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Niedergaren, Senioren-Heim für Grandes-Plumes und Wolkenbrüche

Sommer 2015 in Vinon
Während des Sommers 2015 durfte ich für einmal die Vorzüge Südostfrankreichs zweimal geniessen. Einmal zusammen mit der Familie im Juli gleich während zwei Wochen, ein zweites Mal ‚nur zum Segelfliegen’ im August während einer Woche – aber mindestens, bis mir fast die Thermik aus den Ohren gepfiffen ist…

=> Link auf weitere Bilder / Galerie.

Nicht alles gelingt bekanntlich gleich beim ersten Anlauf. Der Segelflug-Urlaub der ersten beiden Juli-Wochen 2015 beginnt bei feucht-heissen Temperaturen in der Werkstatt. Eine Schraube streift am Fahrwerks-Reifen der ASW-20-B. Der deswegen sofort nötige Rad-Aus- und Wieder-Einbau bei brütender Hitze, feuchtheisser Luft aus Süden und gefühlten 50° Celsius in der Werkstatt wegen einer verkehrt plazierten Schraube (Muttern sind länger als Schraubenköpfe) sorgt nicht gerade für gute Stimmung. Normalerweise wird bei solchen Bedingungen im Steamer Broccoli und Blumenkohl nieder-gegart. Umso dankbarer bin ich René Notter für seine Hilfe beim Wiedereinbau der haarscharf und nur unter bestimmten Bedingungen passenden Radachse. Froh bin ich auch, den Fehler noch bei der Luftdruck-Kontrolle entdeckt zu haben, ein geplatzter Reifen hat normalerweise unangenehme Folgen. Ich kann mich schwach erinnern: da lag doch schon bei der letzten Landung so ein seltsamer Gummi-Geruch in der Luft! Dem habe ich damals keine besondere Beachtung geschenkt, bzw. gedacht, der Geruch käme vom Bremsmanöver bei der Landung. Erst, als sich das Rad bei der Suche nach dem Ventil nicht mehr problemlos rundherum drehen liess, ist mir das Problem aufgefallen.

Im Tiefflug von Flugplatz zu Flugplatz
Auch der erste Flug gehört nicht gerade zu den Erinnerungen, welche die Segelflug-Faszination Südostfrankreichs ausmachen. Er führt im Gegenuhrzeigersinn bei stabil-heissen Bedingungen rund um die Haute-Provence. Während des Fluges bemerke ich zu spät, dass ich westlich des Lac de Serre-Ponçon in eine deutlich stabilere Luftmasse einfliege. Die maximal mögliche Höhe liegt im Becken von Gap weit unter den Gipfeln. So schleiche und hangle ich mich von Flugplatz zu Flugplatz und nutze die Vorteile des LX Zeus. Mit dem raffinierten Moving-Map-Gerät weiss ich nicht nur genau, wo ich bin, sondern auch auf Knopfdruck die Pistenrichtungen, Platzhöhe und die Funkfrequenz der Flugplätze, auf denen ich heute andauernd niederzugehen drohe. Das Gerät sorgt für entspannte Arbeitsbedingungen im Cockpit. Kein Stress mit Aussenlandebüchern, Flugplatzkarten, Frequenzlisten. So komme ich gleich zweimal aus der Landevolte wieder weg. Anfangs ist es Gap, später Sisteron und der Tag wird abgerundet von St.-Auban und am Ende schaffe ich es dann zu meinem eigenen Erstaunen wieder zurück nach Vinon. Ein spannender, lehrreicher Flug also gleich zur Einstimmung.

Im Lehnstuhl ins Val de Rhêmes.
Ein weiterer Flug ist das pure Gegenteil dieses Tieffluges durch die Gegend. Er führt bis in die Region Aosta – die Heimat der V-Täler (Val Savarenche, Val de Rhêmes und Valgrisenche) hinauf. Und während meistens die Querung der Maurienne (Vallée Modane) verdient werden will, ‚falle’ ich diesmal nördlich des Col du Mont-Cenis bei leichtem Nordwestwind direkt in eine sanfte Welle, der ich auf sehr komfortablen Höhen spielerisch leicht bis ins Aosta-Tal und wieder zurück folgen kann. Zwischen diesen beiden Flügen liegt allerdings ein kompletter Aussetzer. Dabei gelingt es mir nach dem Start bei leichtem Südwest auf keine Art und Weise, auf eine vernünftige Abflughöhe zu steigen. Nach knappen drei Stunden bin ich auf maximal 1’100 M.ü.M. dermassen durchgekocht, dass ich aufgebe und lande. Kaum stehe ich am Boden, klettern meine vorherigen Leidensgenossen direkt über dem Flugplatz in Vinon in einer Welle in grosse Höhen. Ich habe die Möglichkeiten des auf Norden drehenden Windes schlicht nicht erkannt, mich stattdessen über einen seltsamen und zunehmenden Versatz beim Kreisen geärgert und schlicht zuwenig Geduld beim Auskreisen der hauchdünnen und schwachen Aufwinde über der Durance gehabt.

Aire de jeux von 300 x 300 Kilometer
Espace_des_Jeux

Drei weitere Flüge führen in allen Drehrichtungen durch ein Fluggebiet, das für einmal im Norden durch die feuchte, faule Luft in der Maurienne, im Westen durch die tiefe Basis und Mistral im Rhônetal, das Mittelmeer und die Luftmassengrenze entlang der italienischen Grenze limitiert wird. Das führt in diesen Tagen zu seltsamen Flugaufzeichnungen im OLC. Das etwas phantasielose JoJo-Kilometer-Fliegen hat Hochsaison.

Fliegender Kontrabass.
Sehr angenehm ist dagegen, dass ich noch nie so häufig in der etwas tiefer liegenden Voralpen-Region zwischen Rhônetal, dem Vercors und dem Parcours des combattants geflogen bin wie dieses Jahr. Teilweise mit Aufwind-Aufreihungen von 200 km Länge zwischen dem Col de Rousset im Norden und dem Lac Ste.-Croix im Südosten, in denen die Segelflieger über weite Strecken mit Höchstgeschwindigkeit geradeaus durch die Gegend flitzen. Eine spannende Erfahrung. Die negativen Klappenstellungen brauche ich sonst nicht dermassen häufig, dafür stelle ich fest, dass die ASW-20-B neuerdings bei einem Speed von mehr als 160 km/h beginnt, einen ziemlich lauten und tiefen Brummton im Rumpf zu erzeugen. Das könnte mit der konsequenten Abdichtung des Cockpits etwas zu tun haben. Der Brummton ist abhängig von der Menge Frischluft, die über die Lüftung ins Cockpit strömt. Ich sitze damit in einem sonderbaren Fluginstrument mit ausgeprägtem Bariton (kann auch ein Bass sein), acht Meter langem Resonanzkörper, einem Einlassventil und nur zwei möglichen Basistönen (Lüftung auf, Lüftung zu). Fast so schön wie in der Oper, und ebenso schön laut. Die Projekte für die Winterarbeiten werden nicht weniger…

Die Tête de Lucy macht knackige Thermik.
Etwa jeden zweiten Tag sind wir ‚en famille’ unterwegs zu den klaren, tiefblauen und kühlen Badeseen der Region, ans Mittelmeer zum Weineinkauf nach Bandol oder zum Sonnenbaden am Strand von Cap Couronne bei Martigues. Eine schöne Abwechslung bei gleichbleibend guten Segelflug-Bedingungen – es kommt kaum drauf an, welchen Tag man fliegt, es geht immer gut genug. Für einen Champagner-Korken-Moment sorgt auf meinem letzten Flug vor der Heimreise die Tête de Lucy – steht doch da in den Chrächen auf der Südseite tatsächlich ein ruppiger Aufwind, der mit mich fast 6 Metern pro Sekunde auf 3’500 Meter hinauf ‚schiesst’. Immer wieder unglaublich, wie dabei die Landschaft unter dem Cockpit wegtaucht.

Das Seniorenheim der Champions und Grandes Plumes.
Mir ist kaum ein Flugplatz bekannt, auf dem sich so viele Offene-Klasse-Flieger finden wie in Vinon. Etwa ein Dutzend ASH-25, Nimbus 4DM usw. stehen in den Hallen und vertäut und gut verpackt auf dem Flugplatz, wenn sie nicht gerade fliegen (was sie aber sehr oft tun). Sie werden von zumeist ebenso schon leicht angejahrten Piloten bewegt, die auf ein eindrückliches Fliegerleben, teilweise als bekannte Wettbewerbs-Champions oder Rekordflieger zurückblicken. Jean-Pierre Cartry etwa. Alain Poulet. Gérard und Jean-Noël Hérbaud. Thomas Badum, Klaus-Dieter Mreyen mit seinen Freunden. Oder Gérard Lherm und Gilles Navas (welche das Durchschnittsalter dieser Pilotengruppe unter 65 drücken 🙂 ) Hier finden Sie einen Ausschnitt davon auf Facebook.

Der grosszügige Flugplatz ist ideal für diese Offene-Klasse-Segler mit enormen Spannweiten. Die erfahrenen Segelflieger machen sich während der Sommermonate fast täglich eine Freude mit grossen Flügen in die nördlichen französichen Alpen, rund um den Mont Blanc, hinauf ins Grenzgebiet zur Schweiz, oder sogar an den Furkapass im Wallis und geniessen den endlos langen Rückflug aus dem Brionçonnais, wo sie ein letztes Mal auf fast 4’000 M.ü.M. hinaufklettern, um ohne einen einzigen Kreis die 180 km nach Vinon abzugleiten. Ein kleines Paradies oder eben ein Seniorenheim für Champions und Grandes-Plumes, wie hier die 25-Meter-Flieger genannt werden.

Viel Betrieb im August.
In der dritten August-Woche, in der ich mich nochmals in der Haute-Provence austoben darf, herrscht in Vinon erstaunlich viel Betrieb. Eine Gruppe junger Segelflieger aus Bamberg, eine Schülergruppe von Kindern von Air-France-Flugpersonal, eine Menge Gäste aus Holland und der Schweiz sowie die erwähnten Senioren sorgen für viel Betrieb – mehr als ich vom Juli in Erinnerung hatte. Trotzdem kommt man problemlos und zügig in die Luft, auch lange Plastikschlangen werden dank der kurzen Flugzeugschlepps rasch abgearbeitet. Die Flüge führen auch diesmal wieder in allen Drehrichtungen durch die Région frontalière zwischen Frankreich und Italien, der Maurienne, dem Rhônetal und dem Mittelmeer.

Schwerpunkt sind diesmal wieder die Baronnies, das Brionçonnais, aber auch der Parc National du Mercantour. Diesen Nationalpark kenne ich trotz vieler Aufenthalte kaum. Häufig ist es schwierig, bei vernünftigen Bedingungen in diese menschleere und zerklüftete Region und zurück zu gelangen. Dieses Jahr kann ich sie aber gleich mehrmals erkunden. Markant ist der Unterschied in der Verkehrsdichte. Während sich entlang der bekannten Rennstrecken die Flieger konzentrieren, ist etwas abseits im hintersten Vallée de l’Ubaye oder über dem Mercantour-Nationalpark kaum jemand anzutreffen.

Bemerkenswerte Strassenführung rund um die Cime de la Bonette zwischen Jausiers und St.-Dalmas.

Südfrankreich – Urlaubsziel und Flugschule für Bartgeier.
In den vergangenen Jahren sind mir in der Luft oft Bartgeier aufgefallen. Soviele wie dieses Jahr konnte ich noch nie beobachten. Ich habe den Eindruck, die tollen Segelflugbedingungen hätten sich bei den Bartgeiern herumgesprochen (vielleicht sind unsere ausgewilderten Bartgeier aus dem Nationalpark im Engadin auch darunter gewesen). Es scheint, die Tiere pilgern in den Sommermonaten in diese meteorologisch besondere Region Europas und geniessen ihre verdienten Thermikferien. Auf einem Flug ist mir dabei südlich der Tête de l’Estrop ein Schwarm von mehr als 30 der eleganten Gross-Segler aufgefallen. Darunter waren auch zahlreiche Jungtiere. Und auf einem der schroffen ‚Toblerone’-Felsen in diesem kargen Massiv sassen drei oder vier erwachsene Tiere und eine grosse Zahl kleinerer Bartgeier.

Ich hatte den Eindruck, die Tiere machten auf diesem ausgesetzten Felsen ‚Flugschule‘. Die Senioren haben ihren Schülern gezeigt, wie man sich über die mehr als 500 Meter hoch exponierte Felspartie in die Tiefe stürzt und lernt, wie dann der Luftstrom in die Federn greift und plötzlich trägt. Der ganze Schwarm bewegte sich friedlich und elegant durch die Luft, gegenüber ihrem überdimensionierten Plastik-Kollegen entwickelten sie keine Aggressionen und haben mich einfach beobachtet. Ein herrlicher Moment.

Vinon au Lac.
Kurz vor meiner Abreise Mitte August geraten wir mit dem Campingplatz von Vinon in zwei unglaubliche Wolkenbrüche. Der erste verschwindet nach ein paar Stunden wieder fast spurlos im hartgekochten, braunen Boden. Der zweite ist dann aber ein ganz anderes Kaliber. Während mehrerer Stunden öffnet der feucht-heisse-Himmel alle Schleusen. Der Fahrweg durch die Wohnwagen wird zum Bach. Meine direkte Umgebung und der Anhängerplatz zum See. Das Wasser steigt bis wenige Zentimeter unter die Türschwelle meines Autos bzw. ersäuft beinahe mein hölziges Gartenhaus. Jetzt verstehe ich ansatzweise den Bau des Schiff-Steges bei meinem Nachbarn, der Paul letzten Herbst fast den Hals gebrochen hat. Mir ist inzwischen auch klar, weshalb der Caravan schräg auf dem Deichsel steht – damit das Wasser problemlos durch ihn hindurch fliessen kann…

Wie auch immer: Glück gehabt. Eine Stunde mehr von diesen intensiven Niederschlägen – und wir wären mit unserem ganzen Fluggerät richtig in die Flut geraten.

In diesem Sinne fahre ich wegen der braunen Sauce, welche dieser Wolkenbruch auf dem Flugplatz hinterlässt und jegliche Bewegung mit schwererem Gerät als ein Fahrrad verunmöglicht, dieses Jahr etwas leichteren Herzens nach Hause in eine arbeitsreiche und lange Wintersaison – aber ich bin sicher, dass mit Beginn der nächsten Segelflugsaison während der ersten wärmeren Frühlingstage das bekannte Kribbeln im Bauch zusammen mit den ersten Cumuli am Himmel zuverlässig wieder einkehrt.

Für alle Detail-Verliebten: Hier der Link auf alle Flüge in Vinon dieses Jahres.

Paul macht das Rad.

Heftiger Überschlag mit 70.

Vergangenen November hat mich unser legendärer Anhängerwart bei der Segelfluggruppe Lägern dabei unterstützt, in Südfrankreich einen weniger betagten, fahrbaren Wohncontainer aufzustellen. Beim 35jährigen Modell fiel der Boden durch und auch sonst hatte ich bei jedem Handgriff ungewollt irgendein Bestandteil in der Hand.

Bei der Vorgeschichte konzentriere ich mich darauf, dass mich unsere jüngste Tochter Deborah ein Weekend lang (ungewollt auch noch während des gesamtdeutschen Eisenbahnerstreiks mit damit verbundenem Chaos auf der Strasse) auf Europas Autobahnen begleitet und mit munteren Erzählungen auf dem anhängerfreien Weg nach Holland und auf dem Rückweg mitsamt dem erworbenen Ungetüm am Haken wach gehalten hat. Das Navigationsgerät hat auf dieser unvergesslichen Fahrt im Schnitt alle zehn Minuten eine neue Strecke um die nächsten Staus berechnet und uns wohlbehalten und interessanterweise ohne grössere Verspätung als ohne Staus in der Nähe Kölns abgeliefert. Wir sind auf diese Weise am anderen Tag immerhin mit einem selten günstigen Tabbert ohne ein einziges Chräbeli glücklich in Schänis eingetroffen.

Zwei Wochen später war dann DER Paul gefragt. Für die Entsorgung des alten und den Aufbau des ’neuen‘ Wohnwagens, die Montage eines Schutzdaches daselbst und die diebstahlsichernde Demontage von Deichsel & Co. sind erprobte, krisenfeste Fachkräfte wie Paul gefragt. Und ausserdem wollte er auch schon immer mal in den Süden Frankreichs, egal, auch wenn’s November sei. Da er inzwischen ein beweglicher Rentner ist, hat er dafür auch noch viel Zeit. Die ideale Ausgangslage für ein Camper-Abenteuer. Also nix wie los, rein ins Auto, raus in die Provence!

Ein Hoch auf die Chefinnen!
Die Entsorgung unseres bisherigen Wohnheimes hatte ich zwar schon Wochen vorher per eMail und Telefon organisiert. Bei meiner südfranzösischen Allzweckwaffe für schwierige Entsorgungsfälle namens ‚Point Noir‘. Bei unserem engen Zeitplan sollte der Abschlepp-LKW bis um 10.00 Uhr seine Arbeit erledigt haben, wollten wir abends in einem betriebsfertigen ’neuen‘ Wohnwagen übernachten. Im Entsorgungsbetrieb schickte uns ein schwer mit Muskeln bepackter Anpacker zum nächsten – nur, um festzustellen, dass meine eMail wahrscheinlich im chaotischen, unübersehbaren eMail-Papierhaufen (!) auf allen vorhandenen Schreibtischen unter die Delete-Taste geraten sein mussten – ‚aucune idée‚, war auch die meist gehörte Antwort auf die Frage, ob denn mein etwas seltenes Anliegen um die Entsorgung eines Wohnwagens hier schon bekannt geworden sei. Das macht ausser den ordentlichen Schweizern hier wohl niemand. Betagte Campingwagen werden normalement in ein Gebüsch parkiert, bis sie sich dort vielleicht selber zerlegen. ‚Aucune idée‚ wurde aber spannenderweise immer kombiniert mit dem Hinweis, dass eine Entsorgung ‚aber impérativement EUR 200.-‚ kosten würde, erwähnt. Dass die vereinbarte Summe aus keinem Gedächtnis entschwunden war, interpretierte ich als gutes Zeichen für unser Vorhaben.

Den entscheidenden Verhandlungs-Durchbruch schafften wir schliesslich bei der zierlichen Madame la cheffe. Mit allem übriggebliebenen Charme und unüberhörbarem Glarner Französisch-Akzent versicherte ich ihr, dass sie die absolut Grösste sei, wenn sie es hinbekäme, einen ihrer kräftigen Gesellen mit einem Abschleppwagen auf den Aéroport zu senden. Sie zeigte sich nach meiner Zusicherung, EUR 200.- ‚par hazard‘ bei mir zu haben, sofort begeistert und erteilte ein paar kurze, heftige Befehle quer durch die Werkstatt – Resultat: wir sind selber kaum auf dem Flugplatz Vinon beim alten Camper angekommen, stand der LKW schon vor der stählernen Eingangspforte und begehrte, seine Arbeit erledigen zu dürfen. Wir konnten uns kaum umdrehen, war ‚Le Château Willi‘ bereits am Haken, aufgeladen und endgültig weg…

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Da geht er dahin: das letzte Stündlein von Le Château Willi hat geschlagen… Man beachte die Holzpaletten im rechten Bild-Vordergrund. Sie sollten noch eine wichtige Rolle spielen…

Zähes Einparken.
Kurz darauf war ich das erste Mal um die kompetente fachliche Beratung von Paul froh. Beim Seitwärts-Rückwärts-Einparken des knapp acht Meter langen Möbels zwischen einem Feuerdorn-Gebüsch und unserem hölzernen Schattenspender, der da stehen bleiben sollte, wo er im unwirtlichen Wachstumsklima schon ziemlich gross geworden war. Bei der Strategie waren wir uns anfangs nicht wirklich einig. Anständigerweise habe ich erst Pauls Vorschlag umzusetzen versucht. Der Anhängerzug fand aber am Ende nur auf eine Art und Weise Platz. Nämlich so, wie ich mir jahrelang an flugfreien Nachmittagen mit Unterstützung von genügend kühlem Rosé den Ersatz des baufälligen Wohnwagens ausgerechnet hatte. Vorwärts hinein in den Platz mit der ganzen Bagage – und dann von Hand 60° drehen. Klingt einfach, nicht? Vorher noch alle Gartenplatten abräumen, damit man schadlos mit dem schweren Opeli auf den Platz rollen kann, ohne alles zu verbrösmele. Danach den Hänger abhängen und das Zugfahrzeug knapp zwischen Camper und Gartenhaus wieder aus dem Lavendelgarten hinauswickeln. Es war nicht so kompliziert, wie es hier klingt. Und es klappte gleich auf Anhieb. Anhieb heisst 30 Minuten Fluchen, Schwitzen, Stossen und Zerren, um mit dem Hauptrad am Ende entscheidende zehn Zentimeter näher am Feuerdorn – exakt am Zielort zu stehen. Es hätte weder hinten noch vorne ein Streichholz zwischen dem Wohnwagen, Baum und Feuerdorn vertragen…

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Da steht er nun, fein zwischen Baum und Feuerdorn-Gebüsch eingeparkt, nach einer eländ langen Fahrt quer durch ganz Europa – unser ’neuer‘ Tabbert. Als wäre er immer schon hier gewesen.

Das Beste kommt zum Schluss.
Vinon hat im November einen eigenen Charme. Verlassen. Dunkel. Kalt. Menschenleer. Besonders viel Charme entwickelt der Platz, wenn die sanitären Anlagen umgebaut und damit komplett ausser Betrieb sind – so wie im November 2014. D.h., da war kein Wasser auf dem ganzen Gelände. Nicht zum Zähneputzen, oder Duschen und auch sonst mussten wir für jeden Tropfen einen halben Kilometer zum zweiten Camping-Feld und das dortige Duschhäuschen zurücklegen. Kein Problem soweit. Tagsüber. Wenn’s hell ist. Und mit unseren fahrbaren Untersätzen, zwei ehemaligen Schweizer Zurbuchen-Halbrennern (damals schnittige Fahrräder mit fünf Übersetzungen) sowieso nicht. Nachts, ohne Beleuchtung, wird das etwas schwieriger – doch alles der Reihe nach!

Das Unglück begann damit, dass Paul ohne seine Brille schon nicht sehr weit und dann eben auch nicht besonders gut sieht. Im Duschnebel des ungewohnten Sanitär-Hauses muss er seine Seh-Hilfe ‚irgendwo‚ abgelegt haben. Das hat er interessanterweise erst (…) nach einer abenteuerlichen Fahrt auf meinem rassigen Fahrrad über das zappendustere Geländes des holperigen Campingplatzes im schummerigen Licht des Dynamo-angetriebenen Fahrrad-Irrlichtes im ebenfalls erstmals benutzten Wohnwagen festgestellt. Etwas ungestüm wollte er dann grad sofort zurück zum Duschhaus, um seine Brille zu suchen. Blöd ist einfach, dass man ohne Brille kaum was sieht, eben auch eine Brille nicht. Und in der Nacht in ungewohntem Gelände mit dem Velo sozusagen im Blindflug um Schlaglöcher und herabhängende Äste zu kurven, ist vielleicht auch nicht die beste aller Ideen.

Na, wo bleibt er denn?
Nach einer Viertelstunde begann ich, mir Sorgen zu machen und streckte schon mal den Kopf nach draussen, ob etwas von Paul zu hören oder zu sehen sei. Na, er wird seine Brille schon nicht sofort gefunden haben, dachte ich mir bis dahin und widmete mich wieder dem Abwasch. ‚Also, wenn er in fünf Minuten nicht da ist, muss ich ihn suchen, dann ist etwas passiert!‘ Aber soweit kam es nicht. Plötzlich irrlichterte im linken Augenwinkel kurz ein schwaches Licht vor dem Fenster vorbei. Begleitet vom vertrauten Geräusch von im Kies knirschenden Fahrrad-Reifen. Aha, das muss der Paul sein! Sekunden später wechselte die vertraute Akustik schlagartig zu bisher nicht gekannten Geräuschen. Ein ‚Chrrttssschhhh‚ wurde von einem ‚Wuummppfff‚ abgelöst. Kurz danach war wieder ein Sekundenbruchteil lang Ruhe, dann folgte ein ‚Wumm, Klirr‚. Kurz. Heftig. Und dann ein langes ‚Aaaahhhh. OOoooohhh. Uuuhhhh.‘ Wieder ‚Aaaahhhh….‘ Und dann eine lange Pause.

