Um dem aus dem Weg zu gehen, start ich eben direkt beim Start-Punkt direkt über dem Flugplatz Schänis. Eigentlich ganz einfach.

Beim Abflug in den Amdener Kessel merke ich dann aber, dass es unter, neben und über den Fetzen ganz ordentlich nach oben zieht. Wie im Lehrbuch kann ich über den Churfirsten etwas Höhe mitnehmen, um knapp ins Prättigau fallen zu können. Dort herrschen bereits etwas klarere Strukturen vor. Die Luft ist weniger feucht, die Basis höher, die Wolken haben etwas mehr Struktur. Der Weiterflug bis ins Engadin ist ein richtiger Genuss, die Luft steigt etwa dort, wo man es erwarten dürfte. Bis an den Ortler werden die Verhältnisse zusehends besser. Teilweise läuft das Variometer bis an den Anschlag und der Höhenmesser muss bei 3’900 Metern mit Gewalt und Weiterfliegen am Steigen in den kontrollierten Luftraum gehindert werden. Die erste Wende kann ich bei Tabland im Südtirol ohne grössere Knöpfe holen. Was auffällt, ist der recht zügige Nordwind, der über den Reschenpass an den Ortler und die Kreten östlich und westlich davon pfeift.

Zuviel Thermik, zuwenig Luftraum.

Den Rückweg gehe ich süferli an und versuche, bei Sulden am Ortler knapp über die Krete zu kommen. Die Vorsicht lohnt sich. Kaum komme ich in auf der ‚richtigen‘ Kreten-Seite in den Nordwind und an die Sonne, schüttelt sich die ASW-20. Das macht sie immer, wenn der Aufwind besonders stark ist. Diesmal klettert der Integrator gleich auf 5.6 Meter in der Sekunde. Hat man nicht alle Tage! Bis nach Cresta/Juf am Septimer geht das etwa so ähnlich weiter. Die Wolkenbasis ist über 4’000 Meter, man darf gar nicht alles mitnehmen, ohne den kontrollierten Luftraum anzukratzen. Die Aufwinde sind rund, gross, zuverlässig – wie man es gern immer hätte.

In den Bach gefallen.

Vom Septimer weg werden sie deutlich schwächer, die Basis liegt tiefer, es hat grössere Wolkenbänder am Himmel, welche das Gelände abschatten. Und der Wind macht sich zusehends bemerkbar, die Kreiserei wird anstrengender. So langsam bekomme ich den Krampf in den Oberschenkeln, weil ich bei jedem Kreis nachzentrieren muss, will ich die Querlage schön halten. Die Anspannung wird nicht kleiner, als ich im Val Canaria einen Fehlentscheid fälle und den schönen Leethermik-Wolken in der Leventina nachfliege. Wie immer, geht das dann richtig schief. Ich falle ‚hinter dem Gotthard‘ den Bach runter. Mit 2’500 Metern und einem etwas ratlosen Gesichtsausdruck kann ich mich gerade noch auf die Luvseite bei Realp im Urserental retten. Vielleicht wäre der mutige Schritt ins Valle Bedretto am Ende doch gescheiter gewesen? Dort hätten Sonne und Wind besser aufeinandergepasst. Stattdessen rette ich mich an einen rundlichen Granit-‚Hang‘ im Schatten. Hier steigt es nach einigen Versuchen ziemlich zuverlässig aber endlos langsam mit maximal 70 cm pro Sekunde. Einen Halbkreis lang drehe ich auch noch zu tief und mit dem Rückenwind zu langsam gegen den vermeintlich schon deutlich tiefer liegenden Hang. Der ist aber eben ziemlich flach und ansteigend und mein schwerer Flieger mit dem Wasser drin plötzlich auch zuwenig wendig. Mir wird kalt und warm. Völlig unterschätzt habe ich diese Lage, das könnte bei mehr Wind ins Auge gehen – was mich sofort wachrüttelt. Viel zu gefährlich, diese Fliegerei. Und so komme ich sowieso überhaupt gar nie nach Zermatt!

Wo ich schon immer mal hinwollte: ins Wittenwasser-Tal.

Wenigstens habe ich nun etwas Zeit zum nachdenken. Weiter zur Furka hin hängt ein hoher Cumulus-Fetzen etwa zehn Stockwerke höher. Der rotiert zwar und zerfällt immer wieder. Aber er bildet sich auch immer wieder von Neuem. Also nichts wie hin. Ich schlittere den Kreten entlang nach Westen. Tief am Boden. Aber in konstantem Steigen. Ob ich das Wasser ablassen soll? Nix da, später werde ich bei diesem Wind sicher noch froh sein drum. So wurschtle ich mich mit Hangachten hoch genug, dass ich irgendwann mitten im engen Tal südöstlich der Furka einen schwachen Aufwind zentrieren kann, der mich wieder auf Höhenwerte trägt, die mit einer drei vorne beginnen. Hier oben sehe ich auch endlich wieder mal sauber über die Kreten ins Wallis. Viel Feuchtigkeit. Überall tief hängende Wolken, wenig Strukturen. Aber hinten im Binntal hängen hoch oben die grossen Blumenkohle. Also sofort dahin! Schlimmstenfalls schleppt mich aus Raron sicher wieder jemand mit einem Propeller vorne dran nach Hause!

Die Sache mit dem Zentrieren.

Logischerweise komme ich nun auch im Binntal wieder nur knapp über den Kreten an, kann aber hier wenigstens sofort brauchbare Thermik zentrieren, die mich mit etwas Geduld wieder auf eine normale Arbeitshöhe hinaufbugsiert. Mit mir klettert eine DG nach oben, deren Pilot das zu meinem Ärger wesentlich besser macht als ich. Dass ich mit meinem schweren Flieger nicht so schnell steige, vergesse ich kurzfristig – oder es tröstet mich über meine Unfähigkeit, unter diesen auseinanderlaufenden Cumulüssern ein gutes Steig-Zentrum zu finden. Das konnte ich nämlich noch gar nie so gut wie die andern.

Der Rest ist wieder pures Vergnügen. Die Strecke ins Mattertal ist verziert von 3/8 hoch hängenden, schönen, runden Cumulus mit einem schwarzen Boden. Darunter steigt mein Fliegerchen auch wieder wunderbar. Die Wende bei Täsch kann ich dank etwas Geduld beim Höhe tanken im ‚Steinbruch‘ (dem sagen sie hier ‚Skigebiet‘) bei Grächen problemlos abholen. Tief ins Mattertal zu fliegen, war noch nie eine gute Idee. Die steilen Felsen sind erstklassige Schüttelbecher mit völlig unzentrierbarer Thermik, die daraus in engen Aufwind-Zonen turbulent emporschiesst. Weiter oben kann man dafür im Westwind sogar den Eisbrüchen der Allalin-Gruppe entlang segeln. Wunderbare Szenerie! Früher bin ich hier noch zu Fuss hochgeschuftet – da ist doch unsere liegende Sportart schon erheblich eleganter und komfortabler. Eigentlich ist diese Fussgängerei sowieso eine furchtbar primitive Art der Fortbewegung.

