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Deborah will ans Matterhorn.

Auf dem ersten Segelflug quer durch die Schweizer Alpen

Samstag, 27. Juli 2013. Wie ihre beiden älteren Geschwister, möchte auch unsere Jüngste, Deborah, einmal ein tolles aviatisches Abenteuer erleben. Das versuchen wir an einem der heissesten Tages des Jahres in die Tat umzusetzen. Allerdings sind wir beide trotz Deborahs Motorflugzeug-Erfahrung etwas verunsichert, ob sie die Segelfliegerei ebenso gut verträgt wie das Reisen mit dem Propeller an der Flugzeugnase.

Deborah vor ihrem ersten Segelflug im HB-3416, unserem bewährten Duo Discus X

Bloss nicht schaukeln.
Wir gehen das Unterfangen vooorsicchttig an und ich gebe mir Mühe, im ersten Aufwind ohne allzugrosse Schaukler Höhe zu gewinnen. Gelingt dank der schön gross platzierten Thermik über dem Kamm vom Spitzmeilen zum Gulderstogg immerhin so gut, dass Deborah oben angekommen vorerst Entwarnung gibt. Sie scheint die Schauklerei zu vertragen. Öpänäsgörpsli ist nicht zu vermeiden, aber es bleibt bei den gasförmigen. Am wenigsten mag sie den Wechsel des Variometer-Signals von ‚Thermik’ auf ‚Sollfahrt’. Das bedeutet, dass unmittelbar beim Wechsel des akustischen Signals das Segelflugzeug in einem schwachen Parabel-Flug ein paar negative Beschleunigungen produziert. Die mag sie anfangs überhaupt nicht, später gewöhnt sie sich dran, immerhin geht’s ja dann auch wieder ein Weilchen geradeaus.

Unesco-Welterbe ‚Alpen-Haupt-Überschiebung.
Also zielen wir mit der Flugzeugnase ins Elmer Raminertal, wiederholen die ganze Sache, damit wir danach ein Weilchen geradeaus fahren können. So erholt sie sich bestimmt von allfällig aufkommendem Unwohlsein – das wäre der Plan gewesen. Soviel Sorge ist allerdings unangebracht. Deborah ist wetterfest und wird schon bald einmal übermütig. Sie will jetzt gleich ans Matterhorn. Wenn schon, denn schon!

Unter uns verschwinden inzwischen die Tschingelhörner mit der verkehrt herum geschichteten Geologie unter dem rechten Flügel. Wenn die Touris alle wüssten, von wo aus man den schönsten Blick auf’s Martinsloch und die Alpen-Haupt-Überschiebung hat – wir könnten uns in Schänis nicht mehr vor den Fluggästen retten.

Kurvenfrei ans Eggishorn.

Wir kommen dank flotter, starker und regelmässiger Aufwinde prima durch die Surselva und queren bald einmal den Oberalp- und später den Furkapass. Das scheint ja tatsächlich heute noch etwas zu werden mit Deborahs Flug zum Matterhorn! Bis an den Aletschgletscher müssen wir kaum kreisen. Was der jungen Dame auf dem Vordersitz natürlich bestens gefällt. Auf der linken Seite taucht ganz weit hinten in den Visper-Tälern das Matterhorn auf. ‚Isch etz aber schu nuch a schüüs Stugg detane’!

Die richtige Taktik macht’s aus… (I)

Die Wetteroptik verlangt erste wichtige Entscheide. Die Walliser Südseite ist bei Südwestwind immer eine trickreiche Angelegenheit. Die zerrissenen Cumuli und eine ungemütlich tiefe Wolkenbasis lassen mich zweifeln, ob das jetzt eine gute Idee ist, mit meiner Tochter in die Chrächen des Mattertales einzufliegen und dort in den ruppigsten und heute wohl auch noch verrissenen Aufwinden bei Täsch den Duo Discus nach oben zu zwirbeln. Das wäre dem korrekten Verdauungsweg von uns beiden wohl kaum förderlich. Also beschliessen wir gemeinsam, einfach geradeaus zu fliegen. Soweit die Cumuli stehen (also bis ans Ende der Walliser Nordkette bei Martigny).

Das ganze Wallis hinunter.

Genau so machen wir es dann auch. Wir bleiben auf der Walliser Nordseite. Die ist vom Südwest angeblasen, von der Sonne voll beschienen und produziert entsprechend schöne Aufwinde. Bis zum Diablerets-Gletscher (Glacier 3000) rauschen wir mit einer flotten Reisegeschwindigkeit westwärts, nur ab und zu unterbrochen vom Wechsel des Variometers auf das ‚Püüpüüpüü’, das steigende Luft ankündigt, die wenn möglich ausgekurbelt werden sollte. Ich gebe mir alle Mühe, nur wenige Aufwinde mit über drei Metern pro Sekunde Stärke zu benutzen, damit Deborahs Zmorge dort bleibt, wo er hingehört.

Richtige Taktik (II)
Über Glacier 3000, wo die Japaner in unpassendem Schuhwerk von der Seilbahnstation einen Kilometer über den schrumpfenden Diablerets-Gletscher ans Ende des Plateaus täppeled, werden die Aufwinde zunehmend unstrukturierter (oder ich treffe sie mal wieder nicht). Der Südwest wird stärker. Die Wolken laufen auseinander, die Ränder werden breiter. Wir beschliessen, hier den Blinker links zu setzen und den Rückweg unter die Flügel zu nehmen. Ist ja nicht so schlecht, wenn man auf seinem ersten Segelflug bis Martigny kommt!

Der Heimweg ist praktischerweise fast identisch mit der Strecke, auf der wir hergekommen sind. Zwei Ausnahmen warten dann aber doch auf uns. Deborah wird in der dünneren Luft auf fast 3’800 Meter etwas müde. Trotz der unglaublichen Szenerie im hintersten Lötschental über der Fafleralp. Die erste Ausnahme in der Streckenführung ist die Abkürzung über den ‚Walliser Glacier-Highway‘. Diese Strecke führt uns inmitten gleissender Gletscher, Gipfel und Grate über den Petersgrat, die Lötschenlücke, den Aletschgletscher, die Grünhornlücke und das Wasenhorn zurück ins grüne Oberwallis. Das ist allerdings auch schon grüner als jetzt gewesen. Damit sind wir bei der zweiten Abänderung.

Richtige Taktik (III)
Im Oberwallis het’s nämmli ä CB vertätscht! Ziemlich trübe, graue Optik. Regenschauer über der Furka, im Goms, Urserental vermutlich auch noch. Hmmh, das wird etwas ungemütlich, sollten wir wie geplant dahin queren wollen. Da schüttet es ziemlich fescht. Ich taste mich mit dem Duo Discus vorsichtig Richtung Grimselpass, immer drauf bedacht, alles an Höhe mitzunehmen, was da noch übrig bleibt.

Gewitter über der Furka.

Am Tierberg über dem Oberaarsee kann ich eine Viertelstunde in einem schwachen Ufwindli das Segelflugzeug parkieren und in Ruhe die Lage beurteilen. Die Aussicht auf die Berner Oberländer Eisriesen ist gewaltig. Der CB baut indessen davon unbeeindruckt weiter auf, der Regen in der Region Furka, Urserental nimmt nicht ab. Jetzt bloss den richtigen Entscheid treffen, damit aus unserem gemütlichen Segelflug nicht am Ende doch noch ein Abenteuer wird. Der Weg über Andermatt scheint mir nach langem Abwägen (zu) riskant. Selbst wenn wir den Regen einigermassen schadlos überstehen würden, verhindern die Ausbreitungen, dass wir in den Urner Alpen oder später in der Surselva, wenn wir sie denn noch erreichen, brauchbare Aufwinde antreffen.

Das schwache, mit zunehmender Höhe sogar wellenartige Steigen trägt uns inzwischen bis weit über 3’000 Meter hinauf. Der angekündigte, aufdrehende Südwest ist spürbar. Der könnte uns heute noch nach Hause tragen. Der Plan ist damit klar: Wir zielen nach Norden hinaus zum Titlis, steigen da nochmals auf die höchstmögliche Höhe und fräsen dann einfach über den Klausenpass nach Hause.

Schüttliges Urnerland.

Über der Melchsee Frutt trägt uns beide nochmals ein kräftiger Aufwind auf Endanflughöhe. Deborah erkundigt sich hin und wieder, wie lange die Kreiserei denn noch gehe…? Aber insgesamt hält sie sich super-tapfer. Auch in der letzten, etwas spannenderen Stunde mit allerhand Unwägbarkeiten wie etwa einer Landung irgendwo auf einem Flugplatz. Sowas möchte sie dann schon lieber nicht.

Unseren Gspänli geht es teilweise so. Renato muss in Raron übernachten. Markus und Roland sind für den Ausflug ins Mattertal mit einer nicht ganz einfachen Heimreise ‚gestraft’ worden. Martin und Tizian kommen sozusagen unter dem Gewitter erstaunlich problemlos in die Surselva. Wäre also etwas später auch noch gegangen.

Liegend auf den Speer.

Wir ziehen den Duo durch die Urner Alpen ins Brunnital, ganz knapp hinter den Kreten der Schächentaler Windgällen. Da spüren wir dann den Südwest ziemlich gut, den Duo stellt’s gleich mehrmals auf die Nase. Deborah verträgt aber jetzt sogar sowas, sie hat sich an die grösste Achterbahn der Welt gewöhnt. Den Endanflug durch das Glarnerland und über den Federi- und Speer-Spitz findet sie einen speziellen Genuss. Auf den Speer musste sie letztes Jahr mit der Schulklasse hinaufsteigen. Da ist Segelfliegen doch erheblich bequemer.

Wir beschliessen unseren schönen gemeinsamen ersten Rundflug bei einem guten Coupe auf Wolfgangs Terrasse. War eine flotte Reise ins Unterwallis. Vielleicht wird ja noch einmal mehr draus?

Link auf’s Foto-Album.
Die technischen Daten des Fluges.

Mit Heinz auf der Tour du Valais

Freitag, 26. Juli 2013. In der letzten Juli-Woche will der Sommer offenbar konzentriert alles aufholen, was wir vorher versäumten. Die Rekord-Temperaturen über der Schweiz sind in den Medien auf den Titelseiten. Die eingestrahlte Sonnen-Energie wollen wir nutzen, um den Arcus M auf einem tollen Hochalpen-Flug in die Westalpen etwas auszulüften.

Höhepunkt jedes Segelfluges. ‚Vue Cervin‘.

Heinz Brem hat in den vergangenen Woche mit dem Auspuff- und Zündsystem des Arcus M eine Menge Arbeit und Aufwand betrieben. Frisch aus dem Werk zurück wollen wir testen, ob nun alles einwandfrei läuft. Das tut es. Der schwere Segelflieger legt einen einwandfreien Eigenstart auf den Asphalt und steigt mit dem im Prospekt versprochenen Steigen in die Glarner Alpen. Dort wollen wir auf dem ‚Sommerweg’ ins Vorder-Rheintal abschleichen und ins Wallis fliegen.

Über dem Spitz musst Du eindrehen…

Wir brauchen heute etwas Zeit, um im Sernftal einen schönen Aufwind zu finden. Mit etwas Geduld erreichen wir aber in zuverlässigem Steigen die Abflughöhe Richtung Flims. Von da aus geht es den wie an einer Schnur aufgereihten Wülchli im Nu über Oberalp, Furka auf der Nordseite des Wallis entlang bis nach Martigny im Unterwallis, wir kommen entspannt, sicher (kaum Luftverkehr) und prima voran.

Die Basishöhe war auch schon komfortabler, was für uns aber mehr wert ist: die Thermik ist zuverlässig. Man kann bei dem schwachen Wind heute fast ein Kreuz auf den Boden unter den Cumuli malen und dann da drum herum kreisen. Kein Versatz, keine Achterbahn. Einfach rundherum Steigen – nicht gerade wie in Namibia – aber es reicht für eine tolle Stimmung an Bord und zwei zufrieden grinsende Besatzungs-Mitglieder aus.

Von Heinz habe ich schon viel lernen können. Heute kommt noch was dazu. Er verrät mir, dass er immer am besten wegsteige, wenn er über einem Gipfel(chen) aufdrehe. Ich habe da ja immer meine liebe Mühe, unter einer fetten Cumulswolke das beste Steigen zu treffen. Also testen wir natürlich Heinz’ Taktik über dem Mont Bovin nördlich von Crans erstmals genauer aus. Funktioniert einwandfrei. Die Berggipfel rundherum mit den etwas irritierenden Namen ‚Sex Mort’, ‚Sex Rouge’ und ‚Sex Noir’ verschwinden unter uns. Die Walliser Marketing-Fachleute vom mehrheitlich katholischen Office du Tourisme unternehmen schuuafedallerhand für ihre Gäste. Toter, Roter und Schwarzer Sex… und das auch noch auf einem unwirtlichen Berggipfel???

Ins Tal der Wölfe.

Beim letzten Berggipfel vor dem Rhoneknie wechseln wir die Talseite. Da braucht man von Sion auf unserer Höhe keine Freigabe mehr. Ich möchte Heinz gern mein Walliser ‚Tal der Wölfe’ (Val Ferret) zeigen. Den Einstieg machen wir über Champex, einer kleinen, hübschen Alpen-Destination mit eigenem Badesee. Und einem noch hübscheren Aufwind auf der Südseite eines unscheinbaren Bergkegels, der etwas verloren in den Unterwalliser Tälern herumsteht.

Ins Val Ferret wollen wir nicht nur, weil die Walliser Schäfer und Jäger da immer mal wieder illegalerweise nächtens einen aus Courmayeur eingewanderten, vierbeinigen Subventionen-Sammler (‚Loup alpin’ auf dem Subventionen-Form.-Nr. 152.04 oderso) mit Schrot und Patronen abmurksen. In der Gegend sind Schafe ja besser mit Subventionen ausstaffiert als Kindergarten-Plätze.

Reise durch die eigenen Bergsteiger-Erinnerungen.

Nein, dahin wollen wir vor allem der Thermik und der wunderschönen Gegend wegen. Das Val Ferret ist umgeben von den schönsten Granitzacken der Westalpen. Erinnerungen an die wilde Bergsteigerei kommen auf. Hier sind wir vor dreissig Jahren (!) mit Tourenski, Pickeln und Steigeisen früher die Wände hoch. Und die sind aus jetzigem Lebensalter und Distanz betrachtet uhuäräschteil. Aiguille Verte, Les Courtes, Les Droites (beide völlig unpolitisch), Aig. du Triolet, Mont Dolent, Aiguille d’Argentière – zu jedem Gipfel schiesst mir eine Geschichte durch den Kopf, während wir über dem Col Ferret auf die bisher höchste Höhe dieses Fluges klettern. Die Aufwinde werden stärker, die Wetter-Optik verspricht einen Rückflug auf der Südseite des Wallis mit höchstem Genuss-Faktor.

Haute Route mit Viertausender-Vollbad.

Am dreiseitigen Grenzberg zwischen Frankreich, Italien und der Schweiz, dem Mont Dolent, wenden wir die Nase des Arcus M nach Osten und bestaunen aus eigentlich schon komfortabler Höhe die noch höheren Südwalliser Gipfel. Wir folgen der Haute Route durch eine Unzahl Walliser Viertausender, nur viel bequemer als mit den Tourenskis. Bei der Bestimmung der zahlreichen Stauseen sind wir uns nicht auf Anhieb einig. Sieht auch alles ähnlich aus.

Heinz zirkelt unbeeindruckt davon am Lac de Mouvoisin (das habe ich jetzt nachgeschaut) das Segelflugzeug die Wände hoch, so dass wir direkt über die Bertolhütte und den Col d’Herens im hohen Relief mit unverbauter ‚Vue Cervin’ (verdoppelt den Liegenschaftenpreis im Val d’Anniviers) ins Mattertal einfahren können.

Das ‚Horu’ ist und bleibt der schönste Zacken der Welt! Heinz verdreht sich auf dem Vordersitz, um unser Logo von SchänisSoaring auf der Innenseite der Winglets in die richtige Position zum Matterhorn in den Fotoapparat zu bringen. Mit etwas Schieben und zusätzlichem Sinken, das der Arcus ja locker verträgt, können wir für die Leute von Schempp-Hirth den endgültigen Beweis festhalten, dass alles am Arcus M wieder einwandfrei funktioniert und man damit toll fliegen kann.

Über dem Spitzli (!) des Gornergrat fädeln wir den Arcus M so hoch hinauf, wie wir können, also auf 3’950 Meter, und machen uns dann direkt mitten, über und um die aufschiessenden Wolken auf den Weg Richtung Binntal.

Tolle Verlängerung.

Der Rückflug über die Furka und den ‚Schneehüener-Stock‚ am Oberalp (auf diesem Gipfel hat Heinz Militärdienst geleistet) reisen wir gemütlich in die Surselva. Da werden dann auch noch verschiedene Zentrier-Techniken durchprobiert… Am Ende setzt sich jene mit dem Spitzli wieder durch. Inzwischen hat uns der Markus von der Crone, der heute um dem Mont Blanc herum geflogen ist, wieder eingeholt und dreht in seiner ASG-29 sauber unter uns in den Aufwind ein. Wir sehen ihn später am Ofenpass noch einmal. Toll, mit dem Arcus M sehe ich Markus auch mal von oben. Sonst bin ich mir das nur von hinten und unten gewohnt, so schnell ist er immer unterwegs. Dazwischen fliegen wir am Piz Kesch durch die ersten reinigenden Tröpfli. In dieser Region schiessen die Wolken immer zuerst hoch und verursachen die ersten Schauer.

Schneller Endanflug.

Dass dieses Segelflugzeug oder genauer formuliert, dieser ‚Raumgleiter‘ gut fliegt, wissen wir inzwischen natürlich. Trotzdem gehen wir von der Nuna aus den Endflug vorsichtig an und reisen vorerst nur mal mit 150 km/h Richtung Heimat. Ab Klosters produziert der Endanflug-Rechner aber etwas gar viel Überschuss-Höhe. Darum drücken wir etwas auf die Nase und erhöhen den Speed auf die derzeit noch maximal zulässigen 200 km/h. Aber auch so flitzen wir am Ende auf rund 900 Metern über den Flugplatz Schänis. Unglaublich, wie dieses Flugzeug gleitet.

Ein toller Flugtag, eine wunderschöne ‚Tour du Valais’ geht mit einer sauberen Ziellandung von Heinz zu Ende. Danke für den tollen Flug, Heinz – besser wird’s nümmä!

Link auf die technischen Flugdetails.
Link auf’s Fotoalbum.

 

Sommer 2013 in Vinon: Ferien im Dampfbad

Südfrankreichs Atmosphäre explodiert – ungewöhnliche Bedingungen

15. Juli 2013. Dieser Vinon-Jahrgang bringt eine verkehrte Wetter-Welt. Während in der Schweiz Luftmassen liegen, wie man sie sonst um die Jahreszeit eher in der Provence erwartet, versinkt die Region dort in einer explosiv-heiss-feuchten, dampfigen Pampe. Pünktlich um drei Uhr nachmittags schiessen während Tagen die CB’s rund um Vinon in die Höhe und ergiessen ihre Wassermassen in starken Schauern auf engen Raum. Die Provence ist damit zwar grüner als sonst – aber segelfliegerisch nahezu unbrauchbar. Diese Konditionen sind nicht einschätzbar. Die CB’s dehnen sich abends auf dem Satellitenbild von der Provence bis nach Turin aus. Gewaltig, eindrücklich – aber besser, man erlebt sie am sicheren Boden.

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ungewöhnlich feucht-warme Luftmasse auch über dem Briançonnais. Blick Richtung Grenoble

Während der ersten Tage ist so an ein Auspacken des Segelflugzeuges nicht zu denken. Ein paar Tage fürchte ich sogar, den Flieger ungenutzt wieder nach Hause ziehen zu müssen – was mir in den ganzen 25 Jahren, seit ich hier fliege, nie passiert ist. Die Familie geniesst dafür das perfekte Touristen-Wetter und den beinahe in einer Überdosis anwesenden Familienvater bei Ausflügen an die lokalen Badeseen oder ans Meer. Wie etwa hierhin: Bandol. Lac d‘Esparron. Les Vannades. Cap Couronne.

Der Ölspur entlang

Am Donnerstag kann ich dann die ASW-20-B doch noch auspacken und an einen Segelflug denken. Er führt über das Plâteau Puymichel und später den Parcours des combattants entlang auf gewohnten Wegen gleich in die Ecrins hinauf, wenn auch auf etwas tiefen Flughöhen. Den Glacier Blanc darf ich für einmal von ganz unten bewundern. Das hat den Vorteil, dass man an der Crête des Agneaux bzw. später an der Meije die endlos hohen Granitwände von zuunterst bis zuoberst in ihrer vollen Höhe hinaufklettern kann. Wenn man das früher einmal ‚von Hand‘ gemacht hat, weiss man die liegende Position in einem zwar bequemen, aber auch leicht überhitzten Cockpit natürlich ebenso zu schätzen wie den stets griffbereiten Trinkhalm und geniesst das etwas stressige und enge Achten-am-Hang-fliegen deshalb doppelt.

Ist heute etwa ‚Le Tour‘ am Ventoux?

Krönender Abschluss nach diesen Ausgrabungen aus den tiefen Löchern der Ecrins ist nach dem Queren des Beckens von Gap und der Rückkehr an die Lure der Überflug des Mont Ventoux. Da sieht es heute aus wie an einer gigantischen Camping-Ausstellung. Die ganze Strasse entlang des kahlen Gipfelhanges ist mit Hunderten von Wohnmobilen gesäumt. Habe ich da etwas verpasst? Das sieht ja aus wie die Tour de France. Wenn aber die stattfindet, müssten jeden Augenblick Helikopter von Armee, Polizei und Medien durch die Lüfte pfeilen… Hmmhh, das kann doch nicht sein – kein Mensch hat heute Morgen am Briefing etwas davon erwähnt? (Normalerweise wird heute ja für den Besuch des US-Präsidenten wie für lokale Kaninchen- und Geflügel-Ausstellungen ein geschützter Luftraum eingerichtet und mit Waffen verteidigt – für die Tour de France ganz bestimmt).

La Version Française du ‚Liegestühle besetzen‘.

Bei genauerem Hinsehen ist zwar allerhand Betrieb auf der Gipfelstrasse, der eine oder andere Gümmeler quält sich den steilen Hang hinauf – sicher bin ich mir aber erst, nicht ungewollt an einer Grossveranstaltung teilzunehmen, als manche Velofahrer den Berg hinunterfahren – was ja an einem Velorennen nie der Fall wäre. Richtige Klärung schafft die Rückfrage am Briefing am anderen Morgen. Die Tour besucht zwar den legendären Provence-Gipfel tatsächlich, aber erst ein paar Tage später. Dafür sind dann auch korrekt entsprechende Notams ausgehängt. Aiaiai!

Tatsache ist hingegen, dass die guten Standplätze an den legendären Tour-Ankünfte schon Wochen (!) vorher von Campern besetzt werden. Da soll mal einer sagen, nur unsere nördlichen Nachbarn besetzten am Hotelpool die Liegestühle gleich nach dem Frühstück mit ihren Handtüchern – ‚les Camemberts‚ sind ja offenbar noch schlimmer.

Immer in Flucht-Distanz

Ein weiterer Flugtag bringt eine Runde linksherum durch die Voralpen der Haute-Provence. Immer mit einem Auge auf die schnell aufschiessenden Wolkentürme in der Region des Plâteau Valensole gerichtet – und entsprechend immer in Fluchtdistanz nach Vinon fliegend, sollte tatsächlich wieder ein Gewitter wie in den Vortagen losgehen. Das macht es dann doch nicht, aber erst, nachdem ich den Flieger auseinandergenommen und in der Verpackung versorgt habe. Passiert immer. Wenn ich ihn draussen lasse, schüttet es dafür ebenso zuverlässig.