Überschlag.
Sofort verliess ich den Wohnwagen, um nach Paul zu sehen. Da hüpfte der rüstige Rentner bereits munter auf einem Bein durch den Garten. Offensichtlich musste er sich bei seiner Suche nach der Brille verletzt haben. Und gefunden hatte er sie bis dahin auch nicht, jedenfalls war da nichts auf der Nase. Dafür schien der Fuss und die Hand ziemliche Schmerzen zu bereiten. Nach ein paar Minuten, in denen die gröbsten Schmerzen verrauchten und einer Reihe nicht jugendfreier Äusserungen über meinen Camping-Nachbarn erzählte er mir dann, was passiert war. Paul hatte alle Schlaglöcher erfolgreich umfahren. Was er in der Dunkelheit übersehen hatte, war sozusagen die Abfahrt von der Hauptsrecke in meinen Camping-Garten. Worauf er mit seinem Stuntman-Tempo zuweit über die Kurve hinaus geraten und im Garten meines Nachbarn in der Dunkelheit auf ein Hinderniss geprallt sein müsse.

Oha – jetzt war mir sofort alles klar. Es gibt verschiedene Arten, wie man seinen Vorplatz befestigen kann. Mit Gartenplatten. Sauber verlegt. Normal halt. Und da gibt es mindestens einen, der versucht dasselbe mit zufällig verteilten, alten Europaletten. Auf denen man bei Hochwasser hüpfenderweise seinen Caravane habitable erreichen kann. So einer ist mein Nachbar! Da bin ich selber sogar bei hellem Tageslicht schon drüber gestolpert, wenn auch ohne grössere Blessuren.

Kein Wunder, dass es da meinen Paul nächtens und ohne Sehhilfe so bös erwischt! Er hat sage und schreibe in seinem beachtlichen Alter von 70 Lenzen einen mehr oder minder eleganten Vorwärts-Salto vom Fahrrad hingelegt, als er mit dem Vordrreifen eine der Paletten erwischt hat. Und bis auf die Blessuren an der Hand und am Unterschenkel blieb er Gottseidank unverletzt! Das hätte aber richtig schief gehen können. Wenn der Paul nicht trotz seiner zahlreichen Jahrringe bis heute so uumäär beweglich geblieben wäre.

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Unter Rentnern: gemütliches Nachtessen mit Paul Kläger (re.) und Karl Thönig (li.), der ständig in Vinon (in einer anständigen Behausung) lebt und mir bei der diebstahlsichernden Demontage der Deichsel geholfen hat.

Noch auf der Heimfahrt, zwei Tage später hat Paul in ruhigen Momenten immer wieder bekümmert seinen Handrücken und das Wadenbein betastet – es muss noch fast zwei Wochen lang geschmerzt haben!

Das Schlimmste an der Geschichte war aber der Moment, als er seine Brille wieder gefunden hat. Sie lag nämlich friedlich in seiner Dusch-Zubehör-Tasche, wo sie eigentlich auch hingehörte. Paul hatte sie dort bloss übersehen, sie hat die ganze Zeit im Wohnwagen gelegen. Die lange Reise und der Unfall waren damit sozusagen vergebens gewesen. Auaaa!

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…schön ufem Hund! Der zweitägige Kampf mit Gartenplatten, Überdach & Co. haben mindestens beim Jüngeren der beiden Helden gehörig Spuren hinterlassen…

Was mir bleibt, ist, mich bei meinem treuen Helfer für den Chrampf in Südfrankreich öffentlich zu bedanken. Da reichen das gespendete Food & Beverage sicher nicht aus. Was wäre die Welt ohne Menschen wie Paul! Herzlichsten Dank nochmals, Paul – und mach doch künftig bitte nur noch Überschläge mit dem Segelflieger und ausreichend Luft darunter!

Viel Luft unter dem Rumpf.

Etwas eingeschränkte Bewegungsfreiheit –
trotzdem tolle, gemütliche Flüge

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Die menschenleere Region an der Grenze zu Italien, hier im östlichsten Vallée d’Ubaye, ist mit ihren wilden Granitzacken der Aiguille de Chambeyron immer einen Segelflug wert.

Fliegerisch ist dieser Juli 2014 geprägt von Wetterlagen, bei denen man zwar täglich schöne Flüge durch die südfranzösischen Voralpen und im Flachland unternehmen kann, ‚Weitschüsse’ in die hohen Französischen oder Schweizer Alpen bleiben aber Mangelware.

Dem fliegerischen Vergnügen tut dies aber keinen Abbruch, alle Starts führen jeweils quer durch das überhaupt nutzbare Segelflugfenster Südostfrankreichs. An die teilweisen geringen Arbeitshöhen muss ich mich allerdings gewöhnen, zweimal stecke ich nach einem ungewohnt kniffligen Abflug über des Plâteau Valensole in Puimoisson beinahe fest und komme dort erst auf Landevolten-Höhe wieder weg. Die Funkfrequenz eingestellt, die linke Hand am Fahrwerk, komme ich aus den Geländefurchen in Flugplatznähe aber beide Male mit Geduld doch wieder weg. Einmal rettet mich ein Raubvogel, der mir zeigt, wie es geht, ein andermal ist es eine Geländemulde am Ende eines der ‚Täler’ auf dem Plâteau, an deren Ende die Thermik anfangs zaghaft und unrund, später stark und gleichmässig auslöst.

Einmal auf komfortablerer Arbeitshöhe freunde ich mich aber zunehmend mit dem Fliegen im Flachland an. 2’000 Meter Luft unter dem Rumpf sind schon eine gemütliche Sache.

 

Es muss nicht immer bodennahes Abtasten der Alpenkreten sein, Flüge über die Wälder des Lubéron, in denen höchstens Obelix‘ Wildschweine die Ruhe stören, in den Nationalpark Vercors zum eigenwillig geformten Mont Aiguille, an die wilden Granitzacken der Auguille de Chambeyron oder über die einsame Region an der französisch-italienischen Grenze (Parc National du Queyras) entlang bis hinauf zur architektonisch auffälligen italienischen Skistation von Sestriere sind aber trotzdem drin. Für einmal bleibt viel Zeit, ausführlich die vielfältige Landschaft zu geniessen.

Das müsste ja eine fantastische Region für Skitouren sein… Höchste Zeit, nach den Sommerferien wieder etwas zu trainieren, damit ich meinen Bierbauch wieder auf ein Mass zurücktrimme, mit dem ich solche Berge noch oder wieder hinaufkomme 🙂

Link auf die ausführliche Bilder-Galerie.

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Unberührte, wilde Berglandschaft im östlichsten Teil des Vallée d’Ubaye.

Und hier sind die Links zu den IGC-Daten:

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Zwischen Aiguille de Chambeyron und dem Pic de Rochebrune. Irgendwo steckt wie üblich auch noch der imWinter sogar aus den Schweizer Alpen sichtbare Monte Viso in den Wolken.


Ubaye-Tal, Sestriere, Ecrins:

http://www.onlinecontest.org/olc-2.0/gliding/flightinfo.html?dsId=3873503

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Über dem südlichen Vallée d’Allos in der Region von St.-André-les-Alpes / Castellane.


Jojo zwischen Rosans und Le Luc, Flug um den Kessel von Gap:

http://www.onlinecontest.org/olc-2.0/gliding/flightinfo.html?dsId=3883157

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Parc National du Vercors und die Glandasse. Wer hat sonst schon so schöne Namen für einen runden Felsabbruch und eine Hochebene mit einer Million Grotzli (Tännchen)?


Voralpen-Flug in den Parc National de Vercors

http://www.onlinecontest.org/olc-2.0/gliding/flightinfo.html?dsId=3889109

Südostfrankreich – zeitweise das einzig fliegbare Wetterfenster.

Während im Juli 2014 im Norden der Alpen Rekord-Regenmengen niederprasseln und in der Schweiz beispielsweise das Emmental gleich mehrmals unter Wasser setzen und erhebliche Schäden anrichten, profitieren die Gäste Südostfrankreichs von zwar kühlem aber trockenem Sommerwetter.

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In unserer ersten Ferienwoche kühlt uns zwar wegen der Nordwest-Stau-Lage, die für die hohen Niederschlagsmengen verantwortlich ist, der Mistral tagelang auf dem Campingplatz in Vinon etwas aus – was ja für uns käsebleichen und die Sonne ungewohnten Nordeuropäer angenehm ist – aber immerhin bleibt das Wetter trocken. Segelfliegen ist im Flachland und in den Voralpen so täglich möglich, wenn man nicht den Anspruch hat, sehr lange Strecken fliegen zu wollen. Für ein paar nette Ausflüge hat es aber doch gereicht.

Ab in die Welle.
So gelingt etwa am 8. Juli ein ebenso einfacher wie bilderbuchmässiger Einstieg in das Mistral-Wellensystem direkt über dem Pistenende 28 von Vinon. Ein kurzer Schleppflug von wenigen Minuten bis auf Landevolten-Höhe reicht aus, um in einem ruhigen Rotoraufwind gleich eine schwache Welle zu erwischen. Diese und eine Freigabe bis auf FL 115 von Salon Approach vereinfachen den Vorflug aus den Leewellen in den östlichen Ausläufern des Lubéron bis in die nächst nördlichere Welle an der Lure und damit auch ins dort aktivierte Wellenfenster.

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Ansturm feuchter Luft.
Von der Lure aus scheint wegen der aus Norden angespülten, feuchten Luft der Weiterflug ins Becken von Gap am logischten. Nach Nordwesten, wo ich von hier aus meistens weiterfliege, fliesst so viel feuchte Luft ein, dass ich auch aus 5’000 M.ü.M. aus einer immer noch flach scheinenden Optik auf die Wolkenmassen keine Wellenstrukturen erkennen kann und mir auch nicht vorstellen mag, irgendwo in dieser Wolkensuppe vielleicht ohne Sicht auf den Boden gescheit vorwärts fliegen zu können. Darum reise ich gemütlich durch das offenere Becken von Gap nach Nordosten, soweit, bis ich am Fuss der höheren Alpen wieder auf eine geschlossene Wolkenmasse stosse.

Hoch hinaus am Pic de Bure.
Am Nordende der Alpenstadt Gap kann ich aus verschiedenen Rotorfetzen den passenden Einstieg in die nächst kräftigere Welle südöstlich des weitgehend in Staubewölkung eingepackten Pic de Bure auswählen und gemütlich bis über 5’000 M.ü.M. hinauf klettern und dabei die Aussicht geniessen. Wie immer beim Wellenfliegen erlebe ich das Dilemma, dass man zwar wie in einem Höhenrausch wunderbar ruhig in einem Lehnstuhl die Show geniessen kann. Die anstürmenden feuchten Luftmassen setzen einem Streckenflug aber Grenzen. Im Osten ist das obere Durancetal bei Embrun nur schemenhaft in tiefen Wolken und Schauern zu erkennen. Die hohen Gipfel der Ecrins sind bis auf meine höchste erreichte Höhe auf ca. 5’000 M.ü.M. mit Watte eingepackt. Dazwischen sind kaum Lücken zu erkennen. Dahin möchte ich also lieber nicht, zu unüberschaubar ist die Situation. Und ‚ontop’ im Segler dahin zu gleiten, ist auch nicht besonders vernünftig.

Was macht heute man bloss mit 5 Kilometern Höhe?
Also wähle ich die Route, die in all der Feuchte noch am vernünftigsten aussieht und ziehe nach einem Versuch, in der Region Orsières wider Erwarten doch eine Welle zu finden, die mich vernünftig nach Briançon bringt, die Nase des Segelflugzeuges wieder nach Westen und schliesslich in einem grossen Bogen zurück ins Vallée du Jabron und am Ende wieder an die Lure zurück. Meine vorherige Einschätzung erweist sich als richtig. Es ist fast unmöglich, zwischen dem Col de la Croix Haute und dem Vallée du Jabron eine schön strukturierte Welle zu finden und auszunützen. Aber irgendwas muss man ja mit 5 Kilometern Höhe anstellen, den ganzen Nachmittag am gleichen Punkt zu sitzen, scheint mir nicht sehr spannend zu sein.

Weil’s so schön bequem ist und eigentlich kaum andere Möglichkeiten vorhanden sind, drehe ich nochmals eine Runde um Gap, um in einem langen Endanflug bis weit südlich von Vinon zurück zu fliegen. Dass die Helikopterbasis von Le Luc deaktiviert und im Ferienmodus ist, ermöglicht für einmal, in Regionen vorzustossen, die sonst wegen geschlossener Lufträume unerreichbar bleiben.

Insgesamt ist das doch kein schlechter Anfang für den diesjährigen Fliegerurlaub mit Familie!

Link auf die Bilder-Galerie.
Link auf das IGC-File.

Deborah will ans Matterhorn.

Auf dem ersten Segelflug quer durch die Schweizer Alpen

Samstag, 27. Juli 2013. Wie ihre beiden älteren Geschwister, möchte auch unsere Jüngste, Deborah, einmal ein tolles aviatisches Abenteuer erleben. Das versuchen wir an einem der heissesten Tages des Jahres in die Tat umzusetzen. Allerdings sind wir beide trotz Deborahs Motorflugzeug-Erfahrung etwas verunsichert, ob sie die Segelfliegerei ebenso gut verträgt wie das Reisen mit dem Propeller an der Flugzeugnase.

Deborah vor ihrem ersten Segelflug im HB-3416, unserem bewährten Duo Discus X

Bloss nicht schaukeln.
Wir gehen das Unterfangen vooorsicchttig an und ich gebe mir Mühe, im ersten Aufwind ohne allzugrosse Schaukler Höhe zu gewinnen. Gelingt dank der schön gross platzierten Thermik über dem Kamm vom Spitzmeilen zum Gulderstogg immerhin so gut, dass Deborah oben angekommen vorerst Entwarnung gibt. Sie scheint die Schauklerei zu vertragen. Öpänäsgörpsli ist nicht zu vermeiden, aber es bleibt bei den gasförmigen. Am wenigsten mag sie den Wechsel des Variometer-Signals von ‚Thermik’ auf ‚Sollfahrt’. Das bedeutet, dass unmittelbar beim Wechsel des akustischen Signals das Segelflugzeug in einem schwachen Parabel-Flug ein paar negative Beschleunigungen produziert. Die mag sie anfangs überhaupt nicht, später gewöhnt sie sich dran, immerhin geht’s ja dann auch wieder ein Weilchen geradeaus.

Unesco-Welterbe ‚Alpen-Haupt-Überschiebung.
Also zielen wir mit der Flugzeugnase ins Elmer Raminertal, wiederholen die ganze Sache, damit wir danach ein Weilchen geradeaus fahren können. So erholt sie sich bestimmt von allfällig aufkommendem Unwohlsein – das wäre der Plan gewesen. Soviel Sorge ist allerdings unangebracht. Deborah ist wetterfest und wird schon bald einmal übermütig. Sie will jetzt gleich ans Matterhorn. Wenn schon, denn schon!

Unter uns verschwinden inzwischen die Tschingelhörner mit der verkehrt herum geschichteten Geologie unter dem rechten Flügel. Wenn die Touris alle wüssten, von wo aus man den schönsten Blick auf’s Martinsloch und die Alpen-Haupt-Überschiebung hat – wir könnten uns in Schänis nicht mehr vor den Fluggästen retten.

Kurvenfrei ans Eggishorn.

Wir kommen dank flotter, starker und regelmässiger Aufwinde prima durch die Surselva und queren bald einmal den Oberalp- und später den Furkapass. Das scheint ja tatsächlich heute noch etwas zu werden mit Deborahs Flug zum Matterhorn! Bis an den Aletschgletscher müssen wir kaum kreisen. Was der jungen Dame auf dem Vordersitz natürlich bestens gefällt. Auf der linken Seite taucht ganz weit hinten in den Visper-Tälern das Matterhorn auf. ‚Isch etz aber schu nuch a schüüs Stugg detane’!

Die richtige Taktik macht’s aus… (I)

Die Wetteroptik verlangt erste wichtige Entscheide. Die Walliser Südseite ist bei Südwestwind immer eine trickreiche Angelegenheit. Die zerrissenen Cumuli und eine ungemütlich tiefe Wolkenbasis lassen mich zweifeln, ob das jetzt eine gute Idee ist, mit meiner Tochter in die Chrächen des Mattertales einzufliegen und dort in den ruppigsten und heute wohl auch noch verrissenen Aufwinden bei Täsch den Duo Discus nach oben zu zwirbeln. Das wäre dem korrekten Verdauungsweg von uns beiden wohl kaum förderlich. Also beschliessen wir gemeinsam, einfach geradeaus zu fliegen. Soweit die Cumuli stehen (also bis ans Ende der Walliser Nordkette bei Martigny).

Das ganze Wallis hinunter.

Genau so machen wir es dann auch. Wir bleiben auf der Walliser Nordseite. Die ist vom Südwest angeblasen, von der Sonne voll beschienen und produziert entsprechend schöne Aufwinde. Bis zum Diablerets-Gletscher (Glacier 3000) rauschen wir mit einer flotten Reisegeschwindigkeit westwärts, nur ab und zu unterbrochen vom Wechsel des Variometers auf das ‚Püüpüüpüü’, das steigende Luft ankündigt, die wenn möglich ausgekurbelt werden sollte. Ich gebe mir alle Mühe, nur wenige Aufwinde mit über drei Metern pro Sekunde Stärke zu benutzen, damit Deborahs Zmorge dort bleibt, wo er hingehört.

Richtige Taktik (II)
Über Glacier 3000, wo die Japaner in unpassendem Schuhwerk von der Seilbahnstation einen Kilometer über den schrumpfenden Diablerets-Gletscher ans Ende des Plateaus täppeled, werden die Aufwinde zunehmend unstrukturierter (oder ich treffe sie mal wieder nicht). Der Südwest wird stärker. Die Wolken laufen auseinander, die Ränder werden breiter. Wir beschliessen, hier den Blinker links zu setzen und den Rückweg unter die Flügel zu nehmen. Ist ja nicht so schlecht, wenn man auf seinem ersten Segelflug bis Martigny kommt!

Der Heimweg ist praktischerweise fast identisch mit der Strecke, auf der wir hergekommen sind. Zwei Ausnahmen warten dann aber doch auf uns. Deborah wird in der dünneren Luft auf fast 3’800 Meter etwas müde. Trotz der unglaublichen Szenerie im hintersten Lötschental über der Fafleralp. Die erste Ausnahme in der Streckenführung ist die Abkürzung über den ‚Walliser Glacier-Highway‘. Diese Strecke führt uns inmitten gleissender Gletscher, Gipfel und Grate über den Petersgrat, die Lötschenlücke, den Aletschgletscher, die Grünhornlücke und das Wasenhorn zurück ins grüne Oberwallis. Das ist allerdings auch schon grüner als jetzt gewesen. Damit sind wir bei der zweiten Abänderung.

Richtige Taktik (III)
Im Oberwallis het’s nämmli ä CB vertätscht! Ziemlich trübe, graue Optik. Regenschauer über der Furka, im Goms, Urserental vermutlich auch noch. Hmmh, das wird etwas ungemütlich, sollten wir wie geplant dahin queren wollen. Da schüttet es ziemlich fescht. Ich taste mich mit dem Duo Discus vorsichtig Richtung Grimselpass, immer drauf bedacht, alles an Höhe mitzunehmen, was da noch übrig bleibt.

Gewitter über der Furka.

Am Tierberg über dem Oberaarsee kann ich eine Viertelstunde in einem schwachen Ufwindli das Segelflugzeug parkieren und in Ruhe die Lage beurteilen. Die Aussicht auf die Berner Oberländer Eisriesen ist gewaltig. Der CB baut indessen davon unbeeindruckt weiter auf, der Regen in der Region Furka, Urserental nimmt nicht ab. Jetzt bloss den richtigen Entscheid treffen, damit aus unserem gemütlichen Segelflug nicht am Ende doch noch ein Abenteuer wird. Der Weg über Andermatt scheint mir nach langem Abwägen (zu) riskant. Selbst wenn wir den Regen einigermassen schadlos überstehen würden, verhindern die Ausbreitungen, dass wir in den Urner Alpen oder später in der Surselva, wenn wir sie denn noch erreichen, brauchbare Aufwinde antreffen.

Das schwache, mit zunehmender Höhe sogar wellenartige Steigen trägt uns inzwischen bis weit über 3’000 Meter hinauf. Der angekündigte, aufdrehende Südwest ist spürbar. Der könnte uns heute noch nach Hause tragen. Der Plan ist damit klar: Wir zielen nach Norden hinaus zum Titlis, steigen da nochmals auf die höchstmögliche Höhe und fräsen dann einfach über den Klausenpass nach Hause.

Schüttliges Urnerland.

Über der Melchsee Frutt trägt uns beide nochmals ein kräftiger Aufwind auf Endanflughöhe. Deborah erkundigt sich hin und wieder, wie lange die Kreiserei denn noch gehe…? Aber insgesamt hält sie sich super-tapfer. Auch in der letzten, etwas spannenderen Stunde mit allerhand Unwägbarkeiten wie etwa einer Landung irgendwo auf einem Flugplatz. Sowas möchte sie dann schon lieber nicht.

Unseren Gspänli geht es teilweise so. Renato muss in Raron übernachten. Markus und Roland sind für den Ausflug ins Mattertal mit einer nicht ganz einfachen Heimreise ‚gestraft’ worden. Martin und Tizian kommen sozusagen unter dem Gewitter erstaunlich problemlos in die Surselva. Wäre also etwas später auch noch gegangen.

Liegend auf den Speer.

Wir ziehen den Duo durch die Urner Alpen ins Brunnital, ganz knapp hinter den Kreten der Schächentaler Windgällen. Da spüren wir dann den Südwest ziemlich gut, den Duo stellt’s gleich mehrmals auf die Nase. Deborah verträgt aber jetzt sogar sowas, sie hat sich an die grösste Achterbahn der Welt gewöhnt. Den Endanflug durch das Glarnerland und über den Federi- und Speer-Spitz findet sie einen speziellen Genuss. Auf den Speer musste sie letztes Jahr mit der Schulklasse hinaufsteigen. Da ist Segelfliegen doch erheblich bequemer.

Wir beschliessen unseren schönen gemeinsamen ersten Rundflug bei einem guten Coupe auf Wolfgangs Terrasse. War eine flotte Reise ins Unterwallis. Vielleicht wird ja noch einmal mehr draus?

Link auf’s Foto-Album.
Die technischen Daten des Fluges.

Mit Heinz auf der Tour du Valais

Freitag, 26. Juli 2013. In der letzten Juli-Woche will der Sommer offenbar konzentriert alles aufholen, was wir vorher versäumten. Die Rekord-Temperaturen über der Schweiz sind in den Medien auf den Titelseiten. Die eingestrahlte Sonnen-Energie wollen wir nutzen, um den Arcus M auf einem tollen Hochalpen-Flug in die Westalpen etwas auszulüften.

Höhepunkt jedes Segelfluges. ‚Vue Cervin‘.

Heinz Brem hat in den vergangenen Woche mit dem Auspuff- und Zündsystem des Arcus M eine Menge Arbeit und Aufwand betrieben. Frisch aus dem Werk zurück wollen wir testen, ob nun alles einwandfrei läuft. Das tut es. Der schwere Segelflieger legt einen einwandfreien Eigenstart auf den Asphalt und steigt mit dem im Prospekt versprochenen Steigen in die Glarner Alpen. Dort wollen wir auf dem ‚Sommerweg’ ins Vorder-Rheintal abschleichen und ins Wallis fliegen.

Über dem Spitz musst Du eindrehen…

Wir brauchen heute etwas Zeit, um im Sernftal einen schönen Aufwind zu finden. Mit etwas Geduld erreichen wir aber in zuverlässigem Steigen die Abflughöhe Richtung Flims. Von da aus geht es den wie an einer Schnur aufgereihten Wülchli im Nu über Oberalp, Furka auf der Nordseite des Wallis entlang bis nach Martigny im Unterwallis, wir kommen entspannt, sicher (kaum Luftverkehr) und prima voran.