Im Urserental helfen die Mauersegler aus.

Der Weg nach Hause beginnt mit einer Abflughöhe von 3’900 Metern am Weissmies schon mal prächtig. Hier treffe ich um Viertel vor Fünf auch noch auf eine ASW-22 aus Fayence. Die hat noch einen weiten Weg nach Hause! Mit meiner Höhe gleite ich vom Saaser Tal bis an den Gemsstock bei Andermatt, wo ich auf 3’000 Metern in den weissen Tüchern, die hier plötzlich unter allen Kreten hängen, einfahre. Dem Mario Straub ist es hier auch nicht so besonders gut gegangen, er ist ins Urnerland geflüchtet und bastelt sich auf 1’500 Meter bei Flüelen, tüchtig und hartnäckig wie er ist, im Talwindsystem an einem Hand wieder nach oben auf Anflughöhe zum Pragelpass. ‚Super, Mario‘ – entfährt mir da spontan ein Funk-Spruch.

Im Augenwinkel sehe ich südlich des Oberalp-Passes ein paar Mauersegler umherschiessen, bevor ich über die Krete ins Bündner Oberland fliegen will. Aufgrund von Marios Situation und der etwas strukturierter dreinschauenden Wetteroptik entscheide ich mich für den Heimflug via Oberland, auch wenn der Nordwest gehörige Leefelder produzieren wird. Der Vorteil dieser Variante ist, dass die Fluchtmöglichkeit nach Chur (Bad Ragaz) offen bleibt, wenn sie auch sehr zeitaufwendig wäre. Den besagten Mauerseglern folge ich spontan und reisse die ASW herum. Das Vario beginnt erstaunlich zuverlässig nach oben zu klettern. Unter, neben und über mir kondensiert die Luftfeuchtigkeit überall. Wie in einer grossen Glocke steige ich rasch weiter um die Fetzen herum und komme bis auf 3’400 Meter hinauf. Das würde nun sogar knapp über den Klausen reichen, wenn man überhaupt da noch durchfliegen kann und nicht bereits Schauer niedergehen. Ich bleibe deshalb bei meinem ursprünglichen, optionsreicheren Plan und ziele nach einem langen Gleitflug über der Mitte des Tales bis Sedrun auf einen Leethermik-Cumulus westlich des Val Russeins. Es geht nun wie erwartet wieder mal gehörig den Bach runter. Vier, fünf Meter pro Sekunde über längere Zeit. So geht das dann aber nicht lange weiter und ich stehe irgendwo am Boden.

Noch mehr Turnübungen, aber die Thermik kommt immer von ganz unten.

Ich flüchte knapp über die Granitzacken ins schroffe Val Russein an die Sonne. Und hier müssten mindestens Teile des Westwindes aufprallen und nach oben steigen. Kommt aber drauf an, wie hoch man ist, tief unten kann diese Situation auch dazu führen, dass die Luft parallel zum angestrahlten Hang stark absinkt. Hier scheint irgendwas dazwischen stattzufinden. Der Flieger steigt zwar langsam, aber diese Fliegerei knapp an der Krete löst bei mir fast schon Fieberschübe aus. Also erst mal weg mit dem Wasser. Sofort wird der Steigwert besser, ich komme über die Krete. Das reicht nun immerhin, um hinten im Val Punteglias meinen heiss geliebten Lawinenverbauungs-Aufwind anzufliegen. Der kommt meist zuverlässig aus einem hochliegenden Granit-Feld in einer Geländemulde. Auch heute rettet er mich und greift mir im letzten Moment unter die Flügel. Gaaaannnnz knapp über dem Boden packt er mich und trägt mich kräftig mit über vier Metern pro Sekunde nach oben. Nicht zu glauben! Die Thermik kommt aber immer von ganz unten, hat der Ruedi Stüssi schon früher immer gesagt.

Die eine Hälfte des Aufwindfeldes nahe am Bifertenstock ist bei jedem Kreis deutlich schwächer, ich bekomme es aber wegen der Turbulenzen nicht auf die Reihe, nur noch in der andern Hälfte aufzudrehen, auch wenn ich mit hoher Querlage kreise. Letztlich schiesst mich dieser letzte Aufwind, den ich noch brauchte, weit über die Krete hinauf. Das öffnet den Blick über den Kistenpass ins wolkenverhangene Glarnerland. Es hat zum Glück grosse Lücken in den weissen Wattebäuschen, ich zirkle also problemlos zwischendurch an der Baustelle von Linthal 2015 vorbei – jetzt aber ab nach Hause!

Surfen an den Nordseiten.

Zum ‚Auslaufen‘ gleite ich noch im Westwind den Hängen der Churfirsten und des Falknis entlang nach Osten. Der Nordwind hat vor allem im Rheintal erstaunliche Stärke angenommen. Am Falknis stauen auf der Nordseite die Wolken, laufen weit und schwarz auseinander. Darunter tragen die steilen Hänge der Schesaplana auf der Nordseite mit mehr als einem Meter konstant bis an den Lünersee. Hier hängt mir der Wolkensalat dann aber doch zu tief, ich drehe um und geniesse auf dem Heimweg nach Schänis die fantastischen Farben der untergehenden Sonne. Beat Straub hat sich noch am Arlberg auf 3’000 Meter in der ASG-29 gemeldet. Das müsste eigentlich für den Heimflug nach Schänis knapp reichen. Offenbar hat ihn dann noch der Nordwind irgendwo erwischt, jedenfalls macht er in Walenstadt eine Aussenlandung.

Nach fast acht Stunden Fliegerei lande ich ausgelaugt – aber total zufrieden in Schänis. Diesen tollen Flug wollte ich schon immer einmal machen. Wer kann schon aus eigener Kraft am gleichen Tag zum Ortler und zum schönsten Zacken der Welt (den haben die Zermatter ja eigentlich gar nicht verdient) fliegen?

Hier noch der übliche Link auf die Auf’s und Ab’s des Fluges im Detail.