Zum Ende des Fluges quere ich erstmals seit vielen Jahren wieder einmal den Lubéron entlang nach Westen. Bonnieux und der Marquis de Sade, der hier ein paar Jahre ‚gewirkt‘ hat, grüssen ebenso aus dem dampfigen Wetter wieder Marktort Apt oder etwa Lourmarin, in dem der Philosoph und Schriftsteller Albert Camus und der in jüngerer Zeit mit seinen ebenso köstlich wie träf formulierten Romanen über den Alltag in der Provence bekannt gewordene Brite Peter Mayle, lebten oder noch leben. Bei dem diesigen Wetter hat man wenigstens Zeit und Musse, über die Gegend nachzudenken, die man gerade überfliegt – wenn man denn schon mal keine Strecken-Kilometer einsammeln will.

Letzte Chance für den Charbonnel.

Mein letzter Flugtag dieser Kurzferien bringt dann auch den schönsten Flug hervor. Die ASW-20-B ist mit einer schönen Menge Wasser in den Flächen für einmal flott unterwegs und trägt mich auf ungewohnten Wegen in die Alpen. Mit Jantoon, meinem vielfliegenden Wohnwägeler-Nachbarn, entdecke ich für einmal die Baronnies. Also geht es heute einmal rechts um die Haute-Provence herum. Soweit, bis ich nur noch dank GPS weiss, dass ich zwar ausserhalb kontrollierter Lufträume fliege – aber nicht exakt wo das gerade ist. Kein Wunder, die Baronnies sehen über lange Strecken zum verwechseln ähnlich aus. Die Ortsnamen sind mir so fremd wie die Rückseite des Mondes. Die Luft ist immer noch voller Feuchtigkeit, wenn diese auch nach Nordosten etwas abtrocknet. Ich geniesse den Flug in ungewohntem Gelände und die Aussicht auf die chaotische Geografie, strebe dann über Serres und die Ceuse an den gewaltigen Kalk-Klotz des Pic de Bure.

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‚Grande-Plume‘ über der eindrücklichen Mondlandschaft des Pic de Bure.

Wie immer bei dem grossen Thermik-Angebot hier am Pic de Bure, habe ich auch heute über den endlos kahlen Schutthalden wieder Anfangs-Schwierigkeiten, einen gescheiten Aufwind zu zentrieren, obwohl es ja bei dieser Topografie haufenweise starke Thermik haben muss. Irgendwann komme ich aber trotz meines Herum-Eierns um den Kern der Thermik doch noch in komfortablere Höhen und mache mich über das Val Gaudemars in die Ecrins davon. Der Weg bis Bardonnecchia ist ein fliegerischer Leckerbissen. Starke Aufwinde. Baishöhen um 4’000 Meter. Nur leider sieht die Maurienne tief und feucht aus. Lange überlege ich, ob ich meinen Lieblingsberg, den Charbonnel, anfliegen soll – lasse das aber nach dem Mithören auf der Vinon-Plauder-Frequenz bleiben. Unsere agile Altherren-Riege (Alain Poulet, Jacques Tavernier, die Gebr. Herbaud sowie Jean-Pierre Cartry) ist zwar mit ihren ‚Grandes-Plumes‘ im Kessel von Aosta gewesen, die Funksprüche versprechen aber nicht die reine Freude an der Schlüsselstelle durch das Maurienne. Also lasse ich das für heute einmal ausnahmsweise bleiben und wende die Nase südwärts, um bei einer genussvollen Runde über den Parcours des combattants, die Gorges du Verdon und das ungewöhnlich grüne Flachland beim Lac de Ste.-Croix diese kurzen Vinon-Ferien ausklingen zu lassen. Der Entscheid, den Flug an der Barrage Rochemolles zu beenden, war richtig. Jantoon, der an den Charbonnel weiterflog, landete am Abend im Durance-Tal aussen.Andere Jahre mit besseren Bedingungen werden kommen – hoffe ich doch wenigstens.

Ranz-des-vaches mit (M)Arcus

Spezielles Schwiizer-Reisli.

Freitag, 7. Juni 2013. Mit Markus von der Crone bin ich vermutlich schon mehrere Arbeitswochen ‚zusammen‘ im Segelflugzeug unterwegs gewesen. Kurioserweise haben wir es in den letzten 25 Jahren nie fertiggebracht, gemeinsam im gleichen Segelflugzeug zu sitzen. Entweder waren wir immer beide als Fluglehrer auf dem hinteren Sitz im Einsatz oder wir flogen – wenn wir denn schon mal alleine durften – jeder in seiner eigenen Maschine. Wir haben miteinander zwei wunderschöne Tausend-Kilometer-Flüge in den Alpen geflogen, bei denen wir uns prima unterstützen konnten, auch die Flüge in die Südfranzösischen Alpen und zurück ins Engadin werden wir nicht vergessen. Beim letzten langen Flug nach Wien haben wir beschlossen, endlich einmal zusammen in die Luft zu gehen und einen coolen Flug zu versuchen. Genau das haben wir am Freitag, 7.Juni endlich realisiert. Zwar wegen des Wetters nicht an unser Wunschziel Slowenien – aber dafür auf einem speziellen Weg in den Genfer Jura.

Wie in der Sänfte durch und um alle Zentralschweizer CTR’s.

Bei guten Segelflug-Bedingungen folgen wir mit dem von der ASSAG gecharterten, nigelnagelneuen Arcus M den Voralpen. Markus fliegt vom vorderen Sitz aus, ich schaue, dass wir um die verschiedenen CTR’s herum-manövrieren, ohne dass wir ständig Freigaben verlangen müssen und ‚mache das Büro‘ mit den Frequenzen. Der organisatorische Aufwand hält sich aber in Grenzen, jedes Mal, wenn wir eine Freigabe bräuchten, schliesst das Militär gerade wegen Mittags- und anderer Pausen den Betrieb und wir können uns frei wie die Vögel mitten durch die Lufträume von Buochs, Alpnach und Meiringen bewegen. Dafür habe ich Zeit, Markus‘ Flugstil zu studieren und zu geniessen. Er flüügt wienes Ängeli! Einfach ein Genuss. Kein Bogen zuviel, keine ruppigen Bewegungen – wie in einer leicht schaukelnden Sänfte getragen, erreichen wir nach etwas mehr als einer Stunde Flugzeit das Niederhorn bei Oberhofen am Thunersee. Vor uns die erste grosse Querung des Tages ins Kander- oder Simmental. Markus kämpft etwas mit der müden Luft in der Berner Oberländer Seen-Landschaft (treffenderweise heisst eine der Ortschaften hier ‚Faulensee‘), manövriert den schweren Arcus nach anfangs zwecklosem Aufwind-Suchen bei den im Abwind kreisenden ‚Bambelibuebe‘ aber trotzdem sorgfältig und mit Geduld an die Basis hinauf.

Unvergleichliche Sicht auf den Lac Léman.

Der ‚Ranz-des-vaches‘.

Der Niesen ist nicht als grossartiger Thermikberg bekannt. Trotzdem erleichtert er uns den Anschluss an die tolle Thermik in der Region Adelboden mit einem satten Aufwind. Wir geniessen die immer besser werdenden Steigwerte in einer grossartigen Landschaft und sind bald einmal auf über 3’000 Metern in den Greyerzer- und Waadtländer Alpen. Unter uns wird dieses Wochenende der weit über die Region hinaus bekannte Alpaufzug im Greyerzerland durchgeführt. Darauf und das abendliche Zusammentreiben der Kühe bezieht sich eines der ergreifendsten Schweizer Lieder, der ‚Ranz-des-vaches‚.

(Mehr Infos dazu findest Du hier und da).

Für einmal gehen wir aber nicht ‚aux vaches‘, sondern klettern mit unserem wunderbaren Vogel elegant auf die grösste Höhe des Tages in der Region des Col du Pillon. Weiter in die Savoyer Alpen wollen wir nicht, obwohl sich die Wetter-Optik mit tiefer Basis, aber dennoch verlockend und gut strukturiert präsentiert. Nein, wir wollen an den Jura!

Ein seltenes Vergnügen: Kreisen über der Stadt Lausanne.

Kreisen mitten über Lausanne.

Dafür müssen wir uns aber gehörig überwinden, liegt doch eine enorme Gleitstrecke – vermutlich ohne jeden Aufwind – vor uns. Wir zirkeln am Rochers-de-Naye mit einer unübertrefflichen Sicht auf den Lac Léman um die letzten Wolkentops und nehmen den elend langen Gleitflug über das ganze Mittelland unter die Flügel. Über Lausanne bilden sich ab und zu kleinere Kondensen. Die fliege ich an und wir geniessen den seltenen Augenblick, mitten über der Stadt kreisen und auch etwas steigen zu können. Auch über dem Postverteil-Zentrum Eclépens kann ich etwas später nochmals ein paar Meter dazugewinnen – um die könnten wir noch froh sein… Die Luft ist sonst absolut tot. Dass man hier überhaupt segelfliegen kann, ist erstaunlich.

Spannender Einstieg in den Jura.

Bei Romainmôtier erreichen wir die tiefen Kreten der ersten Jura-Ausläufer. Das ist der grosse Vorteil dieser modernen Hochleistungs-Segelflugzeuge. Man muss nicht ständig nahe am Gelände umher-manövrieren. Vorsichtig tasten wir uns über einen kahlen Hügel (Bois de Ban) mit einer Baumschule auf der nördlichen Kretenseite. Angespannt kann ich einen sanften Aufwind zentrieren, der weniger mit Sonne als mehr mit Talwind zu tun hat. Diese Erkenntnis hilft etwas später, im Kessel von Vaulion nach längerem Suchen einen starken Aufwind zu finden, der uns südlich von Vallorbe wieder zurück ins Geschäft bringt. Und dieses Thermikgeschäft im Jura läuft heute ausgezeichnet. Rasch sind wir aus unserem Sauna-Klima wieder heraus und steigen neben den Lufträumen der TMA Genf auf angenehmere Höhen und kühlere Temperaturen. Markus richtet schon den Sauerstoff, als wir über dem Parc Naturel du Jura nördlich von Les Rousses die Nase des Arcus wieder Richtung Heimat wenden.

Tolle Perspektive für den Rückweg über die Juraketten.

Keine Einzelsportart.

Waren wir seit den Waadtländer Alpen praktisch die einzigen Luftraumbenützer, ändert das nun. Aus allen Richtungen schiessen die Segelflugzeuge durch die Luft. Konzentriert reisen wir mit einer ansprechenden Geschwindigkeit ostwärts, vorbei am Creux-du-van, Pontarlier nach La-Chaux-de-Fonds. Der bedauernswerte Controller erteilt hier wie ein Sprechautomat den hin- und her flitzenden Segelfliegern eine Freigabe nach der anderen. Sogar ein Gleitschirm-Pilot erhält eine Freigabe für die Querung von Norden nach Süden durch den Luftraum von Les Eplatures.

Nochmals eine spannende Mittelland-Querung.

Auch der Lotse von Basel hat heute ein Einsehen und lässt uns den Tango-Sektor problemlos queren. Kaum sind wir in Olten wieder ausserhalb des kontrollierten Luftraumes, nehmen wir den langen Weg durchs das Mittelland unter die Flügel. Auch hier ist wieder fast alles blau, nur ein paar einzelne Fetzchen zeigen an, dass die Thermik noch aktiv ist. Erneut tauschen wir uns über mögliche Strecken, Aufwindquellen, Abflughöhen aus. Markus zirkelt den Arcus geduldig und vorsichtig an den Lindenberg, von dem wir uns Rettung von unten erhoffen. Die kommt allerdings erst in Steinhausen. Mitten in der CTR Emmen. Der Emmener Lotse hat gerade rechtzeitig vor unserer Querung den Laden herunter gelassen und Feierabend gemacht. So können wir uns auch hier frei bewegen. Das ist auch nötig, denn wir sind inzwischen ziemlich tief. In der einen Hand halte ich schon die Checkliste für einen Motorstart. Mit vereinten Kräften halten wir über den grossen, aber vermutlich durchnässen Aussenlandefeldern im Reusstal konzentriert Ausschau nach Anzeichen steigender Luft.

Aus dem Keller in den spannenden Endanflug.

Die gibt es. Wir können zusammen mit einem Paraglider (ja, keine Fata Morgana, tatsächlich wahr – keine Ahnung, wie der hierher gekommen ist), aus elend tiefer Perspektive geduldig auf Endanflughöhe nach Schänis klettern. Passend zum effizienten Flugstil, den wir heute pflegen, fliegen wir ab, sobald der Rechner die nötige Höhe für Schänis bestätigt. ‚Die Optik ist ja schon elend flach‘ – diskutieren wir mehrmals… sind aber voller Vertrauen in die aerodynamischen Fähigkeiten unseres modernen Segelflugzeugs. In der ruhigen Luft gleiten wir an der Hohen Rohne vorbei zum Etzel. Auch hier können wir die Werbung auf den Sonnenschirmen erkennen.

Spannender Endanflug: letzter Aufwind bei Cham: wo ist denn die Sicherheitshöhe hin?

Es sieht immer noch ziemlich flach aus. Bis wir herausgefunden haben, dass im LX 9000  eigentlich keine zusätzliche Sicherheits-Höhe einprogrammiert ist, sind wir allerdings schon in der Region Lachen. Aber nur noch auf knapp 1’000 Metern. Müsste eigentlich trotzdem gut reichen. Wir diskutieren noch kurz das Anflugverfahren, bevor wir diesen unvergesslichen, herrlichen Flug mit einem metergenauen Anflug in den Abkreisraum und in eine Rechtsvolte auf die Piste 16 von Schänis beenden.

Glücklich begiessen wir diese unvergessliche Schweizer Reise bei Wolfgang Tieber auf der Terrasse bei einem feinen Nachtessen und ausreichend Flüssigem. Vielen Dank, Markus, für den tollen Flug! Machemer wieder emal…

Link auf die Flugdetails.

Link auf das Picasa-Fotoalbum.

‚Alles Walzer!‘ – bis an den Rand der Alpen.

Perfekt orchestriertes Flugabenteuer bis vor die Tore Wiens.

Mittwoch, 15. Mai 2013. In Schänis sind an diesem Tag soviele Tausend-Kilometer-Flüge gemacht worden wie vorher in der ganzen Geschichte unseres Flugplatzes nicht. Roland Hürlimann vollendet seinen seit Jahren angestrebten Traumflug an die Rax vor Wien. Frigg Hauser macht auf der gleichen Strecke ebenfalls seinen ersten Tausend-Kilometer-Flug. Und mit Markus von der Crone habe ich heimich abgemacht (er weiss das nur noch nicht), dass wir jedes Jahr wie früher der Stab-Hochspringer Sergei Bubka ein paar Zentimeter dazu zu legen … so kann man jedenfalls unsere Flugauswertungen interpretieren, die wie Zwillinge kaum auseinanderzuhalten sind, obwohl wir weite Strecken unabhängig voneinander unterwegs waren. Jedenfalls war es für uns beide innerhalb eines Jahre schon der zweite gemeinsame Tausender. Diesmals war der unbekannte Osten dran und der Flug hat uns bis ans Ende der Alpen geführt.

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Fantastische Perspektive: Blick über das Ennstal Richtung Dachstein.

Richtige Wetter-Zutaten für ein elegantes Flug-Menu.

Schon am Sonntag schrillen bei mir die Föhn-Alarm-Glocken. Für Mittwoch passen die Wetter-Vorhersagen wie selten. Eine schwache Föhnlage mit maximalen Speeds in der Grundschicht von 40 km/h. Kleine Druck-Differenz von ca. 6 Hectopascal. Aber dafür stimmt die Windrichtung: Süd. Eine Herausforderung ist allerdings, dass der Südwind bis ca. 11.00 Uhr ’nur‘ bis in die Region Leoganger Steinberge wehen soll und weiter ostwärts aus westlicher Richtung und noch schwächer blasen dürfte. Das heisst, es bringt nichts, wenn wir in aller Frühe starten. Weil wir ‚dem Föhn davonfliegen‘ und dann in der erwähnten Region stecken bleiben und zu früh für den Thermik-Beginn am falschen Ort parkiert werden. Ein Ausweg wäre eine erste Flugstrecke nach Westen – wir sind aber alle noch vom letzten Jahr ausreichend durchgeknetet und verzichten gerne auf die ruppigen Zentralschweizer Walzen. Ausserdem liegt der Reiz der Föhn-Streckenfliegerei nicht im JoJo-Fliegen sondern im Geradeausflug. Also auf nach Österreich: lieber Walzer als Walzen.

Gut eingespieltes Team

Am Montag steigt die Nervosität in unserem seit über 20 Jahren aktiven Föhnflieger-Grüppli. Wir sind uns bald einig, dass es ein guter Tag für einen langen Flug werden müsste. Rasch werden vorsorglich Sitzungen verschoben. Ein frühaufstehender Schlepp-Pilot organisiert (Kurt Götz – wir sind Dir imfall auf den Knien für Deine Bereitschaft dankbar, dass Du dich um diese unchristliche Zeit ohne Wenn und Aber immer wieder ins Schlepp-Abenteuer stürzt! Der Frühstart wird geplant. Eine Nachtschicht eingelegt. Ich will den Flieger ohne Hektik am Vorabend montieren, füllen und am Morgen nur noch entspannt und konzentriert ins perfekt vorbereitete Cockpit steigen. Die Startvorbereitungen dauern bei mir fast eineinhalb Stunden, da wird’s am Morgen vor dem Flug rasch nervös. Diesmal nicht. ‚Cinque‘ steht schon am Dienstagabend montiert im Hangar. Ausreichend Wasser schwappt in den Flächen. Schuhe und Kleider liegen im Cockpit. Ich muss also wie in der Formel 1 nur noch einsteigen und losfahren.

Armin hält auch der Stau nicht auf

Bei der Fahrt durchs Glarnerland kommt der Föhn wie gewohnt in Mitlödi an den Talboden und da bleibt er bis anfangs Glarus. Der grosse Laubbaum bei der Villa des alten Ratsschreibers bewegt sich keinen Millimeter. D.h., der Wiggis würde jetzt nicht funktionieren. Dafür pfeift in Ziegelbrücke der Ostwind vom Walensee her. Die Südseite des Federispitzes ist damit mindestens unten angeblasen. Bei der Autobahnausfahrt Schänis fällt mir ein Polizeiwagen auf. Der stellt sich plötzlich quer auf die Fahrbahn, ich kann knapp vor ihm nach Schänis einbiegen. Armin Hürlimann erwischt’s weniger gut. Er irrt eine halbe Stunde auf allen möglichen Strassen und Feldwegen umher, um den Stau, den ein Schwertransport verursacht, zu umfahren. Macht alles nichts – unser Föhngrüppli macht ihm einfach den Flieger parat, am Ende passt alles zeitlich schön zusammen und er kommt wie gewünscht in die Luft.

Sportlicher Start

Frigg legt als erster los und steuert mit seinem kleinen Ventus, den er bis an den Stehkragen mit Wasser gefüllt hat – 200 lt. gutscheln in den Flächen – tief den Südhang des Federispitzes an und meldet schöne Steigwerte. Also spare ich mir Schlepp-Minuten und ziehe auch auf 1’300 Metern am gelben Klinken-Knopf. Das mache ich sonst aufgrund schlechter Erfahrungen nicht. Öfters habe ich damit viel Zeit verschwendet, weil ich nicht wegkam. Mit einem Start auf 2’500 Metern und dem Direktflug an die Churfirsten kann man sich das sparen. Diesmal komme ich aber rasch auf Gipfelhöhe des Federispitzes. Aber nicht höher. Das muss für den Sprung an die Churfirsten reichen. Die tun das, was ich erwarte. Sie tragen. Damit kündigt sich ein Flugstil an, der den ganzen Tag über anhalten sollte. Immer im oberen Kreten-Drittel bleiben. Bloss nicht darunter in die tote Luft fallen. Weit über die Gipfel hinaus kommt man sowieso nicht, also schminkt man sich den Aufwand für die paar gewonnenen Meter besser gleich ab und gewöhnt sich an geringe Operations-Höhen. Die Kunst ist dabei, den Speed so herauszufühlen, dass dieses schmale Höhenband nicht verlassen werden muss. Und vor den grossen Talsprüngen soviel Höhen-Reserve aufzubauen, dass man drüben im erwähnten oberen Drittel ankommt. Gelingt natürlich nur in der Theorie. Das erste Mal weicht die Praxis schon im Rheintal davon ab. Die Ostseite mit Falknis, Vilan usw. suche ich ab, finde aber nirgends Steigen. Die Hand fährt schon zum Wasser-Ablass, da bewegt sich beim Testen der Westkante die Luft zaghaft. Markus landet mit mir zusammen nach erfolgloser Aufwindsuche auf derselben Höhe und an der gleichen Stelle. Langsam aber stetig klettern wir dann geduldig von den Talheimetli in die Maiensässe und von dort auf die Alpweiden und über den Gipfel des Vilan hinaus. Das ist wie ein frühmorgendlicher geografischer Querschnitt durch die Schweizer Landwirtschaft.

Hochs und Tiefs

Der erste Tiefpunkt ist überwunden – der Zeitplan schon gehörig durcheinander. Auf den ersten Hundert Kilometer habe ich eine nicht geplante Stunde verbaut. Das stresst deshalb nicht, weil die langen Mai-Tage abends genügend Zeitreserven offen lassen. Da liegt die eine oder andere Übung schon drin. Das sorgt auf jeden Fall für einen kühlen Kopf. Auf dem Weiterflug bis Kufstein sorgt dann nur der neue RNAV-Anflug auf Innsbruck für Unterhaltung. Einer nach dem andern meldet bei Innsbruck Radar seinen Durchflug. Zuerst Frigg als Schneepflug. Dann Roland, Markus und ich gemeinsam als Nachzügler. Frigg öffnet auch den Bravo-Sektor von Innsbruck. Der war vor ihm noch zu und damit der Durchflug des Inntales bei Föhn unmöglich. Der bläst bis zum Rofan zuverlässig. Der Walzer den Bergspitzen Österreichs entlang kann beginnen.

Blick von der Nordkette aus in den Karwendel. Foto MvdC.

Alle vier kurz vor ungeplanter Landung

Schwierig wird die Lage nach dem Wilden Kaiser. Auf der Ostseite ist von Südwind nichts mehr spürbar. Und von Thermik nichts zu sehen. Trotzdem fliegen wir weiter – wir können hier ja nicht parkieren, wenn wir bis vor Wien fliegen wollen. Zuerst erwischt es Frigg beinahe. Er quert direkt an die Leoganger Steinberge und kommt uns bald sehr tief wieder entgegen. Offenbar hat’s nicht bis ans Ostende gereicht. Das ist die einzige Stelle, wo ich sagen könnte, dass die Luft normalerweise zuverlässig steigt.Wir praktizieren heute die Theorie des ‚sich überschlagenden Pulks’. Der voraus fliegende Pionier macht Fehler, in einem guten Team (das sind wir natürlich) meldet er das den Nachzüglern, worauf diese aufschliessen und ihrerseits die Rolle der fehleranfälligeren Testpiloten übernehmen. Insgesamt kommen wir so alle zusammen konstanter vorwärts als wenn man allein unterwegs ist.

Kein Stress dank Trichter-Flug

Gleichzeitig mit Frigg geraten auch Roland, Markus und ich in arge Nöte. Trotzdem bleibt die Stimmung entspannt. Wir eiern in den Hügeln bei Hochfilzen und tief im Tal von St. Johann um die Bäume. Das macht mit dem schweren Flieger nicht besonders viel Spass. Vor allem nicht, wenn die Aufwinde nur da und dort und ab und zu blubbern – typisch für das Auslösen erster Thermik. Die Cockpit-Temperatur steigt hier unten allmählich in den Sauna-Bereich. Frigg meldet sich nach St. Johann ab. Und ein paar Minuten später wieder zurück. Reinhard Haggenmüller, den er vom Wettbewerbsfliegen kennt, hat ihm am Funk einen guten Tip geben können. Und weil er das Wasser schon aus den Flächen hat laufen lassen, steigt er mit seinem kleinen Flieger auch bei zehn Centimeter Steigen zuverlässig wieder aufwärts. Die Trichter-Flug-Theorie wird heute erfolgreich angewendet. Wir bleiben alle im Gleitbereich von St. Johann und parkieren etwa 45 Minuten, bis die Thermik erst zaghaft und dann resoluter erwacht. Irgendwann bin auch ich (noch voll Wasser) wieder einen Kilometer höher. Markus ist mir aber längst davongestiegen und ostwärts weggeflogen. Der glückliche Blick hinunter auf die rettende Waldkante zeigt, wie hoch ein Kilometer in der Realität ist. Das wär ietz der Bescht gsi, wänn all vier mitenand am gliiche Ort hättet möse landä! Wenig später erholen sich auch Roland und Frigg von ihrem Tiefpunkt und folgen ebenfalls ins Ennstal.