Die Basishöhe war auch schon komfortabler, was für uns aber mehr wert ist: die Thermik ist zuverlässig. Man kann bei dem schwachen Wind heute fast ein Kreuz auf den Boden unter den Cumuli malen und dann da drum herum kreisen. Kein Versatz, keine Achterbahn. Einfach rundherum Steigen – nicht gerade wie in Namibia – aber es reicht für eine tolle Stimmung an Bord und zwei zufrieden grinsende Besatzungs-Mitglieder aus.

Von Heinz habe ich schon viel lernen können. Heute kommt noch was dazu. Er verrät mir, dass er immer am besten wegsteige, wenn er über einem Gipfel(chen) aufdrehe. Ich habe da ja immer meine liebe Mühe, unter einer fetten Cumulswolke das beste Steigen zu treffen. Also testen wir natürlich Heinz’ Taktik über dem Mont Bovin nördlich von Crans erstmals genauer aus. Funktioniert einwandfrei. Die Berggipfel rundherum mit den etwas irritierenden Namen ‚Sex Mort’, ‚Sex Rouge’ und ‚Sex Noir’ verschwinden unter uns. Die Walliser Marketing-Fachleute vom mehrheitlich katholischen Office du Tourisme unternehmen schuuafedallerhand für ihre Gäste. Toter, Roter und Schwarzer Sex… und das auch noch auf einem unwirtlichen Berggipfel???

Ins Tal der Wölfe.

Beim letzten Berggipfel vor dem Rhoneknie wechseln wir die Talseite. Da braucht man von Sion auf unserer Höhe keine Freigabe mehr. Ich möchte Heinz gern mein Walliser ‚Tal der Wölfe’ (Val Ferret) zeigen. Den Einstieg machen wir über Champex, einer kleinen, hübschen Alpen-Destination mit eigenem Badesee. Und einem noch hübscheren Aufwind auf der Südseite eines unscheinbaren Bergkegels, der etwas verloren in den Unterwalliser Tälern herumsteht.

Ins Val Ferret wollen wir nicht nur, weil die Walliser Schäfer und Jäger da immer mal wieder illegalerweise nächtens einen aus Courmayeur eingewanderten, vierbeinigen Subventionen-Sammler (‚Loup alpin’ auf dem Subventionen-Form.-Nr. 152.04 oderso) mit Schrot und Patronen abmurksen. In der Gegend sind Schafe ja besser mit Subventionen ausstaffiert als Kindergarten-Plätze.

Reise durch die eigenen Bergsteiger-Erinnerungen.

Nein, dahin wollen wir vor allem der Thermik und der wunderschönen Gegend wegen. Das Val Ferret ist umgeben von den schönsten Granitzacken der Westalpen. Erinnerungen an die wilde Bergsteigerei kommen auf. Hier sind wir vor dreissig Jahren (!) mit Tourenski, Pickeln und Steigeisen früher die Wände hoch. Und die sind aus jetzigem Lebensalter und Distanz betrachtet uhuäräschteil. Aiguille Verte, Les Courtes, Les Droites (beide völlig unpolitisch), Aig. du Triolet, Mont Dolent, Aiguille d’Argentière – zu jedem Gipfel schiesst mir eine Geschichte durch den Kopf, während wir über dem Col Ferret auf die bisher höchste Höhe dieses Fluges klettern. Die Aufwinde werden stärker, die Wetter-Optik verspricht einen Rückflug auf der Südseite des Wallis mit höchstem Genuss-Faktor.

Haute Route mit Viertausender-Vollbad.

Am dreiseitigen Grenzberg zwischen Frankreich, Italien und der Schweiz, dem Mont Dolent, wenden wir die Nase des Arcus M nach Osten und bestaunen aus eigentlich schon komfortabler Höhe die noch höheren Südwalliser Gipfel. Wir folgen der Haute Route durch eine Unzahl Walliser Viertausender, nur viel bequemer als mit den Tourenskis. Bei der Bestimmung der zahlreichen Stauseen sind wir uns nicht auf Anhieb einig. Sieht auch alles ähnlich aus.

Heinz zirkelt unbeeindruckt davon am Lac de Mouvoisin (das habe ich jetzt nachgeschaut) das Segelflugzeug die Wände hoch, so dass wir direkt über die Bertolhütte und den Col d’Herens im hohen Relief mit unverbauter ‚Vue Cervin’ (verdoppelt den Liegenschaftenpreis im Val d’Anniviers) ins Mattertal einfahren können.

Das ‚Horu’ ist und bleibt der schönste Zacken der Welt! Heinz verdreht sich auf dem Vordersitz, um unser Logo von SchänisSoaring auf der Innenseite der Winglets in die richtige Position zum Matterhorn in den Fotoapparat zu bringen. Mit etwas Schieben und zusätzlichem Sinken, das der Arcus ja locker verträgt, können wir für die Leute von Schempp-Hirth den endgültigen Beweis festhalten, dass alles am Arcus M wieder einwandfrei funktioniert und man damit toll fliegen kann.

Über dem Spitzli (!) des Gornergrat fädeln wir den Arcus M so hoch hinauf, wie wir können, also auf 3’950 Meter, und machen uns dann direkt mitten, über und um die aufschiessenden Wolken auf den Weg Richtung Binntal.

Tolle Verlängerung.

Der Rückflug über die Furka und den ‚Schneehüener-Stock‚ am Oberalp (auf diesem Gipfel hat Heinz Militärdienst geleistet) reisen wir gemütlich in die Surselva. Da werden dann auch noch verschiedene Zentrier-Techniken durchprobiert… Am Ende setzt sich jene mit dem Spitzli wieder durch. Inzwischen hat uns der Markus von der Crone, der heute um dem Mont Blanc herum geflogen ist, wieder eingeholt und dreht in seiner ASG-29 sauber unter uns in den Aufwind ein. Wir sehen ihn später am Ofenpass noch einmal. Toll, mit dem Arcus M sehe ich Markus auch mal von oben. Sonst bin ich mir das nur von hinten und unten gewohnt, so schnell ist er immer unterwegs. Dazwischen fliegen wir am Piz Kesch durch die ersten reinigenden Tröpfli. In dieser Region schiessen die Wolken immer zuerst hoch und verursachen die ersten Schauer.

Schneller Endanflug.

Dass dieses Segelflugzeug oder genauer formuliert, dieser ‚Raumgleiter‘ gut fliegt, wissen wir inzwischen natürlich. Trotzdem gehen wir von der Nuna aus den Endflug vorsichtig an und reisen vorerst nur mal mit 150 km/h Richtung Heimat. Ab Klosters produziert der Endanflug-Rechner aber etwas gar viel Überschuss-Höhe. Darum drücken wir etwas auf die Nase und erhöhen den Speed auf die derzeit noch maximal zulässigen 200 km/h. Aber auch so flitzen wir am Ende auf rund 900 Metern über den Flugplatz Schänis. Unglaublich, wie dieses Flugzeug gleitet.

Ein toller Flugtag, eine wunderschöne ‚Tour du Valais’ geht mit einer sauberen Ziellandung von Heinz zu Ende. Danke für den tollen Flug, Heinz – besser wird’s nümmä!

Link auf die technischen Flugdetails.
Link auf’s Fotoalbum.

 

Sommer 2013 in Vinon: Ferien im Dampfbad

Südfrankreichs Atmosphäre explodiert – ungewöhnliche Bedingungen

15. Juli 2013. Dieser Vinon-Jahrgang bringt eine verkehrte Wetter-Welt. Während in der Schweiz Luftmassen liegen, wie man sie sonst um die Jahreszeit eher in der Provence erwartet, versinkt die Region dort in einer explosiv-heiss-feuchten, dampfigen Pampe. Pünktlich um drei Uhr nachmittags schiessen während Tagen die CB’s rund um Vinon in die Höhe und ergiessen ihre Wassermassen in starken Schauern auf engen Raum. Die Provence ist damit zwar grüner als sonst – aber segelfliegerisch nahezu unbrauchbar. Diese Konditionen sind nicht einschätzbar. Die CB’s dehnen sich abends auf dem Satellitenbild von der Provence bis nach Turin aus. Gewaltig, eindrücklich – aber besser, man erlebt sie am sicheren Boden.

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ungewöhnlich feucht-warme Luftmasse auch über dem Briançonnais. Blick Richtung Grenoble

Während der ersten Tage ist so an ein Auspacken des Segelflugzeuges nicht zu denken. Ein paar Tage fürchte ich sogar, den Flieger ungenutzt wieder nach Hause ziehen zu müssen – was mir in den ganzen 25 Jahren, seit ich hier fliege, nie passiert ist. Die Familie geniesst dafür das perfekte Touristen-Wetter und den beinahe in einer Überdosis anwesenden Familienvater bei Ausflügen an die lokalen Badeseen oder ans Meer. Wie etwa hierhin: Bandol. Lac d‘Esparron. Les Vannades. Cap Couronne.

Der Ölspur entlang

Am Donnerstag kann ich dann die ASW-20-B doch noch auspacken und an einen Segelflug denken. Er führt über das Plâteau Puymichel und später den Parcours des combattants entlang auf gewohnten Wegen gleich in die Ecrins hinauf, wenn auch auf etwas tiefen Flughöhen. Den Glacier Blanc darf ich für einmal von ganz unten bewundern. Das hat den Vorteil, dass man an der Crête des Agneaux bzw. später an der Meije die endlos hohen Granitwände von zuunterst bis zuoberst in ihrer vollen Höhe hinaufklettern kann. Wenn man das früher einmal ‚von Hand‘ gemacht hat, weiss man die liegende Position in einem zwar bequemen, aber auch leicht überhitzten Cockpit natürlich ebenso zu schätzen wie den stets griffbereiten Trinkhalm und geniesst das etwas stressige und enge Achten-am-Hang-fliegen deshalb doppelt.

Ist heute etwa ‚Le Tour‘ am Ventoux?

Krönender Abschluss nach diesen Ausgrabungen aus den tiefen Löchern der Ecrins ist nach dem Queren des Beckens von Gap und der Rückkehr an die Lure der Überflug des Mont Ventoux. Da sieht es heute aus wie an einer gigantischen Camping-Ausstellung. Die ganze Strasse entlang des kahlen Gipfelhanges ist mit Hunderten von Wohnmobilen gesäumt. Habe ich da etwas verpasst? Das sieht ja aus wie die Tour de France. Wenn aber die stattfindet, müssten jeden Augenblick Helikopter von Armee, Polizei und Medien durch die Lüfte pfeilen… Hmmhh, das kann doch nicht sein – kein Mensch hat heute Morgen am Briefing etwas davon erwähnt? (Normalerweise wird heute ja für den Besuch des US-Präsidenten wie für lokale Kaninchen- und Geflügel-Ausstellungen ein geschützter Luftraum eingerichtet und mit Waffen verteidigt – für die Tour de France ganz bestimmt).

La Version Française du ‚Liegestühle besetzen‘.

Bei genauerem Hinsehen ist zwar allerhand Betrieb auf der Gipfelstrasse, der eine oder andere Gümmeler quält sich den steilen Hang hinauf – sicher bin ich mir aber erst, nicht ungewollt an einer Grossveranstaltung teilzunehmen, als manche Velofahrer den Berg hinunterfahren – was ja an einem Velorennen nie der Fall wäre. Richtige Klärung schafft die Rückfrage am Briefing am anderen Morgen. Die Tour besucht zwar den legendären Provence-Gipfel tatsächlich, aber erst ein paar Tage später. Dafür sind dann auch korrekt entsprechende Notams ausgehängt. Aiaiai!

Tatsache ist hingegen, dass die guten Standplätze an den legendären Tour-Ankünfte schon Wochen (!) vorher von Campern besetzt werden. Da soll mal einer sagen, nur unsere nördlichen Nachbarn besetzten am Hotelpool die Liegestühle gleich nach dem Frühstück mit ihren Handtüchern – ‚les Camemberts‚ sind ja offenbar noch schlimmer.

Immer in Flucht-Distanz

Ein weiterer Flugtag bringt eine Runde linksherum durch die Voralpen der Haute-Provence. Immer mit einem Auge auf die schnell aufschiessenden Wolkentürme in der Region des Plâteau Valensole gerichtet – und entsprechend immer in Fluchtdistanz nach Vinon fliegend, sollte tatsächlich wieder ein Gewitter wie in den Vortagen losgehen. Das macht es dann doch nicht, aber erst, nachdem ich den Flieger auseinandergenommen und in der Verpackung versorgt habe. Passiert immer. Wenn ich ihn draussen lasse, schüttet es dafür ebenso zuverlässig.

Zum Ende des Fluges quere ich erstmals seit vielen Jahren wieder einmal den Lubéron entlang nach Westen. Bonnieux und der Marquis de Sade, der hier ein paar Jahre ‚gewirkt‘ hat, grüssen ebenso aus dem dampfigen Wetter wieder Marktort Apt oder etwa Lourmarin, in dem der Philosoph und Schriftsteller Albert Camus und der in jüngerer Zeit mit seinen ebenso köstlich wie träf formulierten Romanen über den Alltag in der Provence bekannt gewordene Brite Peter Mayle, lebten oder noch leben. Bei dem diesigen Wetter hat man wenigstens Zeit und Musse, über die Gegend nachzudenken, die man gerade überfliegt – wenn man denn schon mal keine Strecken-Kilometer einsammeln will.

Letzte Chance für den Charbonnel.

Mein letzter Flugtag dieser Kurzferien bringt dann auch den schönsten Flug hervor. Die ASW-20-B ist mit einer schönen Menge Wasser in den Flächen für einmal flott unterwegs und trägt mich auf ungewohnten Wegen in die Alpen. Mit Jantoon, meinem vielfliegenden Wohnwägeler-Nachbarn, entdecke ich für einmal die Baronnies. Also geht es heute einmal rechts um die Haute-Provence herum. Soweit, bis ich nur noch dank GPS weiss, dass ich zwar ausserhalb kontrollierter Lufträume fliege – aber nicht exakt wo das gerade ist. Kein Wunder, die Baronnies sehen über lange Strecken zum verwechseln ähnlich aus. Die Ortsnamen sind mir so fremd wie die Rückseite des Mondes. Die Luft ist immer noch voller Feuchtigkeit, wenn diese auch nach Nordosten etwas abtrocknet. Ich geniesse den Flug in ungewohntem Gelände und die Aussicht auf die chaotische Geografie, strebe dann über Serres und die Ceuse an den gewaltigen Kalk-Klotz des Pic de Bure.

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‚Grande-Plume‘ über der eindrücklichen Mondlandschaft des Pic de Bure.

Wie immer bei dem grossen Thermik-Angebot hier am Pic de Bure, habe ich auch heute über den endlos kahlen Schutthalden wieder Anfangs-Schwierigkeiten, einen gescheiten Aufwind zu zentrieren, obwohl es ja bei dieser Topografie haufenweise starke Thermik haben muss. Irgendwann komme ich aber trotz meines Herum-Eierns um den Kern der Thermik doch noch in komfortablere Höhen und mache mich über das Val Gaudemars in die Ecrins davon. Der Weg bis Bardonnecchia ist ein fliegerischer Leckerbissen. Starke Aufwinde. Baishöhen um 4’000 Meter. Nur leider sieht die Maurienne tief und feucht aus. Lange überlege ich, ob ich meinen Lieblingsberg, den Charbonnel, anfliegen soll – lasse das aber nach dem Mithören auf der Vinon-Plauder-Frequenz bleiben. Unsere agile Altherren-Riege (Alain Poulet, Jacques Tavernier, die Gebr. Herbaud sowie Jean-Pierre Cartry) ist zwar mit ihren ‚Grandes-Plumes‘ im Kessel von Aosta gewesen, die Funksprüche versprechen aber nicht die reine Freude an der Schlüsselstelle durch das Maurienne. Also lasse ich das für heute einmal ausnahmsweise bleiben und wende die Nase südwärts, um bei einer genussvollen Runde über den Parcours des combattants, die Gorges du Verdon und das ungewöhnlich grüne Flachland beim Lac de Ste.-Croix diese kurzen Vinon-Ferien ausklingen zu lassen. Der Entscheid, den Flug an der Barrage Rochemolles zu beenden, war richtig. Jantoon, der an den Charbonnel weiterflog, landete am Abend im Durance-Tal aussen.Andere Jahre mit besseren Bedingungen werden kommen – hoffe ich doch wenigstens.

Zusammen ans Matterhorn.

Freitag, 10. August 2012. Heute ist der beste Flugtag unseres diesjährigen Vinon-Aufenthaltes. Wir packen die homogen guten Flugbedingungen und fliegen alle zusammen von Vinon nach Zermatt. Cooler Flug. Cooles Team. Cooler Ferien-Abschluss. Eigentlich kann’s ja kaum noch besser werden!

Nicht originell, aber sicher & schnell: der Trampelpfad in die Alpen.

Wir folgen dabei auch heute der klassischen Route, weil die einfach am schnellsten ans Ziel führt. Zwar in diesem Jahr nicht besonders abwechslungsreich – aber dafür effizient und zielführend. Wir kommen flott voran, liegen weit vor meinem geistigen Zeitplan. Mario macht

Foto von Philippe Stapfer in der ASH-25 ‚NT‘ vom Überflug des Matterhorn-Gipfelgrates.

heute mit seinem voll getankten Discus etwas den Besenwagen und arbeitet sich von hinten hartnäckig immer wieder an seine Vorausflieger heran. An der Barrage Rochemolles hat er uns schon fast eingeholt, da wird unser Fliegergrüppchen in einem einzigen Aufwind ziemlich auseinander gerissen.

Lee-Thermik an der Barrage Rochemolles.

Beim Anflug auf die Ostseite der Staumauer schüttelt es mich ziemlich durch und vor allem der

Unglaublich schöner Berggipfel, auch von dieser Seite: Der Westgrat (Zmuttgrat) des Matterhorns.

Krete entlang auch hinunter. Der Aufwind, den ich suche, ist im NW-Wind-Lee der Aiguille de Scolette. Immer eine etwas schwierige Geschichte, den zu zentrieren, ich bekomme es lange nicht zusammen, während des ganzen Kreises steigen zu können, so steil ich den auch anlege. Kommt davon, wenn man an der falschen Stelle sucht 🙂

Eine Kreis-Hälfte sinkt immer deutlich. Und dann bekomme ich auch noch Gesellschaft von meinen Schänner Kollegen und wir versuchen auf ähnlichen Höhen zu steigen. Das wird mir dann fast etwas eng, zudem müsste die andere Talseite zusammen mit dem Wind eigentlich die ruhigeren und konsistenteren Aufwinde produzieren. Also fliege ich als kleiner Separatista dorthin.

Abgetrocknet.

Während ich so am Col d’Etaches zwar ruhiger aber auch langsamer steige, können Markus, Beat und Valentin den wirbligen Aufwind an der Aiguille de Scolette endlich fassen und mit Geduld auch bis auf 4’000 Meter hinauf nutzen. Der Aufwind scheint im oberen Bereich dann auch wesentlich besser zu tragen als meine Aufwindlinie an den Gipfeln zum Susa-Tal. Die Folge davon ist, dass ‚SV‘ und ‚VN‘ rasch zum Charbonnel gelangen und Mario und ich eine Etage tiefer hinterher hecheln. Mit etwas Geduld kommen wir aber beide dort in den engen, zerrissenen und ruppigen Aufwinden auch hoch genug für den vernünftigen Weiterflug ins hohe Gelände hinüber zum Val d’Aoste. Es dauert aber letztlich bis zum gesetzten Ziel in Zermatt, bis sich die ‚Flugzeug-Handorgel‘ wieder etwas zusammenzieht.

Mein Lieblingsaufwind im Aosta-Tal.

Der Übergang ins Valpelline klappt hervorragend, überhaupt ist auf dem ganzen Flug hierher niemand von uns je in wirklichen Schwierigkeiten. Es hat überall Reserven eingebaut, in der Flughöhe, beim zeitlichen Flugplan usw. Die Aufwinde sind zuverlässig und stark und auch noch dort, wo man sie vermutet. Der perfekte Tag also.

Das ist auch am Eingang des Valpellines so. Dort ist südöstlich der gleichnamigen Gemeinde ein kegelförmiger Berggipfel, wo drei Flanken zusammenlaufen und praktisch den ganzen Tag lang immer irgendwo ideal angestrahlt werden. Darüber steht heute ein kleiner, vom NW-Wind verschobener Cu-Fetzen. Das war bei früheren Gelegenheiten der stärkste Aufwind des ganzen Tages. Auch heute fahre ich auf 3’000 Metern direkt über dem Gipfel ein, schiesse beim Hochziehen meines heute ziemlich mit Wasser gefüllten Fliegerchens gleich einmal 200 Meter in die Höhe, drehe ein und steige, steige, steige. Booaah, ist das cool! Der Aufwind produziert zwar heute keine 6.5 Meter / Sekunde wie auch schon, aber 3.5 sind ja auch schon ordentlich, damit man schnell in höhere Regionen gelangt.

Blick ins Val Ferret (da schiessen die Walliser auf Wölfe) und auf die Brenva-Flanke des Mont-Blanc sowie den Peuterey-Grat.

Damit ist der Weg ans Matterhorn frei. Vorsichtig folge ich meinen voraus fliegenden Kollegen Beat, Markus (beide mit geballter Kompetenz im Duo Discus ‚SV‘) und Valentin, der sich in seiner DG-808 C fest an den Duo klammert und eisern daran festhält – und so eine ideale Matterhorn-Einweisung erhält. Das geht aber auch nur, wenn man sein fliegerisches Handwerk so gut beherrscht wie er. Kompliment!

Welle am Matterhorn.

Das Beste kommt aber noch wie das Chriesi auf dem Chueche. Vom Zmuttgrat (Matterhon-Westseite) bis zur Tête de Valpelline tragen nicht nur die NW-Hänge – sondern der ganze südliche Talbereich bei der Schönbiel-Hütte. Das führt zu einem Gipfeltreffen besonderer Art. Während auf dem scharfen Gipfelgrat des Matterhorns um halb Vier nachmittags die letzten Japaner-Bergesteiger erschöpft den langen Abstieg antreten und ein Heli (von hier aus betrachtet eine armselige Art der Fortbewegung) jemanden um den scharfen Zacken fliegt, versammelt sich zwischen 4’000 und 4’600 Metern eine kleine, exklusive Gemeinde von Segelfliegern, zumeist von Startplätzen in den französischen Alpen stammend. Der junge Segelflieger Philippe Stapfer, der zusammen mit seinem Vater Andres heute ebenfalls in einer ASK-25 der Schaffhauser Segelfluggruppe in Vinon gestartet ist, dreht sogar einen kleinen Kurzfilm des Überfluges des schönsten Gipfels der Welt.Markus und Beat machen noch einen kleinen Besuch in der Monte-Rosa-Gruppe, während ich über den Wolken den Gipfeln und Kämmen der höchsten Walliser Gipfel zum Grand St.-Bernard folge. Dort klettere ich über dem ‚Tal der Wölfe‘ (Val Ferret) wieder hoch und fliege über den Petit-St.-Bernard zurück in die Region Val d’Isère. Via Col Carro geht’s im Eilzugtempo zurück nach Bardonecchia und in die Ecrins.

In der Zwischenzeit sammelt ‚SV‘ im Valpelline Mario wieder ein und zusammen machen auch sie sich auf den direkten Heimweg über die Flieger-Autobahn (Grivola, Grand Paradis, Col Carro) zurück an den Col d’Etaches.

Da fliegen heute die Scheunentore!

Ein letztes Mal für dieses Jahr erklimmen wir an der Crête des Angneaux die Endanflughöhe für einen komfortablen Rückflug nach Vinon.

Einen Aufwind lassen wir uns heute alle zusammen nicht entgehen. Wie ein Magnet zieht uns alle am Abend eine grosse, schwarze Cu-Wolke über dem Tête d’Amont an. Und wie die zieht! Das Variometer fährt an den rechten Anschlag und der Höhenmesser dreht in kurzer Zeit auf 4’000 Meter hinauf. Heute passt aber wirklich alles zusmmen. Damit ist der schnelle Heimflug ins 160 km entfernte Vinon das reine Vergnügen.

Au revoir.

Ein letztes Mal in diesen Ferien sausen wir nochmals durch die Ecrins und verabschieden uns von den Granit-Zacken der südlichsten Viertausender Europas. Folgen den Graten und Gipfeln des Parcours, um beim Mgne. du Coupe ein letztes Mal für dieses Jahr in die gleissende Sonne und die unendlich weit scheinende Ebene des Plâteau Valensole zu blinzeln. Es war ganz einfach herrlich! Wenn’s geht, kommen wir gerne wieder – au revoir, à bientôt, Haute-Provence!