765-km-Dreieck über den französischen und Schweizer Alpen

Am Samstag, 26. Juni 2010 gelingt ein Flug, von dem ich seit Jahren und kurz davor noch dachte, er sei für mich ausser Reichweite. Möglich wurde er durch die lange Tageszeit Mitte Jahr und den frühen Thermikbeginn. Bereits um 10.15 Uhr hing ich hinter dem Schlepp-Flugzeug. Exakt zehn Stunden später setzte ich in meiner 25jährigen ASW-20-B wieder auf den heimischen Asphalt in Schänis zur Landung an. Dazwischen lag ein Segelflug um die Wendepunkte Le Casset im französischen Ecrins-Massiv sowie den Piz Quattrvals im Unterengadin.

Link zum Fotoalbum.

Frühstart.

An diesem Samstag habe ich ‚Ausgang’. Heinz Brem braucht unsere ASW-20-B das ganze Weekend über nicht und zuhause beschäftigen sich alle anderweitig mit Baden und Einkaufen. Ich werde also sicher nirgends gebraucht. So mache ich mich schon frühmorgens auf nach Schänis, nicht ohne kurz in die Thermikprognosen geblickt zu haben. Die neu entdeckten digitalen Helfer bringen mich heute auf die richtige Fährte. ‚Streckenflug.ch’ kündigt gute Thermikverhältnisse über den Schweizer- und französischen Alpen an. Fast deckungsleich schätzen die österreichischen Meteorologen die Situation ein. Ich programmiere also etwas frech meinen Logger und den PDA mit den erwähnten Wendeorten.

Schon vor dem Briefing aufgefüllt.

Die ASW ist bei bereits ungemütlich warmen Temperaturen schnell montiert, schon vor 09.00 Uhr steht sie mit 40 Litern Zusatz-Wasserballast startbereit auf dem Rollweg. Zeitweise erschrecke ich über den eigenen Mut – spätestens, als Markus von der Crone nach meinen Absichten fragt und offensichtlich staunend die Stirn in Falten legt. Progressiv, wie er ist, will er aber den Versuch ebenfalls wagen. Er hat den Vorteil, beim Briefing eine ASG-29 erwischt zu haben. Der Flieger gleitet gefühlte 20% besser als meiner. Mit dem Wasser sollte sich der Schaden in Grenzen halten. Klar ist, dass ich deutlich schlechter steigen werde als er, allerdings sollte das bei den heute prognostizierten Steigwerten handhabbar bleiben.

Siehst Du den Kärpf am Morgen… dann fliegst Du ohne Sorgen.

Die ersten Thermikanzeichen bilden sich schon um Viertel vor Zehn. Ich will aber mit meinem Wasserbomber keinen unnötigen Absaufer riskieren und stehe erst etwas später startbereit auf der Piste. Der erste Aufwind hält aber, was die entstehenden Cumulus-Fetzen versprechen. Er bringt mich trotz des Zusatzgewichtes rasch auf Abflughöhe über den Panixerpass. Heute kommt auch der Kärpf für einmal ins Spiel. Seine Ostseite produziert an der richtigen Stelle Aufwind, stolz kann ich den Gipfel, auf dem ich wie die Bergsteigergruppe, die von Elm aus auf die Spitze zuklettert, ebenfalls zahllose Male zu Fuss unterwegs war, nach ein paar Kreisen übersteigen.

Im Vorderrheintal hängt die Bewölkung zwar auf etwa 2’700 Metern, dafür grossflächig auf der sonnigen Nordseite verteilt bis nach Disentis hinauf. Erst bei Trun falle ich soweit unter die Kreten, dass ich es vorziehe, Höhe dazuzunehmen. Etwas zaghaft steigt der Flieger anfangs dem Granit-Grat entlang, erst als ich beginne, auf der Ostseite nahe die Felsen zu fliegen, klettern die Steigwerte auf drei Meter pro Sekunde und spülen mich an die Wolken-Unterseite hinauf. Inzwischen fährt Markus unter mir ein und dreht rasch hoch. Gemeinsam fliegen wir im Parallelflug über den Oberalp und kreislos bis an die Furka, immer schön den Kreten entlang. Die ASW hält sich im Vergleich zum grösseren Bruder einwandfrei – solang ich sie geradeaus fliegen lasse. Im Steigen zeigt sich wie erwartet ein deutlicher Unterschied. Trotzdem kann ich dranbleiben. Bis ans Eggishorn fliegen wir gemeinsam, dort trifft Markus etwas früher ein und den Aufwind besser als ich und steigt weg. Er wird auf der Nordseite des Wallis weiter fliegen. Die Wolken hängen da für meine Begriffe etwas unstrukturiert und müde wie nasse, weisse Tücher an den Hängen. Ich nehme über der Bettmeralp und dem Ende des Aletsch-Gletschers an Höhe mit, was ich kann und quere dann auf die Südseite ins Simplon-Tal. Da hängen einzelne Cumuli deutlich höher als die anderen zerfransten Wolkenfetzen. Allerdings ist ihre Herkunft, die Wärmequelle unklar. Bis hierhin ging’s eigentlich ganz gut voran – so früh war ich noch nie im Wallis.

Hangfliegen über dem Simplon.

Der Einstieg in die nächst höhere Etage gestaltet sich wie erwartet nicht einfach. Ich brauche etwas Zeit, um am Osthang der Simplonstrasse – eigentlich schon auf der Südseite der Alpen –  im teilweise turbulenten Hangflug über den Gipfel steigen zu können. Ein kahler, voll in der Sonne stehender, langer Bergrücken hilft mir dann aber weiter. Nach etwa zehn Minuten und mehrfachen Zentrierversuchen schaffe ich es endlich, die Gipfelhöhe zu ersteigen und fliege mit dieser Höhe dann direkt in die Matter-Täler hinein. Weil ich so früh dran bin, sind die Aufwinde etwas ungewohnt auf der Ost-, statt auf der Westseite des Tales. Die Wolken kleben weit unter den Gipfeln, tragen aber immerhin zuverlässig, wenn auch nicht berauschend gut. Überhaupt habe ich in der letzten halben Stunde den Eindruck, kaum in die Höhe zu kommen. Ich habe Schwierigkeiten, die Aufwinde zu treffen und dann im vertrauten Tempo zu steigen, obwohl ich das Flugzeug mit hoher Querlage, voll nach hinten getrimmt und einem voll gezogenen Höhensteuer fliege.

Swimming-Pool auf 2’000 Metern.

Auf einer Felsrippe bei St. Niklaus im Mattertal blinkt mich fröhlich ein blauer Fleck an. Da hat doch tatsächlich ein waghalsiger Walliser über der Waldgrenze bei seinem Ferienhaus einen Swimming-Pool aufgestellt. In völlig exklusiver Lage mit Breitbild-Panorama auf die Mischabel-Gruppe!