Markus gibt Gas

Der Kampfgeist erwacht mit der besseren Optik. Von hier an geht’s auf weitaus vernünftigeren Höhen weiter bis an den Dachstein. Der Übergang dahin gehört zu den gaaaanz langen Talquerungen. Aber mit Geduld und vorsichtiger Tempowahl klappt’s. Markus ist auf und davon. Die halbe Stunde, die ich bei Hochfilzen liegen gelassen habe, hole ich bei seinem schnellen Flugstil bis am Abend nicht mehr ein. Dafür habe ich ein anderes Gspänli gewonnen. Armin Hürlimann hat von hinten im schnellen Arcus T aufgeschlossen. Bis Niederöblarn sind wir gemeinsam unterwegs – bis ihn das Heimweh packt und er wendet.

Einzigartige Landschaft: das ‚Steinerne Meer‚ Foto: MvdC.

Er sucht sein Glück in einem Jojo-Flug. Diesen Plan hatte ich anfangs auch. Aber die Chance, endlich die Region zwischen Ennstal und Wien kennen zu lernen, wirkt verlockender als Hin- und Herfliegen in bekanntem Gelände. Diese Chance ergibt sich heute. Ich bin sehr früh dran, der Tag ist lang, die verbleibende Strecke wird immer überschaubarer. Bis Aigen ist mir das Gelände vertraut, die stärker werdende Thermik schafft ausreichend Operationshöhe. Die Eisenerzer Alpen locken mit aufbauenden Cumuli. Nördlich von Trieben finde ich eine Art Abschuss-Rampe (Zitat Adrian Lutz). Sie schiesst mich mit heute noch nicht gefundenen Aufwindstärken in die Höhe. Ich kann sogar wählen, ob ich direkt in die unübersichtliche Geographie zum Eisenbergwerk fliegen soll oder aussen herum über die Nordseite des Liesing-Palten-Tales. Da ich glaube, zusehends wieder stärkeren Südwest zu spüren, wähle ich Letzteres. Obwohl die Segelflug-Profis Österreichs meistens direkt durch dieses Täler-Labyrinth sausen. Das ist mir aber zu unsicher, die Region sieht nicht besonders aussenlande-freundlich aus. Etwa vierzig Kilometer vor der Rax, dem letzten Alpen-‚Gipfel‘ wende ich um genau 13.00 Uhr.

Tolle Thermik-Optik in den Eisenerzer Alpen kurz vor der Wende.

Gemütliche Heimreise

Auf dem Kilometer-Zähler erscheint die Zahl 470. Das ist die aktuelle Distanz nach Hause. Da packt mich jedesmal leichte Panik. Denn das sind nüchtern betrachtet im Idealfall fünf Flugstunden. Und eine Reihe Unwägbarkeiten auf dem langen Weg.Der läuft trotzdem ohne Hektik und Spergamänter ab. Einzig ein von rechts daherschiessender Segler sorgt am Dachstein für Aufregung im Cockpit. Ohne Flarm hätte ich den Flieger gar nicht gesehen und mit Flarm war’s relativ spät. Aber rechtzeitig. Überhaupt ist den Hangkanten entlang jetzt Betrieb in der Luft. Vor allem rund um die bekannten Flugplätze wie zum Beispiel Niederöblarn. Kreuz und quer schiessen da die weissen Segler vor dem noch immer weissen Hintergrund der eingeschneiten Alpen durch die Luft. Mit der Sonne im Gesicht ist es schwierig, den Überblick über den Luftraum zu behalten.

Erfahrung zahlt sich aus

Bis Innsbruck kann ich einen schönen Rhythmus pflegen. Zweieinhalb Stunden nach der Wende quere ich das Inntal. Nach Westen ist die Optik ungemütlich. Der Himmel komplett von Altrostratus-Wolken bedeckt, die Sonne ist weggesperrt. Damit auch die Thermik. Aber dafür haben wir ja nun den Föhn. Wenn er denn bläst.

Auf Gegenkurs schiesst mir nach der Querung des Innsbrucker Segelflugraumes mit hohem Speed der Arcus T von Schänis mit Armin Hürlimann und Walter Hüppin entgegen. Sie wollen ihren Flug nach Osten verlängern. Was bei dieser Optik Mut braucht – denke ich im Stillen.

Wie bei früheren Gelegenheiten schalte ich nun das Tempo nochmals markant herunter und bleibe um den Preis langsameren Fortkommens immer im Kretenbereich und hangle mich der Nordkette entlang an die Hohe Munde und die Mieminger Kette. Vor dem langen, im besten Fall aufwindfreien Bereich bis zum Parseier nehme ich nun alles an Höhe mit, was ich bekomme. Und das ist leider wenig. Es wird knapp werden. Das ist der Grund, weshalb ich nicht bis auf den letzten Drücker ostwärts fliege. Weil es hier immer spitzig wird. Und wenn noch Zeitdruck dazu kommt, wird das Projekt ‚Heimkommen’ schwierig.

Adrian kurz vor dem Ziel am Boden

Kaum habe ich zu Ende überlegt, wie ich mit dieser geringen Höhenreserve sicher ins Arlbergtal einfädeln kann, meldet Adrian Lutz, der zügig voraus geflogen ist, dass er tief sei. Am Parseier seien schwache Windverhältnisse und er sei nicht weggekommen. Wenig später kommt seine Landemeldung als SMS aus der Region Imst. Es sei alles bestens. Pilot und Flugzeug seien wohlauf. Gottseidank! Mario Straub macht wieder einmal den Rückholer und depanniert bis weit in die Nacht Adrian und seine ASW-28-18.

Höchste Konzentration

Der Parseier ist ein massiver Berg. Vor allem, wenn man tief und weit um ihn herum fliegen muss. Die ganze Südostseite ist eine Enttäuschung, ich kann mich knapp halten. Massnahme Nummer 1 ist: ‚Wasser marsch’. Wenige Minuten später sitze ich 60 kg leichter gefühlt wie auf einem Blatt Papier und lasse mich umherwehen. Es geht trotzdem nicht recht aufwärts. 10 cm Steigen im Geradeausflug reichen nicht, um einen halben Meter Sinken beim Wenden zu kompensieren. Heinz Brem klingt mir wieder in den Ohren. ‚Man sollte darauf achten, dass man die Höhe, die man beim Geradeausfliegen gewinnt, nicht in den Kurven wieder verliert…’. Recht hat er. Also muss nun eine neue Taktik her. Bevor ich das Schicksal Adrians teile, versuche ich noch, ganz um den Parseier herum auf die Südwestseite zu gelangen, ohne wegen starken Sinkens meine letzten Chancen zu verspielen, auf der bisher enttäuschenden Südseite später vielleicht doch noch wegzukommen. Also gaaaannnzz vorsichtig! Ich ertappe mich dabei, meine Bauchmuskeln und die Oberschenkel per direktem Befehl vom Hirn an die Muskeln lockern zu müssen. So angespannt bin ich gerade. Wenäs Schwiii uferä Biss-Zangä! Kaum sehe ich um die Kante nach St. Anton hinüber, lockern sich Stimmung und Bauchmuskulatur etwas. Das Vario beginnt zu piepsen. Erst zaghaft, dann konstant. In ganz engen Achten wickle ich das Fliegerchen die Südwestkante entlang aufwärts. Und wie er da steigt! Damit ist zumindest sicher, dass ich Vorarlberg oder das Rheintal erreiche. Immerhin – die letzte Stunde war das ungewiss.

Dicke Altostratus verhindern die Sonnen-Einstrahlungin der Region Arlberg. Dafür wird der Südwest stärker.

Im Montafon pfeift der Wind wieder

Zurück in die Schweiz geht’s leichter als ich dachte. Der Wind nimmt auf der Westseite des Arlbergs zu und bläst etwa mit 30 km/h. Nicht viel, aber das reicht. Damit ist der Fall klar. Alle Südwest-Hänge sollten tragen. Machen sie auch. Problemlos komme ich über das Hochjoch ins Prättigau. Der Fall ist gegessen, ich bin zuhause.Gleich machen es meine nachfolgenden Gspänli. Roland kennt das Problem der Rückkehr in die Schweiz gegen den Wind und vor einen abgedunkelten Himmel von früheren Gelegenheiten ebenso wie Frigg. Beide hangeln sich vorsichtig nach Hause. Klappt – auch diese beiden Tausender-Flüge sind nach zwölf Stunden Flugzeit in trockenen Tüchern.

Armin und Walter geht’s etwas weniger gut. Sie müssen auf der Heimreise den Hilfsmotor bemühen. Damit reicht die Distanz nicht, obwohl sie sich tapfer geschlagen haben und nahe an ihrem gesteckten Ziel dran waren.

Fazit:

an diesem ‚Weitschuss‘ war vor allem die fein orchestrierte Planung und Umsetzung toll. Die nötigen Instrumente sind alle im richtigen Moment und in der richtigen Dosis eingesetzt worden. Wie bei den Wiener Philharmonikern. Da stimmt ja auch jeder Ton und die Zusammensetzung des Orchesters ist perfekt. Deshalb ist das von Walzerkönig Johann Strauss geprägte Kommando für die Freigabe der Tanzfläche ‚Alles Walzer!‘ nicht nur der traditionelle Beginn des Wiener Opernballs, sondern auch das passende Motto dieses herrlich-eleganten Abenteuers auf der Südwind-Bühne Österreichs gewesen.

Das Land wächst mir immer mehr ans Herz 🙂

Technische Daten.
Foto-Galerie.


 
Die ‚Helden des 15. Mai 2013‘: Walter Hüppin, Roland und Armin Hürlimann, Markus von der Crone, Fridolin Hauser und Ernst Willi (v.r.n.l.).

Urs geht in die Luft.

Frühlingsflug und aviatische Wiederbelebung. Gemütliche Reise im Duo Discus durch Erinnerungen, das Prättigau und Vorarlberg.

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Fädeli immer schön in der Mitte, Füdlibagge zämechlübe, iischnuufä, iidräie, inäziä – und ietz blöss kä Chrampf im linggä Bei überchuu… (Link auf Bilder-Galerie).

Donnerstag, 25. April 2013. Urs kenne ich schon so lange, dass ich mich fast nicht mehr erinnern mag, wann ich ihn eigentlich das erste Mal getroffen habe. War das jetzt bei seiner legendären Aussenlandung mit dem Glasflügel 304 ‚BA‘ in der Adda? Oder als Federico für ihn über dem Monte Ubione (San Pellegrino) für einen Tag einen geschützten Luftraum eingerichtet hat, damit er endlich  ungestört kreisen kann? Möglicherweise war es auch jener unvergessliche Abend, als er der vollen Schänner Flugplatzbeiz den Urknall erklärte? Mit Lampenschirmen als Planeten und dem Getränke-Kühler als schwarzes Loch hantierend? In Frage kommen auch noch Ostertage mit Endlos-Kirchen-Glocken-Geläut in Roncola bei Valbrembo, wo wir jede Nacht gewürfelt haben. Was Federico jeweils nicht dran gehindert hat, morgens beim ersten Sonnenlicht mit seiner ASH-25 über das Hotel auf dem südlichsten Bergrücken der Bergamasker Alpen pfeifend in den Nordföhn zu starten. Vielleicht war’s aber doch die siebenstündige Kupplungs-Stecker-Reparatur bei 40° Celsius auf offener Wiese in Vinon – sozusagen der beste vorstellbare Platz für eine nifelige Kabel-Salat-Reparatur. Da weiss ich nur noch, dass ich einen ganzen Satz Autosicherungen durägröschtet ha. Auf der Liste besonderer Erlebnisse mit Urs findet man auch den Versuch, bei minus 15° einen grossen, aber leider steif gefrorenen Kieshaufen am Arbeitssamstag auf dem Anhängerplatz von Schänis zu verteilen. Geht natürlich so nicht, ausser man dreht eine grosse Schraube in den Kieshaufen und zieht ihn am Stück an den Bestimmungsort… Wenn man ihn aber dort verteilen will, hilft nur eine geniale Idee des Physikers: den Haufen mit fliessendem Wasser auftauen. Um halb zwei haben wir dann diesen Event nach einem Kopfstand des Baggerlis auf dem gefrorenen Kieshaufen und einer Reihe geplatzer Gartenschläuche komplett durchnässt, bzw. steif gefroren, abgebrochen und den Kieshaufen an einem wärmeren Tag verteilt – ging wesentlich besser. Da wäre auch noch ein drei Wochen dauernder Segelflug-Abenteuer-Urlaub mit Urs und Federico zu erzählen. Der geht aber quer durch Europa und ist so kompliziert, dass man eine Zeichnung dazu machen muss, um die seltsamen Ereignisse rund herum zu begreifen – das erzählen wir ein andermal.

Die Reihenfolge dieser speziellen Urs-Events ist mir mit der verklärenden Erinnerung zusammen offenbar etwas durcheinandergeraten, aber ich mag mich wenigstens 30 Jahre später noch an jedes Detail erinnern. Und auch an manchen fröhlichen Abend mit schlegeltiggä Zigarrenrauch-Wolken, etwas Jacuzzi, deutlich mehr Alkohol, verzweifelnden ehemaligen und späteren Gattinnen und einer Überdosis kulinarischer Höhepunkte – was man uns beiden bis heute haltschunuch etwas ansieht.

zwischen Berufsleben und Rollator

Urs fliegt heute das erste Mal seit einem Jahrzehnt wieder, sorgfältig plazieren wir ihn nach einem regulären Büro-Vormittag fast schon mitten am Nachmittag auf dem vorderen Sitz unseres DuoDiscus HB-3193. Ausstaffiert mit dem in unserem Alter üblichen Komfort-Steigerungs-Paket: Kissen, ausreichend Kägi-Fret, einer Kurpackung Stugerol und genug Flüssigem. Urs ist ein paar Tage älter als ich und schwärmt angesichts des bevorstehenden Vergnügens von der besten Zeit des Lebens: jener zwischen dem Ende des Berufslebens und dem Rollator.

Krawall wie in einer Einmot

Mit einem solcherart schweren Rucksack beladen setzen wir uns an diesem gleissenden Frühlingstag in Schänis in den ältesten DuoDiscus, den wir da noch haben. Der HB-3193 kommt langsam etwas in die pubertären Jahre – da entwickelt bekantlich Manches ein paar Eigenwilligkeiten. Kaum abgehoben, stelle ich einen gänzlich ungewohnten Lärm hinten links fest. Es ist, als sässe ich auf dem hinteren Sitz in einer Einmotorigen mit defekten Auspuff. Vorn scheint es besser zu sein. Urs hört nichts Verdächtiges. Eine erste Analyse vermutet ein loses Abdeck-Teflon-Klebeband beim Fahrwerk. Blöd ist, dass ich ab einer Speed von 110 km/h kaum etwas von den Instrumenten höre und auch Urs nicht immer verstehe – okay – das ist mir auch schon in ruhigerer Umgebung so gegangen, aber diesmal sind es ausschliesslich akkustische Gründe.

Trotzdem ist Urs guter Dinge, lässt sich nix anmerken und freut sich über seine offensichtlich nicht verloren gegangenen Flug-Künste. Er steuert den Duo hinter unserem PS-Monster her, als hätte er das gerade gestern das letzte Mal gemacht.

Bald einmal sausen wir im Geradeausflug den Churfirsten entlang, nehmen am Gonzen zusammen mit René Pomey, der einen Discus spazieren fliegt, ein paar Meter dazu und queren ins Prättigau. Am Falknis wickeln wir den Duo in einem herrlich starken und engen Frühlings-Aufwind auf fast 3’000 Meter hinauf. Etwas Wasser im Heck wäre auch heute nicht schlecht gewesen. Das Prättigau können wir mit dieser Höhe trotzdem sorglos erobern. Die Stimmung an Bord ist bestens, Urs steuert uns noch bis an den Arlberg, um dort der hohen Schneehaufen und der fortgeschrittenen Zeit wegen um 17.00 Uhr zu wenden. Das Licht wird etwas flacher. Die Luft scheint nun etwas stabiler. Seiner Heimat Appenzell möchte er aber noch einen Besuch abstatten.

Durch das Montafon

Dieses Unterfangen brechen wir dann in immer stabiler werdender Luft in der Region Bludenz ab und flüchten uns schon deutlich tiefer im Gelände wieder in die Berge zurück. In Schruns hilft dann alles nichts mehr, wir müssen nach ergebnislosem Suchen am Itonskopf und an allen Sonnenhängen tief an den Hang des Hochjochs. Da kommen Talwind und Sonne zusammen. Wie uns das Federico schon vor dreissig Jahren fein säuberlich erklärt hat. Immer die zum Talwind querstehenden Geländerippen anfliegen, die auch noch an der Sonne liegen und eine lange Einstrahlungsfläche haben. Schönes rundes, starkes Steigen lässt uns in wenigen Minuten die Welt wieder aus deutlich höherer Optik bewundern. Die Gespräche werden wieder etwas munterer – eine Zeitlang war’s im Cockpit bis auf den ‚Motor‘ hinten links verdächtig ruhig geworden. Das wär ga nuch der Bescht gsii, wämmer hättet mösä usselande!

Baden in Erinnerungen

Appenzell rückt dann auf dem Heimweg durch das Prättigau und den Churfirsten wieder in Reichweite. Mindestens den Säntis und den wunderschönen Gräppelensee oberhalb Wildhaus (der soll jetzt einem bösen Gerücht zufolge voller ‚Terror-Blutegel‘ sein, die sogar ‚durch Socken beissen‘) will Urs zur Pflege alter Erinnerungen nochmals überfliegen. Machen wir gerne – bevor wir abends um sieben in ruhiger Luft in Schänis landen. Auch das kann Urs noch so gut wie früher. Unsere Gspänli haben um die Zeit schon fast alle Flieger eingeräumt. Ein erster Kontrollblick unter den Flieger lässt mich nach der Landung staunen. Da hängt ein kurzer Fetzen Klebeband vom Flügel-/Rumpf-Übergang herunter. Das also muss der Übeltäter mit dem ‚Motorenlärm‘ gewesen sein…

Vor lauter Aufregung hat Urs gar keine Zeit für eine allenfalls aufkommende Seekrankheit gehabt und die Kurpackung Stugerol landet ungebraucht wieder im Rollkoffer.

Bevor der Glarner Güggel chräht

Wir haben uns lange nicht gesehen und eine Menge Geschichten zu erzählen, Erinnerungen aufzufrischen, den Urknall und die Quanten-Mechanik zu streifen (nützt bei mir nichts mehr, bevor ich das oberkomplizierte Thema amigs nur schon buchstabieren kann, vergesse ich auch schon alles wieder). Doch das Alter?

Wie von früher gewohnt, wird es auch diesmal bei uns zuhause wieder sehr spät. Der Wein-Vorrat wird geringfügig dezimiert, der vorhandene Grappa danach zusammen mit ein paar Zigärli fast völlig vernichtet. Und kurz bevor der erste Hahn kräht (die Glarner Güggel sind ja bekannt für spätes Aufstehen), kriechen wir für eine viel zu kurze Nacht-Restzeit noch unter die Daunendecken – bevor es anderntags wieder in den Stollen geht (jedenfalls für mich). Wird wohl ein harter Tag im Büro.

War ein tolles Erlebnis mit Dir, Urs – und den Rollator verschieben wir nochmals ein paar Wochen, gell!

Foto-Galerie.
Flugdaten.

Therapiesitzung über dem Prättigau.

Donnerstag, 11. April 2013. Geht es Dir dieses Frühjahr auch so? Der lange Winter drückt mit seinen Segelflug-Entzugs-Symptomen etwas auf die Flieger-Stimmung – man muss schon allerhand Glück haben, um bis in die zweite Hälfte April einen einigermassen fliegbaren Tag zu erwischen.

Der Donnerstag, 11. April hat so ein fliegbares Fenster für ein paar Stunden geöffnet. Mit Peter Schmid habe ich diese Woche unsere traditionellen Schänner Fliegertage vereinbart. Der Fliegerurlaub umfasst am Ende allerdings nur gerade vier Stunden – aber die haben wir wenigstens gut genutzt. Die ganze andere Zeit haben wir wohl beide in unseren ‚Ferien‘ mehr Stunden im Büro verbracht, als wenn wir ‚richtig‘ gearbeitet hätten. Der Vorteil an dieser Art von ‚Ferien‘ ist, dass man nicht tagelang irgendwo in schlechtem Wetter herumhängt und weder in der Luft noch im Büro etwas nützt. Der Jahrgang 2013 ist der unergiebigste von allen, in der Vergangenheit haben wir mit dieser Methode gleich zu Saison-Beginn immer eine Menge Flugstunden und Segelflüge sammeln können.

Die Vorteile des Eigenstarters

Nachmittags um zwei treffen wir uns im verlassenen Schänis. Ausser uns ist niemand da. Macht aber nichts, heute dürfen wir ja den neuen Eigenstarter der Alpinen Segelflugschule Schänis, den Arcus M benutzen. Den können wir auch zu zweit in die Luft bringen, dafür ist er im Hangar auch extra zuvorderst parkiert. Zwei-Takt-Benzin mischen, Flieger kontrollieren, Cockpit einräumen – schnell einmal ist es mit den umfangreichen Kontrollen und Flugvorbereitungen halb vier.

Dann kommen wir aber in die Luft. Die Wettervorhersage sieht einen leichten Föhn aufkommen. Wir klettern mit dem Arcus M in die Glarner Alpen und versorgen über dem Sernftal den Motor. Die Motorleistung im Steigflug ist beeindruckend. So klettert der Arcus M in kurzer Zeit auf unsere Ausgangshöhe von 2’500 M. ü. M. Die Maschine steigt danach in der Segelflug-Konfiguration am Gulderenstock und an den anderen bekannten Südwind-Kreten im schwachen Südwest-Wind und lässt uns damit Zeit, ihre Eigenschaften noch etwas besser kennenzulernen und wir gewinnen auch wertvolle Erkenntnisse über die Balance / Heckballast dieses wunderschönen Doppelsitzers. Bisher haben wir damit während der Winter-Monate seit der Lieferung im Januar vor allem alle denkbaren Verfahren und Notsituationen durchprobiert, Checklisten und Ausbildungsprogramme ausgearbeitet – ‚geflogen‘ im Sinne des klassischen Segelfluges und zum reinen Vergnügen sind wir damit bisher noch nicht wirklich.

Mystik im Prättigau

Wir zeigen dem Arcus M dann bis abends um halb acht seine neue, engere Heimat und flitzen den Hangkanten der Glarner und Prättigauer Alpen entlang. Am Rhätikon wird die Stimmung schon fast mystisch. Die senkrechten Kalkwände sind von der sich stauenden Feuchtigkeit teilweise eingepackt, davor können wir im ruhigen Hangwind wunderbar in die Höhe klettern.

Der Arcus M zeigt an diesem Tag, was für ein grosses Potenzial in ihm steckt. Segelfliegen à discrétion sozusagen. Starten, wann man will, unabhängig davon, ob auf einem Flugplatz ordentlicher Segelflugbetrieb stattfindet oder nicht. Dahin steigen, wo die Flugbedingungen für einen schönen Flug ausreichen. Dank seiner herausragenden Flugeigenschaften fast soweit gleiten, wie man sieht. Aber auch den Motor nur dann brauchen, wenn untendran ein solides Aussenlandefeld oder ein noch soliderer Flugplatz liegt. Heute ist das allerdings nicht nötig, bis auf den Start benötigen wir keine Motorhilfe.