Bilder-Galerie / Link auf OLC-Flugdaten.

Wellenreiten über dem Grand Paradis.

Auf 5’500 M.ü.M. mitten im schönsten Alpenpanorama.

Flugbericht von Donnerstag, 9.August 2012.

Der heutige Flugtag unterscheidet sich von den letzten durch eine höhere Labilität der Luftmasse. Das Flugbild der beflogenen Strecke ist allerdings von den anderen Flügen kaum zu unterscheiden. Wieder ist das beste Fluggebiet im Briançonnais in der östlichen Maurienne und den V-Tälern in Aosta. Obendrauf zu diesem ohnehin schon schmackhaften Menu wird heute auch noch Leewelle serviert.

Was für ein Privileg: motorlos auf 5’500 Metern über Norditalien blicken zu können! Link auf Bilder-Galerie.

Nach dem gestrigen Aussenlandungs-Streichresultat muss ich heute mein Selbstvertrauen etwas zusammen suchen, um vor dem Start die ASW-20-B wieder mit Wasser zu füllen. Denn steigen tut sie damit natürlich schon nicht so gut wie im leeren Zustand. Und zwei Aussenlandungen hintereinander will ich deswegen definitiv keine. Also mache ich mich heute speziell vorsichtig ans Werk und überquere das Plâteau Valensole aus einem voll ausgewundenen ersten Aufwind und komme problemlos und schnell auf der klassischen Route in die Voralpen.

Gemeinsam mit Valentin Tanner in seiner leichten DG-808, dem Straub-Express im Duo Discus und Renato Späni erklimmen wir dann auf dem schnellstmöglichen Weg den Einstieg ins Briançonnais. Am Tête d’Amont dreht das Variometer erstmals gegen 4 Meter/Sec. hoch und das auch noch bis auf fast 4’000 Meter hinauf. Damit ist der Weg frei in die östliche Maurienne. Via den erneut im Nordwestwind turbulenten und damit gefährlichen Charbonnel erreiche ich problemlos und schnell den Col du Carro.

Eine der schönsten Stellen der Alpen: der Gran Paradiso.

Dort duftet es aus heute allen Ritzen nach Welle. Zusammen mit einem unbekannten Ventus suche ich die vordersten Fumulus-Fetzchen ab. Tatsächlich: anfangs zaghaft, dann eindeutig klettere ich vor den Wolken aufwärts, höher und höher. Zu dieser Örtlichkeit haben die Glarner (Steinböcke) enge Beziehungen. Bei der Errichtung des ältesten Wildreservates Europas (Freiberg Kärpf) besorgten sich die Glarner damals bei den Italienern in dieser Region ein paar Steinböcke. Bei uns zuhause hatten sie wie heute die Bären vorgängig alles ausgerottet.Hier im Grossen Paradies sind also die UrUrUrgrosseltern der behenden Huftiere zuhause gewesen, denen man auf der Südseite des Kärpfs gelegentlich auf einer Wanderung oder Skitour Aug‘ in Auge gegenübersteht.

Gurten- und Schlauchsalat. Dafür Lesebrille.

Ab einem gewissen Alter hat man bekanntlich ganz neue Probleme. Da wird plötzlich eine Lesebrille um den Hals gehängt. Und natürlich der Sauerstoff, der ja auch irgendwie seinen Weg in die Nasenlöcher finden soll. Und dann sind da auch noch die Fallschirm-Gurten. Und die Gurten, die man braucht, damit man nicht aus den Flugzeug fällt. Wenn man nun wie ich im Flugzeug, sobald sich das Capot schliesst,  80% der vorhandenen Intelligenz verliert, wird das schon etwas kritisch. Denn dann ist die Lesebrille plötzlich unter dem Sauerstoff-Schlauch verklemmt und passt nicht mehr auf das plötzlich zu weit entfernte Nasenbein. D.h., man muss dann eigentlich bereits entscheiden, ob man lieber nichts sehen oder langsam das Bewusstsein verlieren will. Bis ich den ganzen Schlauchsalat einigermassen aussortiert habe, falle ich mehrmals aus der Welle. Aber weil ich die Lesebrille dann irgendwann auf habe und auch das Vario dank Sauerstoff wieder klar höre, finde ich sie auch wieder. Und kann mich darüber freuen, dass die Aussicht auf eine der schönsten Regionen der Alpen immer toller wird.

Alle Hundert Kilometer einmal kreisen.

Auf 5’500 Meter wird’s mir dann aber zu gering, das Steigen und ich mache mich auf den Heimweg. Der fällt natürlich mit dieser Ausgangslage kürzer als auch schon aus. Genauer gesagt, drehe ich über Briançon nochmals hoch. Und zwecks Verbesserung der Optik, aber trotzdem unnötig, über dem Parcours ebenfalls nochmals. D.h., ich habe einen 200-km-Endanflug bis zum Apéro bei Noemi von der Crone im Château vor mir.

Kreislos. Entspannend. Herrlich. Was für eine wunderschöne Fliegerei! Überhaupt tut mir das Segelfliegen hier bei diesen guten Bedingungen und im Einsitzer in der Seele gut. Nach den vielen Unfällen, die dieses Jahr kaum zu verdauen sind. Christophe. Bernd. Georg. Und vor wenigen Tagen auch noch Jens. Sie hätten bestimmt am heutigen Flugtag auch ihre helle Freude gehabt…

Wie angekündigt: morgen geht’s zusammen ans Matterhorn. Hier schon mal ein kleiner Vorgeschmack. Bis bald.

Diese Aufnahme stammt von unserem jungen Schaffhauser Segelflieger-Kameraden Philippe Stapfer. Er hat vom Überflug des rassigsten Zackens der Welt einen kurzen Film auf Facebook eingestellt.

Stabil. Stabiler. Aussenlandung.

Im Kriechgang via Vaumuse zum Col de Vars.

Flugberichte von Dienstag, 7. August und Mittwoch, 8. August 2012

Diese beiden Flugtage gehören zu den stabileren, seit ich in Vinon fliege. Ganz zu Anfang der dortigen Aktivitäten ist es uns mangels Kenntnissen der lokalen Verhältnisse und mangels Hilfe erfahrener Piloten oft nicht gelungen, in die Voralpen zu gelangen. Wir sind damals meistens über dem Plâteau Valensole gefangen gewesen.

Eine Luftmasse, so stabil und zäh wie ein ausgetrockneter Kuhfladen: Cockpit-Eindruck über dem Grand Bérard / Ubaye-Tal (da bin ich aber doch noch mit viel Geduld über die Inversion gekommen).

Mit den Jahren habe ich dann doch noch herausgefunden, wie man sich aus der stabilen Luftmasse über dem unteren Durance-Tal in die Voralpen ins obere Durance-Tal schleicht. Das klappt anfangs zwischen Durance und Plâteau-Kante bzw. gerade darüber öfters gut bis St.-Auban. Dann via Vaumuse den Hängen nach bis zum Authon. Und von dort gelingt es meistens, etwas mehr Luft unter die Flügel zu bekommen und den Einstieg ins Vallée de la Blanche / an den Parcours zu schaffen. Diese Strecke hat den Vorteil, dass man den Flugplätzen nachfliegt und so, wenn man im Gleitbereich bleibt, immer eine gute Chance auf eine gefahrlose Aussenlandung hat und rasch wieder geschleppt wird, wenn man nur schon seine Rechnungs-Nummer des Start-Flugplatzes auswendig weiss. Südfrankreich ist u.a. deshalb eines der besterschlossensten Segelfluggebiete der Welt.

Das ist zwar die Sonde von Payerne, aber etwa so ist die Luftmasse an diesem Tag aufgebaut gewesen.

Dienstag, 7. August, war wieder so ein stabiler Tag. Zwischen 2’000 und 3’000 M.ü.M. lag eine dicke eingeschobene Warmluft-Masse, die ein Durchbrechen der Luft nach oben nur an ganz wenigen Hotspots (Mgne. de la Blanche am Parcours, an den Trois Evéchés sowie am Grand Bérard) an den heissesten Geröllfeldern zuliess. Und auch das nur mit sehr viel Geduld. Dort habe ich dann den gemächlichen Heimflug gestartet und bin wesentlich problemloser als von da weg zurück nach Vinon zurückgeflogen. Immerhin ist auch an diesem Tag der Einstieg bis hinauf zum Col de Vars gelungen. Wie, zeigt die detaillierte OLC-Flugauswertung.

Und dann doch noch ein Streich-Resultat.

Aus meiner Sicht noch stabiler (sofern möglich) ist der folgende Flugtag, Mittwoch, 8. August gewesen. Da bin ich obendrein auch noch einen Tick zu früh gestartet und habe es gerade mal bis zur Pont Manosque mit einem vorherigen, gescheiterten Fluchtversuch nach Oraison geschafft.Wenigstens ist der Entscheid zur Aussenlandung richtig, früh genug und die Landung auf ein problemloses Feld korrekt gewesen. Und dank Mario Straub, der sich nach meiner Aussenlandemeldung praktisch ‚vom Himmel gestürzt‘ hat, um mich zu depannieren, bin ich schon nach kurzer Zeit beim leicht verfrühten Apéro im Château gewesen. Es gelingt nicht immer alles. Wenn Aussenlandungen weiterhin nur einmal auf 1’000 Flugstunden passieren, ist das ja noch auszuhalten. Und ausser der ungeplanten Landestelle ist auch nix Ungewöhnliches passiert.Und für die kommenden Tage sind die Prognosen wieder vielversprechend. Wie wir dann doch noch mit dem ganzen Club ans und übers Matterhorn gekommen sind, folgt in Kürze.

 

‚Cinque‘ im abgemähten Weizenfeld. Lang genug ist’s ja auf jeden Fall.

In den Schauern aufgelaufen.

Rechtsherum durch die Alpes de Haute-Provence

Flugbericht von Samstag 4. August 2012.

Für einmal ‚zwingt‘ uns die Wetter-Situation zum Befliegen des Parque National du Mercantour. Hier der Blick aus der Region des Col de la Bonette nach Süden ins Vallée d’Allos.

An diesem Flugtag sind wir etwas im falschen Moment am richtigen Ort gewesen (oder umgekehrt). Der Weg nach Norden ist für uns jedenfalls ab Bardonnecchia versperrt, über den Ecrins fallen bereits die ersten grösseren Schauer, westlich davon wären sie allerdings gut umfliegbar gewesen. Schade, diesmal wären zeitlich für einen Flug in die Walliser Alpen ganz gut unterwegs gewesen. Wer 30 Minuten vor uns an der Grenze ins Maurienne ist, kann an diesem Tag jedenfalls in guten Bedingungen gut nach Norden weiterfliegen und westlich der Ecrins später, als sich die Schauerlinie aufgelöst hatte, auch wieder problemlos nach Süden zurückkehren.

Stattdessen wählen wir wegen der düsteren Aussichten im Modane-Tal und im Briançonnais von der Crête de Peyrolles einen Jojo-Flugweg über die Festungen in der Region Montgenèvre, dann der italienisch-französischen Grenze entlang via Monte Viso zurück über die Parques Nationales de Queyras und Mercantour bis hinunter in die Region St.-André-les-Alpes. Der Flug über diese recht selten beflogene Gegend ist mit der heutigen Basishöhe und dem geringen Windeinfluss für einmal eine sorgenfreie Sache.

Fast wie Motorfliegen.

Fantastische Optik beim Flug der italienisch-französischen Grenze entlang.

Der Weg nordwestwärts zum Col de la Croix Haute hinauf fühlt sich an wie Motorfliegen. Die langen Wolkenstrassen lassen bis auf zwei, drei Aufwinde bei La Motte du Caire und Aspres einen  längeren Geradeausflug zu. Natürlich auch auf dem erneuten Heimweg, den ich dank der inaktiven Militärflug-Gebiete um St.-Luc problemlos bis an die Luftraumgrenze von Marseille hinunter ausdehnen kann (Region Brignoles und St.-Maxime).

Marios strenger Flugtag.

Tiefpunkte gibt es auf diesem Flug allerdings auch: Obwohl sich die ersten Aufwinde vielversprechend stark anfühlen, ist auf dem weiteren Weg über das Plâteau Valensole kein vernünftiger Aufwind zu lokalisieren – so endet man jeweils in der Nähe von Puimoisson auf 1’100 Metern und die Geduld, die man vorher nicht aufbringen wollte, benötigt man dann eben ganz sicher, um mit einem halben Meter Steigen wieder in vernünftigere Höhen und angenehmere Temperaturen hinaufzusteigen.

Das war’s dann aber noch nicht ganz: Mario macht auf dem Hinweg in St.-Auban aus ähnlichen Gründen einen unfreiwilligen Zwischenstopp und auf dem Rückweg 16 km vor Vinon einen ‚Full-Stop‘. Zuviel Gegen- und Fallwind verhindern die normale Flugplatz-Landung in Vinon. Aber mit vereinten Kräften ist sein Flieger ‚H2‘ rasch aus dem Aussenlandefeld im Durance-Tal geborgen.

Den für diese Region typischen Segelflugtag schliessen wir bei einem feinen Nachtessen auf dem Dorfplatz Vinons unter den charakteristischen Platanen ab.

Link auf Foto-Galerie.

OLC-Flug-Dokumentation.

„Et maintenant: Vol dynamique“!

Vacances dans l’Armée de l’Air?

Den Spruch des diesjährigen Vinon-Flieger-Aufenthaltes liefert Renato Späni, bzw. sein Fluglehrer während eines früheren ‚Ferien‘-Aufenthaltes in St.-Auban. Im grundsätzlich sprachgetrennten und damit schweigsamen Cockpit müssen teilweise breite mentale Gräben offen gelegen haben. Unsicher ist, wer wem was gezeigt und wer dabei etwas gelernt hat (Hauptsache, das Niveau ist überall angestiegen 🙂

Am Col du Carro trägt die französische Thermik an der Konvergenz weit über die italienische Feuchtigkeit. Hier kann man über 4’000 Meter hinauf turnen.

Jedenfalls muss sich der schon etwas angejahrte Fluglehrer-Colonel mit obigen Worten gegenüber seinem jugendlich-sportlich-unbeschwerten Gast durchgesetzt haben, wenn’s mal wieder geradeaus gehen sollte. Und bei der Erhöhung des Kreis-Anteiles an der Flugzeit soll kurz und knapp, wie das in der Armée de l’Air üblich ist, der sog. ‚Vol thermique‘ kommandiert worden sein. Wobei nicht immer klar gewesen ist, warum beim aufziehen jeweils die gewünschte ‚Thermique‘ plötzlich verschwunden ist und das Fliegerchen statt hoch- plötzlich tiefgezogen wurde. Sicher ist aber, dass sich Renato unter Segelflug-Ferien etwas anderes vorgestellt hat, als sich die Autoritäten St.-Aubans gewohnt sind.

Weniger militärisch.

Wie auch immer das Segelfliegen andernorts praktiziert wird, in Vinon herrscht im Vergleich dazu fast immer eine deutlich lockerere Stimmung. Der Flugtag vom 3. August gibt wieder alles her, was die französischen Alpen segelfliegerisch zu bieten haben: Homogen gute Aufwindverhältnisse über einer grossen Region. Zauberhafte Bilder und Stimmungen über den ausgetrockneten Landstrichen der Voralpen der Haute-Provence bis zu den bizarren Granit-Felsformationen im hohen Gelände in der Region Gran Paradiso. Garniert ist dieses schöne Menu mit einer sauber tragenden Konvergenz-Linie zwischen dem Charbonnel im Modane-Tal bis hinauf an den Gran Paradiso. Und weil ich diesmal zusammen mit dem Doppelsitzer ‚SV‘ mit Markus und Beat an Bord unterwegs bin, entstehen ein paar grandiose Bilder in einer der schönsten Regionen der französisch-italienischen Hochalpen.

Klasse(n)-Ausflug.

Aufnahme der Schänner Fliegerformation auf dem Heimweg aus den Ecrins nach Vinon. Foto aufgenommen aus dem Duo Discus von Beat Straub.

Der Rückflug ist darum speziell, weil ich am Charbonnel, meinem erklärten Lieblings-Thermik-Spender im Modane-Tal, Mario auf 3’400 Metern ‚auflesen‘ darf. Er kämpft mit der für einmal etwas unsteten und engen Thermik am Charbonnel. Mit etwas Glück drehe ich über der genau richtigen Geländemulde ein und kann in der engen Thermik mit ihm zusammen rasch die passende Ausgangs-Höhe für die Überquerung des 20 km entfernten Col d’Etaches aufbauen.Der Rückflug der Konvergenz-Linie entlang zurück in die Ecrins und hinunter nach Vinon ist ein herrliches Erlebnis. Auf der Ostseite staut die Feuchtigkeit an der italienischen Grenze. Über dem Mont Cenis läuft die Feuchtigkeit ins Modane-Tal hinein, wir fliegen etwas ungewohnt für Segelflüge über einer (überschaubaren) Hochnebel-Decke zurück.

‚Go as a group‘.

In der Region Bardonnecchia sind wir dann plötzlich als kleine Reisegruppe unterwegs. Alle Schänner Flugzeuge versammeln sich an der Barrage Rochemolles. Und von da weg sausen wir wie ein Entenschwarm durch die Ecrins zurück über den Parcours und ‚heim‘ nach Vinon. Dabei sind während einer längeren Foto-Session im Formations-Flug ein paar schöne Luftaufnahmen zustande gekommen.

Link auf Foto-Galerie.

Link auf die OLC-Flugdaten.

„Et maintenant: Vol thermique“! Vinon 2012

Zum Start an den Petit St.-Bernard.

Der Vinon-Jahrgang 2012 ist fliegerisch einer der ergiebigeren der vergangenen Jahre. In etwas mehr als einer Wochen Ferienaufenthalt können wir dank meist homogen guter Bedingungen mehrmals die Nordalpen in der Region Val d’Isère / Aosta erreichen. Höhepunkt ist der letzte Flugtag, an dem die ganze Crew das Matterhorn erreicht.

Aber schön alles der Reihe nach – und deshalb erst mal der erste Flugtag. Das ist der 2. August 2012. Nachdem ich am Vortag soviele helfende Hände wie noch nie beim Herrichten des Château hatte (zuwenig Werkzeug mitgenommen) und demnächst ein Gesuch bei der Berghilfe für Subventionen stellen sollte, starten wir zum ersten Flug der diesjährigen Fliegerferien.

Familie von der Crone beim Heuen der Château-Einfahrt.

Dieses Jahr die Rennbahn auf und nieder…

Die Flugbilder sehen dieses Jahr immer etwas ähnlich aus. Die beste Flugregion sind wegen der stabilen Hochdrucklage meistens die Hochalpen und die Region an der französisch-italienischen Region. Dort bilden sich an mehreren Tagen tragende Konvergenz-Linien aus der trockenen Luft auf der französischen Seite, die vom ‚Régime des Brises‘, leichtem Nordwest und der feuchten italienischen Luft, welche in die norditalienischen Bergtäler strömt. Beides zusammen lässt die Streckenfüchse in Vinon fast täglich Hunderte von Kilometern fräsen. Meistens geht’s dabei zweimal in die Alpen, das erste Mal in die Schweiz, das zweite Mal abends nochmals hinauf in die Ecrins, gewendet wird dabei nochmals abends um 18.00 Uhr am Rande des Plateau Valensole für den zweiten Ritt über den Parcours des combattants. Gilles Navas und Paul Janssens fliegen so mit einem erstaunlich frühen Start mehrmals nahe an die 1’000 km-Grenze.

Val d’Isère und La Thuile zum Anfang.

Für Markus von der Crone und Beat Straub im Duo Discus, für Renato Späni im Ventus a, für Mario Straub im Discus II und für mich in meinem Lieblings-Spielzeug ‚5‘ geht die Reise über die Standard-Strecke hinauf ins Modane-Tal. Dieses ist allerdings gut mit Feuchtigkeit gefüllt und von Wolken zur Hälfte abgedeckt.

Abschattungen in der Maurienne. Aber an einzelnen Stellen trotzdem gute Aufwindfelder.

Eines der typischen Flugbilder des Vinon-Jahrgangs 2012. Der ‚Rennbahn‘ entlang in die Nordalpen. Der Link auf die Flugdetails ist auf dem Bild hinterlegt.

Wie häufig stechen aber an der Schlüsselstelle für die Durchquerung des Modane-Tales einzelne, schön geformte Cumulus in der Region Charbonnel ins Auge. Über die fliegen wir mit unseren drei Flugzeugen via Col d’Iséran, Val d’Isère zum Kleinen St.-Bernhard-Pass und hinauf nach Courmayeur. Dort fühlen sich die Aufwindverhältnisse allerdings deutlich schwächer  als auf unserem bisherigen Flugweg hier hinauf (an vereinzelten Stellen schlägt das Variometer aus, als sei es defekt: 6 m / Sec.). Mit etwas Geduld kommen wir aber alle auch hier gut über die Runden, schalten einen Gang zurück und können den Flug problemlos auf unterschiedlichen Routen zurück in die Ecrins fortsetzen.

Der restliche Rückweg der Segelflieger-Autobahn entlang klappt problemlos, wir sind alle rechtzeitig zurück zum Apéro und zum anschliessenden gemeinsamen Nachtessen in Vinon. Der erste Flugtag ist schon mal ein voller Erfolg – und die nächsten Tage versprechen ebenfalls gute Segelflug-Bedingungen. Fängt doch gut an! Morgen geht’s weiter – die Verarbeitung der Texte, Fotos und Erinnerungen darf man ja bei dieser Menge toller Erlebnisse ausnahmsweise über ein paar Tage verteilen… Foto-Alben und mehr Berichte über unsere ‚Helden der Berge‘ (Zitat Charly Wiggenhauser) folgen also demnächst.

Vinon 2010: der letzte war der schönste Flug.

164_6438An diesem Flugtag sind meine Schänner Gspänli bereits mit den Anhängern und der ganzen ‚Wanderbaustelle’ auf der Heimfahrt in die Schweiz, während Hans Reis und ich als letzte verbleibende Schänner Piloten in Vinon nochmals einen tollen Flug zustande bringen.

Für mich ist es die letzte Luftreise ab Vinon in diesem Jahr. Zuhause warten nur noch ein arbeitsreicher Winter und vielleicht ein paar Föhnstürme – die Saison ist heute für mich geistig zu Ende. Der gemütliche Flug führt typischerweise kreuz und quer durch die französischen Alpen, hinauf in den Kessel von Bardonnecchia, in der Ecrins-Welle auf 6’000 M.ü.M., dann hinunter zum See bei St.-André-les-Alpes und nochmals auf die Westseite des Gebietes hinüber an die Grenze des Rhônetals zum Mont Ventoux.

Nichts Besonderes?
Ein wenig spürt man an diesem Tag schon die Herbststimmung. In Vinon ist nur noch ein Teil der Piloten aktiv, eine ganze Reihe ist schon abgereist. Ein friedlicher letzter Flugtag liegt vor uns, als wir um die Mittagszeit in die Flieger steigen.

ASW-20-Heinz-II

Dass wir mit dem Segler stundenlang quer durch die französischen Alpen flitzen, ist ja eigentlich nichts Spezielles – darüber ist alles schon geschrieben worden – da muss man nichts mehr wiederholen. Das Besondere an diesem Flug ist aber die wunderschöne Welle im Südosten der Ecrins. Sie trägt über dem Einstieg (wenn man ihn denn endlich erwischt) an der Crête des Agneaux ruhig mit maximal zwei Metern pro Sekunde Steigen bis auf 6’000 Meter hinauf (und vermutlich noch höher, hätten wir denn eine Freigabe für den kontrollierten Luftraum darüber verlangt).

Messerscharfer Lenticularis.
Die Luftfeuchtigkeit und der schwache Nordwest zeichnen an diesem Tag eine messerscharfe Lenticularis in den blauen Himmel. Vor uns tauchen mit zunehmender Flughöhe die einmaligen, zackigen Viertausender-Gipfel der Ecrins unter der Flugzeugnase weg. Im Nordwesten liegt bereits das Wolkengetürme der nahenden Front. Die Sicht reicht heute aber noch von den Walliser Alpen über den Mont-Blanc bis in die Region des Etang de Berre bei Marseille. Weit in der Ferne lässt sich sogar im blauen Dunst die Camarque und die Sichel des Golfe du Lion bis Montpellier erahnen. Mir kommen bei soviel Schönheit auf 5’500 Meter oben in meinem kleinen Fliegerchen die Tränen. Es ist einfach unglaublich schön, diesen Sport geniessen zu dürfen. Welch ein Privileg! Ich werde es geniessen, solange ich kann – es gibt einfach nichts Besseres.