Mit allerhand Mühe und mehreren Zentrierversuchen komme ich hoch über dem Schwimmbad endlich über den Grat und fliege Richtung Val d’Anniviers weiter. Mit der Absicht, mitten durch die Walliser Viertausender den Grand-St.-Bernard zu erreichen und letztlich ins Val Tournanche zu gelangen. Markus zieht über mir zielstrebig nach Süden weg Richtung Matterhorn. Er will offenbar bei der Schönbiel-Hütte die hohen Pässe ins Valpelline überqueren. Ich habe mich gegen diese Streckenwahl entschieden, weil diese Übergänge häufig aus Süden mit Feuchtigkeit zugestaut sind. An den hohen Passübergängen nach Italien bin ich mehr als einmal ‚aufgelaufen’ und dann in der hohen Walliser Gletscherwelt in der Region Obergabelhorn zwischen tiefer Wolkenbasis und den hohen Pässen festgeklemmt gewesen. Deshalb will ich mit weniger Risiko etwas nördlicher, weniger in der Gletschwelt, Richtung Grand-St.-Bernard vorwärtsfliegen. Dabei nehme ich allerdings in Kauf, die schlechter eingestrahlten Osthänge der Walliser Seitentäler abfliegen zu müssen.

Knapp über die Gletscher direkt in den Stausee.

Und genau so passiert es dann. Markus fliegt nach einigem Abwarten und mit Geduld direkt ins Valpelline und kommt dort über den voll eingestrahlten Nordhängen rasch Richtung Aosta vorwärts. Derweil kämpfe ich über Zinal mit schwachen Aufwinden und auch etwas mit meinem schweren Flieger, der nicht so recht steigen will. Etwas progressiv schleiche ich mich am Ende die Gletscher hoch, um über dem tiefsten Übergang doch ins Valpelline zu fallen. Tief ziehe ich über die letzte Krete und stürze sozusagen in den Stausee im Valpelline. Hier ist erst mal Hochklettern gefragt. Ich fege wie eine Alpendohle rund um die Kreten in guten Steigen, das über der Krete noch viel besser wird. Ab jetzt ist endlich wieder ein etwas entspannterer Flugstil mit ausreichend Luft unter dem Rumpf angesagt.

Zwar hängen die Wolken im Valle d’Aoste tiefer als auch schon, dafür tragen sie doch zuverlässig und einigermassen kräftig. Über den Südhängen des Grand-St.-Bernard (den Berg kann ich mir nie merken, er heisst aber trotzdem Mont Falère) hole ich mit 3’500 Metern die maximal mögliche Höhe, um in die wilden V-Täler auf der Südseite des Valle d’Aoste einzufliegen. Das Val Savaranche, das Val de Rhême oder das Val Tournanche. Bei früheren Gelegenheiten auf den Flügen ab Vinon habe ich öfters erlebt, dass ich die Aufwinde über den zackigen Granitgraten nicht recht zentrieren konnte. Um heute kein Risiko mit einem zu tiefen Einflug einzugehen, fliege ich einen kleinen Umweg ins Val Tournache. Dort ist der Einstieg etwas einfacher, weil die Nordkreten flacher sind, einige tiefe Sättel aufweisen, über denen man wesentlich einfacher in die Thermik einkreisen kann. Genau so funktioniert es dann auch. Ich komme problemlos an die Wolkenbasis hinauf. Das reicht, um knapp über die Kreten den Pass ins Val d’Isère zu flitzen. Dahinter lockt ein prächtiger Cumulus-Himmel. Hohe Basis, vermutlich fast 4’000 Meter, schwarze Wolkenböden und viel Sonne.

Viel italienische Feuchtigkeit im Modane-Tal.

Markus ist inzwischen davongezogen und meldet sich bereits in der Region Bardonnecchia. Er steigt klar besser und ist mit der ASG-29 eindeutig schneller unterwegs. Das tut aber meiner Freude über den starken Aufwind zuhinterst im Val d’Isère keinen Abbruch. Wie auch früher schon trägt er zwar etwas rumplig, aber zuverlässig bis auf über 4’000 Meter hinauf. Von hier oben ist die Welt bereits etwas runder, zuversichtlich fliege ich ins hinterste Modane-Tal ein. Den Charbonnel lasse ich ausnahmsweise aus. Seine Wolkenbasis ist etwa gleich hoch wie ich im Geradeausflug bereits bin. Unter mir fliesst über den Col du Mont-Cenis wie immer die feuchte Luft aus Oberitalien ins Modane-Tal ein. Die feucht-stabile Luft erschlägt in den tieferen Lagen jegliche Thermikbildung. Nur in den obersten Seitentälern, welche dieser feuchte Teppich wegen der markanten Geländerstufen nicht erreicht, bilden sich starke Aufwinde, die am Charbonnel z.B. bis auf über 4’000 Meter hinauf tragen. Das ist meistens die höchste erreichbare Höhe weitherum. Normalerweise nehme ich hier jeden möglichen Meter mit und fliege damit bis an den Lac de Serre-Ponçon, um dann über den Parcours des combattants ohne überflüssige Kreiserei bis nach Vinon zurückzufliegen.

Heute haben wir aber andere Pläne. Der Wendepunkt im Tal des Galibier erscheint zaghaft auf dem kleinen Bildschirm meines PDA – auch Mäusekino genannt. Bardonnecchia hat leider auch keine zuverlässigen Aufwinde produziert. Die feuchten Tücher hängen überall über den Sonnenhängen, aber sie tragen nicht. Weder am Col d’Etaches, noch bei der Barrage Rochemolles, noch über Bardonnecchia. Die müde Luft aus dem Süden hat von der ganzen Region Besitz ergriffen. Überhaupt wird es feuchter, je weiter ich nach Süden fliege. Die Kollegen aus Vinon dürften es heute schwer haben, hierher zu kommen. Seltsam, dass man von Schänis aus an manchen Tagen leichter nach Plampinet kommt als von Vinon aus.

Nachmittags um Drei geht’s wieder heimwärts.

Das Briançonnais ist etwa zu fünf Achteln mit auseinanderlaufenden Cumulanten zugedeckt, produziert aber dennoch gute Aufwinde, wenn man sie findet. Ich habe wie immer Mühe damit, unter breiten, dicken Wolken das Aufwind-Zentrum zu finden, komme aber mit etwas Geduld doch um den geplanten Wendepunkt bei der Skistation Serre-Chevalier im Galibier-Tal. Und besonders erfreulich: ich habe erst noch meinen Zeitplan einhalten können. Um 15.00 Uhr wollte ich in den französischen Alpen wenden, um die Chance zu wahren, abends rechtzeitig wieder in Schänis zu sein. Nach Süden sieht’s nicht besonders gut aus. Die Feuchtigkeit hängt bis weit unter die Kreten, der Morgon steht ‚im Wasser’. Markus hat kurz zuvor in der Region St.-Crépin gewendet und macht sich auch wieder auf den Heimweg.