Der schplintänüi Flüüger macht sehr viel Spass. Gleitet aussergewöhnlich gut. Fliegt wie auf Schienen. Steigt in knappen Bedingungen seines Gewichtes wegen etwas schwerer als andere – aber dafür ist es ein ergonomischer Traum, damit durch die Luft zu gleiten. Ich freue mich schon darauf, mit ihm neue segelfliegerische Horizonte zu entdecken.

Direkt-Link auf’s Picasa-Fotoalbum.
Die Flugdetails aus dem OLC.

Kollateralschäden einer Österreich-Tournee.

Bloss nicht verkrampfen und immer schön cool bleiben –
auch wenn man mal kein Glück hat und noch Pech dazu kommt.

darum geht’s bei der Österreich-Tournee…
Folgen der Luftraum-Verletzung in Innsbruck im Herbst 2011.

März/April 2013. Den Season-Opener in Klagenfurt haben wir nach einer längeren Anreise quer durch die Vor- und Ostalpen pünktlich erreicht. Den Vortrag ohne grössere Durchhänger, ‚Staggeler‘ oder technische Pannen überstanden. Computer, Beamer und Co. haben ohne Zicken das gemacht, wofür sie gebaut worden sind. Dennoch haben meine Brigitte und ich abends nach dem Klagenfurter Anlass noch ein langes Gesicht gemacht.

Gerade haben wir’s uns leicht fröstelnd im ausgekühlten Auto bequem gemacht, den Motor gestartet, uns pflichtschuldig angeschnallt und losgefahren. Aber schon nach zwei Metern war die Fahrt zu Ende. Ein Reifen war platt. Das passiert mir in wenigen Monaten jetzt schon das zweite Mal, einmal konnte ich den Pneu, der eine dicke Schraube mitten in der Lauffläche aufgelesen hatte, mit einem ‚Stopfen‘, wie sie dem hier in Kärnten sagen, bei meiner benachbarten Garage ohne grösseres Federlesen flicken. Diesmal wird es aber etwas schwieriger. Nicht nur der Tageszeit wegen. Mein Opeli hat nämlich kein Reserverad. Nur noch ein Reparatur-Set. Das Zusatzradl wurde wegen Gewichts- und Benzinspar-Massnahmen wegrationalisiert. Bei gefühlten -15° C habe ich also im dünnen Strassen-Anzügli den platten linken Vorder-Reifen notdürftig gepumpt, damit wir mit einem Zwischenhalt bei einer Tankstelle und zweimaligem Auffüllen der dortigem Pump-Station und dann des Reifens auf der letzten Rille gerade noch unser Waldhotel erreichen konnten.

EzFK

Daselbst habe ich dann erst mal versucht, die Notruf-Zentrale des TCS in Genf zu erreichen. Die haben da so eine Einrichtung zur Fernhaltung von Kunden (‚EzFK‘ bezw. Call-Center). Weil die Telefon-Verbindung mitten im Waldhotel ziemlich wackelig war, liess mein iPhone die Nachwahlen zur Steuerung der Genfer Telefon-Einrichtung nicht immer durch. Aber nach ca. einer halben Stunde bin ich dann doch glücklich im Topf der Voll-Deppen gelandet, die kein Telefon bedienen können und von jemandem aus dem dafür geschaffenen, besonders sensiblen Care-Team (mit angegliedertem Seelsorger) betreut werden. TCS und ETI sind aber trotzdem eine überaus tolle Sache, absolut zu empfehlen. Denn wenn man die EzFK-Hürde einmal schafft, landet man sozusagen direkt im Care-Team-Himmel. Ob ich sofort eine Depannierung wünsche oder erst morgen früh, war z.B. eine der erstaunlichen Fragen, die einem ETI-Schutzbrief-Kunden (das scheint die Nothelfer-First-Class zu sein) gestellt werden. Wir haben uns dann angesichts der noch fortgeschritteneren Stunde und der inzwischen wieder angenehmen Umgebungs-Temperatur auf ein Treffen früh am kommenden Morgen geeinigt.

Ich flehe Sie an…

Anderntags kam es nicht mal mehr zum versprochenen Anruf. Die 60jährige, erfahrene ÖAMTC-Pannenhilfe stand schon mit einem grossen Abschleppfahrzeug vor dem Wald-Hotel. Die Stirn in tiefe Falten gelegt. Auto schon besichtigt. Reifen schon testweise gefüllt. Die Luft pfiff jedoch noch immer aus einem winzigen Loch zwischen Seitenwand und Lauffläche. Ein dummer Ort für ein Loch, wie ich noch feststellen sollte. Der ÖAMTC-Mitarbeiter muss schon allerhand erlebt haben. Auch die seltsamen Schweizer, die sogar beim Reserverad sparen, wollte er subito irgendwohin abschleppen. Mit letzter Überzeugungs-Kraft konnte ich ihn immerhin dazu bewegen, den Reifen mit einem Stopfen (tolles Wort) zu flicken, um das nächste Pneuhaus ohne ständiges Aufpumpen zu erreichen. Erst nach mehrmaligem ‚Ich flehe Sie an, fahren Sie nicht damit nach Hause…‘ (Ich hör’s noch heute) rückt der Ärmste die Adresse eines Fachbetriebes heraus, der auch an diesem Samstagmorgen geöffnet hat. Und er hat dann seinen Stopfen an einer Stelle montiert, mit dem man seinen Aussagen nach keine einzige Kurven fahren könne.

Im Reifenhotel waren wir leider nicht durchgängig erfolgreich. Winterreifen sind am ersten warmen Frühlings-Samstag nicht das, was auf der Bestseller-Liste zuoberst steht. Entsprechend wird dieser Artikel nicht mehr gelagert. Schwierig. In dreissig Minuten hätten wir im 130 km entfernten Granz sein sollen. Vortrag über Innsbruck und seinen verletzten Luftraum halten. Ankunft telefonisch verschieben. Ist auch nicht einfach, wenn die Kontaktperson das Handy eben gerade wegen des Vortrags auf ’stumm‘ stellen muss. Klappt aber ohne EzFK und unter Einbezug der Grazer AustroControl-Mannschaft auf dem Turm. Wir dürfen uns also etwas mehr Zeit herausnehmen. Die netten Grazer verschieben einfach die Vortrags-Reihenfolge etwas.

Seit Graz fahre ich nun bis zur Rückkehr in die Schweiz zu drei Vierteln mit Winter- und zu einem Viertel mit Sommerreifen. Natürlich alles gesetzeskonform… Ist dem Auto eigentlich egal, das Opeli fährt trotzdem schön geradeaus. Jetzt habe ich einfach ein fünftes Rad 🙂 Wer weiss heute schon, wofür das wieder gut ist. Am besten, ich trag’s immer mit mir herum, dann habe ich es gleich dabei, wenn ich’s mal wieder brauche.

Achja, da war noch was – Out of Africa.

Dazwischen ist mir im Hotel am Freitag nach dem telefonischen Erlebnis mit der Genfer ETI-Zentrale auch noch mit erheblichem Getöse das Bett zusammengefallen – ohne weiteres Dazutun meiner noch immer attraktiven Brigitte, das wären also völlig falsche Verdächtigungen. Um die Zeit und nach der Autopanne war wirklich nichts mehr los mit chäschperle. War eine Schweinkälte da draussen. Auch wenn die Gelegenheit beim gemeinsamen Auftauen noch günstig gewesen wäre. Aber die Bettstatt hat wahrscheinlich einfach von ihrem Dasein genug gehabt, halt so ein typischer Suizid-Lättliroscht (vermutlich wegen meines Vorgängers) – der hat den gebrochenen Bett-Lättli-Rahmen einfach fein säuberlich hingelegt und im Hotel nichts gemeldet, damit der nächste auch damit auf den Boden kracht.

Wie Mister Bean.

Normalerweise habe ich im Zusammenhang mit segelfliegerischen Aktivitäten immer zwei Stanley-Reparatur-Koffer mit dabei. Mit allem drin, was man für jede Art von Panne halt so braucht. Diese Koffer werde ich jetzt noch durch eine 1.20-Meter-Schraubzwinge ergänzen, um Fälle wie den Lättliroscht auch abdecken zu können. Auf die Österreich-Reise habe ich aber meine beiden Stanley’s für einmal nicht mitgenommen – wofür auch, wir planten ja nicht, die Zivilisation zu verlassen. ‚Repariert‘ habe ich die Bettstatt dann, wie man sowas im afrikanischen Busch amigs flickt – mit Rasierwasser, genauer mit einem stabilen Demin-After-Shave-Fläschchen. Genau: jenes für Männer, denen alles ein wenig leichter fällt. Richtig eingeklemmt und zusätzlich mit einem Schweizer Sackmesser vertäut, hat die Parfumflasche alles zusammengehalten und ich habe danach ausgezeichnet geschlafen.

Achja, da war sonst noch was.

Die elektrische Zahnbürste hat sich wieder mal im Koffer entladen, aber wenigstens dabei keinen Brand im Koffer ausgelöst. Und ich habe mir unabhängig davon am Sonntag noch eine Plombe ausgebissen. In Salzburg bei einem Altwiener Suppentopf, die Würschteln waren aber ok, keine Knochen drin – also sicher kein Haftungsfall. Und auf dem Heimweg hat uns auf einer Tiroler Autobahnbaustelle nach insgesamt 1’500 km Fahrt doch noch ein Radar erwischt. Zum Glück haben unsere östlichen Nachbarn das Schweizer Bussen-Reglement für diese Art Schwer-Verbrechen noch nicht übernommen. Sonst wären wir wohl noch im Gefängnis gelandet. Bei 20 km/h Overspeed ist man in der Schweiz ja schon ziemlich nahe dran.

Trotzdem eine tolle Reise.

Aber: weitaus obenauf schwingt natürlich das Positive. Bei so einer Seasen-Opener-Tournee lernt man selbst als Kontaktscheuer eine Menge netter Menschen kennen. Die gwirbigen Vertreter von AustroControl etwa, die sich mit diesen Anlässen für ein praktikables Zusammenleben aller Luftraumbenutzer über die Massen engagieren und ein gutes Beispiel liefern, wie man die gegenseitige Beisshemmung abbauen kann. Auch wenn das bei gefühlten 350 Abkürzungen für das Ausfüllen eines Flugplanes bestimmt nicht einfacher geworden ist. Oder den Präsidenten des österreichischen Segelflugverbandes, der sich nicht zu schade ist, die Schweizer Gäste auf unvergessliche Weise in seinem Graz herum- und zu leckeren Back-Hendln und Kartoffelsalat auszuführen und der dabei eine Menge interessante Themen anspricht. So finden wir dank ihm vielleicht rasch eine Lösung für unsere Schwierigkeit, bei geringen Startzahlen unter der Woche eine zuverlässige Startlisten-Kontrolle auf technischer Basis (Flarm-Radar) einzuführen.

Nach rund einer Woche ist dann alles wieder etwa an dem Platz, wo es hingehört. Mein Opeli hat schon am Dienstagmorgen wieder vier Winter-Räder drauf. Mein Gebiss besitzt schon am Donnerstag eine wunderschöne neue Plombe. Das Klagenfurter Bettgestell hat jetzt hoffentlich auch einen intakten Lättlirost. Und Tirols Säckelmeister freut sich bestimmt an den steigenden Neben-Einnahmen seines Strassen-Care-Teams. Also alles wieder im Butter.

Jetzt sollte man dann nur gelegentlich wieder mal das tun können, worum es hier eigentlich geht: segelfliegen.

Jojo im Schüttelbecher.

Heftige Turbulenzen und limitiertes Wetterfenster.

Der Flugtag vom Mittwoch, 26. September 2012 wird mir vor allem wegen seiner heftigen Turbulenzen in Erinnerung bleiben. Vor allem in der Region zwischen Landeck und dem Glarnerland waren sie über 3’000 Metern mehr als ungemütlich. Keine Zeit, um den Steuerknüppel auch nur eine Sekunde loszulassen. Entsprechend bin ich nach meinem Flug nach Bischofshofen und zurück dermassen durchgeknetet und durchgeschüttelt (nicht gerührt), dass ich die Übung frühzeitig beende und auf den zweiten Teil trotz ausreichend verfügbarer Flugzeit (eigentlich wollte ich nochmals nach Innsbruck) verzichte. JoJos mag ich ohnehin nicht so gern. Es gibt schon noch phantasievollere Formen des Streckenfliegens.

Henz_Roland_2012_09_26

Unglaubliche Stimmungen an diesem Föhntag. Diese Aufnahme stammt von Roland Henz. Jene aus dem Link in die Fotogalerie (auf das Bild clicken) von Armin Hürlimann und von mir selber (sofern ich dafür Zeit fand).

Heute geht es nicht anders.

Die Wettervorhersage verspricht bei sehr viel Luftfeuchtigkeit, eine starke, aber kurze Föhnphase mit an die Alpen anstürmenden Luftmassen direkt aus Süden und damit ein fliegbares Wetterfenster zwischen dem Dachstein und der Zentralschweiz. Also plane ich eine Strecke soweit wie möglich nach Österreich und eine Verlängerung nach Innsbruck, sofern Zeit und Wetter dies noch zulassen. Damit kann ich für den nationalen Segelflugwettbewerb noch ein paar Kilometer sammeln und meine Bilanz aufpolieren. Die Wettervorhersage verspricht ein Föhnende am frühen Abend. Also wollen wir mal keinen Stress aufbauen und bei der Distanz nicht übertreiben. In den turbulenten Westen muss ich diesmal nicht, da soll die Luftfeuchtigkeit alles früh zumachen.

Um halb Fünf geht der Zirkus los. Mit einem ersten Schritt auf die Terrasse und einem Kontrollblick ob’s am Tödi schon stürmt. Tut es. Sogar Sämi (unser Stubentiger) flüchtet ob der kalten (!) Luft vor der Haustür gleich wieder ins Innere. Auf der Fahrt nach Schänis wecke ich wie vereinbart Armin Hürlimann. Verflixt, der nimmt sein Handy auch nach zehn Minuten Dauerklingeln nicht ab (kein Wunder, er steht auch schon unter der Dusche!) – aber das weiss ich erst später. Inzwischen schicke ich sicherheitshalber aus Uster auch unseren Schlepp-Pilot, Paul Kläger auf den Weg. Armin nimmt irgendwann ab und hat gleich noch eine gute Nachricht: einen zweiten Hilfsmann: Andy Hirlinger. Also ein erheblicher Aufwand und viele helfende Hände für einen Frühstart!

Versammelt stehen wir in düsterster Finsternis um sechs Uhr morgens in Schänis und starten unseren Föhntag. Alles läuft nun eingespielt und planmässig. Sieht man davon ab, dass ich in vollständiger Dunkelheit noch nie meinen Flieger mit Wasser gefüllt habe. Entsprechend spritzt es wieder mal aus allen Löchern, obwohl ich jeden Handgriff kenne. Willis Wasserspiele. Unangenehme Folge: das Cockpit ist leicht überschwemmt und wesentlich feuchter als es sein sollte. Überhaupt: Feuchtigkeit wird heute ein Thema.

Der Turbinen-Bravo und sein Beacon.

Schänis liegt trotz des vorhergesagten Föhnstürmes, der bei dieser Prognose auf dem Flugplatz auch mal zu Windspeeds von über 80 km/h führt, heute ausnahmsweise im Kaltluftsee. Komische Geschichte. Einerseits ist das ein Geschenk, weil wir dann ohne Turbulenzen am Boden gefahrlos starten können. Anderseits macht die feuchte Kaltluft andere Sorgen. Der Flieger ist bald klitschnass vom Tau. Das Capot wird zum trüben Milchglas. Zwar trockne ich es vor dem Start etwa fünfmal. Trotzdem beschlägt die Scheibe vor und während des Startes. So folge ich Pauls PS-Monster, indem ich mich auf das Beacon auf der Heckflosse konzentriere. Das sieht man noch am besten. Und vor der ersten Kurve lichtet sich der Nebel dann endgültig. Die Show beginnt.

Tolle Stimmung.

Und wie diese beginnt. Die Sonne klettert in einer Art Licht-Explosion gerade über die Prättigauer Gipfel und scheint mir frontal ins Gesicht. So sehe ich die Bergkreten der Churfisten direkt voraus kaum. Dafür tauchen alle Farbtöne von Gold bis Schwarz die ganze Gegend in eine unglaubliche Stimmung. Der Wind bläst auch. Und wie. Hart. Stark. Heftig. Im schüttligen Geradeausflug klettere ich über den Churfirsten ohne Kreis auf Abflughöhe über das Rheintal.

Doch nicht so einfach?

Alles läuft nach Plan. Fast. Die Querung des Rheintales misslingt schon mal ziemlich. Ich brauche bis Maienfeld schon mal üppige 1’000 Meter. Damit sind meine Möglichkeiten schon mal etwas eingeschränkt. Da bleibt der Vilan als Plan A. Und Bad Ragaz als Plan B. Auf 1’600 Metern fliege ich in für einmal zu ruhiger Luft um die Bauernhöfe. Und brauche eine halbe Stunde, bis ich die Gemsböcke von oben sehe. Könnten auch Geissen gewesen sein. So nahe traue ich mich bei dem schon über 2’000 Metern stürmischen Wind nicht an die Kreten. Dafür geht da die Post ab. Der Anflug an die Schesaplana gelingt auf Anhieb. Die Steigwerte sind gut. Am Rhätikon klebt das Variometer am Anschlag. Der Start ist gelungen. Die Show kann weitergehen.

Der Weg ins Arlbergtal ist hingegen einfach. Im Montafon nehme ich ein paar Meter dazu, um nicht zu tief durch’s Gelände, sondern wenn möglich knapp drüber fliegen zu können. Gelingt perfekt. Anders als bei früheren Gelegenheiten pfeift auch östlich des Parseiers der Wind an die Kämme. Allerdings wesentlich zivilisierter als im Wilden Westen. Der einzige ‚Aufreger‘ beim Flug den Kämmen nach bis Kufstein ist eine Lufthansa-Maschine im Anflug auf Innsbruck. Der Controller aus LOWI fragt sicherheitshalber ein paar Mal nach, wo ich genau sei. Zum Glück kann ich mein GPS aufzoomen und so tun, als kenne ich hier jedes Gipfelkreuz persönlich Die Lufthansa-Maschine sehe ich beizeiten aus grosser Distanz und so tief wie ich hier fliege, ist auch niemand eine Gefahr für andere. Dafür bekomme ich grosszügig eine Freigabe bis zum Achensee – und schon früh auf Nachfrage die wichtige Wind-Info vom Lotsen in Innsbruck, dass der Wind stark und aus der richtigen Richtung über den Platz fege. Viel bewegt sich an diesem Morgen ausser der Lufthansa noch nicht. Einzig zwei Segler schiessen mir über den Miemingern entgegen. Das sind wohl die Föhn-Profis aus Unterwössen gewesen, die früh an diesem Tag und lange und weit unterwegs gewesen sind.

Der Kaiser ist wild.

Föhnfliegen in Österreich ist einfach eine Freude. Zwar liegt die Staubewölkung an der Nordkette bei Innsbruck auf 2’000 Metern. Aber dafür bläst ein kräftiger Föhn aus dem Wipptal und lässt die ASW tief unter den Kreten bei Innsbruck im Geradeausflug rasch Höhe gewinnen. Bis zum Rofan bin ich bereits wieder auf Abflughöhe für die Querung an den Wilden Kaiser. Obwohl man auf dem Hintersteiner See am Fuss des Wilden Kaisers jede springende Forelle an ihren Ringen auf der ruhigen, spiegelglatten Wasseroberfläche erkennen könnte, empfangen mich unten an der Waldgrenze satte Aufwinde. Wieder kann ich mit wenigen Kreisen die nötige Höhe aufbauen, um die Leoganger Steinberge zu erreichen.

Wurm drin?

Die Querungen haben es heute in sich. Bis ich in Saalfelden in der erneut ruhigen Luft endlich einen Aufwind erwische, bin ich gerade noch auf 1’500 Metern. Das ist ungemütlich tief, auch wenn man hier gut landen kann. Will ich aber nicht. Also halte ich die ‚Fahne der aufrechten Schweizer Segelflieger im Ausland‘ aufrecht und turne mich wieder nach oben. Solange es fliegt, fliegt es – und dann kämpfen wir um jeden Meter! Nach St. Johann im Tirol zurück wär’s schon etwas knapp. Nach Zell am See nicht weniger, ausserdem steht da der Zusatz ‚am See‘ schon im Namen etwas im Wege. Missriete der Versuch, einen dieser Flugplätze zu erreichen, käme sicher wieder was in der Zeitung. Und davon haben wir dieses Jahr mehr als genug gehabt.

obwohl ich bis Mittag keinen Strahl Sonne im Cockpit hatte, ist das Fliegen den Kämmen entlang dank moderatem Südwind kein Problem. Es geht zwar nicht hoch hinauf, aber dafür zuverlässig den Hängen nach.

Back in Business.

Die Situation entschärft sich aber rasch. Hier war ich früher schon tief. Irgendwie strömt der Südwind nur an den Ostteil der Leoganger Steinberge. Und man muss am vordersten Zipfel, der wie ein Schiffsbug ins Tal steht, den Aufwind packen und nicht mehr loslassen, selbst wenn der Versatz pro Kreis Hundert Meter beträgt. Ziehe ich die Fahrtzunahmen beim Eindrehen nach Süden weg, statt stur die Querlage zu halten, verliere ich den ’schrägen‘ Aufwind meistens. Die ‚Würgerei‘ geht mit dem Eindrehen auf den Gipfelkreten zu Ende, da bin ich rasch komfortabel auf 2’500 Metern. Auch die nächsten Querungen verlaufen mit grossen Höhen-Verlusten, selbst wenn ich vorsichtiger vorfliege und stärker dem Verlauf der Kreten folge, statt ‚abzukürzen‘.

Um Elf in Bischofshofen.

Pünktlich nach Zeitplan kann ich in Bischofshofen, zwischen Dachstein und Hochkönig, wenden – viel weiter wäre ich auch gar nicht gekommen, weiter ostwärts wird der Handwind zusehends schwächer. Der erste Teil läuft aber bis dahin zeitlich nach Plan, auf die Tiefpunkte könnte ich allerdings verzichten. Doch ist auch hier die Theorie einfacher als die Praxis. Denn beim Rückflug komme ich am Wilden Kaiser nur auf 2’400 Meter. Nicht eben viel für die 40-km-Querung gegen den Wind an den Rofan. Das ist der Grund, weshalb ich bei der Wahl der Flugtage darauf achte, dass der Föhn möglichst direkt aus Süden (und nicht aus Südwesen) bläst. Denn da sind die langen Kreten des Inntales besser angeströmt. Vorsichtig schalte ich nochmals einen Gang herunter und nehme zwischen Kufstein und dem Achensee im Geradeausflug immer wieder ein paar Meter mit, wenn das Vario mal leichtes Steigen meldet. Mit dem Wasser in den Flügeln macht das jedesmal ein paar Meter aus, die mir am Ende einen komfortablen Einstieg knapp unter 2’000 Meter in die Nordkette ermöglichen.

Tracker on strike.

Bis zur Hohen Munde funktioniert das Schwingen von Krete zu Krete prima. Der Föhn ist stärker geworden. Bis zum nächsten schönen Aufwind muss ich mich allerdings bis ans Westende der Mieminger Kette gedulden. Hier nehme ich mir bewusst Zeit, um für die Passage nach Landeck höchstmögliche Höhe aufzubauen. Meinem Spot-Tracker gefällt die Sache ab hier nicht mehr, er geht wie die Griechen in den Streik. Was bei meinen Freunde zuhause im Büro unnötig Sorgen auslöst, warum ich plötzlich ‚vom Radar‘ verschwinde. Weil ich das Telefon stumm geschaltet habe, höre ich auch ihre Kontrollanrufe nicht. Offen gestanden: ich habe ab hier auch alle Hände voll zu tun, das Fliegerchen auf Kurs zu halten. Telefonieren ist gar nicht…

Wie eine Feder im Wind.