765-km-Dreieck über den französischen und Schweizer Alpen

Am Samstag, 26. Juni 2010 gelingt ein Flug, von dem ich seit Jahren und kurz davor noch dachte, er sei für mich ausser Reichweite. Möglich wurde er durch die lange Tageszeit Mitte Jahr und den frühen Thermikbeginn. Bereits um 10.15 Uhr hing ich hinter dem Schlepp-Flugzeug. Exakt zehn Stunden später setzte ich in meiner 25jährigen ASW-20-B wieder auf den heimischen Asphalt in Schänis zur Landung an. Dazwischen lag ein Segelflug um die Wendepunkte Le Casset im französischen Ecrins-Massiv sowie den Piz Quattrvals im Unterengadin.

Link zum Fotoalbum.

Frühstart.

An diesem Samstag habe ich ‚Ausgang’. Heinz Brem braucht unsere ASW-20-B das ganze Weekend über nicht und zuhause beschäftigen sich alle anderweitig mit Baden und Einkaufen. Ich werde also sicher nirgends gebraucht. So mache ich mich schon frühmorgens auf nach Schänis, nicht ohne kurz in die Thermikprognosen geblickt zu haben. Die neu entdeckten digitalen Helfer bringen mich heute auf die richtige Fährte. ‚Streckenflug.ch’ kündigt gute Thermikverhältnisse über den Schweizer- und französischen Alpen an. Fast deckungsleich schätzen die österreichischen Meteorologen die Situation ein. Ich programmiere also etwas frech meinen Logger und den PDA mit den erwähnten Wendeorten.

Schon vor dem Briefing aufgefüllt.

Die ASW ist bei bereits ungemütlich warmen Temperaturen schnell montiert, schon vor 09.00 Uhr steht sie mit 40 Litern Zusatz-Wasserballast startbereit auf dem Rollweg. Zeitweise erschrecke ich über den eigenen Mut – spätestens, als Markus von der Crone nach meinen Absichten fragt und offensichtlich staunend die Stirn in Falten legt. Progressiv, wie er ist, will er aber den Versuch ebenfalls wagen. Er hat den Vorteil, beim Briefing eine ASG-29 erwischt zu haben. Der Flieger gleitet gefühlte 20% besser als meiner. Mit dem Wasser sollte sich der Schaden in Grenzen halten. Klar ist, dass ich deutlich schlechter steigen werde als er, allerdings sollte das bei den heute prognostizierten Steigwerten handhabbar bleiben.

Siehst Du den Kärpf am Morgen… dann fliegst Du ohne Sorgen.

Die ersten Thermikanzeichen bilden sich schon um Viertel vor Zehn. Ich will aber mit meinem Wasserbomber keinen unnötigen Absaufer riskieren und stehe erst etwas später startbereit auf der Piste. Der erste Aufwind hält aber, was die entstehenden Cumulus-Fetzen versprechen. Er bringt mich trotz des Zusatzgewichtes rasch auf Abflughöhe über den Panixerpass. Heute kommt auch der Kärpf für einmal ins Spiel. Seine Ostseite produziert an der richtigen Stelle Aufwind, stolz kann ich den Gipfel, auf dem ich wie die Bergsteigergruppe, die von Elm aus auf die Spitze zuklettert, ebenfalls zahllose Male zu Fuss unterwegs war, nach ein paar Kreisen übersteigen.

Im Vorderrheintal hängt die Bewölkung zwar auf etwa 2’700 Metern, dafür grossflächig auf der sonnigen Nordseite verteilt bis nach Disentis hinauf. Erst bei Trun falle ich soweit unter die Kreten, dass ich es vorziehe, Höhe dazuzunehmen. Etwas zaghaft steigt der Flieger anfangs dem Granit-Grat entlang, erst als ich beginne, auf der Ostseite nahe die Felsen zu fliegen, klettern die Steigwerte auf drei Meter pro Sekunde und spülen mich an die Wolken-Unterseite hinauf. Inzwischen fährt Markus unter mir ein und dreht rasch hoch. Gemeinsam fliegen wir im Parallelflug über den Oberalp und kreislos bis an die Furka, immer schön den Kreten entlang. Die ASW hält sich im Vergleich zum grösseren Bruder einwandfrei – solang ich sie geradeaus fliegen lasse. Im Steigen zeigt sich wie erwartet ein deutlicher Unterschied. Trotzdem kann ich dranbleiben. Bis ans Eggishorn fliegen wir gemeinsam, dort trifft Markus etwas früher ein und den Aufwind besser als ich und steigt weg. Er wird auf der Nordseite des Wallis weiter fliegen. Die Wolken hängen da für meine Begriffe etwas unstrukturiert und müde wie nasse, weisse Tücher an den Hängen. Ich nehme über der Bettmeralp und dem Ende des Aletsch-Gletschers an Höhe mit, was ich kann und quere dann auf die Südseite ins Simplon-Tal. Da hängen einzelne Cumuli deutlich höher als die anderen zerfransten Wolkenfetzen. Allerdings ist ihre Herkunft, die Wärmequelle unklar. Bis hierhin ging’s eigentlich ganz gut voran – so früh war ich noch nie im Wallis.

Hangfliegen über dem Simplon.

Der Einstieg in die nächst höhere Etage gestaltet sich wie erwartet nicht einfach. Ich brauche etwas Zeit, um am Osthang der Simplonstrasse – eigentlich schon auf der Südseite der Alpen –  im teilweise turbulenten Hangflug über den Gipfel steigen zu können. Ein kahler, voll in der Sonne stehender, langer Bergrücken hilft mir dann aber weiter. Nach etwa zehn Minuten und mehrfachen Zentrierversuchen schaffe ich es endlich, die Gipfelhöhe zu ersteigen und fliege mit dieser Höhe dann direkt in die Matter-Täler hinein. Weil ich so früh dran bin, sind die Aufwinde etwas ungewohnt auf der Ost-, statt auf der Westseite des Tales. Die Wolken kleben weit unter den Gipfeln, tragen aber immerhin zuverlässig, wenn auch nicht berauschend gut. Überhaupt habe ich in der letzten halben Stunde den Eindruck, kaum in die Höhe zu kommen. Ich habe Schwierigkeiten, die Aufwinde zu treffen und dann im vertrauten Tempo zu steigen, obwohl ich das Flugzeug mit hoher Querlage, voll nach hinten getrimmt und einem voll gezogenen Höhensteuer fliege.

Swimming-Pool auf 2’000 Metern.

Auf einer Felsrippe bei St. Niklaus im Mattertal blinkt mich fröhlich ein blauer Fleck an. Da hat doch tatsächlich ein waghalsiger Walliser über der Waldgrenze bei seinem Ferienhaus einen Swimming-Pool aufgestellt. In völlig exklusiver Lage mit Breitbild-Panorama auf die Mischabel-Gruppe!

Mit allerhand Mühe und mehreren Zentrierversuchen komme ich hoch über dem Schwimmbad endlich über den Grat und fliege Richtung Val d’Anniviers weiter. Mit der Absicht, mitten durch die Walliser Viertausender den Grand-St.-Bernard zu erreichen und letztlich ins Val Tournanche zu gelangen. Markus zieht über mir zielstrebig nach Süden weg Richtung Matterhorn. Er will offenbar bei der Schönbiel-Hütte die hohen Pässe ins Valpelline überqueren. Ich habe mich gegen diese Streckenwahl entschieden, weil diese Übergänge häufig aus Süden mit Feuchtigkeit zugestaut sind. An den hohen Passübergängen nach Italien bin ich mehr als einmal ‚aufgelaufen’ und dann in der hohen Walliser Gletscherwelt in der Region Obergabelhorn zwischen tiefer Wolkenbasis und den hohen Pässen festgeklemmt gewesen. Deshalb will ich mit weniger Risiko etwas nördlicher, weniger in der Gletschwelt, Richtung Grand-St.-Bernard vorwärtsfliegen. Dabei nehme ich allerdings in Kauf, die schlechter eingestrahlten Osthänge der Walliser Seitentäler abfliegen zu müssen.

Knapp über die Gletscher direkt in den Stausee.

Und genau so passiert es dann. Markus fliegt nach einigem Abwarten und mit Geduld direkt ins Valpelline und kommt dort über den voll eingestrahlten Nordhängen rasch Richtung Aosta vorwärts. Derweil kämpfe ich über Zinal mit schwachen Aufwinden und auch etwas mit meinem schweren Flieger, der nicht so recht steigen will. Etwas progressiv schleiche ich mich am Ende die Gletscher hoch, um über dem tiefsten Übergang doch ins Valpelline zu fallen. Tief ziehe ich über die letzte Krete und stürze sozusagen in den Stausee im Valpelline. Hier ist erst mal Hochklettern gefragt. Ich fege wie eine Alpendohle rund um die Kreten in guten Steigen, das über der Krete noch viel besser wird. Ab jetzt ist endlich wieder ein etwas entspannterer Flugstil mit ausreichend Luft unter dem Rumpf angesagt.

Zwar hängen die Wolken im Valle d’Aoste tiefer als auch schon, dafür tragen sie doch zuverlässig und einigermassen kräftig. Über den Südhängen des Grand-St.-Bernard (den Berg kann ich mir nie merken, er heisst aber trotzdem Mont Falère) hole ich mit 3’500 Metern die maximal mögliche Höhe, um in die wilden V-Täler auf der Südseite des Valle d’Aoste einzufliegen. Das Val Savaranche, das Val de Rhême oder das Val Tournanche. Bei früheren Gelegenheiten auf den Flügen ab Vinon habe ich öfters erlebt, dass ich die Aufwinde über den zackigen Granitgraten nicht recht zentrieren konnte. Um heute kein Risiko mit einem zu tiefen Einflug einzugehen, fliege ich einen kleinen Umweg ins Val Tournache. Dort ist der Einstieg etwas einfacher, weil die Nordkreten flacher sind, einige tiefe Sättel aufweisen, über denen man wesentlich einfacher in die Thermik einkreisen kann. Genau so funktioniert es dann auch. Ich komme problemlos an die Wolkenbasis hinauf. Das reicht, um knapp über die Kreten den Pass ins Val d’Isère zu flitzen. Dahinter lockt ein prächtiger Cumulus-Himmel. Hohe Basis, vermutlich fast 4’000 Meter, schwarze Wolkenböden und viel Sonne.

Viel italienische Feuchtigkeit im Modane-Tal.

Markus ist inzwischen davongezogen und meldet sich bereits in der Region Bardonnecchia. Er steigt klar besser und ist mit der ASG-29 eindeutig schneller unterwegs. Das tut aber meiner Freude über den starken Aufwind zuhinterst im Val d’Isère keinen Abbruch. Wie auch früher schon trägt er zwar etwas rumplig, aber zuverlässig bis auf über 4’000 Meter hinauf. Von hier oben ist die Welt bereits etwas runder, zuversichtlich fliege ich ins hinterste Modane-Tal ein. Den Charbonnel lasse ich ausnahmsweise aus. Seine Wolkenbasis ist etwa gleich hoch wie ich im Geradeausflug bereits bin. Unter mir fliesst über den Col du Mont-Cenis wie immer die feuchte Luft aus Oberitalien ins Modane-Tal ein. Die feucht-stabile Luft erschlägt in den tieferen Lagen jegliche Thermikbildung. Nur in den obersten Seitentälern, welche dieser feuchte Teppich wegen der markanten Geländerstufen nicht erreicht, bilden sich starke Aufwinde, die am Charbonnel z.B. bis auf über 4’000 Meter hinauf tragen. Das ist meistens die höchste erreichbare Höhe weitherum. Normalerweise nehme ich hier jeden möglichen Meter mit und fliege damit bis an den Lac de Serre-Ponçon, um dann über den Parcours des combattants ohne überflüssige Kreiserei bis nach Vinon zurückzufliegen.

Heute haben wir aber andere Pläne. Der Wendepunkt im Tal des Galibier erscheint zaghaft auf dem kleinen Bildschirm meines PDA – auch Mäusekino genannt. Bardonnecchia hat leider auch keine zuverlässigen Aufwinde produziert. Die feuchten Tücher hängen überall über den Sonnenhängen, aber sie tragen nicht. Weder am Col d’Etaches, noch bei der Barrage Rochemolles, noch über Bardonnecchia. Die müde Luft aus dem Süden hat von der ganzen Region Besitz ergriffen. Überhaupt wird es feuchter, je weiter ich nach Süden fliege. Die Kollegen aus Vinon dürften es heute schwer haben, hierher zu kommen. Seltsam, dass man von Schänis aus an manchen Tagen leichter nach Plampinet kommt als von Vinon aus.

Nachmittags um Drei geht’s wieder heimwärts.

Das Briançonnais ist etwa zu fünf Achteln mit auseinanderlaufenden Cumulanten zugedeckt, produziert aber dennoch gute Aufwinde, wenn man sie findet. Ich habe wie immer Mühe damit, unter breiten, dicken Wolken das Aufwind-Zentrum zu finden, komme aber mit etwas Geduld doch um den geplanten Wendepunkt bei der Skistation Serre-Chevalier im Galibier-Tal. Und besonders erfreulich: ich habe erst noch meinen Zeitplan einhalten können. Um 15.00 Uhr wollte ich in den französischen Alpen wenden, um die Chance zu wahren, abends rechtzeitig wieder in Schänis zu sein. Nach Süden sieht’s nicht besonders gut aus. Die Feuchtigkeit hängt bis weit unter die Kreten, der Morgon steht ‚im Wasser’. Markus hat kurz zuvor in der Region St.-Crépin gewendet und macht sich auch wieder auf den Heimweg.

Der führt mehr oder weniger auf derselben Route wieder zurück. Mit dem Unterschied, dass ich den Charbonnel-Aufwind diesmal mit einigen Optimierungsversuchen von zuunterst bis zuoberst nutze, um problemlos zwischen den feuchten Fetzen aus dem Süden über den Nivolet-Pass ins Val de Rhèmes zu gelangen.

Nach Cervinia wollte ich eigentlich gar nicht.

Bis ins Valpelline geht’s dann zügig voran. Dort passiert mir dann aber doch noch eine Überraschung. Weil das Matterhorn nicht erkennbar bis zum Sockel in der Feuchtigkeit steht, erkenne ich nicht, was ich da für einen Berg auf dem Weg nach Osten vor mir habe! Lange versuche ich mir einen Reim zu machen, ob es gescheiter ist, auf der Nord- oder der Südseite an diesem sperrigen Teil vorbeizukommen. Ich entscheide mich aufgrund der hohen Übergänge und der vielen Gletscher zum zweiten Mal am heutigen Tag für einen Umweg – diesmal nach Süden. Hinein in die feuchte, aufwindlose Suppe. Erstaunt nehme ich ein paar Minuten später zur Kenntnis, dass ich in den Kessel von Cervinia eingeflogen bin. Der hat den Nachteil, dass er gegen Norden von hohen Pässen abgeschlossen ist und heute keine Aufwinde produziert, die so hoch reichen würden. Zum Glück bin ich im Valpelline in den schwachen Aufwinden so hoch wie möglich gestiegen. Dieses Polster reicht nun gerade, um auf der Leeseite über die Krete an der Testa-Grigia ins Mattertal zu fallen. Dort tragen dafür wieder alle Hänge, das Talwind-System funktioniert.

Die tragen mich bis an den Gornergrat, wo ich auf Höhe der Bergstation wieder in die Aufwinde einfädle. Ich brauche einige Zeit, um die zwar starken, aber engen und unkonstanten Aufwinde zu erwischen. Nach fast einer Viertelstunde bin aber auch ich endlich wieder über 4’000 Meter. Diese Höhe reicht, um direkt ins Saaser Tal an den Weissmies zu wechseln.

Wo ist denn jetzt der Aufwind?

Normalerweise produzieren die Steinwüsten-Kessel auf der Westseite des Weissmies sehr starke Aufwinde. Heute vermutlich auch. Jedenfalls hängen die Gleitschirme in astronomischen Höhen. Da hinauf möchte ich auch – das wäre der elegante Einstieg in einen langen Gleitflug bis ins Vorderrheintal. Das will aber gar nicht klappen. Einen Aufwind erwische ich, der ist mir aber zu wenig, offenbar steigen andere (Gleitschirme) besser aufwärts. Also wechsle ich dorthin. Wie immer geht das auch diesmal schief. Ich treffe die aufsteigenden Luftblasen schlecht bis gar nicht. Also doch wieder zurück, dorthin, wo ich angefangen habe. Einige Minuten eiere ich so am Weissmies hin und her, bis ich trotz der wunderschönen Kulisse um mich herum leicht erzürnt über mich selber, dafür mit voll gezogenem Knüppel und der Trimmung am hinteren Anschlag mit einer irren Querlage endlich eine der Blasen erwische und sie ausdrehe. Sie trägt mich dann wieder auf die erhofften 4’000 Meter hinauf. Uffhh!. So, das reicht, um komfortabel ins abgeschiedene Binntal und weiter an die Furka zu fliegen. Unterwegs treffe ich Reto Frei mit seiner schönen ASW-19 auf einem Ausflug ins Wallis.

In Graubünden läuft alles auseinander.

Über der Furka nehme ich zusammen mit einem anderen Segler nochmals mit, was ich kann, um danach direkt und hoch über den im Urserental liegenden Wolkenfetzen über den Oberalp ins Vorderrheintal zu gelangen. Bis ins Lukmanier-Tal ist dann allerdings wenig bis nichts zu holen. Die Optik auf Kurs sieht nicht berauschend aus. Alle Wolken laufen auseinander, die Gegend bis Klosters scheint abgeschattet. Im Valsertal muss ich mich von meinem Wasserballast trennen. Es macht keinen Sinn, das zusätzliche Gewicht mitzuschleppen. Die Aufwinde sind zu schwach. Ich kann nur ohne Wasserballast überhaupt noch steigen. Das geht dann dafür angesichts der schattigen Optik erstaunlich gut. Über Andeer und Savognin, mitten über dem Tal, wo üblicherweise keine Aufwinde zu finden sind, kann ich tief den Hang über Tiefencastel anfliegen. Der ist noch an der Sonne und produziert eine schöne, fette Wolke. Die winde ich bis zuhinterst aus. Von hier oben fehlt es dann zwar etwas an Übersicht. Was ich sehe, stresst mich dann doch etwas.

Unerreichbare zweite Wende.

Das ganze Unterengadin liegt im Schatten. Ein grosser Schauer geht von Zernez aus über das Prättigau bis nach Arosa nieder. Über meinem zweiten Wendeort, dem Ofenpass, ist alles ‚im Dunkeln’. Trotzdem fliege ich noch an den Quattrvals. Der hat in der oberen Hälfte noch etwas Sonne auf den steilen Hängen. Ich kann tatsächlich ein paar Hundert Meter dazugewinnen. Aber auf 3’400 Metern oben ist endgültig Schluss. Höher geht es heute hier trotz aller Bemühungen nicht mehr. Etwas weiter südlich, über Livigno, scheint fleckenweise noch die Sonne an den Boden – ein Einflug in diese Gegend ist aber mit meiner Höhe ein erhebliches Risiko. Ebenso wie ein Versuch, die distanzmässig eigentlich sehr naheliegende zweite Wende über dem Opfenpass noch zu umfliegen. Für den Hin- und Rückflug würde ich mehr als 500 Höhenmeter benötigen. D.h., am Piz Quattrvals, der immer mehr im Schatten steht, käme ich womöglich nicht mehr hoch. Das jetzt noch sonnige Oberengadin stünde dann sicher auch schon im Schatten der überall niedergehenden Schauer und der schöne Flug wäre in Samedan verfrüht zu Ende.

So entscheide ich mich, meine Höhe zu investieren, um die ausserhalb des Schauers über dem Prättigau stehende Region Arosa und damit Schänis zu erreichen. Das gelingt dann auch. Mit minimaler Höhe rausche ich über die Krete ins Sertigtal, kurz vor der Krete geht es mit mir einen Wasserfall hinunter. Offensichtlich funktioniert das Talwindsystem auf der Nordseite noch, obwohl es rundherum schauert. Das niedergehende Gewitter drückt wahrscheinlich die Luft von sich weg und in die hintersten Täler hinein. Über dem Südende des Sertigtales steige ich so komfortabel inmitten einer grossartigen Szenerie im Hangwind hoch über die Gipfel. Das reicht nun endgültig, um im Direktflug nach Schänis zu gleiten.

Das mache ich dann auch. Die Temperatur wird immer heisser, die Luft immer feuchter. Es ist, als würde ich unter eine Wärmedecke fliegen. Markus ist inzwischen ebenfalls im Endanflug. Er hat in Livigno gewendet und damit eine Distanz von 900 km erflogen. Das ist einer der längsten Thermikflüge, die je ab Schänis geflogen worden sind.

Ein genialer Tag geht mit einem ruhigen Endanflug nach Schänis zu Ende. Für mich war heute nicht mehr drin, ich bin soweit geflogen, wie es das Wetter zugelassen hat. Weder im Westen noch abends im Osten hätte man weiter fliegen können. Ein andermal hoffe ich, dass der Ofenpass abends noch in der Sonne steht und eine kleine Verlängerung bis an den Reschenpass zulässt. Wobei zu sagen ist, dass auch das nicht mal annähernd ausreichen würde, um thermisch ein sauberes 1’000-km-Dreieck ab Schänis fliegen zu können. Diese Distanz dürfte wohl für einen 15-Meter-Flieger unerreichbar bleiben.

Das Emagramm weist zwischen 3’500 und 5’000 Metern einige markante Brüche auf. Das erklärt die teilweise kaum auffindbaren und sich immer wieder in Nichts auflösenden Aufwinde im Wallis. Zeitweise hatte ich im Flugzeug den Eindruck, oben an einem Deckel den Kopf anzustossen.

‚Je décolle avec un planeur sur la vingt-huite…’

August 2006. Südfrankreich zeichnet sich nicht nur durch exzellente Küche, das Filmfestival einer Küstenstadt oder als matchentscheidendes Tour-de-France-Etappenziel auf einem gleichermassen windigen wie kahlen Berggipfel aus. Es ist auch die Gegend, wo sich Picasso von seinen Musen küssen liess und des Winters die Trüffelschweine durch die sanften, endlosen Hügel des Lubéron ziehen.

Link zur Dia-Show Vinon 2006.

Der Blick aus 4’000 M.ü.M. aus dem Cockpit des Duo-Discus bei der Barrage Rochemolles ins Vallée Modane und zum Mont Blanc.

Von Februar bis Oktober täglich fliegen…

Südfrankreich geniesst auch bei den vom Wetter wenig verwöhnten Segelfliegern nördlich des Alpenbogens einen besonderen Ruf. Das Land südlich des Col de la Croix Haute unterscheidet sich wesentlich von unserer Gegend: man kann mit etwas Geschick von Februar bis Oktober immer segelfliegen. Drei weitere Merkmale machen diese Region zu einer segelfliegerisch besonders gesegneten Ecke der Nordhemisphäre. Das Mikroklima im allgemeinen, der Mistral und die segelfliegerische Erschliessung der Region im besondern. Im erwähnten Zeitraum reicht die Sonneneinstrahlung aus, um hervorragende und über weite Teile des Gebietes homogen verteilte Aufwinde zu produzieren. Für besondere Bedingungen ist der kalte, starke und durch Mark und Bein dringende Nordwind namens Mistral zuständig. Wellenflüge in grossen Höhen und über weite Distanzen sind ihm und jenen nervenstarken PilotInnen zu verdanken, welche sich in den bissigen Windstrom stürzen.

Besterschlossenes Segelfluggebiet der Welt…

Einmal in der Luft, profitiert man von einer einmaligen Segelflug-Infrastruktur. Die Landemöglichkeiten sind in Südfrankreich auf über ein Dutzend Segelflug-Zentren verteilt. Meistens sind Schleppflug-Kapazitäten vorhanden. Es reicht, seine Mitglieder-Nummer im Aero-Club de France zu wissen, die Verrechnung der benötigten Schleppminuten erfolgt selbst nach einer Aussenlandung zentral über die Abrechnung des Startplatzes. Die verschiedenen Zentren sind administrativ verbunden.