Der führt mehr oder weniger auf derselben Route wieder zurück. Mit dem Unterschied, dass ich den Charbonnel-Aufwind diesmal mit einigen Optimierungsversuchen von zuunterst bis zuoberst nutze, um problemlos zwischen den feuchten Fetzen aus dem Süden über den Nivolet-Pass ins Val de Rhèmes zu gelangen.

Nach Cervinia wollte ich eigentlich gar nicht.

Bis ins Valpelline geht’s dann zügig voran. Dort passiert mir dann aber doch noch eine Überraschung. Weil das Matterhorn nicht erkennbar bis zum Sockel in der Feuchtigkeit steht, erkenne ich nicht, was ich da für einen Berg auf dem Weg nach Osten vor mir habe! Lange versuche ich mir einen Reim zu machen, ob es gescheiter ist, auf der Nord- oder der Südseite an diesem sperrigen Teil vorbeizukommen. Ich entscheide mich aufgrund der hohen Übergänge und der vielen Gletscher zum zweiten Mal am heutigen Tag für einen Umweg – diesmal nach Süden. Hinein in die feuchte, aufwindlose Suppe. Erstaunt nehme ich ein paar Minuten später zur Kenntnis, dass ich in den Kessel von Cervinia eingeflogen bin. Der hat den Nachteil, dass er gegen Norden von hohen Pässen abgeschlossen ist und heute keine Aufwinde produziert, die so hoch reichen würden. Zum Glück bin ich im Valpelline in den schwachen Aufwinden so hoch wie möglich gestiegen. Dieses Polster reicht nun gerade, um auf der Leeseite über die Krete an der Testa-Grigia ins Mattertal zu fallen. Dort tragen dafür wieder alle Hänge, das Talwind-System funktioniert.

Die tragen mich bis an den Gornergrat, wo ich auf Höhe der Bergstation wieder in die Aufwinde einfädle. Ich brauche einige Zeit, um die zwar starken, aber engen und unkonstanten Aufwinde zu erwischen. Nach fast einer Viertelstunde bin aber auch ich endlich wieder über 4’000 Meter. Diese Höhe reicht, um direkt ins Saaser Tal an den Weissmies zu wechseln.

Wo ist denn jetzt der Aufwind?

Normalerweise produzieren die Steinwüsten-Kessel auf der Westseite des Weissmies sehr starke Aufwinde. Heute vermutlich auch. Jedenfalls hängen die Gleitschirme in astronomischen Höhen. Da hinauf möchte ich auch – das wäre der elegante Einstieg in einen langen Gleitflug bis ins Vorderrheintal. Das will aber gar nicht klappen. Einen Aufwind erwische ich, der ist mir aber zu wenig, offenbar steigen andere (Gleitschirme) besser aufwärts. Also wechsle ich dorthin. Wie immer geht das auch diesmal schief. Ich treffe die aufsteigenden Luftblasen schlecht bis gar nicht. Also doch wieder zurück, dorthin, wo ich angefangen habe. Einige Minuten eiere ich so am Weissmies hin und her, bis ich trotz der wunderschönen Kulisse um mich herum leicht erzürnt über mich selber, dafür mit voll gezogenem Knüppel und der Trimmung am hinteren Anschlag mit einer irren Querlage endlich eine der Blasen erwische und sie ausdrehe. Sie trägt mich dann wieder auf die erhofften 4’000 Meter hinauf. Uffhh!. So, das reicht, um komfortabel ins abgeschiedene Binntal und weiter an die Furka zu fliegen. Unterwegs treffe ich Reto Frei mit seiner schönen ASW-19 auf einem Ausflug ins Wallis.

In Graubünden läuft alles auseinander.

Über der Furka nehme ich zusammen mit einem anderen Segler nochmals mit, was ich kann, um danach direkt und hoch über den im Urserental liegenden Wolkenfetzen über den Oberalp ins Vorderrheintal zu gelangen. Bis ins Lukmanier-Tal ist dann allerdings wenig bis nichts zu holen. Die Optik auf Kurs sieht nicht berauschend aus. Alle Wolken laufen auseinander, die Gegend bis Klosters scheint abgeschattet. Im Valsertal muss ich mich von meinem Wasserballast trennen. Es macht keinen Sinn, das zusätzliche Gewicht mitzuschleppen. Die Aufwinde sind zu schwach. Ich kann nur ohne Wasserballast überhaupt noch steigen. Das geht dann dafür angesichts der schattigen Optik erstaunlich gut. Über Andeer und Savognin, mitten über dem Tal, wo üblicherweise keine Aufwinde zu finden sind, kann ich tief den Hang über Tiefencastel anfliegen. Der ist noch an der Sonne und produziert eine schöne, fette Wolke. Die winde ich bis zuhinterst aus. Von hier oben fehlt es dann zwar etwas an Übersicht. Was ich sehe, stresst mich dann doch etwas.

Unerreichbare zweite Wende.

Das ganze Unterengadin liegt im Schatten. Ein grosser Schauer geht von Zernez aus über das Prättigau bis nach Arosa nieder. Über meinem zweiten Wendeort, dem Ofenpass, ist alles ‚im Dunkeln’. Trotzdem fliege ich noch an den Quattrvals. Der hat in der oberen Hälfte noch etwas Sonne auf den steilen Hängen. Ich kann tatsächlich ein paar Hundert Meter dazugewinnen. Aber auf 3’400 Metern oben ist endgültig Schluss. Höher geht es heute hier trotz aller Bemühungen nicht mehr. Etwas weiter südlich, über Livigno, scheint fleckenweise noch die Sonne an den Boden – ein Einflug in diese Gegend ist aber mit meiner Höhe ein erhebliches Risiko. Ebenso wie ein Versuch, die distanzmässig eigentlich sehr naheliegende zweite Wende über dem Opfenpass noch zu umfliegen. Für den Hin- und Rückflug würde ich mehr als 500 Höhenmeter benötigen. D.h., am Piz Quattrvals, der immer mehr im Schatten steht, käme ich womöglich nicht mehr hoch. Das jetzt noch sonnige Oberengadin stünde dann sicher auch schon im Schatten der überall niedergehenden Schauer und der schöne Flug wäre in Samedan verfrüht zu Ende.