Obwohl ich die Gurte so fest anziehe, dass sie schmerzen, knalle ich mehrmals an die Decke. Meine Lesebrille macht immer wieder den Überschlag und hängt danach verkehrt herum an ihrer Halsschnur. Die Fahrtzunahmen sind abenteuerlich. Mehr als 150 km/h getraue ich mich gar nicht mehr vorzufliegen. Am liebsten habe ich jene Phasen, bei denen nach Abbau der Fahrtzunahme ein heftiger Gegenschlag nach unten folgt. Boaahh, der elegante österreichische Flugstil geht in einen Luftkampf über. Dafür pusht mich der Parseier auf eine bequeme Höhe, damit ich direkt durch dieses Durcheinander nach Schruns zum Einstieg in die Montafon-Welle fliegen kann. Da ist das Steigen dergestalt, dass ich die Höhe nicht mehr wegdrücken kann, wenn ich keine Strukturschäden am Flugzeug riskieren will. In kurzer Zeit bin ich auf 4’000 Metern. Sicherheitshalber frage ich bei Zürich Info um eine Freigabe für Luftraum Charlie ab der Schweizer Grenze. Die bekomme ich rechtzeitig und für das verlangte Höhenband zwischen 3’900 und 5’000 Metern. Zum Glück ist die überflüssige Höhe im sinkenden Leewellen-Teil hinter der Schesaplana im Nu wieder weg und ich kann unter der Luftraumgrenze zurück ans Westende des Walensees fliegen.

Da gehen ja sogar die Vögel zu Fuss.

Die zahlreichen Wolken, die sich hier der einströmenden Feuchtigkeit wegen bilden, sind eine echte Herausforderung. Drum herum, drunter, drüber – alles versuche ich, um abenteuerliche Steigwerte, Fahrtzunahmen und Turbulenzen in einem gefahrlosen Speedbereich zu durchfliegen. Es ist nicht wirklich schön. Obwohl ich genug Zeit hätte, um heute nochmals einen Tausender abzufliegen, verzichte ich darauf, mich nochmals bis Innsbruck und zurück durchkneten zu lassen. Am lustigsten ist die Begegnung mit einem Gänseschwarm über dem Prättigau. Der zieht eine Weile schön in gemetrisch korrekter Formation nach Süden. Bis er in den nächsten Rotor einfliegt. Da gerät das alles etwas durcheinander, die Gänse rudern verzweifelt gegen die übermächtige Strömung an, um sich nicht zu verlieren. Was natürlich nicht klappt, nach kuzer Zeit sind die Wandervögel weit auseinandergetrieben.

Mir reicht es für heute. Ich verlängere nur noch bis Klosters und schaue dann, dass der gemütliche Teil mit meinen Freunden, einem feinen Znacht bei Wolfgang Tieber und ausreichend flüssigen Appenzeller Spezialitäten nicht zu kurz kommt. Das ist der Moment, mich bei meinen morgendlichen Unterstützern zu bedanken: Paul Kläger, Armin Hürlimann und Andy Hirlinger – ohne Euch wäre dieser Flug heute nicht gelungen – ‚Tangge villmaal‘!

Fazit:

Eigentlich zuviel Wind, aber wenigstens aus der richtigen Richtung. Die Bedingungen für lange Flüge waren zwar ok, aber teilweise sehr ungemütlich. Was Bert Schmelzer jun. aber nicht abgehalten hat, heute von Hausen aus 1’000 km in einer ASG-29 abzufliegen. Er hat zwar den Nachhauseweg bis Hausen nicht mehr ganz geschafft und ist im ersten Regen und bei stark absinkender Wolkenbasis bei uns in Schänis gelandet. Der bescheidene junge Man hat aber im Restaurant trotzdem keinen Ton drüber verloren, wie weit er heute geflogen ist: herzliche Gratulation also erst nachträglich!

Schon früher habe ich auf Bilder von Roland Henz aus Unterwössen hingewiesen. Er schafft es immer wieder und auch bei unmöglichen Turbulenzen, den Fotoapparat in der Hand zu halten und erst noch dazu das Flugzeug zu steuern. Seine Aufnahmen geben die aussergewöhnlichen Bedingungen aber wunderbar wieder.

OLC-Flugdetails

und hier die Wetterdaten:

Zusammen ans Matterhorn.

Freitag, 10. August 2012. Heute ist der beste Flugtag unseres diesjährigen Vinon-Aufenthaltes. Wir packen die homogen guten Flugbedingungen und fliegen alle zusammen von Vinon nach Zermatt. Cooler Flug. Cooles Team. Cooler Ferien-Abschluss. Eigentlich kann’s ja kaum noch besser werden!

Nicht originell, aber sicher & schnell: der Trampelpfad in die Alpen.

Wir folgen dabei auch heute der klassischen Route, weil die einfach am schnellsten ans Ziel führt. Zwar in diesem Jahr nicht besonders abwechslungsreich – aber dafür effizient und zielführend. Wir kommen flott voran, liegen weit vor meinem geistigen Zeitplan. Mario macht

Foto von Philippe Stapfer in der ASH-25 ‚NT‘ vom Überflug des Matterhorn-Gipfelgrates.

heute mit seinem voll getankten Discus etwas den Besenwagen und arbeitet sich von hinten hartnäckig immer wieder an seine Vorausflieger heran. An der Barrage Rochemolles hat er uns schon fast eingeholt, da wird unser Fliegergrüppchen in einem einzigen Aufwind ziemlich auseinander gerissen.

Lee-Thermik an der Barrage Rochemolles.

Beim Anflug auf die Ostseite der Staumauer schüttelt es mich ziemlich durch und vor allem der

Unglaublich schöner Berggipfel, auch von dieser Seite: Der Westgrat (Zmuttgrat) des Matterhorns.

Krete entlang auch hinunter. Der Aufwind, den ich suche, ist im NW-Wind-Lee der Aiguille de Scolette. Immer eine etwas schwierige Geschichte, den zu zentrieren, ich bekomme es lange nicht zusammen, während des ganzen Kreises steigen zu können, so steil ich den auch anlege. Kommt davon, wenn man an der falschen Stelle sucht 🙂

Eine Kreis-Hälfte sinkt immer deutlich. Und dann bekomme ich auch noch Gesellschaft von meinen Schänner Kollegen und wir versuchen auf ähnlichen Höhen zu steigen. Das wird mir dann fast etwas eng, zudem müsste die andere Talseite zusammen mit dem Wind eigentlich die ruhigeren und konsistenteren Aufwinde produzieren. Also fliege ich als kleiner Separatista dorthin.

Abgetrocknet.

Während ich so am Col d’Etaches zwar ruhiger aber auch langsamer steige, können Markus, Beat und Valentin den wirbligen Aufwind an der Aiguille de Scolette endlich fassen und mit Geduld auch bis auf 4’000 Meter hinauf nutzen. Der Aufwind scheint im oberen Bereich dann auch wesentlich besser zu tragen als meine Aufwindlinie an den Gipfeln zum Susa-Tal. Die Folge davon ist, dass ‚SV‘ und ‚VN‘ rasch zum Charbonnel gelangen und Mario und ich eine Etage tiefer hinterher hecheln. Mit etwas Geduld kommen wir aber beide dort in den engen, zerrissenen und ruppigen Aufwinden auch hoch genug für den vernünftigen Weiterflug ins hohe Gelände hinüber zum Val d’Aoste. Es dauert aber letztlich bis zum gesetzten Ziel in Zermatt, bis sich die ‚Flugzeug-Handorgel‘ wieder etwas zusammenzieht.

Mein Lieblingsaufwind im Aosta-Tal.

Der Übergang ins Valpelline klappt hervorragend, überhaupt ist auf dem ganzen Flug hierher niemand von uns je in wirklichen Schwierigkeiten. Es hat überall Reserven eingebaut, in der Flughöhe, beim zeitlichen Flugplan usw. Die Aufwinde sind zuverlässig und stark und auch noch dort, wo man sie vermutet. Der perfekte Tag also.

Das ist auch am Eingang des Valpellines so. Dort ist südöstlich der gleichnamigen Gemeinde ein kegelförmiger Berggipfel, wo drei Flanken zusammenlaufen und praktisch den ganzen Tag lang immer irgendwo ideal angestrahlt werden. Darüber steht heute ein kleiner, vom NW-Wind verschobener Cu-Fetzen. Das war bei früheren Gelegenheiten der stärkste Aufwind des ganzen Tages. Auch heute fahre ich auf 3’000 Metern direkt über dem Gipfel ein, schiesse beim Hochziehen meines heute ziemlich mit Wasser gefüllten Fliegerchens gleich einmal 200 Meter in die Höhe, drehe ein und steige, steige, steige. Booaah, ist das cool! Der Aufwind produziert zwar heute keine 6.5 Meter / Sekunde wie auch schon, aber 3.5 sind ja auch schon ordentlich, damit man schnell in höhere Regionen gelangt.

Blick ins Val Ferret (da schiessen die Walliser auf Wölfe) und auf die Brenva-Flanke des Mont-Blanc sowie den Peuterey-Grat.

Damit ist der Weg ans Matterhorn frei. Vorsichtig folge ich meinen voraus fliegenden Kollegen Beat, Markus (beide mit geballter Kompetenz im Duo Discus ‚SV‘) und Valentin, der sich in seiner DG-808 C fest an den Duo klammert und eisern daran festhält – und so eine ideale Matterhorn-Einweisung erhält. Das geht aber auch nur, wenn man sein fliegerisches Handwerk so gut beherrscht wie er. Kompliment!

Welle am Matterhorn.

Das Beste kommt aber noch wie das Chriesi auf dem Chueche. Vom Zmuttgrat (Matterhon-Westseite) bis zur Tête de Valpelline tragen nicht nur die NW-Hänge – sondern der ganze südliche Talbereich bei der Schönbiel-Hütte. Das führt zu einem Gipfeltreffen besonderer Art. Während auf dem scharfen Gipfelgrat des Matterhorns um halb Vier nachmittags die letzten Japaner-Bergesteiger erschöpft den langen Abstieg antreten und ein Heli (von hier aus betrachtet eine armselige Art der Fortbewegung) jemanden um den scharfen Zacken fliegt, versammelt sich zwischen 4’000 und 4’600 Metern eine kleine, exklusive Gemeinde von Segelfliegern, zumeist von Startplätzen in den französischen Alpen stammend. Der junge Segelflieger Philippe Stapfer, der zusammen mit seinem Vater Andres heute ebenfalls in einer ASK-25 der Schaffhauser Segelfluggruppe in Vinon gestartet ist, dreht sogar einen kleinen Kurzfilm des Überfluges des schönsten Gipfels der Welt.Markus und Beat machen noch einen kleinen Besuch in der Monte-Rosa-Gruppe, während ich über den Wolken den Gipfeln und Kämmen der höchsten Walliser Gipfel zum Grand St.-Bernard folge. Dort klettere ich über dem ‚Tal der Wölfe‘ (Val Ferret) wieder hoch und fliege über den Petit-St.-Bernard zurück in die Region Val d’Isère. Via Col Carro geht’s im Eilzugtempo zurück nach Bardonecchia und in die Ecrins.

In der Zwischenzeit sammelt ‚SV‘ im Valpelline Mario wieder ein und zusammen machen auch sie sich auf den direkten Heimweg über die Flieger-Autobahn (Grivola, Grand Paradis, Col Carro) zurück an den Col d’Etaches.

Da fliegen heute die Scheunentore!

Ein letztes Mal für dieses Jahr erklimmen wir an der Crête des Angneaux die Endanflughöhe für einen komfortablen Rückflug nach Vinon.

Einen Aufwind lassen wir uns heute alle zusammen nicht entgehen. Wie ein Magnet zieht uns alle am Abend eine grosse, schwarze Cu-Wolke über dem Tête d’Amont an. Und wie die zieht! Das Variometer fährt an den rechten Anschlag und der Höhenmesser dreht in kurzer Zeit auf 4’000 Meter hinauf. Heute passt aber wirklich alles zusmmen. Damit ist der schnelle Heimflug ins 160 km entfernte Vinon das reine Vergnügen.

Au revoir.

Ein letztes Mal in diesen Ferien sausen wir nochmals durch die Ecrins und verabschieden uns von den Granit-Zacken der südlichsten Viertausender Europas. Folgen den Graten und Gipfeln des Parcours, um beim Mgne. du Coupe ein letztes Mal für dieses Jahr in die gleissende Sonne und die unendlich weit scheinende Ebene des Plâteau Valensole zu blinzeln. Es war ganz einfach herrlich! Wenn’s geht, kommen wir gerne wieder – au revoir, à bientôt, Haute-Provence!

Bilder-Galerie / Link auf OLC-Flugdaten.

Wellenreiten über dem Grand Paradis.

Auf 5’500 M.ü.M. mitten im schönsten Alpenpanorama.

Flugbericht von Donnerstag, 9.August 2012.

Der heutige Flugtag unterscheidet sich von den letzten durch eine höhere Labilität der Luftmasse. Das Flugbild der beflogenen Strecke ist allerdings von den anderen Flügen kaum zu unterscheiden. Wieder ist das beste Fluggebiet im Briançonnais in der östlichen Maurienne und den V-Tälern in Aosta. Obendrauf zu diesem ohnehin schon schmackhaften Menu wird heute auch noch Leewelle serviert.

Was für ein Privileg: motorlos auf 5’500 Metern über Norditalien blicken zu können! Link auf Bilder-Galerie.

Nach dem gestrigen Aussenlandungs-Streichresultat muss ich heute mein Selbstvertrauen etwas zusammen suchen, um vor dem Start die ASW-20-B wieder mit Wasser zu füllen. Denn steigen tut sie damit natürlich schon nicht so gut wie im leeren Zustand. Und zwei Aussenlandungen hintereinander will ich deswegen definitiv keine. Also mache ich mich heute speziell vorsichtig ans Werk und überquere das Plâteau Valensole aus einem voll ausgewundenen ersten Aufwind und komme problemlos und schnell auf der klassischen Route in die Voralpen.

Gemeinsam mit Valentin Tanner in seiner leichten DG-808, dem Straub-Express im Duo Discus und Renato Späni erklimmen wir dann auf dem schnellstmöglichen Weg den Einstieg ins Briançonnais. Am Tête d’Amont dreht das Variometer erstmals gegen 4 Meter/Sec. hoch und das auch noch bis auf fast 4’000 Meter hinauf. Damit ist der Weg frei in die östliche Maurienne. Via den erneut im Nordwestwind turbulenten und damit gefährlichen Charbonnel erreiche ich problemlos und schnell den Col du Carro.

Eine der schönsten Stellen der Alpen: der Gran Paradiso.

Dort duftet es aus heute allen Ritzen nach Welle. Zusammen mit einem unbekannten Ventus suche ich die vordersten Fumulus-Fetzchen ab. Tatsächlich: anfangs zaghaft, dann eindeutig klettere ich vor den Wolken aufwärts, höher und höher. Zu dieser Örtlichkeit haben die Glarner (Steinböcke) enge Beziehungen. Bei der Errichtung des ältesten Wildreservates Europas (Freiberg Kärpf) besorgten sich die Glarner damals bei den Italienern in dieser Region ein paar Steinböcke. Bei uns zuhause hatten sie wie heute die Bären vorgängig alles ausgerottet.Hier im Grossen Paradies sind also die UrUrUrgrosseltern der behenden Huftiere zuhause gewesen, denen man auf der Südseite des Kärpfs gelegentlich auf einer Wanderung oder Skitour Aug‘ in Auge gegenübersteht.

Gurten- und Schlauchsalat. Dafür Lesebrille.

Ab einem gewissen Alter hat man bekanntlich ganz neue Probleme. Da wird plötzlich eine Lesebrille um den Hals gehängt. Und natürlich der Sauerstoff, der ja auch irgendwie seinen Weg in die Nasenlöcher finden soll. Und dann sind da auch noch die Fallschirm-Gurten. Und die Gurten, die man braucht, damit man nicht aus den Flugzeug fällt. Wenn man nun wie ich im Flugzeug, sobald sich das Capot schliesst,  80% der vorhandenen Intelligenz verliert, wird das schon etwas kritisch. Denn dann ist die Lesebrille plötzlich unter dem Sauerstoff-Schlauch verklemmt und passt nicht mehr auf das plötzlich zu weit entfernte Nasenbein. D.h., man muss dann eigentlich bereits entscheiden, ob man lieber nichts sehen oder langsam das Bewusstsein verlieren will. Bis ich den ganzen Schlauchsalat einigermassen aussortiert habe, falle ich mehrmals aus der Welle. Aber weil ich die Lesebrille dann irgendwann auf habe und auch das Vario dank Sauerstoff wieder klar höre, finde ich sie auch wieder. Und kann mich darüber freuen, dass die Aussicht auf eine der schönsten Regionen der Alpen immer toller wird.

Alle Hundert Kilometer einmal kreisen.

Auf 5’500 Meter wird’s mir dann aber zu gering, das Steigen und ich mache mich auf den Heimweg. Der fällt natürlich mit dieser Ausgangslage kürzer als auch schon aus. Genauer gesagt, drehe ich über Briançon nochmals hoch. Und zwecks Verbesserung der Optik, aber trotzdem unnötig, über dem Parcours ebenfalls nochmals. D.h., ich habe einen 200-km-Endanflug bis zum Apéro bei Noemi von der Crone im Château vor mir.

Kreislos. Entspannend. Herrlich. Was für eine wunderschöne Fliegerei! Überhaupt tut mir das Segelfliegen hier bei diesen guten Bedingungen und im Einsitzer in der Seele gut. Nach den vielen Unfällen, die dieses Jahr kaum zu verdauen sind. Christophe. Bernd. Georg. Und vor wenigen Tagen auch noch Jens. Sie hätten bestimmt am heutigen Flugtag auch ihre helle Freude gehabt…

Wie angekündigt: morgen geht’s zusammen ans Matterhorn. Hier schon mal ein kleiner Vorgeschmack. Bis bald.

Diese Aufnahme stammt von unserem jungen Schaffhauser Segelflieger-Kameraden Philippe Stapfer. Er hat vom Überflug des rassigsten Zackens der Welt einen kurzen Film auf Facebook eingestellt.

Stabil. Stabiler. Aussenlandung.

Im Kriechgang via Vaumuse zum Col de Vars.

Flugberichte von Dienstag, 7. August und Mittwoch, 8. August 2012

Diese beiden Flugtage gehören zu den stabileren, seit ich in Vinon fliege. Ganz zu Anfang der dortigen Aktivitäten ist es uns mangels Kenntnissen der lokalen Verhältnisse und mangels Hilfe erfahrener Piloten oft nicht gelungen, in die Voralpen zu gelangen. Wir sind damals meistens über dem Plâteau Valensole gefangen gewesen.

Eine Luftmasse, so stabil und zäh wie ein ausgetrockneter Kuhfladen: Cockpit-Eindruck über dem Grand Bérard / Ubaye-Tal (da bin ich aber doch noch mit viel Geduld über die Inversion gekommen).

Mit den Jahren habe ich dann doch noch herausgefunden, wie man sich aus der stabilen Luftmasse über dem unteren Durance-Tal in die Voralpen ins obere Durance-Tal schleicht. Das klappt anfangs zwischen Durance und Plâteau-Kante bzw. gerade darüber öfters gut bis St.-Auban. Dann via Vaumuse den Hängen nach bis zum Authon. Und von dort gelingt es meistens, etwas mehr Luft unter die Flügel zu bekommen und den Einstieg ins Vallée de la Blanche / an den Parcours zu schaffen. Diese Strecke hat den Vorteil, dass man den Flugplätzen nachfliegt und so, wenn man im Gleitbereich bleibt, immer eine gute Chance auf eine gefahrlose Aussenlandung hat und rasch wieder geschleppt wird, wenn man nur schon seine Rechnungs-Nummer des Start-Flugplatzes auswendig weiss. Südfrankreich ist u.a. deshalb eines der besterschlossensten Segelfluggebiete der Welt.

Das ist zwar die Sonde von Payerne, aber etwa so ist die Luftmasse an diesem Tag aufgebaut gewesen.

Dienstag, 7. August, war wieder so ein stabiler Tag. Zwischen 2’000 und 3’000 M.ü.M. lag eine dicke eingeschobene Warmluft-Masse, die ein Durchbrechen der Luft nach oben nur an ganz wenigen Hotspots (Mgne. de la Blanche am Parcours, an den Trois Evéchés sowie am Grand Bérard) an den heissesten Geröllfeldern zuliess. Und auch das nur mit sehr viel Geduld. Dort habe ich dann den gemächlichen Heimflug gestartet und bin wesentlich problemloser als von da weg zurück nach Vinon zurückgeflogen. Immerhin ist auch an diesem Tag der Einstieg bis hinauf zum Col de Vars gelungen. Wie, zeigt die detaillierte OLC-Flugauswertung.

Und dann doch noch ein Streich-Resultat.

Aus meiner Sicht noch stabiler (sofern möglich) ist der folgende Flugtag, Mittwoch, 8. August gewesen. Da bin ich obendrein auch noch einen Tick zu früh gestartet und habe es gerade mal bis zur Pont Manosque mit einem vorherigen, gescheiterten Fluchtversuch nach Oraison geschafft.Wenigstens ist der Entscheid zur Aussenlandung richtig, früh genug und die Landung auf ein problemloses Feld korrekt gewesen. Und dank Mario Straub, der sich nach meiner Aussenlandemeldung praktisch ‚vom Himmel gestürzt‘ hat, um mich zu depannieren, bin ich schon nach kurzer Zeit beim leicht verfrühten Apéro im Château gewesen. Es gelingt nicht immer alles. Wenn Aussenlandungen weiterhin nur einmal auf 1’000 Flugstunden passieren, ist das ja noch auszuhalten. Und ausser der ungeplanten Landestelle ist auch nix Ungewöhnliches passiert.Und für die kommenden Tage sind die Prognosen wieder vielversprechend. Wie wir dann doch noch mit dem ganzen Club ans und übers Matterhorn gekommen sind, folgt in Kürze.

 

‚Cinque‘ im abgemähten Weizenfeld. Lang genug ist’s ja auf jeden Fall.

In den Schauern aufgelaufen.

Rechtsherum durch die Alpes de Haute-Provence

Flugbericht von Samstag 4. August 2012.

Für einmal ‚zwingt‘ uns die Wetter-Situation zum Befliegen des Parque National du Mercantour. Hier der Blick aus der Region des Col de la Bonette nach Süden ins Vallée d’Allos.

An diesem Flugtag sind wir etwas im falschen Moment am richtigen Ort gewesen (oder umgekehrt). Der Weg nach Norden ist für uns jedenfalls ab Bardonnecchia versperrt, über den Ecrins fallen bereits die ersten grösseren Schauer, westlich davon wären sie allerdings gut umfliegbar gewesen. Schade, diesmal wären zeitlich für einen Flug in die Walliser Alpen ganz gut unterwegs gewesen. Wer 30 Minuten vor uns an der Grenze ins Maurienne ist, kann an diesem Tag jedenfalls in guten Bedingungen gut nach Norden weiterfliegen und westlich der Ecrins später, als sich die Schauerlinie aufgelöst hatte, auch wieder problemlos nach Süden zurückkehren.

Stattdessen wählen wir wegen der düsteren Aussichten im Modane-Tal und im Briançonnais von der Crête de Peyrolles einen Jojo-Flugweg über die Festungen in der Region Montgenèvre, dann der italienisch-französischen Grenze entlang via Monte Viso zurück über die Parques Nationales de Queyras und Mercantour bis hinunter in die Region St.-André-les-Alpes. Der Flug über diese recht selten beflogene Gegend ist mit der heutigen Basishöhe und dem geringen Windeinfluss für einmal eine sorgenfreie Sache.