Caravans habitables…

Anfangs August 2006 wagt sich eine ganze Expedition aus Schänis nach Südfrankreich. Ausgestattet mit den aktuellen Luftraum-Anpassungen, Frequenzen, Lande- und Aussenlandeplatz-Informationen, richten wir uns auf dem trockenen Flugplatz Vinon, seinen ‚caravans habitables’ oder im benachbarten, noch ‚habitableren’ Hotel Olivier häuslich ein. Einige von uns sind mit den Spezialitäten Vinons von früheren Aufenthalten her vertraut, andere sind neu hier. Jene werden auf dem von der SG Lägern netterweise zur Verfügung gestellten Duo Discus von mir während der ganzen Woche durch die Gegend gescheucht, während die andern selbständig mit eigenen Flugzeugen oder mit einem ebenfalls aus Schänis mitgebrachten Gruppen-Ventus oder Discus in eigener Regie die Gegend erkunden.

Fester Tagesablauf

Üblicherweise beginnt der Tag in Vinon mit einer Visite der schönen Bäckerin in der Häuserzeile beim malerischen Platanenplatz mitten im Dorf. Jeweils einer von uns opfert sich, um dort die frischen ‚Baguettes traditionelles’ einzukaufen, welche für das gemeinsame Frühstück vor dem Château roulant von Fridli und Ernst nötig sind. Inzwischen ist dort bereits der Kaffee gebrüht, entsprechender Duft zieht um das Wohnwagen-Museum, es werden grössere Mengen Eier mit Speck zubereitet sowie heimische Käsesorten und verschiedene Confitures aufgetischt. Logisch, dass bei diesem morgendlichen Ritual die fliegerischen Möglichkeiten des Tages erstmals seziert werden.

Multikultitreffen in der Blechbude: ‚Briefing au hangar début’…

Wir teilen uns danach die Arbeit, einige waschen ab, die andern montieren gemeinsam im Nu alles, was fliegt. Teamwork ist wichtig. Danach bildet das Briefing den nächsten Fixpunkt im Tagesablauf. Alles, was in der Gegend (noch) aufrecht gehen und fliegen kann, trifft sich hier. Régis oder Mickey informieren über das theoretisch stattfindende Wetter, darüber, was gestern gut oder schlecht gemacht wurde und weisen auf die Besonderheiten des heutigen Tages hin. Besonders letzteres kann sich bei speziellen Bedingungen bei Gewittern oder Mistral nützlich erweisen. Alles ist hier etwas extremer als zuhause. Die Temperaturen, die Windstärken oder die Grösse des Flugplatzes. Das Briefing ist entsprechend gut besucht. Hans Reis übersetzt am Ende alles in eine uns verständliche Sprache. Die Erfahreneren geben Tipps, wohin man heute fliegen soll. Sitzplätze verteilen ist kein Problem. Jeder von uns ist im Laufe des Aufenthaltes über 30 Stunden in der Luft. Das Wetter ist nett zu uns. Während der Rest Europas im Regen versinkt, können wir praktisch täglich fliegen – sofern man das will.

Thermikbäume und Plastikschlangen.

Die Zeit vor dem Start wird in Vinon verschiedenartig genutzt. Wir beobachten ist eine gewisse Hektik, welche mit dem fliegerischen Ausnahmezustand hier einhergeht. Lange (Boden-) Distanzen, Hitze, Trockenheit und Wind sind nicht jedermanns Sache, die Hirntätigkeit wird bei über 30° sowieso spürbar beeinträchtigt. Organisation ist die halbe Miete. Wir überlegen uns auf dem weitläufigen Fluggelände jeden Schritt und geniessen dank vermiedener ‚Leerfahrten’ entspannt unter dem ‚arbre thérmique’ die letzten Minuten vor dem Start, während alle um uns herumschwirren.

Der ‚arbre thermique’ ist ein praktisches Gewächs. Entdeckt wurde er von Schänner Segelfliegern. Er ist etwa vier Meter hoch, eigentlich die einzige grüne Pflanze weitherum. Sie funktioniert ganz einfach. Man sitzt entspannt darunter und unterhält sich mit seinen Copains über Aktienkurse, Segelschiffe, Hauskäufe oder andere dramatische Lebensabschnitte. Dabei wartet man, bis der Baum seine Blätter bewegt. Macht er das wegen erster Ablösungen länger als eine Minute, wird es spannend. Ist dann der Abstand zwischen zwei ‚Raschlern’ kürzer als zwei Minuten, sollte man starten. Dann sind die Aufwinde in Vinon, einem ansonsten‚thermisch toten Gebiet’, wie es einzelne Schweizer Meister im Segelflug in einer depressiven Phase schon bezeichneten, über zwei Meter pro Sekunde stark. Das reicht natürlich den meisten, um oben zu bleiben. Ausser man mag es sportlich und klinkt 50 m über der Hangkante, um ein paar Minuten später nach dem ersten verpassten Aufwind die grosszügigen Aussenlandefelder zwischen Vinon und Greoux auszuprobieren. Dass man dort sogar an einem ausgezeichneten Segelflugtag unter 3/8 Cumulus mit Basis von 2’500 Meter landen kann, wird der Martin Haller unter Zeugen bestätigen. Offizielle Strafe für derartiges Verhalten ist das öffentliche Leertrinken einer auf 40° angewärmten Dose Guinness-Beer. Brr.

Minirock und Minibandes…

Die lange Plastikschlange, welche sich am Start vor den beiden ‚minibandes’ (Startstreifen) bildet, ist kein Grund zur Sorge. Fünf Schleppflugzeuge plazieren rund 100 Flugzeuge in kürzester Zeit über den nahen ‚Forêt de Vinon’ im Grund genommen eine Ansammlung mannshoher, lockerer Gebüsche (arbres thermiques?), welche sich etwa 100 Meter über den Talgrund erheben. Der Aufenthalt im segelfliegerischen Wartesaal wird durch die äussere Erscheinung der Schlepp-PilotInnen Vinons zusätzlich erleichtert. Manche von uns bleiben auffallend oft freiwillig am Boden. Dieses Infrastruktur-‚Enhancement’ sollte SchänisSoaring bei der nächsten Evaluation neuer Saison-SchleppilotInnen berücksichtigen. Was nicht heisst, dass unsere gestandenen Schleppiloten unattraktiv wären… Aber ein knapper Minirock und das unvergleichlich zart gehauchte ‚Je décolle avec un planeur sur la vingt-huite…’ verfeinern natürlich Optik und Akustik eines Segelflugtages ganz gehörig – um nicht von einer ‚Vernebelung der Sinne’ zu reden.

Segelflug-Vollpackung…

Nach erfolgreichem Start fädeln wir je nach Wetterlage über dem Plateau Valensole, dem Durancetal oder südlich des Lubéron (Mistral) ein. Anfangs ist häufig akkurates segelfliegerisches Handwerk und etwas Geduld gefragt, um eine gehörige Arbeitshöhe aufzubauen und sicher in die Voralpen einfädeln zu können. Täglich erkunden wir eine neue Ecke des Gebietes, Flüge ins Modane-Tal, zum Col de la Croix Haute, an den Monte Viso und in die Ecrins gehören zum täglichen Programm. Alle Vinon-‚Neulinge’ geniessen bei Ernst Willi eine komplette Gebietseinweisung. Mal geht es rechts rum durch die gesamte Geografie, anderntags links rum – Hauptsache, jeder ist überall einmal gewesen. An zwei Tagen stehen Mistral-Einweisungen auf dem Programm. Ich mache dabei auch mal zwei Starts pro Tag, um den Interessierten die Einstiegsmöglichkeiten in die Wellensysteme zwischen Lure und Pic de Bure zu zeigen.

Meteo-Ausnahmezustand…

Das gesamte segelfliegerische Programm kommt während unserer Ferien vor. Bei einem Flug in den Raum Gap werden 1’500 Meter nie überstiegen, ein andermal flieht die ganze Schänner Expedition vor einer nahenden Gewitterfront. Vier Piloten entscheiden sich dafür, in der Luft zu bleiben und müssen nach mehrstündigen Warteschlaufen am Ende sicherheitshalber in St. Auban zu Boden, während die andere Hälfte noch vor dem Gewitter in Vinon landet. Dabei ist zu erwähnen, dass nur dank raschem Eingreifen und viel Teamwork Schäden vermieden werden. Während Ernst seinen ‚5’ dank Fridlis Hilfe noch trocken in den Hänger bringt, hat ein Pilot aus Buttwil kein Glück (vor allem keine Helfer). Die heftige Böenwalze des Gewitters wirft seine für wenige Minuten allein gelassene Pégase auf den Rücken und zerbricht sie. Von der Schänner Expedition sind abends allerdings alle trocken und ohne ein ‚Chribeli im Chassis’ wieder glücklich in Vinon au lac vereint.

Soupe du poisson…

Zu den täglichen Höhepunkten gehört der abendliche Erfahrungsaustausch in der lokalen Gastronomie. Schon die Fahrt zum Restaurant ist ein Erlebnis. Frankreichs AutomobilistInnen scheinen mehrheitlich suizidgefährdet zu sein – kein normaler Mensch würde sich so schnell in so alten Klapperkisten über die ruppigen provençalischen Strassen bewegen. Darüber hinaus sind die Sonnenuntergänge beinahe so farbenprächtig wie im Süden Afrikas. Die kulinarischen Erlebnisse (Fischsuppe) werden nur noch durch die ‚Aussenwerbung’ eines ‚Escort-Services’ an strategisch wichtigen Stellen (T-Shirts der Bedienung) übertroffen. Das reicht zusammen mit der französisch gehaltenen Speisekarte, den erwähnten SchleppilotInnen und den Segelflug-Erlebnissen aus, um unsere Sinne vollends zu vernebeln. Dem lokalen Weinangebot mag dies im Gegensatz dazu trotz unserer mitgebrachten Weinfachleute nicht immer gelingen. Die ausländischen Winzer aus Italien oder Übersee haben während der letzten Jahre einheimische Produkte hinter sich gelassen.

Unserer guten Stimmung tut dies keinen Abbruch. Nach zehn erlebnisreichen und unvergesslichen Tagen in einem der nächstgelegenen Segelflug-Paradiese machen wir uns mit einem breiten Grinsen im Gesicht zufrieden auf den hindernis- und baustellenreichen Heimweg in die Schweiz. Es geht das Gerücht, dass mancher Teilnehmer während der segelflug-abstinenten Wintertage mitten in der Nacht an seinem Computer überrascht wurde. Es heisst, jene blaue CD mit über 500 Photos und einer eigens angefertigten Slideshow tröste während Monaten über die Sorgen des Alltages hinweg. Gewarnt wird vor unerwünschten Nebenwirkungen. Sie mache süchtig…

Einstieg zum ‚Parcours des combattants‘: die Felsrippen des Montagne de coupe.

Teilnehmer

Heinz Brem, Martin Haller, Albert Götz, Walter Götz, Fridli Jacober,  Martin Karrer, Hans Reis, Peter Schmid, Beat Straub, Max Weber, Karl Wickli, Ernst Willi.

Benutzte Aufwinde (Zahl in Klammer = Meter pro Sekunde):

Osten der Region: Greoux, Abfalldeponie, (1.5). Valensole, Südkante alter Flugplatz (1.8). Stausee südlich Puimoisson (2.0). Puimoisson, westliches Flugplatzende (1.2). Plateau vor der Serre de Montdenier, Stonehenge-Steinkreise (2.8). Coupe (2.0). Parcours (2.0). Mont Guillaume (3.0). Tête de Lucy (3.0). Tête d’Amont (3.5). Crête des agenaux (3.5). Crête de peyrolles (2.0). Barrage Rochemolles (1.5). Col d’Etache (1.5). Pic de Rochebrune (3.0), Prachaval (0.0 !). Grand Bérard (3.5). Chapeau Gendarme (3.5).

Westen der Region: Lubéron, Lac des roteurs (4.5). Mourre nègre (3.5). Forcalquier, Sternwarte (2.5). Lure, Steinbruch südlich Lure-Gipfel (2.0). Vallée du Jabron (4.5), Col de Tourettes, Nähe Rosans, (2.5). Montagne de St.Genis, Montrond (2.5). Céuse (2.5). Tête de Jarret, zwischen Veynes und Pic de Bure (2.5). Pic de Bure (3.0). Pic de Chabrières, Skigebiet westlich Guillaume (1.5). Val Gaudemars (1.5). Mont Colombis (2.0). Gache (1.5). Vaumuse (2.5). Crête de Liman (2.5). Blayeul (2.5). Cousson (1.8). Beynes (1.5).

Maximale Höhe: 4’500 Meter, Barrage Rochemolles.

Ungewöhnliche Fliegerferien im ‚Relais des Routiers des airs’, August 2003

Wegen einer fast zwei Monate andauernden Hitzeperiode mit täglichen Temperaturen von über 30° C wäre die lange Autofahrt nach Südfrankreich dieses Jahr eigentlich nicht wirklich nötig gewesen. Bereits während fast des gesamten Monats Juli gelingen ab Schänis täglich Flüge von mehr als 750 km. Der erste Wendepunkt wird dabei meistens ins Wallis oder das grenznahe französische Alpengebiet gelegt, während als zweiter Wendepunkt eine Ortschaft in Tirol/Österreich umrundet wird. Verlängerungen ergeben mehrmals Spitzenstrecken von über 900 km. Es ist ein ungewöhnlicher, heisser Sommer, der uns traumhafte Steigwerte von bis zu 6.5 m/Sek. sowie Basishöhen von nahezu 5’000 M.ü.M. über dem Hauptalpenkamm beschert und uns lange in Erinnerung bleiben wird. Es dürfte der beste Segelflugsommer der letzten 20 Jahre gewesen sein.

Unglaubliche Basishöhen in den Alpen im Sommer 2003:

Vorher und nachher habe ich das Matterhorn (bei Thermikflügen) nie mehr aus dieser Perspektive gesehen. Das unglaubliche Foto ist von Dr. Hans Reis und Martin Haller auf ihrem gemeinsamen Flug von Vinon nach Schänis (und zurück) gemacht worden.

Das Plateau Valensole glüht

Die Tatsache, dass in Vinon jeweils zuerst die Inversion durchgeheizt werden muss, ist dieses Jahr im Vergleich zum Startort Schänis ein ungewohnter Nachteil. Während in anderen Jahren die Nachrichten mit Meldungen von Überschwemmungen auf der Alpennordseite voll waren, sind wir meistens in Vinon trotzdem im guten Wetter südlich der Alpen täglich lange Strecken geflogen. Dieses Jahr treffen wir andere Bedingungen an. Vor 12.30 Uhr sind trotz enormer Hitze vernünftigerweise keine Starts oder vorsichtige Abflüge über das Plateau Valensole möglich, während die Kameraden in Schänis bereits ab 10.00 Uhr über den Glarner Alpen Steigwerte von mehr als 2 m/Sek. und Basishöhen von 3’500 M.ü.M. melden. Häufig hören wir die Kameraden aus Schänis bereits in den Barre des Ecrins auf der Alpenfrequenz am Funk, während wir noch bei 40° C im Cockpit schwitzenderweise die Serre de Montdenier hinaufkriechen. Hat man die Voralpen allerdings einmal erklommen, wird man östlich des oberen Durancetals häufig mit 5.0 m/Sek. bis auf über 4’000 M.ü.M. belohnt, was dann ein schnelles Vorankommen bis ins Oberwallis in kurzer Zeit ermöglicht.

Sturmlandung in den Hangar

Die ersten beiden Flugtage, der 6. und 7. August, sind geprägt von explosiver, feuchtheisser Luft über dem Südosten Frankreichs. Mein erster Aklimatisierungsflug führt mich in der ASW-20-B bis ans Nordende des Nationalparks des Vercors, wobei ich der schlechten Sicht wegen teilweise kaum mehr weiss, wo ich genau bin. Erstaunlich ist, dass ich mich trotz GPS und guten Gebietskenntnissen nicht mehr zurechtfinde. Die Gegend um ‚Die’ ist aus 3’000 M.ü.M. kaum mehr im Detail auseinanderzuhalten, speziell, wenn es rund ums Flugzeug blitzt und donnert und die Schauer verbreitet niedergehen. Beim Flug ostwärts in die Region des Col de la Croix Haute berühre ich mit dem Oberarm einmal kurz den Mikrophon-Schwanenhals und erhalte gleich durch’s Fliegerkombi einen schwachen Stromschlag, wonach ich mich schleunigst aus den Niederschlägen an die Sonne zurückschleiche, um weiteren Viehhüter-Stromstössen zu entgehen. Vermutlich würden die Flugzeug-Instrumente empfindlicher als mein Oberarm auf solche Misshandlungen reagieren.

Den zweiten Flug erlebe ich aus dem Rücksitz des Janus C HB-1899. Vorn kämpft Martin Haller während des Schlepps anfangs mit den Tücken der Wölbklappen, sobald wir uns auf negative Klappenstellungen geeinigt haben, ist der ungemütliche Tanz aber rasch unter Kontrolle. Während des ganzen Fluges folgen und nutzen wir konsequent die verbleibenden Sonnenlicht-Resten, welche die wie schon am Vortag feuchtlabilen Luftmassen übrig lassen. Die Strecke führt bis auf die Höhe von Grenoble. Auf den Weiterflug nordostwärts ins Massif de la Chartreuse verzichten wir der schlechteren Wetteroptik wegen und fliegen südlich der Chaîne de Belledonne in die Region südlich der Alpe d’Huez, wo wir ebenfalls wieder im Regen landen. Der Flugweg führt uns dann weiter zwischen den in die Höhe schiessenden Gewitterwolken südwärts zum Pic de Bure und über Gap und Chateau Arnoux zurück nach Vinon. Ein langer Gleitflug in ruhiger Luft scheint durch eine ebensolche Landung zu Ende zu gehen, als wir westlich von Vinon einen erneuten, aktiven Schauer bemerken, ohne dessen Zugrichtung feststellen zu können. In kurzer Zeit gewinnen wir über der Böenwalze vor dem Gewitter im Geradeausflug Richtung Vinon 500 Meter an Höhe. Jetzt sind klare Entscheide gefragt: Sollen wir unverzüglich landen, um vor dem Regen am Boden zu sein oder wäre es besser, in der Luft das Ende der Schauer abzuwarten? Eine Rückfrage per Funk ergibt rasch einen klaren Befund. Der Cheffluglehrer von Vinon, Tom, empfiehlt uns unmissverständlich, ‚immediatement’ zu landen und stellt uns dafür auch den neu geteerten Hartbelag der Piste 28 Süd in Aussicht. Kaum ist der letzte Funkspruch im Äther verklungen, stellen wir den Janus mit voller Bremsleistung auf den Kopf und setzen nach einer Starkwindlandung punktgenau am Pistenanfang auf. Vinon zeichnet sich dieses Jahr durch eine aussergewöhnliche Gastfreundschaft aus. Das beste Beispiel dafür liefert die ‚Bergung’ des Janus nach dieser Gewitterlandung. Statt uns vom sicheren Hangar aus gemütlich beim Wegschieben des schweren Doppelsitzers zu beobachten, stürmt gleich ein gutes Dutzend französischer Helfer herbei, um uns mitsamt dem Flugzeug unverzüglich unter das sichere Hangardach zu schieben, ohne uns Zeit zum aussteigen zu lassen. Das letzte Hangartor fällt gerade metallisch ins Schloss, als wir das Flugzeug unter Dach verlassen, da fallen die ersten schweren Tropfen eines veritablen Wolkenbruchs. Wir wären ohne die spontane Hilfe unserer Freunde im braunen Vinon-Schlamm mitsamt dem Gruppen-Janus förmlich untergegangen. Den würdigen Abschluss dieser aussergewöhnlichen Landung im Hangar liefert ein kleiner Apéro im Aufenthaltsraum, bis sich der grösste Pulverdampf des nahrhaften Gewitters verzogen hat. Während wir versonnen mit einer Bierbüchse in der Hand den Regentropfen zusehen, landet als letztes Flugzeug für heute die Stemme ‚FS’ auf der Piste 10. Ein sehenswertes Schauspiel. Meterhoch spritzt der Schlamm rund um’s Flugzeug. Anderntags beobachten wir die beiden Piloten, wie sie mit dem Gartenschlauch bewaffnet, die gröbsten Spuren vom Flugzeug abzuwaschen versuchen. Wir füllten dann einfach ebenfalls anderntags der Einfachheit halber die leeren Vorräte in Kühlschrank wieder auf, um dort den gröbsten Schaden gutzumachen.

Dom von oben

Der folgende Flugtag ist der erste einer Serie aussergewöhnlicher Thermiktage, die sich durch flächendeckend gute Aufwindverhältnisse und Basishöhen auszeichnen. Das geflügelte Segelfliegerwort, wonach selber schuld sei, wer bei weniger als 3 m/Sek. kreise, verliert etwas von seiner Arroganz und wird auch für Durchschnittspiloten nachvollziehbar, wenn er die Nase seines Fliegers in den blauen Himmel zieht und beim Eindrehen eine kaum enden wollende Beschleunigung erlebt, bei der das Variometer dann bei 5 m/Sek. oder ab und zu auch mehr stehen bleibt.

Erneut ist der Start nicht einfach und wir kämpfen in brütender Hitze kollektiv mit vollen Wassertanks und schweren Flugzeugen in den ersten schwachen Aufwinden über Greoux, Valensole und Puimoisson gegen das Absaufen. Im Cockpit steigt direkt proportional zur schlechten Laune die Temperatur. Der Schweiss läuft mir während der ersten 90 Minuten buchstäblich nur noch über das Gesicht und das Fliegerkombi wird nasser und nasser. Wie schön wäre es doch jetzt im Swimming-Pool! Die Cockpit-Temperatur bewegt sich im Bereich von 50° C. Der erste Liter Zitronenwasser wird in kurzer Zeit vertilgt, damit die Konzentration nicht der Apathie Platz macht. Die Gefahr eines Zusammenstosses in der Pulkfliegerei ist allgegenwärtig, nicht alle Kollegen pilotieren gleich rücksichtsvoll und vorsichtig. Wenigstens halten sich heute alle an die allgemeine Drehrichtung! Mit etwas Mut und Glück mogle ich mich auch heute wieder nach Norden davon und kann einen Aufwind alleine oder mit wenigen Gschpänli bis auf ca. 1’400 M.ü.M. ausfliegen, was mir die Voralpen entscheidend näher bringt. Insgesamt gelingen alle Abflüge mit etwas Zeitverzögerung ohne wirkliches Aussenlanderisiko oder Rückflugmöglichkeit auf einen der Flugplätze. Eile mit Weile ist mit Sicherheit das bessere Motto als blindwütiges Drauflos- oder Hinterherfliegen. Das Glück der Gambler wechselt öfters die Seite – wer gerade ganz oben war, findet sich im nächsten Aufwind unverhofft ganz unten und umgekehrt.

Thermik ÜBER dem Matterhorn

Im Unterschied zu früheren Jahren benutze ich auch heute den Parcours des Combattants nicht und steige in einem der starken Aufwind über den Voralpen bis spätestens zu den Trois Evéchés auf nahezu 3’000 M.ü.M., was einen direkten Flugweg ins hohe Relief ermöglicht. Die Vorteile sind augenfällig: eine entspannende Operationshöhe, eine bessere Verteilung der Flugzeuge in der Region und damit ein geringeres Risiko gefährlicher Begegnungen. Nicht zuletzt darauf führe ich zurück, dass ich während aller Flüge mehrheitlich alleine auf weiter Flur operieren kann und die andauernden ‚Near-misses’ vorheriger Jahre entfallen. Wie Airliner zischen wir mit wenigen starken Aufwinden ins nördliche Durancetal und finden über den bekannten Aufwindgebieten flächendeckend starkes Steigen. Um ca. 15.00 Uhr überquere ich das Becken von Bardonnecchia, überfliege höher als 4’000 M.ü.M. den Col d’Etaches zum Charbonnel, wo mich eine erfreuliche Wetteroptik erwartet. Von hier aus fliegen Martin Haller und ich zusammen nach Nordosten weiter, wobei die Sprunggeschwindigkeit über dem Val de Rhèmes ins Aostatal und weiter ins Valpelline auf unglaubliche 200 km/h ansteigt, was mir bisher noch gar nie passiert ist… Kaum erstaunlich, können wir um 17.15 Uhr zu dritt über dem Matterhorn einige Kreise ziehen. Obendrauf ist tatsächlich ein kleiner Cumulus, der das ermöglicht. Wir wenden um 17.45 Uhr über der Mischabelgruppe und nehmen den langen Rückweg nach Südfrankreich unter die Flügel.