So entscheide ich mich, meine Höhe zu investieren, um die ausserhalb des Schauers über dem Prättigau stehende Region Arosa und damit Schänis zu erreichen. Das gelingt dann auch. Mit minimaler Höhe rausche ich über die Krete ins Sertigtal, kurz vor der Krete geht es mit mir einen Wasserfall hinunter. Offensichtlich funktioniert das Talwindsystem auf der Nordseite noch, obwohl es rundherum schauert. Das niedergehende Gewitter drückt wahrscheinlich die Luft von sich weg und in die hintersten Täler hinein. Über dem Südende des Sertigtales steige ich so komfortabel inmitten einer grossartigen Szenerie im Hangwind hoch über die Gipfel. Das reicht nun endgültig, um im Direktflug nach Schänis zu gleiten.

Das mache ich dann auch. Die Temperatur wird immer heisser, die Luft immer feuchter. Es ist, als würde ich unter eine Wärmedecke fliegen. Markus ist inzwischen ebenfalls im Endanflug. Er hat in Livigno gewendet und damit eine Distanz von 900 km erflogen. Das ist einer der längsten Thermikflüge, die je ab Schänis geflogen worden sind.

Ein genialer Tag geht mit einem ruhigen Endanflug nach Schänis zu Ende. Für mich war heute nicht mehr drin, ich bin soweit geflogen, wie es das Wetter zugelassen hat. Weder im Westen noch abends im Osten hätte man weiter fliegen können. Ein andermal hoffe ich, dass der Ofenpass abends noch in der Sonne steht und eine kleine Verlängerung bis an den Reschenpass zulässt. Wobei zu sagen ist, dass auch das nicht mal annähernd ausreichen würde, um thermisch ein sauberes 1’000-km-Dreieck ab Schänis fliegen zu können. Diese Distanz dürfte wohl für einen 15-Meter-Flieger unerreichbar bleiben.

Das Emagramm weist zwischen 3’500 und 5’000 Metern einige markante Brüche auf. Das erklärt die teilweise kaum auffindbaren und sich immer wieder in Nichts auflösenden Aufwinde im Wallis. Zeitweise hatte ich im Flugzeug den Eindruck, oben an einem Deckel den Kopf anzustossen.

Vinon – Matterhorn – Vinon

Die Segelflug-Ferien von Mitte bis Ende August 1993 bilden damals den Höhepunkt meiner bisherigen Segelflug-Unternehmungen. Täglich legen wir dank homogenen Wetters über den Hautes-Alpes de Provence, der Dauphiné und der Haute-Savoye mehr als 400 km zurück und bleiben mindestens sechs Stunden in der Luft.

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Den Höhepunkt des neuntägigen Aufenthaltes mit acht Flügen und 50 Flugstunden im Land des Lavendels bildet aber neben den ausgedehnten Ausflügen an den Monte Viso, Mont-Blanc, Barre des Ecrins und meinem ersten akzeptierten FAI-500er der Flug ans Matterhorn. 1993 gelang es mir zweimal, den Gipfel dieses berühmtesten Berges zu umrunden, einmal ab Schänis und einmal ab Vinon.

Pünktlich wie vorausgesagt beginnt die Thermik mit den gewohnten, immer schneller und stärker erscheinenden Ablösungen direkt in unserem Warteraum unter dem Bäumchen beim Hangar. Wir haben heute Grosses im Sinn und die Schweizerkreuze leuchten hintereinander von den Heckflossen der Segler in der Startreihe. Es ist heiss, beinahe 35° C. In den Tragflächen meiner ASW-20 schwappen 40 l Wasser. Markus von der Crone, Beat Gassmann, Martin Bühlmann und ich wollen so weit nach Norden, wie die Flügel tragen. Norden heisst heute Matterhorn.

Ueber dem Plateau de Valensole zieht sich unser Feld bereits in die Länge. Markus und Martin gewinnen mit Tom Badum zusammen schneller Distanz als Beat und ich. Trotzdem sausen auch wir nach knapp einer Stunde beim Cheval Blanc vorbei. Immerhin 80 km/h. Kein schlechter Anfang. Die Aufwinde greifen in der uns in dieser Woche liebgewordenen Intensität unter die Flügel und heben uns in grossflächigen Kreisen mit 4 m/sec. in die Höhe. Ein unvergleichlicher Flug beginnt sich abzuzeichnen, als über dem nördlichen Teil des Parcours des Combatants die Cu’s zu kondensieren beginnen. Wie im Schnellzug-Fenster flitzt die Landschaft beim Lac de Serre-Poncon unter uns vorbei.

Der Flug wird beim Eindrehen am Guillaume zum Rausch, als ich in wenigen Minuten in einem 5.5 m-Lift mehr als 1’200 Höhenmeter hochklettere. Nur wenig später überquere ich die Passstrasse zwischen Briancon und dem Col du Gali­bier und nehme Kurs auf die Tête de Siguret. Vor der Ueberquerung des Modane-Tales quetsche ich den Aufwind bis zum letzten Meter aus und fliege in 4’100 m ab nach Norden. Tom hat im Val de Rhêmes bereits fotografiert und ist auf dem Weg zu seiner zweiten Wende Moustiers. Alle Stimmen aus der Region Briancon – Bardonecchia – Modane tönen zuversichtlich. Beat hält prächtig mit, wir tauschen die Steigwerte in kurzen, präzisen Meldungen aus. Er fliegt weiter östlich, ausser Sichtweite, tastet sich gerade durch die thermisch miserable Landschaft bei Bonneval.

Napoleon-Schotter

Inzwischen habe ich an die Nordkreten des Modane-Tales angehängt und fliege praktisch kreislos über den Col d’Iseran nach Val d’Isère hinüber. Gott im Himmel, ist das eine verlassene Gegend hier! Die Strassen hat wohl Napoleon gebaut. Seither haben die Franzosen nur noch den Schotter nachgefüllt…

Zuhinterst im Tal von Val d’Isère hangle ich mich nahe an den Felswänden durch ein Couloir bis auf 4’000 m hinauf. Damit kann ich gerade die Berggipfel überfliegen. Ich blicke das erste Mal in meinem Leben in die drei Parallel-Täler, die von dieser Hochebene nördlich nach Aosta hinunterführen. Das V-Tal ist hier erfunden worden. Federico Blatter erscheint geistert mit seinen Nordföhn-Flügen durch meine Gedanken. Hier hat er jeweils gewendet, nachdem er am morgen Obervellach im Mölltal umrundete. Verrückt! Gigantische Bergtäler, wildromantische Passwege, praktisch keine menschliche Behausung prägen das Bild. Ueber den spitzen Kreten nach Norden hängen die schönsten Cu’s, die ich mir vorstellen kann.