Fast wie Motorfliegen.

Fantastische Optik beim Flug der italienisch-französischen Grenze entlang.

Der Weg nordwestwärts zum Col de la Croix Haute hinauf fühlt sich an wie Motorfliegen. Die langen Wolkenstrassen lassen bis auf zwei, drei Aufwinde bei La Motte du Caire und Aspres einen  längeren Geradeausflug zu. Natürlich auch auf dem erneuten Heimweg, den ich dank der inaktiven Militärflug-Gebiete um St.-Luc problemlos bis an die Luftraumgrenze von Marseille hinunter ausdehnen kann (Region Brignoles und St.-Maxime).

Marios strenger Flugtag.

Tiefpunkte gibt es auf diesem Flug allerdings auch: Obwohl sich die ersten Aufwinde vielversprechend stark anfühlen, ist auf dem weiteren Weg über das Plâteau Valensole kein vernünftiger Aufwind zu lokalisieren – so endet man jeweils in der Nähe von Puimoisson auf 1’100 Metern und die Geduld, die man vorher nicht aufbringen wollte, benötigt man dann eben ganz sicher, um mit einem halben Meter Steigen wieder in vernünftigere Höhen und angenehmere Temperaturen hinaufzusteigen.

Das war’s dann aber noch nicht ganz: Mario macht auf dem Hinweg in St.-Auban aus ähnlichen Gründen einen unfreiwilligen Zwischenstopp und auf dem Rückweg 16 km vor Vinon einen ‚Full-Stop‘. Zuviel Gegen- und Fallwind verhindern die normale Flugplatz-Landung in Vinon. Aber mit vereinten Kräften ist sein Flieger ‚H2‘ rasch aus dem Aussenlandefeld im Durance-Tal geborgen.

Den für diese Region typischen Segelflugtag schliessen wir bei einem feinen Nachtessen auf dem Dorfplatz Vinons unter den charakteristischen Platanen ab.

Link auf Foto-Galerie.

OLC-Flug-Dokumentation.

„Et maintenant: Vol dynamique“!

Vacances dans l’Armée de l’Air?

Den Spruch des diesjährigen Vinon-Flieger-Aufenthaltes liefert Renato Späni, bzw. sein Fluglehrer während eines früheren ‚Ferien‘-Aufenthaltes in St.-Auban. Im grundsätzlich sprachgetrennten und damit schweigsamen Cockpit müssen teilweise breite mentale Gräben offen gelegen haben. Unsicher ist, wer wem was gezeigt und wer dabei etwas gelernt hat (Hauptsache, das Niveau ist überall angestiegen 🙂

Am Col du Carro trägt die französische Thermik an der Konvergenz weit über die italienische Feuchtigkeit. Hier kann man über 4’000 Meter hinauf turnen.

Jedenfalls muss sich der schon etwas angejahrte Fluglehrer-Colonel mit obigen Worten gegenüber seinem jugendlich-sportlich-unbeschwerten Gast durchgesetzt haben, wenn’s mal wieder geradeaus gehen sollte. Und bei der Erhöhung des Kreis-Anteiles an der Flugzeit soll kurz und knapp, wie das in der Armée de l’Air üblich ist, der sog. ‚Vol thermique‘ kommandiert worden sein. Wobei nicht immer klar gewesen ist, warum beim aufziehen jeweils die gewünschte ‚Thermique‘ plötzlich verschwunden ist und das Fliegerchen statt hoch- plötzlich tiefgezogen wurde. Sicher ist aber, dass sich Renato unter Segelflug-Ferien etwas anderes vorgestellt hat, als sich die Autoritäten St.-Aubans gewohnt sind.

Weniger militärisch.

Wie auch immer das Segelfliegen andernorts praktiziert wird, in Vinon herrscht im Vergleich dazu fast immer eine deutlich lockerere Stimmung. Der Flugtag vom 3. August gibt wieder alles her, was die französischen Alpen segelfliegerisch zu bieten haben: Homogen gute Aufwindverhältnisse über einer grossen Region. Zauberhafte Bilder und Stimmungen über den ausgetrockneten Landstrichen der Voralpen der Haute-Provence bis zu den bizarren Granit-Felsformationen im hohen Gelände in der Region Gran Paradiso. Garniert ist dieses schöne Menu mit einer sauber tragenden Konvergenz-Linie zwischen dem Charbonnel im Modane-Tal bis hinauf an den Gran Paradiso. Und weil ich diesmal zusammen mit dem Doppelsitzer ‚SV‘ mit Markus und Beat an Bord unterwegs bin, entstehen ein paar grandiose Bilder in einer der schönsten Regionen der französisch-italienischen Hochalpen.

Klasse(n)-Ausflug.

Aufnahme der Schänner Fliegerformation auf dem Heimweg aus den Ecrins nach Vinon. Foto aufgenommen aus dem Duo Discus von Beat Straub.

Der Rückflug ist darum speziell, weil ich am Charbonnel, meinem erklärten Lieblings-Thermik-Spender im Modane-Tal, Mario auf 3’400 Metern ‚auflesen‘ darf. Er kämpft mit der für einmal etwas unsteten und engen Thermik am Charbonnel. Mit etwas Glück drehe ich über der genau richtigen Geländemulde ein und kann in der engen Thermik mit ihm zusammen rasch die passende Ausgangs-Höhe für die Überquerung des 20 km entfernten Col d’Etaches aufbauen.Der Rückflug der Konvergenz-Linie entlang zurück in die Ecrins und hinunter nach Vinon ist ein herrliches Erlebnis. Auf der Ostseite staut die Feuchtigkeit an der italienischen Grenze. Über dem Mont Cenis läuft die Feuchtigkeit ins Modane-Tal hinein, wir fliegen etwas ungewohnt für Segelflüge über einer (überschaubaren) Hochnebel-Decke zurück.

‚Go as a group‘.

In der Region Bardonnecchia sind wir dann plötzlich als kleine Reisegruppe unterwegs. Alle Schänner Flugzeuge versammeln sich an der Barrage Rochemolles. Und von da weg sausen wir wie ein Entenschwarm durch die Ecrins zurück über den Parcours und ‚heim‘ nach Vinon. Dabei sind während einer längeren Foto-Session im Formations-Flug ein paar schöne Luftaufnahmen zustande gekommen.

Link auf Foto-Galerie.

Link auf die OLC-Flugdaten.

„Et maintenant: Vol thermique“! Vinon 2012

Zum Start an den Petit St.-Bernard.

Der Vinon-Jahrgang 2012 ist fliegerisch einer der ergiebigeren der vergangenen Jahre. In etwas mehr als einer Wochen Ferienaufenthalt können wir dank meist homogen guter Bedingungen mehrmals die Nordalpen in der Region Val d’Isère / Aosta erreichen. Höhepunkt ist der letzte Flugtag, an dem die ganze Crew das Matterhorn erreicht.

Aber schön alles der Reihe nach – und deshalb erst mal der erste Flugtag. Das ist der 2. August 2012. Nachdem ich am Vortag soviele helfende Hände wie noch nie beim Herrichten des Château hatte (zuwenig Werkzeug mitgenommen) und demnächst ein Gesuch bei der Berghilfe für Subventionen stellen sollte, starten wir zum ersten Flug der diesjährigen Fliegerferien.

Familie von der Crone beim Heuen der Château-Einfahrt.

Dieses Jahr die Rennbahn auf und nieder…

Die Flugbilder sehen dieses Jahr immer etwas ähnlich aus. Die beste Flugregion sind wegen der stabilen Hochdrucklage meistens die Hochalpen und die Region an der französisch-italienischen Region. Dort bilden sich an mehreren Tagen tragende Konvergenz-Linien aus der trockenen Luft auf der französischen Seite, die vom ‚Régime des Brises‘, leichtem Nordwest und der feuchten italienischen Luft, welche in die norditalienischen Bergtäler strömt. Beides zusammen lässt die Streckenfüchse in Vinon fast täglich Hunderte von Kilometern fräsen. Meistens geht’s dabei zweimal in die Alpen, das erste Mal in die Schweiz, das zweite Mal abends nochmals hinauf in die Ecrins, gewendet wird dabei nochmals abends um 18.00 Uhr am Rande des Plateau Valensole für den zweiten Ritt über den Parcours des combattants. Gilles Navas und Paul Janssens fliegen so mit einem erstaunlich frühen Start mehrmals nahe an die 1’000 km-Grenze.

Val d’Isère und La Thuile zum Anfang.

Für Markus von der Crone und Beat Straub im Duo Discus, für Renato Späni im Ventus a, für Mario Straub im Discus II und für mich in meinem Lieblings-Spielzeug ‚5‘ geht die Reise über die Standard-Strecke hinauf ins Modane-Tal. Dieses ist allerdings gut mit Feuchtigkeit gefüllt und von Wolken zur Hälfte abgedeckt.

Abschattungen in der Maurienne. Aber an einzelnen Stellen trotzdem gute Aufwindfelder.

Eines der typischen Flugbilder des Vinon-Jahrgangs 2012. Der ‚Rennbahn‘ entlang in die Nordalpen. Der Link auf die Flugdetails ist auf dem Bild hinterlegt.

Wie häufig stechen aber an der Schlüsselstelle für die Durchquerung des Modane-Tales einzelne, schön geformte Cumulus in der Region Charbonnel ins Auge. Über die fliegen wir mit unseren drei Flugzeugen via Col d’Iséran, Val d’Isère zum Kleinen St.-Bernhard-Pass und hinauf nach Courmayeur. Dort fühlen sich die Aufwindverhältnisse allerdings deutlich schwächer  als auf unserem bisherigen Flugweg hier hinauf (an vereinzelten Stellen schlägt das Variometer aus, als sei es defekt: 6 m / Sec.). Mit etwas Geduld kommen wir aber alle auch hier gut über die Runden, schalten einen Gang zurück und können den Flug problemlos auf unterschiedlichen Routen zurück in die Ecrins fortsetzen.

Der restliche Rückweg der Segelflieger-Autobahn entlang klappt problemlos, wir sind alle rechtzeitig zurück zum Apéro und zum anschliessenden gemeinsamen Nachtessen in Vinon. Der erste Flugtag ist schon mal ein voller Erfolg – und die nächsten Tage versprechen ebenfalls gute Segelflug-Bedingungen. Fängt doch gut an! Morgen geht’s weiter – die Verarbeitung der Texte, Fotos und Erinnerungen darf man ja bei dieser Menge toller Erlebnisse ausnahmsweise über ein paar Tage verteilen… Foto-Alben und mehr Berichte über unsere ‚Helden der Berge‘ (Zitat Charly Wiggenhauser) folgen also demnächst.

Sackhüpfen in zu niedrigem Raum

Gedämpfter Warmluft-Eintopf garniert mit turbulentem Westwind.

Mittwoch, 18. Juli 2012.

Dass von diesem Flug kaum Fotos vorhanden sind, hat auch mit der fliegerischen Anstrengung was zu tun. Hier sieht’s aber gerade prächtig aus, die Energie reicht für ein paar Fotos über dem Wendelstein.

Die Prognose unseres ‚Wetter-Manitous‘ Stefan hat heute auf den Zentimeter gestimmt, obwohl er sich dabei recht weit aus dem Fenster gelehnt hat. Die Inntal-Autobahn und die Segelflieger-Ölspuren Richtung Wallis gingen wie vorhergesagt am besten.

‚Am besten‘ bedeutete allerdings einen ständigen Kampf mit einem aufsässigen, starken WSW-Wind mit ca. 30 km/h und einer Isothermie / Inversion, die ein Hochsteigen über 3’000 Meter nur an Stellen mit sehr ausgeprägter Thermik möglich machten. Das heisst, man fühlte sich heute ähnlich wie beim Sackhüpfen in einem zu niedrigen Raum. Geht schon nicht ganz ohne Beulen – halt ein typischer Warmluft-Segelflugtag.

Teilweise kam man am besten vorwärts, wenn man über den Kreten einfach geradeaus flog und dabei einfach gut darauf achtete nie darunter zu geraten. Bei jedem zweiten Kreisversuch stürzte man beim Eindrehen in den Wind nämlich regelmässig gleich eine Etage tiefer. Nicht ganz ungefährlich, die Geschichte heute.

Tolle Fernsicht von der Zugspitze bis weit in den Freistaat Bayern hinein.

Trotzdem: die Fernsicht war wunderschön, selten war die Sicht aus der Region Zugspitze und Garmisch bis weit in den weissblauen Freistaat Bayern hinein so herrlich wie heute.

Die Alpen sind inzwischen weitgehend ausgeapert, die Kalkfelsen schimmern in allen Farbschattierungen, es sieht speziell im Karwendel jetzt aus wie sonst in den steitrockenen Chrächen in Südfrankreich.

Etwas speziell gestaltet sich schon der Abflug. Aufgrund der Temperatur-Sonde habe ich am Vorabend Mollis Flugplatz als Abflugkreis gewählt und fliege von dort schnurstracks in die Glarner Alpen, in der Hoffnung, in der isolierte(re)n Luftmasse über das Sernftal, Calfeisental ins Prättigau schlüpfen zu können. Gelingt zwar, aber mit sehr viel Aufwand. Am Vilan komme ich fast nicht weg und übe insgesamt seit dem Schleppflug mehr als eine Stunde, bis ich mich endlich an der Sassauna dank eines Aufwindes, den Silvan Gacond mit dem Arcus T zielstrebig ausgegraben hat (merci villmaal), auf eine vernünftige Abflughöhe hinaufarbeiten kann.

Die Schönheit des Karwendels.

Entgegen meinen sonstigen Gewohnheiten fliege ich nach dem Abfahren der Inntal-Autobahn und der -Nordkrete wegen der dort schon ziemlich tief hängen Wolkenfetzen diesmal mitten durch den Karwendel zurück in den Raum Garmisch und achte wienähäflimacher darauf, nicht unter die Kreten zu fallen. Bei dem saumässigen Wind bestimmt kein Vergnügen in den Turbulenzen wieder nach oben zu drehen…

Keine Rückhol-Übungen riskieren.

Nicht riskieren will ich bei diesen Bedingungen allerdings dann den eigentlich geplanten Flug ins Vinschgau. Dafür gibt es  bessere Tage mit deutlich weniger Gegenwind im hohen Gelände des Münstertales und Unterengadins. Zwar hängen da die Wölklein über der Region Reschenpass sehr schön und sehr hoch, aber doch etwas weiträumig auseinander und scheinbar unerreichbar fern, dafür offensichtlich zerrissen vom WSW-Wind. Da ich anderntags aber Termine in der Agenda habe, will ich keinen Absaufer mit einer Mords-Rückhol-Übung aus dem Südtirol riskieren und habe auf die zweite Wende bei Soldano verzichtet. Macht nichts, der Flug war trotzdem herrlich. Auch wenn ich dafür die halbe letzte Nacht gearbeitet habe, um diese paar freien Stunden in der Luft zu ermöglichen.

War’s das etwa schon wieder für 2012?

Jetzt folgen noch die jährlichen Segelflieger-Ferien anfangs August in Vinon mit hoffentlich ein paar fliegerischen Festtagen und ein paar Ausflügen in die französischen und schweizer Hochalpen – und danach war’s das dann wohl bis auf den einen oder andern Föhnsturm für dieses Jahr schon wieder.

Wer das Auf und Ab des Fluges genauer anschauen will, hier die IGC-Datei:

Und neben- / untenstehend noch die Informationen für alle, die genauer wissen wollen, wie sich Warmluft-Advektion kombiniert mit 30 km/h WSW auf dem Papier anfühlen bzw. für ein andermal erkennen lassen. Sieht man die Sonden an, glaubt man nicht, an diesem Tag segelfliegen zu können…

Und hier sind die anderen Meteo-Informationen dieses Flugtages:

Heisser GliderCup-Flugtag auf der Prättigauer Rennbahn

Samstag, 30. Juni 2012. Leichter Südwest, sommerliche Temperaturen über 30° und eine hohe Luftfeuchtigkeit sorgen diesmal für ziemlich heisse Flugbedingungen am fünften GliderCup-Flugtag. Wegen der auf den Abend vorhergesagten Gewitter aufgrund der explosiven Wetterbedingungen schreibt Konkurrenzleiter Markus von der Crone heute vorsichtig eine kurze Flugaufgabe aus: Durschlegi-Klosters-Sargans-Durschlegi. Am schnellsten flitzt Marc Angst um das flache Dreieck: er erreicht mit unserem ‚Rennhobel‘, der ASG-29 einen Durchschnitt von fast 130 km/h.

Soviele gute fliegbare Tage wie dieses Jahr hatten wir in den bisherigen vier Jahren GliderCup selten. Auch am Samstag, 30. Juni herrschten wieder einwandfreie Flugbedingungen. Etwas Südwest. Sehr heisse Temperaturen. Viel Luftfeuchtigkeit. Wer am Ende das Wettergeschehen dominierte, war am Morgen beim Ausschreiben der Flugaufgabe die grosse Frage: der Südwind oder die gewittrige Luft? Gewonnen hat mindestens in unserer Region für einmal der Südwestwind. Er hat die Luft abgetrocknet und die drohende Explosion der Luftmasse verhindert, obwohl es zum Zeitpunkt der abendlichen Landungen über der Region oberer Zürichsee innert einer halben Stunde bedenklich ‚einschwärzte‘ und zu einem blitzschnellen Einräumen und Versorgen unserer kostbaren Spielzeuge geführt hat.

Elegant, schnell, geradeaus.

Marc Angst hat uns allen an diesem Tag gezeigt, wie’s ohne den geringsten Schweisstropfen und super-elegant geht: den Südwest-Wind nutzen, um praktisch ohne einen Kreis den Kreten der Churfisten, des Alvier-Plateaus und des Rhätikons ins hinterste Prättigau zu flitzen. Die Flughöhe so wählen, dass man nicht zeitraubend und mit höherem Risiko unter den Kreten achtern muss. Geradeaus, geradeaus und nochmals geradeaus fliegen und die dabei mit präzis gewähltem Speed die Höhe geschickt verwalten. Resultat: 124 Kilometer mit einem Durchschnitt von fast 130 km/h! Marc ist ein gutes Beispiel, wie der GliderCup das fliegerische KnowHow der erfahrenen Piloten auf den Nachwuchs verteilt. Freude macht mir auch jedes Mal unser Materialwart Ferdi Jud. Er zählt zu den sichersten GliderCup-Werten: kommt jedes Mal ohne Schpergamänter um die Flugaufgabe herum und fliegt Strecken, die ihm noch vor drei Jahren wohl nicht einmal im Traum eingefallen wären.

Jung gebliebener, aktiver OCS.

Den gemütlichen Flugtag (neuerdings angereichert mit Besuchen in unserem Wellnessbereich, dem kleinen Pool) rundete unser Oldtimer-Club ab. Er führte gleichentags seinen Flugtag und den Oltimer-Abend durch, bei dem wir Gastrecht genossen. Danke für den Apéro, den feinen Znacht und die nette Bewirtung – und wie immer allen Helfern, Fluglehrern und Streckenfüchsen für die tatkräftige Mithilfe und die lockere Atmosphäre.

Link auf Bilder-Galerie.

Auf der Segelflieger-Autobahn durchs Inntal

Bisher längste GliderCup-Aufgabe.
Vierter GliderCup-Flugtag, Samstag, 16. Juni 2012

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Wieder machen heute 20 Teilnehmer am GliderCup mit und profitieren von besten Segelflug-Bedingungen über den Ostalpen und einer perfekt ausgeschriebenen Flugaufgabe von Urs Isler nach Innsbruck und zurück. Die bisher längste GliderCup-Aufgabe meistern die Schnellsten in einem engen Speed-Bereich zwischen 95 und 100 km/h. Die längste Anreise zum GliderCup hat Fritz Stingelin auf sich genommen, er ist extra für diesen Flugtag aus Istanbul angereist. Den spätesten Start macht Renato Späni, der erst um halb Vier losfliegen kann, in Innsbruck um 17.15 Uhr wendet – und die Aufgabe auch noch souverän vollendet. Den kuriosesten Flugweg wählt die Crew von HB-3415, welche offenbar wegen Sauerstoffmangels oder vielleicht einem flächendeckenden, kurzzeitigen ‚Software-Fehler‘ die zweite Wende bei Stuben schlicht und einfach ‚vergisst‘, einer alten Gewohnheit und den schönsten Wolken folgt und über das Paznaun nach Hause fliegt, statt die Wende auf dem Arlbergpass noch ‚en passant‘ mitzunehmen… Sachegits! Den längsten Aufenthalt im Swimming-Pool legen Peter und Armin hin. Sie lassen sich eine Stunde lang abkühlen und aufweichen, bis Ihnen die Krämpfe in die Beine schiessen. Arcus-fliegen muss doch strenger sein als man denkt.

Allen hat’s den zufriedenen Gesichtern am Abend zufolge offenbar wieder Spass gemacht, neue Fluggebiete sind erschlossen worden, neue Erkenntnisse über das Fliegen und das Leben drumherum konnten gewonnen werden – es war ein fliegerischer Festtag – danke für’s Mithelfen und Organisieren.

Link auf die Foto-Galerie.

Erlebnisbericht von Ruedi Gysin
Glider Cup 2012, Samstag 16.6.2012

Eine wiederum stattliche Schar Glider Cup Piloten treffen sich um 09:45 Minuten zum Vorbriefing. Zuerst müssen (für einmal) mangels genügender Zahl Fluglehrer weitere Streckencoaches angeworben werden. Mit Reto Frei und Renato Späni kann das Team ergänzt werden. Für die 6 Doppelsitzer melden sich 11 Piloten, die Dosi fliegen wollen. Ein hartes Ausscheidungsverfahren wird lanciert. Schnell fällt der Entscheid, dass die Piloten eine Chance bekommen, welche dieses Jahr noch nicht im Glider Cup Dosi fliegen konnten. Das heisst auch für mich; heute Dosi. Super! Schon sind vier Sitze besetzt. Für die Restlichen soll nun das Los herhalten. So werden schnell alle Plätze besetzt. Auch die Discus 2 sind überbelegt. Hier können die ASW und ASG aushelfen. Ernst Willi stellt sich mir als Coach zur Verfügung, was mich sehr freut, waren wir doch schon letztes Jahr einmal ein gutes Team. Der Tag wird aber noch eine grosse Überraschung bringen.

Wir sind als eines der ersten Flugzeuge bereit zum Start. Leider will aber das Schleppflugzeug wegen einem offensichtlich starken Husten nicht so recht und zwingt mich noch am Boden zum klinken. Tja nun denn halt. Duo X wieder zurück schieben und nun finden wir uns ganz hinten eingereiht. Nebeneffekt: Wir werden voraussichtlich zur ursprünglichen Wunschzeit starten.