Charbonnel bis zum Bauch im Wasser

Ist die Wetteroptik vor wenigen Minuten mit Blickrichtung Osten noch wunderbar kompakt gewesen, so zerfällt plötzlich alles mit dem Wechsel der Blickrichtung nach Westen. Obwohl mir bewusst ist, das dies mit dem direkten Sonnenlicht und weniger mit der objektiven Aufwindstärke zu tun hat, bleiben plötzlich die vorher noch so starken Aufwinde scheinbar weg, bis wir schliesslich über dem Val d’Anniviers und später im Valpelline wieder mit mehr als 3 m/Sek. verwöhnt werden. ‚Ende Jahr höre ich mit Segelfliegen auf’ – schiesst mir durch den Kopf – ‚die Bedingungen können nach diesen Flügen ja nur noch schlechter werden und wir werden alle frustriert im Cockpit sitzen’. Es hilft nichts: man muss solche Momente einfach geniessen, wenn man sie erleben kann.

Martin Haller kämpft mit dem unhandlicheren Janus tapfer mit und wir überqueren das Val d’Aoste erneut gemeinsam, um über der Grivola wieder in die Thermik einzufädeln. Inzwischen stellen wir fest, dass das Vallée Modane seit längerer Zeit im Schatten liegt. Verflixt, damit ist die Schlüsselstelle ausser Betrieb! Die verlässlichen Aufwindquellen, die mir sonst den Heimweg in den Raum Briançon ermöglichen, dürften von Minute zu Minute schwächer werden oder bereits verschwunden sein. Ich beginne, auf’s Tempo zu drücken, mogle mich mit meinem wendigen Einsitzer in den letzten Sonnenstrahlen von Gipfel zu Gipfel zum Nivolet-Pass, während Martin bei jedem Einkreisen mit dem schweren, unhandlichen Doppelsitzer etwas tiefer anfangen muss und den Höhenverlust bis nach Bonneval, bzw. zum Charbonnel, auf ca. 300 Meter kumuliert. Der sonst sehr zuverlässige und gerade deswegen von mir so geschätzte Charbonnel ‚steht diesmal bis zum Bauch im Wasser’ und spendet nur noch in der Gipfelregion von der Schulter weg Aufwind – und den nicht zu stark. Max Weber, der über dem Gipfel während beinahe einer Stunde auf uns gewartet hat, dürfte inzwischen fast zum Cockpit hinausgefallen sein, harrt aber trotzdem tapfer aus. Für Martin Haller stehen allerdings inzwischen die Aktien miserabel. Unter der Charbonnel-Schulter, im Schatten, findet er nur noch Abwind und muss sich in Richtung Sollières flüchten, wo er trotz heftiger Gegenwehr über den restlichen Sonnenflecken im Süden des Tales schliesslich aussenlanden muss.

Obwohl der Entscheid unangenehm ist, fliegen wir alleine über den Col d’Etaches weiter und nutzen im Le Rosier den letzten vernünftigen Aufwind, um mindestens den Morgon und damit den Parcours des Combattants erreichen zu können. Von Martin hören wir inzwischen gar nichts mehr am Funkgerät. Erst nach der Landung in Vinon klingelt erlösend das Handy und er meldet fröhlich ein blessurenfreies ‚tombé du ciel’ mit leichtem Rückenwind auf der abfallenden Piste, die glücklicherweise über einen Kilometer lange ist.

Der Endanflug von Max und mir beinhaltet am Ende noch ca. 45 Minuten Reserve, bis die Thermik endgültig aus ist. Wir klettern über dem westlichen Durancetal nochmals bis an die Basis, um danach direkt Vinon anfliegen zu können. Die Basishöhe ermöglicht dies im Gegensatz zu früheren Flügen problemlos. Am Ende verlängern wir im Raum Château Arnoux den Flug mit einem letzten starken Aufwind nochmals. Das Gewissen plagt mich: wir hätten durchaus länger auf Martin warten können, es hätte für uns allemal auch eine gute Stunde später noch nach Hause gereicht. Die Frage, ob wir ihm etwas genutzt hätten, bleibt allerdings damit auch nicht beantwortet.

Mont Blanc

Der kommende Flugtag bringt uns einen ‚normalen’ Flugtag, an dem Hans Reis und ich ‚nur’ bis zum Col d’Iseran und nach Tignes gelangen, weil der Weiterflug nach Nordosten mit allzutiefer Basis und unkonsistenten Untergrenzen über der Region des Col de Nivolet zugesperrt bleibt. Der Start um ca. 13.00 Uhr in Vinon und der erneut nicht ganz einfache Abflug in die Voralpen sind Gründe, weshalb wir es angesichts einer im Nordosten das Gebiet streifenden kleinen Front mit labilisierenden und feuchteren Luftmassen als in den Vortagen wegen vorziehen, frühzeitig den Flug abzubrechen und nach Vinon zurückzukehren. Den Abend beschliessen wir wie in den letzten Tagen öfters im neu eröffneten Fisch-Restaurant von Vinon. Die Stimmung unter den Freunden ist gut, es wird ein fröhlicher Abend, demenstprechend spät kommen wir ins Bett und damit nur zu wenig Schlaf.

Verschwörung

Während des Startprozederes am kommenden Tag beginnt bei meinen Hinterleuten in der Startreihe in der glühenden Hitze über dem Asphalt von Vinon offenbar spontan eine kleine Verschwörung. Das Wort von ‚nach Schänis fliegen’ macht plötzlich leise die Runde und steckt wie ein Virus alle auf der Stelle an. Die Wetteroptik mit aufbauendem Hochdruck, trockeneren Luftmassen und doch leicht labilerer Schichtung sieht vielversprechend aus und in allen von uns steckt der heimliche Wunsch, einmal die Strecke zum Heimatflugplatz in der Schweiz nicht auf der Strasse zurücklegen zu können. Auch in meinem Kopf ist der Virus eingepflanzt, ich beschliesse aber, mich so spät wie möglich zu entscheiden, ob ich geradeaus nach Nordosten Schänis anfliegen werde oder den an sich schwierigeren Rückweg in die Provence unter die Flügel nehme. Wir fädeln wie gewohnt in den letzten Tagen in die Voralpen ein und freuen uns um ca. 15.00 Uhr in der Region Briançon über die ersten wirklich starken Aufwinde. Das Vorankommen ins Modane-Tal ist eine Freude, selten habe ich eine so hohe Wolkenbasis angetroffen. Es läuft wie geschmiert und um ca. 16.00 Uhr befinden sich ‚GC’ mit Hans Reis und Martin Haller an Bord des Gruppen-Janus HB-1899 und ich in meiner vertrauten ASW-20-B über dem Col de Nivolet. Nach Norden sieht die Wetteroptik bombastisch aus. In Richtung Mont Blanc reihen sich die Cumulus in grosser Höhe aneinander. Nach Nordosten, über das Vallée d’Aoste und das Valpelline, ist die Luft trockener. Einzelne, sehr hohe, flache Cumulus zieren den Himmel. Wo sich der Horizont in der blauen Unschärfe verliert, kann ich gar keine Bewölkung mehr erkennen. Meine beiden Freunde sind offenbar von ihrer Verschwörung getrieben, geben Vollgas und rauschen wild entschlossen ab Richtung Valpelline.

Mir fällt der Entscheid wesentlich schwerer. Das ‚blaue Loch’, das sich bis an die Furka abzeichnet, macht mir gar keine Freude. Nach einigen Minuten des Überlegens siegt der Zauderer in mir und ich ergreife trotz nagender Zweifel, eine einmalige Chance zu verspielen, doch lieber die Chance, ein anderes, altes Flugziel von mir unter die Flügel zu bekommen – den Mont Blanc. Während Hans und Martin zuversichtliche Funkkommentare aus der Region Zermatt in den Aether absetzen, kann ich tatsächlich über die Grand Jorasses und das Mer de Glace die Aiguille du Midi überfliegen und setze beeindruckt von der schieren Grösse dieses riesigen Schnee- und Felshaufens zur Umrundung des höchsten Gipfels Europas an.

Wilder Tanz am Peuterrey-Grat

Auf der Westseite ist offenbar wenige Minuten vorher eine Steinlawine ins Tal gedonnert. Eine grosse, graue Staubwolke füllt das Tal, das den Mont Blanc nach Westen verlässt. Diese Felsabbrücke sind ein Phänomen, das wir während dieser Fliegerferien bereits am Matterhorn zweimal bemerkt haben. In Zermatt war gleich das ganze Tal der Schönbiel-Hütte mit einer grauen Staubwolke gefüllt. Den Gipfel kann ich rund 300 Meter unter der Krete umfliegen – höher geht’s heute auch hier nicht mehr. Auf der Südwestseite gerate ich in allerhand Turbulenzen, versuche noch, über dem Peuterrey-Grat einen engen, wilden Aufwind auszuwerten, gebe aber bald einmal auf, obwohl die Kreiserei über den steilen Schluchten an der Aiguille Noire de Peuterrey spannend ist. Über den Petit St.-Bernard erreiche ich in kurzer Zeit wieder die vertraute Gegend von Val d’Isère. Die Aufwinde sind etwas weniger stark, weniger zuverlässig, weniger eindeutig, die Wolken fransen langsam aus – immerhin ist dies für diese Tages- und Jahreszeit noch immer ein bemerkenswerter Flug.

Alles schon Routine?

Der Rest des Fluges ist inzwischen schon bald Routine – so arrogant dies hier auch tönt. Ich nehme noch zwei Aufwinde mit, einen in der Region von Briançon an der Crête de Peyrolles und einen nördlich Gap am Guillaume, um dann anders als in früheren Jahren, den Weg nach Vinon der hohen Arbeitshöhe wegen direkt unter die Flügel zu nehmen. Es ist kaum zu glauben, aber selbst an meinem bestens bekannten Segler entdecke ich noch eine neue Dimension. Die Maschine gleitet und gleitet selbst bei einem Speed von über 150 km/h noch eine Ecke weiter, als ich es mir vorgestellt habe.

Den zwar reizvollen aber in diesen Höhen mehr oder weniger sinnlosen Heimweg über den Parcours des Combattants wähle ich während dieses Fliegerurlaubs eigentlich nie und fliege immer direkt auf Kompass-Kurs in die graublaue Dunstsuppe in Richtung Durance-Tal vor. Auch ins hintere Ubaye-Tal komme ich dieses Jahr höchstens einmal bis zum Grand Bérard und zum Col de Vars. Zu schnell ist der direkte Weg, zu stark die Aufwinde direkt am Durance-Tal, zu verlockend ist die hohe Wolkenbasis über dem Prachaval und dem Col d’Izoard, als dass ich mich zum Monte Viso verfliege. Die höchsten Alpengipfel im Wallis locken zu sehr – an die wunderschöne Aiguille de Chambeyron und den Parc National de Queyras kommen wir in all den folgenden Jahren mit vermutlich viel schlechteren Bedingungen ja noch bis zur Genüge…

Hans und Martin sind kurz vor sieben Uhr abends in Schänis gelandet und melden sich per Telefon, dass alles bestens gelaufen ist. Der Weg war tatsächlich der fehlenden Thermikanzeigen wegen nicht ganz problemlos, die bekannten Aufwindgebieten über dem Matter- und Binntal machen aber ein rasches Vorfliegen über die Furka trotzdem möglich. Der Rest des Weges über das Urnerland scheint auch ohne grössere Hindernisse zu bewältigen gewesen zu sein. Jedenfalls klingen beide sehr fröhlich aus dem Handy, sind stolz auf ihre tolle Leistung und freuen sich des guten Wetterberichtes für den Folgetag wegen zuversichtlich auf den Rückflug nach Südfrankreich.

Vinon-Schänis: später, harziger Abflug

Obwohl ich am Folgetag keineswegs mit der Absicht in meine ASW-20-B sitze, es meinen Kameraden gleichzutun und ebenfalls den Versuch zu wagen, einmal nach Schänis und anderntags zurückzufliegen, muss mich der Virus doch heimlich angesteckt haben. Irgendwie rumort die Idee doch im Hinterkopf herum, auch wenn anfangs keinerlei Aussicht auf einen wirklich weiten Flug besteht – zu schwierig ist heute der Start.

Wie verschiedene Male vorher, ist der Abflug nach 13.00 Uhr auch heute eine ausgeprägte Zitterpartie. Öfters ist in diesem Fliegerurlaub eine Aussenlandung nur durch sehr vorsichtiges, sprich langsames Vorwärtsfliegen über das Plateau Valensole zu vermeiden. Auch heute ‚eile ich mit Weile’ stetig gen Norden. Irgendwann gelingt dann aber in der Region nördlich des Flugplatzes von Puimoisson doch das Einfädeln in einen stärkeren Aufwind. Bis dahin habe ich mich mehr oder weniger alleine über die durchgeglühten Felder der grössten Lavendelplantage vorwärtsgemogelt. Daniel Bosshart mit seinem grossen Vogel ist ebenfalls irgendwo über dem Plateau, ich sehe ihn aber erst in Moustiers – sehr tief um Überleben kämpfen. Der in den letzten Tagen zuverlässige Aufwindspender westlich des Städtchens Puimoisson macht heute Pause, dafür geht in den kleinen, runden Hügeln vor der Serre de Montdenier ‚die Post ab’. Zusammen mit Daniel Bossart, der auf 1’200 M.ü.M. mit seiner ASW-22 scheinbar festsitzt und der unten in ‚meinen’ Aufwind einsteigt, klettern wir auf über 2’000 M.ü.M. hinaus. Nun sieht die Sache doch wieder ganz anders aus! Dieser Aufwind war mit seinen knapp 3 m/Sek. vielversprechend. Meine graues Fliegerkombi – übrigens bereits die zweite Garnitur, ist komplett durchgeschwitzt. Wenn ich heute tatsächlich noch hoch hinauf komme, werde ich kalt bekommen!

Ich lasse erneut den klassischen Weg über den Parcours des combattants links liegen. Der Montagne de coupe und die Region östlich davon scheinen bereits in einem explodierenden CB zu stecken, jedenfalls gehen die ersten schweren Schauer deutlich sichtbar als weisse Vorhänge über die ausgetrocknete Landschaft nieder. Die Tendenz zu Ausbreitungen nimmt meines Erachtens deutlich zu. ‚So rasch es geht, nach Norden’ ist wohl das sicherste Rezept in dieser Situation. Ich entwische der ersten richtigen kalten Dusche gerade noch, indem ich in den Vorgipfeln der Trois Evéchées inmitten der ersten Schauer noch an der Sonne mit guten Steigwerten Höhe gewinne, um endgültig im Ubaye-Tal ans gleissende Licht der Provence und an die starken Aufwinde heranzukommen, die mit einer Wolkenbasis von deutlich über 3’000 M.ü.M. klar markiert sind. Hier höre ich auch das erste Mal die Piloten aus Schänis am Funk. Martin Bühlmann ist mit ‚8T’ in der Gegend von Briançon und wendet über der Barre des Ecrins. Dass er mein Begleiter auf dem Flug nach Schänis werden wird, weiss ich noch nicht, als ich die Flugzeugnase auf den Mont Guillaume richte. Die Westseite des Durance-Tals bietet eine hervorragende Wetteroptik. Weil ich in den vergangenen Tagen öfters über den Col d’Izoard geflogen bin, wähle ich diesmal die Westseite.

Unglaublicher Aufwind an der Tête de Lucy

Die hat diesmal eine angenehme Überraschung für mich bereit. Die Gipfelkreten nördlich des Guillaume sind seit Stunden voll in der Sonne gewesen. Ich fliege sie mit einem langen Gleitflug direkt an, so dass ich ohne Hangfliegerei einkreisen kann. Ich hole tief Luft, als das Vario zu singen beginnt. Die Nase der ASW zeigt in den blauen Himmel, der Flieger steigt und steigt und steigt. Nach endlos scheinenden Sekunden lege ich den Flügel in eine enge Kurve. Das digitale Variometer steht mit 5.7 m/Sek. am Anschlag, wenige Minuten später finde ich mich auf über 4’000 M.ü.M. wieder. Die Optik hat sich völlig verändert, die Gipfel sind unter mir förmlich weggeschrumpft. Die Distanz zum nächsten mutmasslichen Aufwind an der Crête des Agneaux ist leicht überwindbar. Jetzt gilt es, Tempo zu machen, wenn ich trotz des späten Starts und des schwierigen Abfluges noch ins Wallis fliegen will, um mindestens das Matterhorn nochmals zu sehen. Die letzten Minuten haben mich in Trance versetzt. Wie im Traum gleite ich nach Nordosten, den schönsten Wolken nach.

Berauschende Wetteroptik nach Nordosten

Der Blick in die Flugrichtung nach Nordosten jagt mir einen Schauer über den Rücken. So habe ich das Modane-Tal noch überhaupt nie gesehen. Der Charbonnel ist selbst von hier aus klar erkennbar, auch noch überragt von einer Reihe von Cumulus-Wolken mit einer Basishöhe von deutlich über 4’000 M.ü.M., mit schwarzen, dunklen Böden. Einfach unglaublich. Üblicherweise sieht man hier niemals so klare Strukturen, die Wolken hängen oft tief an den Kreten über dem Col du Mont Cenis, wer weiter nach Bonneval fliegt, muss an die Kraft des Charbonnels glauben. So wie heute sollte Segelfliegen eigentlich immer sein, bloss wäre das dann wohl auch irgendwann langweilig…

Ich wähle den direkten Anflug an die Ostseite nach Bardonnecchia, um über der Barrage Rochemolles nochmals Höhe zu tanken und dann in Bonneval oder Val d’Isère nochmals meine Flughöhe zu ‚sanieren’, um weiter nach Nordosten weiterzukommen. Der Flug an den Grand Paradis wird zum reinen Vergnügen. Wie von einem Automaten gesteuert, drehe ich in die Aufwinde ein, zuverlässig kommen immer dieselben unverändert guten Steigwerte auf das Display, die Wolken-Basis ist problemlos hoch, die Perspektive über dem Val Savaranche und weiter im Osten, im Valpelline, ist deutlich besser als am Vortag, wo hier alles in wunderschönem Blau versunken ist. Ich kann mein Glück kaum fassen, einen derart tollen Flug zu erleben, alle Arten von Gefühlen rasen durch meine Körper. Was für ein Privileg, hier wie ein Vogel quer durch Europa sausen zur dürfen!

Der vorher erwähnte Virus bricht schlagartig aus, als ich über dem Val de Rhêmes einen ausgezeichneten Aufwind bis an die Wolkenbasis erwische. Der Blick auf die Uhr und ein Funkspruch mit Martin Bühlmann, der seine SZD-55 aus Polen im Valpelline in besten Bedingungen nach Osten vorantreibt, machen alles in Sekunden klar: heute fliege ich nach Schänis und realisiere damit einen Traum, an den ich selber kaum je wirklich geglaubt habe! Heute packe ich’s! Entschlossen fliege ich den Talsprung nördlich Aostas an, die Nadel des Fahrtmessers steht nie unter 160 km/h. Beim ersten Flug in die Mischabel-Gruppe waren die Sprunggeschwindigkeiten während einer längeren Flugphase in dieser Region sogar noch höher, bei unglaublichen 200 km/h.

Noch nie in den ganzen zwanzig Jahren, in denen ich segelfliege, habe ich derart hohe Durchschnittsgeschwindigkeiten realisieren können wie in diesem Sommer gleich mehrmals hintereinander.

Ich habe etwas Zeitreserve und gehe die Sache deshalb heute nicht ganz so wild an. Richtig spannend wird der Flug nach problemlosem Queren des Valpelline und des Matterhorns im Mattertal, wo ich auf 3’200 M.ü.M. in der Hoffung auf einen guten Aufwind einfahre.

Kniffliger Endanflug

Die letzten Lift’s waren nicht mehr von der fast brachialen Gewalt jener aus dem Valpelline oder dem Durance-Tal. Die Tageszeit und der Sonnenstand im August müsste sich ja irgendwann im Laufe des späteren Nachmittags auch thermisch bemerkbar machen. Vorsichtig drehe ich über der Schönbielhütte in einen nur zaghaft funktionierenden Aufwind. Im Hinterkopf rumort zwar der ‚Rothorn’-Aufwind herum, ich möchte aber hier an dieser Schlüsselstelle nichts anbrennen lassen. Oft bin ich zu forsch vorgeflogen, um dann mit Hangfliegen tief unter der Krete den ganzen Zeitgewinn wieder zu verspielen. Das soll mir hier nicht passieren. Ich will hier im Wallis die Maximalhöhe gewinnen, um dann im Binntal oder an der Furka oder im Bedretto-Tal die Endanflughöhe für Schänis aufbauen zu können. Und mit zielloser Aufwindsuche geht das bestimmt nicht. Meine Geduld wird dann doch noch belohnt. Ab ca. 3’600 Meter gewinnt der Aufwind an Stärke und spült mich mit mehr als 3 M./Sek. auf 4’300 M.ü.M. hinauf. Das reicht dann auf jeden Fall, um an der Mischabelgruppe, direkt über den höchsten Gipfeln des Dom wie geplant auf 4’600 M. hinauf zu klettern. Mein Endanflugrechner meldet hier bereits genügend Höhe, um Schänis zu erreichen, was allerdings angesichts der hohen Pässe dazwischen kaum realistisch sein wird. Die Furka zu überspringen, ist auf jeden Fall ‚im Fass’, aber ob’s dann mit einem möglicherweise aufwindlosen Flug durch die Urner Alpen noch über den Klausen reicht, möchte ich lieber nicht eins zu eins austesten, auch wenn die Elektronik dies sicher sehr präzise berechnen kann.

Die ASW hat noch eine Dimension, die ich noch nicht kenne…

Die Wolken beginnen langsam zu zerfallen und sich teilweise aufzulösen, was um 17.30 Uhr anfangs August natürlich ihr gutes Recht ist. Martin Bühlmann erlebt offensichtlich im Bleniotal rund um Olivone die Tief- und Höhepunkte des Segelfliegens innert derselben halben Stunde, indem er sich aus aussichtslos scheinender Situation doch wieder befreit und den Flug noch nach Splügen verlängern kann. All diese Eindrücke lassen mich insgesamt vorsichtig weiterfliegen. Im Binntal nehme ich noch ein paar Meter mit, begleitet von zwei Flugzeugen aus Vinon, die auf dem Rückweg sind – etwas spät für meine Begriffe – bis mir bewusst wird, dass wir vor wenigen Tagen um dieselbe Zeit in der gleichen Gegend ebenfalls noch unterwegs waren und den Heimweg ohne Schwierigkeiten zustande brachten.

Ein längerer Gleitflug an die Furka endet mit einem kuriosen Treffen mit einem jungen Adler. Der junge Kerl freut sich offenbar ebenso an der Fliegerei wie wir und turnt wild durch die Luft. Im Aufwind reisst er seine Flügel auf, wenn er beschleunigend in den Sturzflug übergeht, legt er seine Flügel knapp an seinen Körper. Mit seinem wilden Spiel zeigt er mir den Aufwind, der mich dann sorglos nach Schänis bringt. Zuhinterst am Nufenen-Pass kann ich mit mehr als 2.5 m/Sek. nochmals ein paar Hundert Meter dazugewinnen, am Ende auch noch begleitet von einer DG-400, die mit mir zusammen in sehr engen Kreisen in die Höhe steigt, überwacht von unserem gefiederten Kollegen. Beide verschwinden beim Abflug in die Urner Alpen plötzlich aus meinem Gesichtsfeld. Der Adler wird sich anderswo vergnügt haben, die DG dürfte aus Münster oder Ambri gewesen sein.

Über Andermatt rufe ich zuhause an. Brigitte staunt nicht schlecht über die Neuigkeit, dass ich mitten in meinem Südfrankreich-Urlaub zuhause übernachte, sie wird mich aber in Schänis abholen.