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Management bei Känguruh

Die Zahnbürste, der Pass, das Portemonnaie mit den Credit Cards sind eingepackt. Begleitet von einem mir bisher unbekannten, unbändigen Willen, Strecke zu fliegen. Ich sehe das Matterhorn weit entfernt am Horizont vor mir! Zeitlich liegen wir nicht schlecht, wir sind nach Fahrplan unterwegs. Bis hierhin wollte ich mich vortasten und entscheiden, ob ich gemütlich nach Vinon zurückkehre oder das Wagnis eingehe, mir völlig unbekanntes Gelände zu erfliegen. Ich brauche nicht lange für meinen Entscheid. Wenn es mir gelingt, bis ins Valpelline vorzustossen, kann ich heute segelfliegerisch den gesamten Alpenbogen von Zeltweg bis Marseille aneinanderhängen. Das höchstes Segelflugziel scheint in Griffnähe zu rücken. Ein Schauer jagt über meinen Rücken, als ich meine ASW über den Pass ins Val de Rhême fallen lasse. Nach 30 km mache ich über einem etwas tiefer liegenden Bergsattel den ersten Kreis und drehe unter einer Wolke mit sattem, dunklem Boden in den Aufwind ein.

Es ist nicht zu fassen! Auf mehr als 4’300 m erst kann ich nach 1’200 erklommenen Höhenmetern die Kreiserei abbrechen und westlich Aostas eine Krete anfliegen, die zum Grand-Saint-Bernard hinauf­führt. Da erwartet mich wieder dasselbe Vergnügen! Ich kann meine Begeisterung kaum unterdrücken und habe Mühe, Beat sachlich Position, Höhe und Steigwert durchzugeben.

Der Aufwind des Tages

Den Höhepunkt bildet dann aber der Taleingang ins Valpelline, nördlich des Flugplatzes Aosta. Ein weiterer 30-km-Sprung hat mich in wenigen Minuten hierhergeführt. Auf 2’800 m komme ich über der Krete an und ziehe meine ASW aus voller Fahrt sanft hoch. Ueber mir erscheint ein dicker Cumulus. „Cinque“ steigt und steigt und steigt. Sanft senke ich den Flügel und beginne zu zentrieren. Ich erschauere erneut. Das Vario muss ich auf die 10-m-Skala umstellen, um Beat den Steigwert durchgeben zu können! „Beat komm sofort hierher, alles andere ist Zeitverschwendung… ich steige mit 5.8, nein, 6.5, jetzt rundherum 7.0 m/sec!!!“ schreie ich ins Mikrophon. Das Capot zerspringt fast unter meinem Urjauchzer, den ich nicht mehr zurückhalten kann. Nördlich von mir glitzern die Walliser Vier­tausender, das Matterhorn lockt am Ende des Valpelline. Ich steige in wenigen Minuten auf unglaubliche 4’450 m. Martin und Markus lehnen sich bereits zurück, unsere Wege kreuzen sich, beide sind auf dem Heimweg. Es ist noch nicht vier Uhr durch. Ich setze mir eine Deadline auf 16.30 Uhr. Dann werde ich umkehren, egal wo ich gerade bin. Damit müsste ich sogar nach Hause kommen. Aber das ist noch ganz weit weg…

Beat ist nur ca. zehn Minuten hinter mir. Ich gleite die Kreten des Valpelline bis zum Ostende des glitzernden Stausees hoch und versuche beim Uebergang nach Cervinia etwas Höhe zu gewinnen, um das Matterhorn von der Schweizer Seite aus ansehen zu können. Am Zmuttgrat breche ich genau um halb fünf die Uebung ab, ich kann nicht mehr höher steigen als 4’500 m.

Formel-Eins-Rennen am Grand-Paradis

Im Eilzugstempo gleite ich zusammen mit einem französischen Janus und einem Ventus – beide scheinen aus Vinon zu sein – den gleichen Weg zurück an den Superaufwind am Taleingang des Valpelline. Er hievt uns alle drei wie Blätter im Wind auf Maximalhöhe. Beat ist jetzt am Matterhorn und wendet ebenfalls. Ich hänge mich den beiden Frenchies an und fliege überhaupt nur noch geradeaus. Zuerst bis zum Grand Paradis, wo wir nochmals auftanken bis zur Maximalhöhe von 4’300 m. Die Sonne wird flacher. Die Aufwinde aus den isolierten Bergtälern sind noch immer stark, beginnen aber nachzulassen. Ich folge den Franzosen im Formationsflug rund um die 4’000er-Gipfel des Grand Paradis. Ein faszinierendes Rennen knapp über Grund oder direkt an den Hängen beginnt. Kein Kreis wird verschwendet, raumgreifend gleiten wir geradeaus bis zur „meiner“ Passhöhe nach Val d’Isère hinüber.

Mir wird das ewige Geradeausfliegen bald unheimlich. Ich beginne, gedanklich wieder meine eigenen Wege zu gehen, zumal die beiden Kameraden leicht nach Osten abdrehen und ins hinterste Maurienne-Tal einfliegen. Die direkteste Linie führt zurück über den Col d’Iseran, über Modane zum Lac de Mont-Cenis und von da nach Bardonecchia. Nur ist der kürzeste Weg nicht immer der schnellste… 30 Minuten später hätte ich einiges dafür gegeben, den beiden einfach blind gefolgt zu sein, statt meinen eigenen Weg zu suchen, aber nachher ist man immer gescheiter.

Bergwandern am Grand Roc Noir

Im hintersten Teil des Val d’Isère versuche ich von Gipfel zu Gipfel erfolglos, Höhe zu machen. Ich kriege die turbulenten Aufwinde einfach nicht in den Griff. Müdigkeit macht sich bei mir bemerkbar. Beat ist im Val de Rhême. Bis ich begreife, was hier mit der Luft passiert, finde ich mich 200 m über dem Col d’Iseran am Hangsegeln und überlegen. Die Trikolore auf dem Pass zeigt knatternd nach Süden. Also das ist es!!! Die Ortschaft Val d’Isère liegt ähnlich wie Andermatt hinter einem tiefen, schmalen Taleinschnitt, der wie eine Düse die Luft beschleunigt und an die südlichen Talhänge bläst. Vorhin bin ich im Lee herumgeturnt. Jetzt entschliesse ich mich schweren Herzens, das Wasser abzulassen. Bei Steigwerten um einen halben Meter lohnen sich die höheren Flächenbelastungen nicht. Ich will nur noch soweit wie möglich nach Süden kommen. Ich hangle mich an den flachen Berghängen immer über den Kreten bleibend, vorsichtig immer weiter nach Westen. Wie ein schwebender Velofahrer. Meine Theorie geht auf, ich kann mehr als 400 m steigen und immer weiter westwärts den Gipfeln entlangfliegen, südlich von mir erscheint bereits Bonneval vor dem Flügel. Beat hat grosse Mühe und flieht tief über den Iseran und an den Südhang des Modanetals. Vielleicht kommt er dort im Talwind wieder weg.