Wieder erteile ich vor dem Start den Schleppauftrag; Federi 2400m. Schnell ist dank Turbinen Bravo der Punkt erreicht. Bin noch am überlegen, wo soll ich nochmals 200m machen, kommt das Kommando von Ernst: Losfliegen ohne Umwege. Das mache ich denn auch und Ernst leitet mich (er hat die Movingmap auf dem Pocket Loox bei sich) pfeifengerade durch den Startzylinder. Von da fliegen wir direkt an die Churfirsten, in der Hoffnung dass die Krete was bringt. Leider ist dem nicht so. Am Gamserrugg soll ich näher an die Felsen, da nun doch etwas spürbar ist. Weil der Duo X doch etwas grösser ist als meine zierliche Libelle habe ich das Gefühl, ich kratze schon den Felsen, was natürlich völlige Einbildung ist. So bitte ich Ernst, mal kurz zu übernehmen. Whow, so breit ist der Riesenvogel nun doch nicht. Es geht bedeutend näher als ich gedacht hatte. Tatsächlich; es geht ab, und wie. Schnell haben wir 2600m Höhe erreicht und ich übernehme zur Talquerung. Diese wird heute viel früher gemacht als ich mich das gewohnt bin. Rechts von den drei Schwestern soll uns der nächste Lift erwarten. Pustekuchen. Da steht er nicht und am Ausweichort auch nicht. Weiter nach Malbun. Endlich tut sich was. Mühsam und mit wenig Konstanz geht es in die Höhe. Wird auch Zeit. Nur noch 2100m offenbart der Zeiger des Höhenmessers. Die Plackerei lohnt sich. Wir finden uns auf 3000m wieder und ab geht es Richtung praktisch geradeaus via Zimba zum Itonskopf. Bis hier durfte ich keinen Kreis machen. Jetzt hat Ernst Erbarmen mit mir. Bin ich es mich doch von meiner Libelle nicht gewohnt, so lange Strecken ohne Kreis zu fliegen und sehe mich deshalb gewohnheitsmässig schon mal im Tal unten nach möglichen Wiesen um. Heitere Begg, warum sind die denn noch so weit entfernt? Ein Blick auf den Höhenmesser klärt mich auf: Wir befinden uns immer noch auf sagenhaften 2650m. Unglaublich was so ein Duo X leistet. Ich freue mich an den Kreisen und erhalte bei 3300m von Ernst den Hinweis, es gebe noch mehr Gelegenheit zum Kreisen, ich soll die Radien in Geradeausflug wandeln. Nu dänn halt, Nase tief und Jet-mässig weg. Alles den Kreten entlang bis nach Stuben. Ich spüre was und drehe automatisch ein. Nach zwei Kreisen die Erkenntnis, dass nicht jeder 2 ,5 Meter dann auch wirklich funktioniert. Sofort wieder den Kreten entlang. Da geht wenigstens immer mal wieder was. Mit fast Überschall fliegen wir die Rennstrecke ab mit zwei wiederum mehr oder weniger vergeblichen Kreisversuchen.

EW_Duo

Bei Imst endlich eine gute Tankstelle. Mit bis zu 3,5m geht’s Richtung oben und wir befinden uns rasch auf komfortablen 3400m. Sauber geht’s weiter an die Mieminger. Da gleich nochmals nachtanken und weiter geht’s. Richtung Norden sehe ich den Walchensee, den ich am Pfingstsonntag zweimal überflogen hatte. Von Ernst bekomme ich nun die volle Narrenfreiheit und entscheide mich für die schönsten Wolken. Die führen in den Karwendel hinein. Hätte mich eigentlich daran erinnern müssen, dass mir an der Allgäuer Segelflugwoche von diesem Gelände abgeraten wurde. Es sei sehr unzuverlässig. Trifft auch voll zu. Krampfhaft versuche ich am hohen Gleirsch ein paar Meter zu machen. Mehr als ein Nuller schaut dabei nicht heraus und so sieht bestimmt auch mein Gesicht aus (eine fragende Null). Ernst erlöst mich mit dem Hinweis; wir sind auf Höhe Seegrube und die Höhe reicht auch, wenn wir jetzt direkt abfliegen. Sauber führt Ernst über die noch am besten tragenden Grate auf die Südseite Nordkette und dirigiert mitten durch den Wendepunkt Seegrube. Verrückt! Wie kann ein Ort in der Felswand den Namen Seegrube tragen. Gerade mal 1h 43min sind wir seit dem klinken unterwegs. Super genial.

Jetzt aber hü und auf den Rückweg. Die Erlspitze bei Zirl gibt was her. Wenn auch nicht gerade viele Meter, aber doch Zeit, um sich mal umzuschauen. Boah heh, krass was da über dem Tschirgant steht. Die Mega-Schlauch-Wolke. Nichts wie ab und dahin. Auch wenn wir tief ankommen, das Ding hat mindestens 4m drauf. So ist es denn auch. Zwei Kreise und das Zentrum ist gefunden. Von 2300m geht’s mit bis zu 5m im Nu auf fast 3700m. Via kurzem nachtanken am Venet und einmal bitte Volltanken am Seekopf geht’s flott weiter das Paznauntal hoch Richtung Galtür und ohne Zwischenhalt via Silvretta, Montafon, Sulzfluh, Drusenfluh, Naafkopf und STOPP. War da nicht was? Himmel Schtärnefüfi nomal. War da nicht ein zweiter Wendepunkt? Aber klaro. Der liegt weit hinter uns am Arlberg. Zurück oder nicht?

Wir entscheiden uns gemeinsam, den nicht zurück zu fliegen und uns einfach noch einen fliegerisch schönen Abschluss zu gönnen. Also weiter mit der Rheintalquerung an die Churfirsten zum Alvier wo die nächste Tankstelle wartet. Wohin nun? Das Glarnerland lockt. Gerne möchte ich dem Tödi mal einen Besuch machen. Über dem Weisstannental steht ein toller Schlauch. Reinhängen und los geht es. Auf einmal von hinten die Mitteilung: Wir haben Besuch. Wirklich, ein Steinadler kreist mit uns. Ein zweiter gesellt sich dazu und kurz darauf sind es deren drei. Ein sensationelles Erlebnis! Wären wir noch einmal an den Arlberg zurück, hätten wir das nicht erlebt. Hammermässig.

Bei Schwanden gibt der Chärpf uns wieder Auftrieb und das Ziel Tödi rückt näher. Vorbei an der Grossbaustelle Linth-Limmern (kaum vorstellbar eine solche Baustelle hoch in den Bergen) zum heute „Behüteten“ , für mich schönsten Berg der Welt. Ein Traum geht in Erfüllung. Schon in jungen Jahren wollte ich einmal mit dem Segelflugzeug dieser Schönheit einen Besuch abstatten und heute ist es soweit. Zurück, wieder die tragende Linie der Kreten nutzend, fliegen wir Richtung Glarus und dort scharf links via Auernalp bis zum Hoch Ybrig. Da entscheiden wir uns zum Heimflug. Mit der Landung in Schänis geht der bisher schönste Segelflugtag in meinem Leben zu Ende. Herzlichen Dank Ernst und ebensolchen Dank der SG Lägern, die uns so tolles Flugmaterial zur Verfügung stellt.

Ruedi Gysin, (Libellen Ruedi)

Tiroler Weekend

Skigebiete-Tournee.

An diesem Weekend wird ganz Tirol mit Flugbahnen dicht überzogen.

Freitag, 15. Juni 2012. Trotz eines zu frühen Startes und einer deshalb nötigen, längeren Zwischenlandung in Schänis kann ich am Freitag vor dem GliderCup doch noch einen schönen Flug ins Pitztal machen. Bei der Gelegenheit lassen sich wieder einmal die grossen Tiroler Skistationen der Reihe nach besuchen: Sölden im Ötztal, Tieflehn im Pitzal und das Kaunertal mit dem Gepatsch-Stausee. Auf der Reise dahin kontrollieren wir auch noch die inzwischen aperen Ski-Autobahnen von Ischgl-Samnaun, Fiss-Ladis und Serfaus.

Die Wolkenbasis ist für einmal dermassen hoch (fast 4’000 Meter), dass man weit über Tirols Gletscherwelt bequem über den höchsten Gipfeln kreisen kann. Was für ein Privileg, diesen Sport ausüben zu können! Der Heimflug geht trotz des Südwestwindes, der die Aufwinde leicht häckselt und versetzt, problemlos quer durch das Unter-Engadin und den Schweizer Nationalpark, das ganze Bündnerland und zum Abschluss natürlich noch an den schönsten Glarner, den Tödi sowie die gewaltige 2-Milliarden-Baustelle der Kraftwerke Linth-Limmern. Also quer durch die schönsten Regionen der Schweiz 🙂  Ein Festtag mit und in der ASW-20-B, die ohne Wasser in den Flächen steigt wie ein Papier-Flugdrache!

Hier noch die (OLC-)Details zum Flug.

Und hier der Link auf die Foto-Galerie.

Viele TeilnehmerInnen trotz magerer Warmluft Prognose

GliderCup-Flugtag vom 2. Juni 2012

Trotz mässiger Segelflug-Wetterprognose findet sich 15 Minuten vor dem regulären Startbriefing und der Flugzeugverteilung zum frisch eingeführten GliderCup-Briefing 20 TeilnehmerInnen ein. Das dürfte eine der höchsten bisherigen Teilnehmer-Zahlen sein und ist für das OK ein willkommener ‚Aufsteller‘. Und für unseren versierten Flugzeug-Verteiler Beat Straub ist das später eine Herausforderung bei der Zuteilung der verfügbaren Doppel-Sitzerplätze und Fluglehrer, die er bravourös meistert.

Wenig Thermik-Indikatoren am heutigen GliderCup-Flugtag.

Nach längerer Diskussion entschliessen sich Markus von der Crone und ich für die ‚Flugaufgabe Nummer 21‘. Diese etwas bürokratische Bezeichnung steht für ein interessantes 150-km-Dreieck mit Start- und Zielort Durschlegi sowie den beiden Wendeorten ‚Schweizertor‘ und ‚Lenzerheide‘. Diese Aufgabe enthält die Talquerung über das Rheintal, einen häufig nicht ganz leichten Aufgabenteil durch das oft stabile Churer Rheintal und einen langen Endanflug zurück über das Seeztal und den Walensee.

Knifflige Wetterlage, Herausforderung Warmluft.

Wichtigstes Argument für die getroffene Wahl ist die kurze, der Wetter-Situation und dem Trainingsstand vieler Teilnehmer entsprechende Flugaufgabe. Auch der Flugplatz in der Mitte des Dreiecks, welches die benötigten Talquerungen mit einer sicheren Landemöglichkeit in der Aufgaben-Mitte entschärft, sind die Argumente für die gewählte Aufgabe. Auch die Chance auf eine ‚zweite Runde‘ spielt beim Entscheid mit. Gegen eine Strecke im Mittelland sprechen der dort stärkere Westwind sowie die Warmluft-Advektion des kurzen, aufbauenden Zwischenhochs. Das zeigt sich in der stabilen Sonde aus Payerne.

Offene Waschküchen-Tür.

Der spät erwartete Thermik-Auslöse-Moment erlaubt ein ausgedehntes zweites ‚Frühstück‘ in der Flugplatzbeiz, die ersten Starts passieren nach dem Mittag. Lange getraut man sich kaum, nach Süden zu blicken, aus dem Oberseetal strömt der Dampf wie aus der offenen Kellertür einer Waschküche. Auch die Höhe dieses ‚Dampfes‘ ist wenig erbaulich – maximal 1’400 Meter! Eigentlich ein idealer Tag zum Fischen, Biken oder für die Gartenarbeit, die Flugaufgabe scheint illusorisch. Skeptisch machen wir es uns trotzdem im Doppelsitzer bequem.

Prognose trifft.

Im Verlauf des Flugtages zeigt sich, wie genau die Prognose der stabilen Verhältnisse stimmt. Die Aufgabe kann zwar dank vorsichtigen Vorfliegens von zahlreichen Piloten gut abgeflogen werden, die Aufwinde sind allerdings überwiegend schwach, eng, schwierig zu finden, kurzlebig und obendrein wegen der 20 km/ Westwind-Versatzes auch meistens nicht dort, wo die wenigen Flusen am blauen Himmel hängen. Das führt dann auch zu der einen oder anderen Aussenlandung in Bad Ragaz. Der taktische Spielraum ist gering, wenn an den wichtigen Stellen der Aufwind gerade eine Pause einlegt, reicht es oft nicht mehr für den Anschluss an den nächsten Streckenteil. Wenn man allerdings einmal den Sprung ins Prättigau geschafft hat, tragen die Aufwinde auf der Ostseite des Vilan hoch genug, um den zweiten Schenkel der Aufgabe in Angriff zu nehmen. Interessant ist dabei, welche gewählte Strecke am Ende schneller ist: der kleine, aber visuell zuverlässigere Umweg über Klosters-Weissfluh-Gipfel-Arosa oder der direkte Flug durch’s blaue Loch des Churer Rheintales von der Sassauna an die Südseite des Hochwang und weiter zur zweiten Wende auf der Lenzerheide.

Leider keine zweite Runde.

Die Hoffnung auf eine vollständige zweite Runde erfüllt sich im Laufe des Nachmittages leider nicht. Die erste Umrundung hat etwas zuviel Zeit benötigt und zu früh sorgt die einfliessende Warmluft auch noch für ein vollständiges Abstellen der Thermik. Für einen regionalen Flug reicht es trotzdem in den meisten Fällen. Wir versuchen, bei den nächsten GliderCup-Tagen darauf Rücksicht zu nehmen und die heute ‚zu-kurz-Gekommenen‘ nach Möglichkeit im weiteren Verlauf des GliderCups 2012 zum Fliegen zu bringen.

Gemütlicher Ausklang.

Diesmal können wir wegen der etwas zu geringen Anzahl Anmeldungen zum Nachtessen die gewohnte und geschätzte ‚Nachlese‘ der verschiedenen erfolgreichen oder weniger erfolgreichen Flug-Strategien leider nicht in der Werkstatt-Beiz mit Beamer und Kurz-Kommentaren durchführen, tauschen uns aber immerhin bei einem gemütlichen Nachtessen über das Erlebte aus – es wird auch so wieder für manche fast Mitternacht, bis sie den Heimweg finden 🙂

Für nächstes Mal überlegen wir uns als Verbesserungs-Möglichkeit eine freiwilige, kurze, dafür mit einem Apéro kombinierte Debriefing-Variante um ca. 19.00 Uhr im Theorie-Raum, sollte die nötige Nachtesser-Anzahl auch dann nicht erreicht werden. Die erwähnte ‚Nachlese‘ erzielt immer interessante Lerneffekte und wäre auf jeden Fall spannend.

Danke allen, die mit umsichtigem Fliegen trotz schwieriger Verhältnisse einen sicheren Flugtag an einem nicht besonders guten Segelflug-Tag ermöglicht haben. Und allen, die wie selbstverständlich beim Organisieren mithelfen. Wir freuen uns schon auf den nächsten GliderCup-Flugtag.

Hier ist die von Armin Müller erstellte Rangliste des Flugtages:

Da derzeit Roland Hürlimann und Fridli Jacober beide in den Ferien sind, kann es einen Moment dauern, bis die defitive Gesamtrangliste aktualisiert und die GliderCup-Website nachgeführt ist – ich danke für’s Verständnis.

Link auf alle fliegerischen Details, die Meteo, Fotos vom Flug usw.

Bitumen-Flug nach Bormio.

Gemessen an den Vorbereitungen hätte der Donnerstag, 10. Mai 2012 ein Tag der Weitschüsse werden sollen. Da werden Flächen mit Wasser aufgefüllt. Vorderkanten nochmals poliert. Der Mückenputzer überprüft. Wendepunkte bis zuletzt optimiert. Die Wetterprognose verspricht solide Segelflug-Bedingungen über den Alpen, Baishöhen bis an die Grenze des Erlaubten (geschützte Luftwaffen-Werkstatt). Die Startreihe wird in Schänis länger und länger, gleich wie die Flugvorhaben der Piloten in der Wartelinie.

Stutzig macht mich am Morgen in der Wetterprognose nur jener Satz mit der ‚einfliessenden Warmluft aus Südwesten‘. Die Folgen davon sind im Segelflieger gut spürbar. Die Aufwinde haben ‚keinen Zug‘. Man hat den Eindruck, die aufsteigende Luft bleibe im Leim stecken. Einmal zentrierte Thermik ‚verschwindet‘ nach einigen Kreisen irgendwohin (ich muss zwar zugeben, dass mir das auch ohne Warmluft-Advektion passiert 🙂

Zähflüssig wie Bitumen.

So fühlen sich die Bedingungen dann auch an. Noch bevor ich endlich in die Luft komme, fallen die ersten erfahrenen Piloten wieder auf den Boden. Hmmh – ob das Wasserfüllen vielleicht falsch war? Nach dem Klinken und dem ‚eindrehen‘ in den ersten ‚Aufwind‘ habe ich die Hand bereits am Wasserhahn und schon eine Viertelstunde später auf ‚ablassen‘ umgestellt. Nur mit viel Mühe kann ich mich im hintersten Toggenburg in einen Aufwind einhängen, der mich vor dem Absaufen rettet. Beim Weiterflug bleibe ich am Triesenberg gleich nochmals auf den Kreten unten sitzen. Auch hier ist der Durchmesser der Aufwinde vielleichtg für Schwalben ideal, für mich ist er viel zu eng, ich komme selbst mit dem leeren, leichten Flieger nicht nach oben. Die Lande-Informationen und die Frequenz von Bad Ragaz rücken auf dem PDA in die oberste Position. Der kürzeste Weg dahin führt über die Ostseite des Rheintals, via St.-Luzisteig. An den senkrechten Felswänden (!) meldet die Elektronik plötzlich auf noch 1’400 Metern unten wieder Steigwerte. So turne ich in wilden Achterkurven wie im Luftkampf die senkrechte Wand hoch. Offenbar weht hier ein an die aktuellen Bedingungen auf dem dortigen Finanzplatz angepasster, etwas ruppiger liechtensteinischer Talwind. Er trägt mich aber immerhin genau bis auf den ersten Grat. Weiter geht’s noch nicht. Rettung vor der Aussenlandung in Ragaz bringt dann die westlichste, ins Tal hinaus stehende Felsrippe des Falknis. Auch hier pfeift der Talwind durch und zusammen mit dem gut eingestrahlten Geländekessel über der Luzisteig kann ich in einem turbulenten Aufwind mit viel Querlage zusammen mit einem Adler (auch die üben offenbar manchmal, bis sie wegkommen) erstmals auf eine vernünftige Höhe steigen und ins Prättigau einfliegen.

Trotz Milchglas ins Tal der Bären.

Der Tag ist streckenmässig gelaufen. Mein Vorhaben (Achensee-Ortler) ausser Reichweite. Der Flieger ohne Wasser, die Uhr steht schon auf Zwei. Wenn ich die Übung schon abbreche, dann möchte ich immerhin einen schönen Flug ins Bündnerland machen und taste mich gemütlich(er) ins hinterste Prättigau. Über meinen Schleichweg an den Platta-Hörnern vorbei nach Sagliains ins Land des Bären mit dem seltsamen Namen ‚M13‘ und seinen Kameraden und dann weiter an die Nuna. Da werden zwar feine Steigwerte produziert, Sorgen macht nun aber eine Cirren-Schicht, die über mir eingeschoben wird und das Sonnenlicht spürbar dämpft. Dieses Milchglas verfolgt mich dann bis nach Bormio hinunter. Die Aufwinde sind wieder fast gar nicht zu treffen, wenn man mal einen erwischt hat, ist er auch gleich wieder weg (auch wenn ich sauber kreise). Am Ortler stehe ich auf die Bremse, stelle den Blinker links und fahre via Stilfserjoch und Martina wieder an den Ofenpass zurück.

Foto: Frigg Hauser, aus seinem Ventus ‚H‘ über dem Stilfserjoch

Frigg Hauser ist ins Veltlin hinunter gestochen und meldet von dort tolle Bedingungen, Wolkenstrassen und Dergleichen. Über der imposten Steilwand von Bormio an den Ortler habe ich einen guten Überblick nach Südwesten. Das mit den Wolkenstrasse stimmt sicherlich, das ganze Bündnerland ist aber staubtrocken, blau, nicht die Spur von Aufwinden mit Cumulus-Wülchli drüber. Und die Feuchtigkeit, die von Süden an den Alpenbogen gestaut wird, liegt in den Urner Alpen fast auf dem Gelände auf. Ich beschliesse, ‚H‘ nicht zu folgen, weil mir das Risiko eines Absaufers auf dem Heimweg zu hoch ist und anderntags etwa ein halbes Dutzend Termine in der Agenda stehen. Die kann ich nicht alle sausen lassen… Frigg mus denn auf dem Heimweg in Buochs auch einen Zwischenhalt einbauen, meine Einschätzung war in dem Fall wohl richtig. Man hätte höchstens nicht zuweit nach Westen fliegen und dann den gleichen Rückweg wählen können, angesichts der fortgeschrittenen Tageszeit und der Milchgläser aber auch kein einfaches Unterfangen.

Inzwischen ist die Abdeckung vom Bündner Tourismus-Verband wieder entfernt worden. Dafür haben die Verantwortlichen einen schönen Cumulus über den Bären im Nationalpark plaziert. Fein. Da kann ich so hoch steigen, dass ich schon fast nach Schänis gleiten könnte. Mache ich aber nicht. Jetzt, wo die Bedingungen endlich etwas schöner aussehen, wähle ich den Rückweg über Chur zurück ins Glarnerland.

Entflohene Werbe-Steinböcke?

Im Glarnerland habe ich Heimvorteil und finde sogar Aufwinde, wenn man sie nicht gerade sieht. Jenen am Saasberg in Linthal zum Beispiel. Der Wildhüter und Tierfotograf Marco Banzer mag es zwar nicht besonders, wenn man da über seinen Schützlingen tief kreist. Ich gebe mir also Mühe, hoch einzufliegen und über den aperen Pörtern die Thermik zu zentrieren. Mitten auf einem Schneefeld stehen dann tatsächlich unbeweglich wie die Denkmäler die beiden Bündner Werbe-Steinböcke Gian & Giachen (stelle ich mir wenigstens vor). Sie schauen dem Treiben dieses modernen Störefrieds zu.

Schauen dem bunten Treiben in der Luft gelassen zu: Gian & Giachen von Graubünden Tourismus. Derzeit als Entwicklungshelfer im karitativen Dienst von Glarnerland Tourismus.

Ich höre schon, wie Gian zu Giachen in breitestem Bündner Dialekt sagt:

„Hesch ghöört – im Unterland heiendsi ietz äsoo moderni Plastigg-Vööögel. Mit denä khönnendi die bleichä n’Unterläänder a da schöööne Täääg sogäär ohni Auto oder Isäbaaahn nur mit dr Sunnä in ds Bündnerlaand zu üüss uffä reisä und d’Sunnä gnüüsa – gschpunnä, nit“? – „Joh, Gschpunnä – aber schaad, dass diä in ihrem Stress jo gäär a khai Zit zum Ikheere hen…“

Wie genau die Diskussion der beiden Werbe-Ikonen verlaufen ist, weiss ich natürlich auch nicht, aber etwas in der Art dürfte es gewesen sein. Meine beiden wackeren Steinböcke lassen sich auf jeden Fall nicht aus der Ruhe bringen und stehen unbeweglich mitten in einem riesigen Schneefeld. Den Flug schliesse ich mit einer Runde über dem noch meterhoch mit Schee bedeckten Klausenpass ab, um danach in die erstaunlich warme Luft in der Linthebene einzutauchen. Schön war’s – auch trotz (oder vielleicht wegen) der mühsamen Warmluft-Advektion, die letztlich den gemütlichen Rundflug durch das Land von ‚Graubünden Tourismus‘ verursacht hat.

OLC-Flugdaten mit allen Auf- und Abwinden im Detail.

Als ob ein Engel schöbe.

1’000 km geradeaus durch die Alpen.

Am Samstag, den 28. April gelingt ein Flug, auf den ich zusammen gezählt seit zwanzig Jahren hinarbeite. Den Schlüssel zum Gelingen hat Markus von der Crone gefunden, der dieses Ziel ebenfalls gleich lange verfolgt. Es ist die unkonventionelle Idee, die Walliser Nordkreten für den Hangflug zu nutzen. Die Schönheit dieses Fluges liegt dabei in seiner Geometrie: einfach geradeaus.

Blick aus dem Cockpit auf die Walliser Viertausender. 

Es stimmt fast alles.