Die Provence ist plötzlich auf die Alpennordseite gewandert

Der Anflug über die Urner Alpen ins Klausenpass-Gebiet erinnert mit stark an die Endanflüge, die ich sonst in die Provence hinein mache. Die Gipfel sind bis in hohe Regionen hinauf schneefrei, was das Gestein in seiner ganzen Farbenpracht zeigt. Die flache Sonne verzaubert die Berge mit einem unwirklichen Licht, die Aufwinde – allerdings meist nahe an den Felsen – sind unvermindert stark, der Anflug ins Voralpengebiet führt ebenfalls über trockene Wiesen und Felder. Eine auch für mich etwas überraschende Erkenntnis – aber der optische Eindruck ist tatsächlich verwandt mit jenem, der entsteht, wenn man aus dem Ubaye-Tal über den Parcours des combattants hinaus in die Ebene des Plateau Valensole fliegt. Bloss die Sonne steht auf der falschen Seite – aber was etwas Phantasie so alles ausmachen kann…

Etwas ungewohnt für einen Segelflieger-Urlaub in Südfrankreich beschliesse ich diesen Flugtag zuhause im mir heute extrem kalt scheinenden Swimmingpool, um anderntags wieder um 06.00 bereits im Molliser Büro meine Internet-Seite zu aktualisieren. Nach knapp zwei Stunden haben sich meine MitarbeiterInnen an den Chef mit Migros-Tasche als Reisegepäck und die kurzen Hosen gewöhnt und Petra Müller chauffiert mich wieder auf den Flugplatz Schänis, wo ich den Rückflug in Angriff nehme.

Modernes Bergsteigen am Weissmies

Nach dem Schlepp auf die Südwestseite des Murgtals klettere ich über den glatten Felsen mit ordentlichen Steigwerten die ersten paar Hundert Meter in die Höhe. Am Foopass wiederholt sich das Spiel, dann aber bereits mit besseren Steigwerten und einer Operationshöhe von über 3’000 M.ü.M., was natürlich ein leichtes Fortkommen direkt über den Kistenpass erlaubt. Am Bifertenstock klettere ich den Bänderweg hoch, im Val Russein nehme ich die Maximalhöhe mit, um gleich an den Lukmanier zu wechseln. Am Ritomsee steht der erste aussergewöhnlich starke Aufwind, der mich an den Nufenen transportiert. Dort gewinne ich ein paar Meter an der Passstrasse, um im Binntal dann wieder richtig in die Thermik einfädeln zu können. Von hier weg fliege ich den Weissmies an, quere eine LS-4, die auf Westkurs meinen Kurs schneidet und tauche tief an den Grat, der nach Saas Fee hinunterführt. In wenigen Minuten klettere ich dem Felsgrat auf der Westseite entlang weit über den Gipfel hinaus. Die Bergsteiger auf dem Weissmies werden sich am Kopfe kratzen, wenn sie mich dabei beobachtet haben, wie leicht man heutzutage bergsteigen kann.

Der Weiterflug läuft dann wieder ab wie in einem Traum, von dem man sich wünscht, er ende nie. Am Matterhorn schwebe ich lockeren Fusses vorbei, um ganz am Ende des Valpellines beim kleinen Seelein in die Felsen hineinzutauchen. Nach einigen Minuten Suchens entdecke ich doch noch den Grund für den hohen Cumulus über mir. Ein Aufwind von sagenhaften 6.7 m/Sek. lässt mich im Cockpit jauchzen. Einen stärkeren habe ich noch überhaupt nie gefunden, sieht man von den dynamischen Rotorwolken-Steigwerten einmal ab.

Nach zwei Stunden am Mont Blanc

Die Wetteroptik nach Westen sieht hervorragend aus. Ein kleiner Umweg über den Mont Blanc liegt locker drin. Eigentlich hätte ich vor meinem Weg nach Südwesten durchaus vorher noch nach Österreich oder zumindest ins Engadin fliegen sollen, um die Möglichkeiten dieses aussergewöhnlichen Tages richtig zu nutzen – aber ich wollte eine Transportübung vermeiden, die entsteht, wenn man irgendwo aussenlandet, das Material in Südfrankreich, das Flugzeug im Engadin und den Piloten in der SBB irgendwo dazwischen platziert. So umrunde ich kurz vor halb zwei bereits den Gipfel des höchsten Berges Europas. Auf der Westseite beobachte ich erneut eine Steinlawine, welche mit ihrem Staub das ganze Tal ausfüllt, bevor ich die Flugzeugnase südwärts Richtung Val d’Isère richte.

Im Süden kocht die Luft wieder. Sie ist deutlich feuchter als nördlich des Modane-Tales. So muss es die letzten Tage wohl immer gewesen sein, was erklärt, warum die Piloten von Schänis aus nach ihrem frühen Start um 10.00 Uhr bereits in St. Crépin ihre Kreise zogen, während wir mit der erst aufbauenden Thermik um 13.00 Uhr noch in den südlichen Voralpen kämpften. Ich bin glücklich, dass ich trotz der improvisierten Hilfsmittel in Schänis mein Flugzeug noch mit 40 Litern Wasser gefüllt habe. Es wäre zu schade gewesen, die ASW heute ohne zu fliegen.

Back to paradise

Der Rückweg nach Vinon gestaltet sich natürlich mehr als einfach. Ich war auch noch nie so früh am Nachmittag in Bonneval. Normalerweise erreichen wir das Hochtal erst am späteren Nachmittag. Die Aufwinde sind auch heute ausgesprochen stark, zuverlässig und hochreichend, so dass ich hoch über dem Guillaume mitten im Nachmittag Kurs auf Vinon nehmen kann. Nach einem endlosen Gleitflug aus den Hochalpen kann ich eingangs Val d’Asse einer grossen, schönen Cumulus-Wolke doch nicht widerstehen und drehe auf 1’000 M.ü.M. in einen Fünfmeter-Aufwind ein, den ich aber dann doch auf halber Höhe verlasse, um den Flug nicht weiter zu strecken. Was ich in den letzten beiden Flugtagen erlebt habe, ist nicht mehr zu toppen. Auch wenn ich die sonnendurchglühte Provence, den Luberon, die Lure, den Lac de Ste. Croix noch so unvergleichlich finde. Nach einer langen Schlaufe über die Ebene von Brignoles tauche ich ein in die Hitze der Provence. Einige weite Kreise über der Durance warte ich, bis der letzte Tropfen Wasser aus den Flügeln gerauscht ist, drehe ein in den Downwind, lande kurz auf der stoppeligen, dürren Graspiste und klettere knapp vor 17.00 Uhr überglücklich, aber etwas hakelig aus meinem Flugzeug.

Es riecht nach Lavendel.
Wer will denn noch in den Himmel – wir sind ja schon im Paradies.

Die Protagonisten

Im neu getauften Château des routiers des airs sind dieses Jahr Max Weber und ich einquartiert und teilen uns den schlichten Komfort des in die Jahre gekommenen Wohnwagens. Im deutlich bescheideneren Blockhaus logiert Martin Haller, wenn er überhaupt in Vinon ist und sich nicht gerade nach Sollières oder Schänis verfliegt. Möglicherweise hat seine nicht zu bändigende Lust an der Flucht auf andere Landestellen doch etwas mit der Kargheit seiner Unterkunft zu tun? Ein paar ‚Relais’ weiter hausen wie seit Urzeiten die Familie Wickli und Hans Reis, während die sportlichen Brüder Albert und Walter Götz in einem der ‚Reihenhäuser’ von Thomas Badum nächtigen. Wir harmonieren ausgezeichnet, während der ganzen Ferienzeit kommen wir ohne laute Worte aus und geniessen alle die sorglose Zeit unter der dieses Jahr besonders heissen provençalischen Sonne.

Vinon – Matterhorn – Vinon

Die Segelflug-Ferien von Mitte bis Ende August 1993 bilden damals den Höhepunkt meiner bisherigen Segelflug-Unternehmungen. Täglich legen wir dank homogenen Wetters über den Hautes-Alpes de Provence, der Dauphiné und der Haute-Savoye mehr als 400 km zurück und bleiben mindestens sechs Stunden in der Luft.

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Den Höhepunkt des neuntägigen Aufenthaltes mit acht Flügen und 50 Flugstunden im Land des Lavendels bildet aber neben den ausgedehnten Ausflügen an den Monte Viso, Mont-Blanc, Barre des Ecrins und meinem ersten akzeptierten FAI-500er der Flug ans Matterhorn. 1993 gelang es mir zweimal, den Gipfel dieses berühmtesten Berges zu umrunden, einmal ab Schänis und einmal ab Vinon.

Pünktlich wie vorausgesagt beginnt die Thermik mit den gewohnten, immer schneller und stärker erscheinenden Ablösungen direkt in unserem Warteraum unter dem Bäumchen beim Hangar. Wir haben heute Grosses im Sinn und die Schweizerkreuze leuchten hintereinander von den Heckflossen der Segler in der Startreihe. Es ist heiss, beinahe 35° C. In den Tragflächen meiner ASW-20 schwappen 40 l Wasser. Markus von der Crone, Beat Gassmann, Martin Bühlmann und ich wollen so weit nach Norden, wie die Flügel tragen. Norden heisst heute Matterhorn.

Ueber dem Plateau de Valensole zieht sich unser Feld bereits in die Länge. Markus und Martin gewinnen mit Tom Badum zusammen schneller Distanz als Beat und ich. Trotzdem sausen auch wir nach knapp einer Stunde beim Cheval Blanc vorbei. Immerhin 80 km/h. Kein schlechter Anfang. Die Aufwinde greifen in der uns in dieser Woche liebgewordenen Intensität unter die Flügel und heben uns in grossflächigen Kreisen mit 4 m/sec. in die Höhe. Ein unvergleichlicher Flug beginnt sich abzuzeichnen, als über dem nördlichen Teil des Parcours des Combatants die Cu’s zu kondensieren beginnen. Wie im Schnellzug-Fenster flitzt die Landschaft beim Lac de Serre-Poncon unter uns vorbei.

Der Flug wird beim Eindrehen am Guillaume zum Rausch, als ich in wenigen Minuten in einem 5.5 m-Lift mehr als 1’200 Höhenmeter hochklettere. Nur wenig später überquere ich die Passstrasse zwischen Briancon und dem Col du Gali­bier und nehme Kurs auf die Tête de Siguret. Vor der Ueberquerung des Modane-Tales quetsche ich den Aufwind bis zum letzten Meter aus und fliege in 4’100 m ab nach Norden. Tom hat im Val de Rhêmes bereits fotografiert und ist auf dem Weg zu seiner zweiten Wende Moustiers. Alle Stimmen aus der Region Briancon – Bardonecchia – Modane tönen zuversichtlich. Beat hält prächtig mit, wir tauschen die Steigwerte in kurzen, präzisen Meldungen aus. Er fliegt weiter östlich, ausser Sichtweite, tastet sich gerade durch die thermisch miserable Landschaft bei Bonneval.

Napoleon-Schotter

Inzwischen habe ich an die Nordkreten des Modane-Tales angehängt und fliege praktisch kreislos über den Col d’Iseran nach Val d’Isère hinüber. Gott im Himmel, ist das eine verlassene Gegend hier! Die Strassen hat wohl Napoleon gebaut. Seither haben die Franzosen nur noch den Schotter nachgefüllt…

Zuhinterst im Tal von Val d’Isère hangle ich mich nahe an den Felswänden durch ein Couloir bis auf 4’000 m hinauf. Damit kann ich gerade die Berggipfel überfliegen. Ich blicke das erste Mal in meinem Leben in die drei Parallel-Täler, die von dieser Hochebene nördlich nach Aosta hinunterführen. Das V-Tal ist hier erfunden worden. Federico Blatter erscheint geistert mit seinen Nordföhn-Flügen durch meine Gedanken. Hier hat er jeweils gewendet, nachdem er am morgen Obervellach im Mölltal umrundete. Verrückt! Gigantische Bergtäler, wildromantische Passwege, praktisch keine menschliche Behausung prägen das Bild. Ueber den spitzen Kreten nach Norden hängen die schönsten Cu’s, die ich mir vorstellen kann.

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Management bei Känguruh

Die Zahnbürste, der Pass, das Portemonnaie mit den Credit Cards sind eingepackt. Begleitet von einem mir bisher unbekannten, unbändigen Willen, Strecke zu fliegen. Ich sehe das Matterhorn weit entfernt am Horizont vor mir! Zeitlich liegen wir nicht schlecht, wir sind nach Fahrplan unterwegs. Bis hierhin wollte ich mich vortasten und entscheiden, ob ich gemütlich nach Vinon zurückkehre oder das Wagnis eingehe, mir völlig unbekanntes Gelände zu erfliegen. Ich brauche nicht lange für meinen Entscheid. Wenn es mir gelingt, bis ins Valpelline vorzustossen, kann ich heute segelfliegerisch den gesamten Alpenbogen von Zeltweg bis Marseille aneinanderhängen. Das höchstes Segelflugziel scheint in Griffnähe zu rücken. Ein Schauer jagt über meinen Rücken, als ich meine ASW über den Pass ins Val de Rhême fallen lasse. Nach 30 km mache ich über einem etwas tiefer liegenden Bergsattel den ersten Kreis und drehe unter einer Wolke mit sattem, dunklem Boden in den Aufwind ein.

Es ist nicht zu fassen! Auf mehr als 4’300 m erst kann ich nach 1’200 erklommenen Höhenmetern die Kreiserei abbrechen und westlich Aostas eine Krete anfliegen, die zum Grand-Saint-Bernard hinauf­führt. Da erwartet mich wieder dasselbe Vergnügen! Ich kann meine Begeisterung kaum unterdrücken und habe Mühe, Beat sachlich Position, Höhe und Steigwert durchzugeben.

Der Aufwind des Tages

Den Höhepunkt bildet dann aber der Taleingang ins Valpelline, nördlich des Flugplatzes Aosta. Ein weiterer 30-km-Sprung hat mich in wenigen Minuten hierhergeführt. Auf 2’800 m komme ich über der Krete an und ziehe meine ASW aus voller Fahrt sanft hoch. Ueber mir erscheint ein dicker Cumulus. „Cinque“ steigt und steigt und steigt. Sanft senke ich den Flügel und beginne zu zentrieren. Ich erschauere erneut. Das Vario muss ich auf die 10-m-Skala umstellen, um Beat den Steigwert durchgeben zu können! „Beat komm sofort hierher, alles andere ist Zeitverschwendung… ich steige mit 5.8, nein, 6.5, jetzt rundherum 7.0 m/sec!!!“ schreie ich ins Mikrophon. Das Capot zerspringt fast unter meinem Urjauchzer, den ich nicht mehr zurückhalten kann. Nördlich von mir glitzern die Walliser Vier­tausender, das Matterhorn lockt am Ende des Valpelline. Ich steige in wenigen Minuten auf unglaubliche 4’450 m. Martin und Markus lehnen sich bereits zurück, unsere Wege kreuzen sich, beide sind auf dem Heimweg. Es ist noch nicht vier Uhr durch. Ich setze mir eine Deadline auf 16.30 Uhr. Dann werde ich umkehren, egal wo ich gerade bin. Damit müsste ich sogar nach Hause kommen. Aber das ist noch ganz weit weg…

Beat ist nur ca. zehn Minuten hinter mir. Ich gleite die Kreten des Valpelline bis zum Ostende des glitzernden Stausees hoch und versuche beim Uebergang nach Cervinia etwas Höhe zu gewinnen, um das Matterhorn von der Schweizer Seite aus ansehen zu können. Am Zmuttgrat breche ich genau um halb fünf die Uebung ab, ich kann nicht mehr höher steigen als 4’500 m.

Formel-Eins-Rennen am Grand-Paradis

Im Eilzugstempo gleite ich zusammen mit einem französischen Janus und einem Ventus – beide scheinen aus Vinon zu sein – den gleichen Weg zurück an den Superaufwind am Taleingang des Valpelline. Er hievt uns alle drei wie Blätter im Wind auf Maximalhöhe. Beat ist jetzt am Matterhorn und wendet ebenfalls. Ich hänge mich den beiden Frenchies an und fliege überhaupt nur noch geradeaus. Zuerst bis zum Grand Paradis, wo wir nochmals auftanken bis zur Maximalhöhe von 4’300 m. Die Sonne wird flacher. Die Aufwinde aus den isolierten Bergtälern sind noch immer stark, beginnen aber nachzulassen. Ich folge den Franzosen im Formationsflug rund um die 4’000er-Gipfel des Grand Paradis. Ein faszinierendes Rennen knapp über Grund oder direkt an den Hängen beginnt. Kein Kreis wird verschwendet, raumgreifend gleiten wir geradeaus bis zur „meiner“ Passhöhe nach Val d’Isère hinüber.

Mir wird das ewige Geradeausfliegen bald unheimlich. Ich beginne, gedanklich wieder meine eigenen Wege zu gehen, zumal die beiden Kameraden leicht nach Osten abdrehen und ins hinterste Maurienne-Tal einfliegen. Die direkteste Linie führt zurück über den Col d’Iseran, über Modane zum Lac de Mont-Cenis und von da nach Bardonecchia. Nur ist der kürzeste Weg nicht immer der schnellste… 30 Minuten später hätte ich einiges dafür gegeben, den beiden einfach blind gefolgt zu sein, statt meinen eigenen Weg zu suchen, aber nachher ist man immer gescheiter.

Bergwandern am Grand Roc Noir

Im hintersten Teil des Val d’Isère versuche ich von Gipfel zu Gipfel erfolglos, Höhe zu machen. Ich kriege die turbulenten Aufwinde einfach nicht in den Griff. Müdigkeit macht sich bei mir bemerkbar. Beat ist im Val de Rhême. Bis ich begreife, was hier mit der Luft passiert, finde ich mich 200 m über dem Col d’Iseran am Hangsegeln und überlegen. Die Trikolore auf dem Pass zeigt knatternd nach Süden. Also das ist es!!! Die Ortschaft Val d’Isère liegt ähnlich wie Andermatt hinter einem tiefen, schmalen Taleinschnitt, der wie eine Düse die Luft beschleunigt und an die südlichen Talhänge bläst. Vorhin bin ich im Lee herumgeturnt. Jetzt entschliesse ich mich schweren Herzens, das Wasser abzulassen. Bei Steigwerten um einen halben Meter lohnen sich die höheren Flächenbelastungen nicht. Ich will nur noch soweit wie möglich nach Süden kommen. Ich hangle mich an den flachen Berghängen immer über den Kreten bleibend, vorsichtig immer weiter nach Westen. Wie ein schwebender Velofahrer. Meine Theorie geht auf, ich kann mehr als 400 m steigen und immer weiter westwärts den Gipfeln entlangfliegen, südlich von mir erscheint bereits Bonneval vor dem Flügel. Beat hat grosse Mühe und flieht tief über den Iseran und an den Südhang des Modanetals. Vielleicht kommt er dort im Talwind wieder weg.

Gegen die Uhr

Mir stellt sich jetzt der Grand Roc Noir in den Weg. Ich muss mich für das Modanetal oder die Vanoise entscheiden. Da ich in der zweiten Gegend zu ungenau weiss, wohin die Täler genau führen, entschliesse ich mich für einen Sturz nach Süden durchs Lee, in der festen Hoffnung, im Talwind und in der Abendsonne beim Grand Roc Noir an der Westseite wieder hochzukommen. Mit viel Nerven, Herzklopfen und nassen Händen gelingt die Turnübung im Lee soweit, dass ich an die Südseite des Modanetales wechseln kann und dort erst noch knapp unterhalb der Krete ankomme. Im Hangwind östlich der Aiguille de Scolette nutze ich das schwache Steigen konsequent und ruhig aus und schiele bereits über den Col d’Etache in Richtung Bardonecchia. Wenn ich mich jetzt noch etwas beeile und hier nochmals wegkomme, schaffe ich es mindestens noch bis St.Crépin, überlege ich. Tief unter mir kreist der Discus von Beat und Reini Rychener mit seiner DG-400 in den Tannenwipfeln. Reini lässt sehr sportlich seinen Motor drin und versucht, gemeinsam mit Beat nochmals wegzukommen. Es sieht sehr spannend und nervenaufreibend aus, aber die beiden scheinen hochzukommen.

Geradeaus, geradeaus…

Ich gleite knapp über den Kreten ins Tal von Bardonecchia und steige dort nochmals auf ca. 3’700 m hinauf. Anschliessend gleite ich hinüber Richtung Plampinet. Die Namen werden bereits wieder etwas geläufiger für mich, meine Zuversicht beginnt zu steigen. Beat hat uns verlassen und ist in Sollières aussengelandet, um sich noch bis St.Crépin zurückschleppen zu lassen. Schade, es wäre zu schön gewesen, mit ihm gemeinsam das Plateau Valensole im Sonnenuntergang zu überfliegen. Aber so kann er morgen wenigstens wieder fliegen, statt den Discus auf der Strasse sinnlos herumzutransportieren.

170 km kreisloser Endanflug

Mir geht es schon wieder besser. In Plampinet mache ich nochmals ein paar Kreise und gleite mit ca. 140 km/h weiter an die Tête du Peyron zwischen Briancon und St.Crépin. Mit etwas Glück schaffe ich es doch noch nach Hause! Ich kann es kaum fassen, obwohl die Sonne flacher als flach scheint und die Täler kaum noch Licht kriegen, wirft es mich hier nochmals hoch bis auf 3’900 m. Damit müsste ich ja bis an den Parcours kommen. Wenn der schön trägt, reicht es vielleicht? Ich mache am Funk eine kleine Meinungsumfrage. Tom meldet sich und gibt mir knappe, klare Anweisungen. Ich soll direkt zum Morgon fliegen und ihn dort um halb acht treffen. Auf Kretenhöhe. Alles andere wäre Zeitverschwendung, meint er. Ich gebe mir alle Mühe, pünktlich und tief genug da zu sein…

Martin ist ebenfalls noch in der Gegend. Die letzte Stunde verlief unwahrscheinlich schnell und hektisch. Trotz aller Schwierigkeiten und trotz schwacher Steigwerte bin ich erstaunlich schnell vorangekommen und habe dank der konsequenten Geradeausfliegerei eine Riesenstrecke zurückgelegt. Vielleicht war die Methode meiner beiden Begleiter vom Grand Paradis doch ganz gut. Mit Kreisen verliert man bei diesen Bedingungen wirklich nur Zeit und Höhe. In Bodennähe oder Kretennähe geradeausfliegen bringt hier am meisten. Es benötigt aber auch eine gewisse Angewöhnungszeit.

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Schnellzug am Parcours

Pünktlich und 150 m zu hoch treffe ich Tom am vereinbarten Ort. Aus dem Lautsprecher kommen seine knappen Anweisungen: „Fliege 20 m hinter mir, genau gleich hoch, gleich schnell. Nicht höher, nicht tiefer. Häng Dich an meine Heckflosse und bleibe dran. Auf keinen Fall abhängen lassen…“ Genau das mache ich nun. Ein himmlisches Vergnügen beginnt. Ich entspanne mich und geniesse die folgende Stunde wie im Kino. Jetzt bin ich sicher, nach Hause zu kommen, der Parcours trägt wunderbar. Im Formationsflug, immer mit ca. 120 bis 140 km/h fliegen Tom, Martin und ich im Konturenflug bis zum Coupe. Wir sind noch immer auf 2’200 m Höhe, gleich hoch wie beim Einstieg in diesen Express-Zug am Morgon. Jetzt fächern wir uns auf und suchen die tragenden Linien. Dummerweise habe ich seit dem Iseran kein Wasser mehr drin, diese letzte Phase des Fluges wäre noch schöner und optimaler zu fliegen gewesen.

Die letzten 20 Minuten rasen wir alle drei mit knapp 200 km/h über der Kante des Plateau Valensole entlang nach Vinon zurück. Wir verschenken keinen Meter Höhe. Mit Höchstgeschwindigkeit erreichen wir die den nördlichen Einflugpunkt und ziehen alle drei hintereinander hoch. Nach der Landung bleibe ich einen Augenblick sitzen und versuche, die Stimmung in mir aufzusaugen und diesen grossen Moment festzuhalten. Es gibt derzeit keinen glücklicheren Menschen als mich! Der heutige Tag wird mir mein ganzes Leben lang in Erinnerung bleiben. Es war ganz einfach unbeschreiblich schön!

In passender Atmosphäre – im Dörfchen Ginasservice – geht unter den Platanen spät in der Nacht ein herrliches, fröhliches Fest aller Vinon-Piloten und Begleiter/innen zu Ende. Jeder hat viel zu erzählen. Die Begeisterung schlägt beim Erzählen immer wieder durch. Alle sind wir uns einig. Wir werden nach Vinon zurückkommen. Immer und immer wieder…