Gegen die Uhr

Mir stellt sich jetzt der Grand Roc Noir in den Weg. Ich muss mich für das Modanetal oder die Vanoise entscheiden. Da ich in der zweiten Gegend zu ungenau weiss, wohin die Täler genau führen, entschliesse ich mich für einen Sturz nach Süden durchs Lee, in der festen Hoffnung, im Talwind und in der Abendsonne beim Grand Roc Noir an der Westseite wieder hochzukommen. Mit viel Nerven, Herzklopfen und nassen Händen gelingt die Turnübung im Lee soweit, dass ich an die Südseite des Modanetales wechseln kann und dort erst noch knapp unterhalb der Krete ankomme. Im Hangwind östlich der Aiguille de Scolette nutze ich das schwache Steigen konsequent und ruhig aus und schiele bereits über den Col d’Etache in Richtung Bardonecchia. Wenn ich mich jetzt noch etwas beeile und hier nochmals wegkomme, schaffe ich es mindestens noch bis St.Crépin, überlege ich. Tief unter mir kreist der Discus von Beat und Reini Rychener mit seiner DG-400 in den Tannenwipfeln. Reini lässt sehr sportlich seinen Motor drin und versucht, gemeinsam mit Beat nochmals wegzukommen. Es sieht sehr spannend und nervenaufreibend aus, aber die beiden scheinen hochzukommen.

Geradeaus, geradeaus…

Ich gleite knapp über den Kreten ins Tal von Bardonecchia und steige dort nochmals auf ca. 3’700 m hinauf. Anschliessend gleite ich hinüber Richtung Plampinet. Die Namen werden bereits wieder etwas geläufiger für mich, meine Zuversicht beginnt zu steigen. Beat hat uns verlassen und ist in Sollières aussengelandet, um sich noch bis St.Crépin zurückschleppen zu lassen. Schade, es wäre zu schön gewesen, mit ihm gemeinsam das Plateau Valensole im Sonnenuntergang zu überfliegen. Aber so kann er morgen wenigstens wieder fliegen, statt den Discus auf der Strasse sinnlos herumzutransportieren.

170 km kreisloser Endanflug

Mir geht es schon wieder besser. In Plampinet mache ich nochmals ein paar Kreise und gleite mit ca. 140 km/h weiter an die Tête du Peyron zwischen Briancon und St.Crépin. Mit etwas Glück schaffe ich es doch noch nach Hause! Ich kann es kaum fassen, obwohl die Sonne flacher als flach scheint und die Täler kaum noch Licht kriegen, wirft es mich hier nochmals hoch bis auf 3’900 m. Damit müsste ich ja bis an den Parcours kommen. Wenn der schön trägt, reicht es vielleicht? Ich mache am Funk eine kleine Meinungsumfrage. Tom meldet sich und gibt mir knappe, klare Anweisungen. Ich soll direkt zum Morgon fliegen und ihn dort um halb acht treffen. Auf Kretenhöhe. Alles andere wäre Zeitverschwendung, meint er. Ich gebe mir alle Mühe, pünktlich und tief genug da zu sein…

Martin ist ebenfalls noch in der Gegend. Die letzte Stunde verlief unwahrscheinlich schnell und hektisch. Trotz aller Schwierigkeiten und trotz schwacher Steigwerte bin ich erstaunlich schnell vorangekommen und habe dank der konsequenten Geradeausfliegerei eine Riesenstrecke zurückgelegt. Vielleicht war die Methode meiner beiden Begleiter vom Grand Paradis doch ganz gut. Mit Kreisen verliert man bei diesen Bedingungen wirklich nur Zeit und Höhe. In Bodennähe oder Kretennähe geradeausfliegen bringt hier am meisten. Es benötigt aber auch eine gewisse Angewöhnungszeit.

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Schnellzug am Parcours

Pünktlich und 150 m zu hoch treffe ich Tom am vereinbarten Ort. Aus dem Lautsprecher kommen seine knappen Anweisungen: „Fliege 20 m hinter mir, genau gleich hoch, gleich schnell. Nicht höher, nicht tiefer. Häng Dich an meine Heckflosse und bleibe dran. Auf keinen Fall abhängen lassen…“ Genau das mache ich nun. Ein himmlisches Vergnügen beginnt. Ich entspanne mich und geniesse die folgende Stunde wie im Kino. Jetzt bin ich sicher, nach Hause zu kommen, der Parcours trägt wunderbar. Im Formationsflug, immer mit ca. 120 bis 140 km/h fliegen Tom, Martin und ich im Konturenflug bis zum Coupe. Wir sind noch immer auf 2’200 m Höhe, gleich hoch wie beim Einstieg in diesen Express-Zug am Morgon. Jetzt fächern wir uns auf und suchen die tragenden Linien. Dummerweise habe ich seit dem Iseran kein Wasser mehr drin, diese letzte Phase des Fluges wäre noch schöner und optimaler zu fliegen gewesen.

Die letzten 20 Minuten rasen wir alle drei mit knapp 200 km/h über der Kante des Plateau Valensole entlang nach Vinon zurück. Wir verschenken keinen Meter Höhe. Mit Höchstgeschwindigkeit erreichen wir die den nördlichen Einflugpunkt und ziehen alle drei hintereinander hoch. Nach der Landung bleibe ich einen Augenblick sitzen und versuche, die Stimmung in mir aufzusaugen und diesen grossen Moment festzuhalten. Es gibt derzeit keinen glücklicheren Menschen als mich! Der heutige Tag wird mir mein ganzes Leben lang in Erinnerung bleiben. Es war ganz einfach unbeschreiblich schön!

In passender Atmosphäre – im Dörfchen Ginasservice – geht unter den Platanen spät in der Nacht ein herrliches, fröhliches Fest aller Vinon-Piloten und Begleiter/innen zu Ende. Jeder hat viel zu erzählen. Die Begeisterung schlägt beim Erzählen immer wieder durch. Alle sind wir uns einig. Wir werden nach Vinon zurückkommen. Immer und immer wieder…