Den Wetterbericht studieren Roland Hürlimann (das ist der dritte Musketier an diesem Flugtag) und ich seit Tagen. Wählen den idealen Flugtag aus, suchen freien Platz in der Agenda, verwerfen anfangs gewählte Flugtage, um vermeintlich bessere zu finden nur, um auch diese wieder zu verwerfen. Es ist fast nicht auszuhalten. Wir haben eine seltene, über mehrere Tage anhaltende Föhn-Periode. Aber meistens Wind aus der falschen Richtung oder in den unteren Luftschichten viel zu schnelle Speeds. Aber am Samstagmorgen um sechs stehen Markus, Roland und ich dann schliesslich wie schon so oft in den letzten Jahren mehr oder weniger munter vor den Hangartoren in Schänis. Der Südwind bläst jetzt in einer vertrebaren Stärke und Richtung. Auf der Fahrt hierher sind mir aber erhebliche Zweifel gekommen. Erste Anzeichen von Wind habe ich erst in Ziegelbrücke gefunden. Das ganze Glarnerland liegt in ruhiger Luft. Phuh – eigentlich gar kein gutes Zeichen für einen frühen Start. Aber wir glauben trotzdem an unser Vorhaben. Markus hilft mir beim Zusammensetzen meiner ASW-20-B, für die mir mein Partner Heinz Brem heute den Vortritt gelassen hat. Wir haben also grossen Ausgang.

Der Wilde Westen.

Wir wissen aufgrund unserer zahlreichen Versuche, was es für einen langen Streckenflug im Föhn braucht. Wind in der richtigen Stärke, nicht zu wild, und vor allem direkt aus Süden auf die Alpen sollte er auftreffen. Letzteres stimmt heute in der Wetterprognose. Blöderweise baut der Wind aber erst im Laufe des Tages die gewünschte Stärke (max. etwa 60 km/h) auf. Leider macht er das nur im Westen, nicht im Osten, den wir alle im Föhn bevorzugen, weil die Turbulenzen dort erheblich einfacher zu behändigen sind als in den waschmaschinen-ähnlichen Lee-Walzen westlich der Glarner Alpen. Vor allem der auf dem Weg nach Westen unvermeidbare Engelberger Kessel treibt mir schon beim Gedanken an die wilden Rotoren am Surenen-Pass und nördlich des Titlis den Puls hoch. Aber heute wird kein Weg dran vorbei führen. Wenn es ein weiter Flug werden soll, müssen wir nach Westen beginnen, weil es in die andere Richtung erst ab Mittag durch die Alpen bläst. Jänudähalt!  

Kein Stress heute.

Um am Morgen rasch in die Primärwelle der Alpen zu gelangen, schleppe ich deshalb über Mollis, um direkt an den Sernftaler Einstiegspunkten in die Welle zu kommen. Der Plan wäre, danach über das Schächental und den Engelberger Kessel das Berner Oberland zu erreichen. An einen Flug mit 1’000 km glaube ich an diesem Morgen nicht und habe Saanen und den Rofan als Wendepunkte in den Logger geschrieben. Das wären dann 800 km – ist ja auch schön weit! Bei der verfügbaren Tageslicht-Zeit Ende April mache ich mir also für einmal keinen Stress wie bei früheren Gelegenheiten auf anderen langen Flügen im Herbst.

Start im Wasserfall.

Der Abflug gelingt anfangs gar nicht. Ich komme zwar rasch am Schilt über 3’000 Meter, der Startversuch über den Gufel- und den Gulderenstock endet dann aber rasch mit einer Schluss-Höhe von noch 1’700 Metern. Etwas ungemütlich. Aber wenigstens bläst der Wind, auch wenn ich noch nicht sicher weiss, wie. Das finden aber Roland und Markus heraus, die vor mir gestartet sind und am Wiggis und den Ostwänden des Glärnisch entlang zum Klausen streben, während ich noch am Sooler-Achseli die zugeschneiten Alphütten studiere. Ich schliesse mich meinen voraus eilenden Gspänli an und steige über meinem Wohnhaus in Schwanden die Grate hoch. Klappt bestens, nach kurzer Zeit lasse auch ich mich über dem Urnerboden durch die Rotoren drehen. Wie früher schon habe ich über den Jegerstögg auch heute wieder die Sache nicht immer im Griff, aber vorsichtigerweise immer genug Luft unter mir und meistens genug Speed auf dem Fahrtmesser. Das Fliegerchen wirbelt durch die Luft wie ein Fetzen Papier. Manchmal sieht man beim Einfahren in eine Walze nur noch blauen Himmel, weil die rüden Fahrt-Zunahmen so am besten ohne Strukturschäden am Flugzeug aufzufangen sind – nur, um Sekunden später ohne Fahrtanzeige aufrecht in den Gurten zu stehen. Nüdschüü, aber einfach nicht zu umgehen. Ich getraue mich aber deswegen nicht, den Speed richtig nach rechts zu drehen und bleibe mit respektvoller Reserve immer im grünen Fahrtbereich.

Über Leukerbad kreise ich das letzte Mal bis an den Tödi. Und danach bis an den Rofan vor Kufstein gar nicht mehr. 

Markus findet den Schlüssel.

Er schlägt, unkonventionell wie er ist, vor, doch über das Bünder Oberland, den Oberalp und den Furka ins Wallis zu fliegen. Ganz einfach den Luv-Hängen nach. Weil es heute so wenig Feuchtigkeit in der Luft habe und weder die Urner- noch die Walliser Alpen zugestaut sind. Was eine Seltenheit ist. Weder Roland noch ich (bin sowieso viel zu tief dafür) lassen sich vorerst von der ungewöhnlichen Idee ‚anzünden‘ und fahren auf den uns bekannten Lee-Flugrouten nach Westen weiter, während Markus sich am Tödi aus 4’000 Metern in den Wasserfall stürzt und in der Gegend von Disentis buchstäblich auf den Boden trifft. Er meldet später aber gutes Fortkommen auf Flughöhen, die wir aus den Thermikflügen kennen – also eigentlich ziemlich tief für turbulente Südwind-Verhältnisse.

Kein Rhythmus.

Roland und ich lassen uns in Engelberg und dem Berner Oberland durch die Rotorwalzen drehen. Am Titlis knallt mir beim Versuch, auf die Luvseite des Rotors südlich des Gipfels zu kommen, dreimal das Fahrwerk aus dem Flieger. Die ganze Kopfstütze verabschiedet sich aus ihrer Halterung und segelt zusammen mit den Karten, Ausweisen und anderen festgemacht geglaubten Geräten durch das Cockpit. Darum mag ich diese Region im Föhn nicht. Aber sonst bleibt alles dort, wo es muss. Um die Reparaturen kümmere ich mich später, damit ich den Kopf nicht verletze, wickle ich vorläufig einmal das Capot-Tuch hinter mir um die freigelegten Metallhalterungen.

Bis jetzt habe ich noch keinen richtigen Flug-Rythmus finden können, es ist einfach dauernd zu viel los hier drin. Besser wird die Situation erst mit dem Entscheid, südlich (und damit über) statt nördlich der Berner Eisriesen westwärts zu fliegen. An der aus Klettertagen bekannten Kingspitze (Engelhörner) steige ich auf 4’000 Meter hinauf, um Markus Spuren ins Oberwallis folgen zu können. Vorsichtig taste ich mich am Schreckhorn vorbei ins Oberwallis. Verabschiede mich von der gut besuchten Zürich-Information-Frequenz und geniesse die plötzliche Ruhe im Flieger. Von hier weg finde ich endlich meinen Rhythmus. Steige vorsichtig (und eigentlich für einen langen Streckenflug langsam) den Hängen nach immer weiter westwärts. Die gröbsten Turbulenzen sind Vergangenheit. Unser Vorhaben wird allmählich zum Vergnügen.

Im Sorglos-Paket nach Austria.

Markus ist mir etwa 30 km voraus und rauscht in der ASG-29 das Wallis hinunter. Meldet gutes Fortkommen bei vernünftigen Wind-Verhältnissen. Ich habe nun den Vorteil, dass er grössere Flieger-Fallen am Funk meldet und kann ihm wie ein Postauto-Anhänger hintennach fahren. Das kompensiert meinen etwas älteren und kürzeren Flieger und ich kann so ständig an ihm dranbleiben. Bald einmal wenden wir am äussersten Zipfel der Walliser Nordkrete bei Martigny. Bis an die Furka zurück drehe ich nur noch zweimal Kurven. Am Diablerets-Gletscher und über dem Lötschental. Die Wind-Strukturen sind wegen zunehmender Feuchtigkeit jetzt besser erkennbar. Erst am Tödi drehe ich auf dem Weg ostwärts wieder ein paar Hundert Meter auf, weil der Aufwind hier mit über 6 Metern/Sekunde so schön und ruhig ist. Aber danach fege ich nur noch stundenlang den Hängen nach. Die Luft wird ruhiger, die Turbulenzen sind handhabbar, die Hänge tragen zuverlässig wie selten. Ich liebe Österreich! Es ist jetzt wie in einem Formel-1-Cockpit. Mit einem Groundspeed von über 200 km/h fegen wir in die Ostalpen, nie über die Hangkanten steigend. Erst am Rofan vor Kufstein drehe ich die Nase der ASW-20-B wieder einmal südwärts und nehme vor dem grossen Sprung an den Wilden Kaiser ein paar Meter mit.

Foto: Marc Angst (auf einem anderen Flug mit Heinz Brem an Bord).

Österreichische Eleganz.

Am Wilden Kaiser drückt es mir fast die Tränen ins Gesicht. Ich komme auf 1’700 Metern an den Hängen an, habe schon nasse Hände, weil ich hier schon so oft stecken geblieben bin, bevor ich am ersten Ausläufer des Kaisers die Nase des Flugzeuges nach oben ziehe und einfach den Kalk-Gräten entlang aufwärts steige. Die Steigwerte sind einfach ein Traum. Es ist als würde heute an jeder wichtigen Stelle Unterstützung geboten.

Als ob ein Engel schöbe.

Und ab hier beginnt das Vergnügen erst richtig. Die österreichischen Segelflieger-Kollegen wissen gar nicht, was sie an ihrer fein säuberlich aufgestellten Alpenketten-Struktur haben. Kein Vergleich mit den turbulenten Verhältnissen (- mir sind ebä chlä vertrülleter) in der Schweiz. Hier fegt man als Segelflieger einfach dem oberen Drittel der Kreten entlang kreuz und quer durch das ganze Land. Die Aufwinde sind bei Südwinden von ca. 30 km/h stabil, verlässlich, sicher. Vor grösseren Unterbrüchen in den Ketten des Kaisers, der Loferer Steinberge, der Leoganger, des Hochkönigs und Dachsteins und wie die Zacken alle heissen, kann man sich jeweils ein paar Hundert Meter auf’s Konto buchen, ein paar Kreise machen – und weiter geht’s in schwungvollem Walzertakt. Die elegante österreichische Lebensart eben!

Arithmetik im Cockpit.

Markus wendet für mich unerklärlicherweise mitten in diesem Vergnügen schon in St. Johann im Tirol und lässt sich nicht aufhalten, zurück nach Hause zu fliegen. Ich will aber Österreich noch etwas weiter ostwärts geniessen und ziehe mit dem gleichen Rhythmus wie vorher weiter bis zum Hochkönig. Als Wende-Zeit habe ich mir drei Uhr nachmittags gesetzt. Nun lasse ich mir sogar noch eine Viertelstunde Reserve und wende kurz vor Bischofshofen am Hochkönig die Nase der ASW-20-B erstmals wieder Richtung Westen. Langsam aber sicher beschäftigt mich jetzt eine vierstellige Zahl. Mit diesem Wendepunkt müssten es zurück bis nach Schänis 1’000 km werden. Ich kann es kaum fassen. Die Karten liegen heute einmal richtig auf dem Tisch. Eine wohlige Zufriedenheit breitet sich in mir aus und die Anspannung der letzten Stunden löst sich langsam.

Stresslos zurück.

Der Wind schiebt aus der richtigen Richtung. In einer vertretbaren Stärke. Der Zeitplan hat über eine Stunde Reserve drin. Ich muss nur noch 300 km fliegen. Was nachmittags um drei im April mit einer verstärkenden Föhnprognose über den Schweizer Alpen bis weit in die Nacht hinein nicht der Ansatz eines Problemes sein sollte. So ist es dann auch. Ich nehme einen Gang zurück und turne gemütlich am Kaiser auf 2’800 Meter hinauf. Damit kann ich direkt an den Rofan fliegen. Und von da an ganz einfach die Standard-Strecke zurück nach Schänis. Vorsichtig, um ja nichts mehr anbrennen zu lassen, nehme ich am Fernsteinsee mit, was ich kann. Dasselbe am Parseier. Mit 4’000 Metern auf dem Konto beginne ich langsam zu realisieren, was heute hier passiert. Ich geniesse den Flug in die Abendstimmung, lasse das turbulente Montafon für einmal aus einer komoden Welle weit unter mir und tauche dann in die turbulenten Schweizer Alpen. Nicht zu lange. Nur noch, bis mein gescheiter StrePla-Kilometer-Zähler wieder bei Null beginnt. Die 1’000 km sind am Pragelpass vollbracht. Meinen urchigen Jauchzer im Flieger hat zum Glück niemand gehört 🙂

Dankeschön.

Markus vollendet in dieser Zeit ebenfalls seinen 1’000-km-Flug noch bis an die Furka und zurück ins Prättigau. Beim ASG-29-Logger kann er nicht genau ablesen, wie viele ausgewertete Kilometer schon auf dem Konto sind. Deshalb legt er noch ein paar Sicherheits-Kilometer drauf, damit es aber auch ganz sicher klappt… Bei Markus möchte ich mich für seine sehr kameradschaftlichen Funkmeldungen über die angetroffenen Verhältnisse speziell bedanken. Das hat dieses Unterfangen erheblich erleichtert. Und bedanken möchte ich mich auch bei unserem robusten Turbinen-Heizer Kurt Götz und bei Urs Lerch, der beim morgendlichen Start geholfen hat.

Auf ein Neues.

Roland ist es leider weniger gut gegangen. Mit der gewählten Lee-Rotoren-Route auf der Nordseite der Alpen hat er viel Energie und Zeit verbraucht und mag irgendwann nach 800 km nicht mehr. Schade – aber dann versuchen wir es einfach weiter – irgendwann klappt es plötzlich. So wie an diesem nicht ganz erwarteten Super-Tag heute. Ein Traum!

Und davon gäbe es ja noch mehr: im Südwind nach Wien und zurück zum Beispiel. Oder einen wirklich langen Thermik-Flug. Wir bleiben dran.

Detaillierte OLC-Flugdaten.

„You are cleared to 6000 Meters… Next report: Oberalp.“

In den vergangenen 20 Jahren habe ich es selten bis gar nie erlebt, dass mich Skyguide ohne Transponder über die Standard-Höhen hinauf hat steigen lassen. Heute war das anders. Erstmals seit Jahren sind wir über dem Kanton Graubünden zwischen Zernez und dem Oberalppass mal wieder auf 6’000 Meter oben gesegelt. Ein königliches Gefühl. Und das Ganze auch noch bei Südföhn. Normalerweise ist da südlich der Glarner Alpen alles zugestaut.

 

Hier schon mal ein paar Fotos:

Peter Schmid, der mir dieses Jahr während dieses Fluges auch gleich den (etwas ausführlichen) Jahres-Checkflug abgenommen hat, berichtet für einmal als Gast an dieser Stelle über den herrlichen Wellenflug.

Mit diesem e-Mail am Montag, 9. April haben die Ereignisse ihren Lauf genommen. ‚Ja, aber‘, war die spontane Antwort von Ernst. Kurze telefonische Absprache, wir sind uns einig, der Föhn reicht vermutlich nicht weit genug nach Österreich, für einen Weitschuss. Damit einigen wir uns, Treffpunkt 09:00 in Schänis zum regulären Briefing.

Die Strategie, die Strategie…

Wie so oft, haben wir auch heute eine perfekte Strategie. Diese sieht vor, dass wir uns um 09:00 unseren beinahe neuen Arcus T schnappen. Danach Start in die Föhnwellen und einen tollen, unbeschwerten Föhnflug geniessen. Alles klar soweit. Leider auch wie so oft, erfährt unsere Strategie unangenehme Störungen. Dies beginnen schon damit, dass der Arcus bereits seit 07:00 in der Luft ist. Die lapidaren Kommentare unserer Kollegen, „Ihr müsst früher aufstehen“. Vielen Dank an dieser Stelle, das haben wir gerade noch gebraucht.  Somit müssen wir uns wohl oder übel mit einem Duo Discus X begnügen. Zugegeben, das ist klagen auf sehr hohem Niveau.

Warme Kleider angezogen, Material im Flieger verstaut und um 10:06 zieht uns unsere zuverlässige Fox Juliet in Richtung Ziegelbrücke. Den Flachlandflieger wird’s zwar schütteln, wir entscheiden uns aber trotzdem für eine unsportliche Klinkhöhe von komfortablen 2’500 m. Danach Standardprozedere, Leistchamm, Südseite der Churfirsten. Erste Zweifel machen sich im Cockpit breit. Der Walensee kräuselt, die Churfirsten tragen aber eher schlecht als recht. Mutig fliegen wir vor. Die Theorie ist uns bestens bekannt und eine Strategie haben wir auch. In diesem Fall haben wir sogar beide dieselbe Strategie, was auch schon anders war.

Nächster Halt: Sichelchamm. Selbst der mag heute nur enttäuschen. Die Frühaufsteher im Arcus melden sich vom Gonzen. Kurz gerechnet, es ist jetzt 10:40, gestartet ist die Familie Straub um 7:17 – Frühaufsteher eben – , d.h. 3 Std.23 Min. und doch erst am Gonzen. Wir sehen uns in unserer Analyse des Vortages bestätigt, „der Föhn baut erst im Verlaufe des Tages auf und reicht deshalb nicht für einen Weitschuss“.

Der Falknis ist ein Rein-Fall.

Zumindest bestätigt uns die SX Besatzung, dass der Gonzen von ganz unten weg funktioniert. Diese Information lässt uns an unserer Strategie, nämlich vorzufliegen, festhalten. Mittlerweile können wir bestätigen, der Gonzen hat funktioniert und dies ab 1’400 m. Föhnartig, mit Steigwerten um die 5 m/sec haben wir uns schnell auf Kretenhöhe hochgearbeitet. Feinfühlig wie ein Kardiologe arbeitet Ernst uns auf eine nahezu komfortable Höhe von 2’400 m. Wiederum sind wir uns einig, wir fliegen weiter an den Falknis. Dieser belohnt unsere Abenteuerlust mit einem freien Fall über einige hundert Meter. Weiter an den Vilan. Unser brutaler Absturz verlangsamt sich deutlich. Knapp 900 m unter unserer Abflughöhe am Gonzen finden wir uns auf gut 1’500 m am Vilan. Mit Achten und Kreisen und Achten und noch mehr Kreisen, gelingt es uns etwas Höhe zu gewinnen, diese wird aber auch kurz darauf wieder vernichtet. Während ich mich vorne auf sauberes fliegen am Hang konzentriere meint Ernst ganz trocken: „Heinz (Brem – Anm. der Redaktion) sagt immer, die Höhe, die im Geradeausflug am Hang gewonnen wird, sollte möglichst nicht in der Kurve wieder vernichtet werden.“

Gratis-Parkplatz an Vilan und Gonzen.

Vielen Dank für diesen wertvollen Beitrag! Nach ewig lang erscheinendem, erfolglosen Pickeln, kündigen wir dem Vilan unsere Liebe und fliegen zurück an den Gonzen. Aus 1’300 m geht’s wieder im Lift hoch. Guter Rat ist teuer. Wir fliegen entlang der Alvier-Krete zurück zum Sichelchamm. Immer noch keine Bewegung, zumindest keine positive. Nochmals zurück an den Rettungsanker namens Gonzen. Wieder steigen wir auf Kretenhöhe. Wir einigen uns, dass man den Gonzen unbedingt erhöhen sollte. Irgendeine Konstruktion, welche noch ca. 700-1’000 m in die Höhe reicht. Vielleicht sollte man einen Künstlerwettbewerb ausschreiben. Dem geneigten Lester, der jetzt auf Sauerstoffmangel tippt, versichere ich, daran hat’s nicht gelegen.

Wie weiter aus dieser Misere?

Die Lenti’s im Prättigau sehen verlockend aus. Das höchste der Gefühle liegt aber im Moment auf 2’200 m. Trotzdem fliegen wir los. Und siehe da, über dem Geschiebe-Rechen von Fläsch fällt Ernst in eine hauchdünne Mini-Welle. Diese bringt uns auf gut 2’500 m. Damit sichern wir uns den Weg ins Rhätikon. Trotz haarscharfer Analyse aller verfügbaren Parameter – Windrichtung, Windgeschwindigkeit – das Rhätikon trägt einfach schlecht. Wir können gerade knapp die Höhe halten. Endlich gelingt es uns, an der Sulzfluh auf komfortable 2’700 m zu steigen. Jetzt beginnt’s uns langsam zu gefallen. Weiter geht’s über Madrisa an den Älpeltli-Spitz eingangs Montbiel. Zuverlässig wie eine Schweizer Uhr steigt’s hier richtig gut. In Richtung Silvretta-Gletscher trampeln wir in eine Welle. Um ja keine Luftraumverletzung zu begehen, fragen wir rechtzeitig bei Zürich Info für eine Clearance um höher als 3’900 m in den Luftraum Charlie zu steigen. Da unsere Steuergelder gerade an der Arbeit sind – sprich Militärflieger – kann unserem Ansinnen nicht statt gegeben werden.

Auch die beste Armee muss mal üben.

Also halten wir uns an die 3’900 m Obergrenze und fliegen weiter über den Flüela Richtung Zernez. Jetzt sind die Rotoren deutlich gezeichnet und es fällt leicht, diesen Aufwindbändern zu folgen. Das Vinschgau lockt, allerdings erkennen wir die Föhn Strukturen nicht mehr so genau. Deshalb drehen wir an der Nuna um und fliegen wieder westwärts. Am Flüela steigen wir wieder, Zeit für eine erneute Anfrage für weiteres Steigen. Wieder wird unserem Ansinnen nicht stattgegeben.

Steter Tropfen höhlt den Stein.

Etwas später am Jakobshorn erneute Anfrage, leider auch diesmal abgelehnt. Wir entschliessen uns, der Föhnwurst entlang über Arosa Richtung Chur zu fliegen. Wir fühlen uns wie in einem Jet. Ein herrliches Gefühl, mit 180 km/h und 1.5 m steigen der Wolke entlang zu zischen. Selbst im Schnellen Geradeausflug kommen wir dem Luftraum Charlie immer näher. Wer weiss, vielleicht ist den Armeefliegern mittlerweile der Sprit ausgegangen, sicherheitshalber fragen wir bei Zürich Info nochmals an. Der freundliche Controller fragt uns, auf welche Höhe wir denn zu steigen beabsichtigen.

Step by Step cleared to 6’000.

Werden wir mal nicht überheblich und fragen für bescheidene 4’600 m an. Nach einem kurzen „Stand by“ kommt schon sehr bald die Bewilligung auf 4’600 zu steigen. Dies gelingt uns in der Region zwischen Langwies und Tschiertschen.  Viel zu schnell erreichen wir 4’500 m. Schnell angefragt, ob einer weiteren Bewilligung auf 5’000 m statt gegeben werden kann. Die Bewilligung kommt umgehend. Mittlerweile sind wir in der Region Tschiertschen. Das Steigen nimmt auch bei 4’900 nicht ab, deshalb fragen wir in unserer unverwechselbaren Bescheidenheit für 5’500 m an. Auch dieser Anfrage wird unkompliziert und prompt zugestimmt. Der aufmerksame Leser vermutet es bereits, bei 5’400 m das Spiel nochmals. Wir erhalten eine Clearance bis auf 6’000 m. Welch erhebendes Gefühl. „Uns gehört die Welt. Le roi c’est moi.“ und weitere emotionale Ausdrücke durchfluten das Cockpit. Diesmal könnte es tatsächlich Sauerstoffmangel gewesen sein. 😉 ACHTUNG, dies ist nur ein Witz. Selbstverständlich hat es nicht am Sauerstoff, bzw. an Ermangelung desselben gelegen, sondern an diesem wunderbaren Gefühl auf 6’000 m dahin zu schweben.

Der Rest des Fluges ist schnell erzählt. Wie ein Airliner pfeilen wir auf 6’000 m Richtung Oberalp. Wir versprechen dem Controller hoch und heilig (Letzteres sind wir im Gegensatz zu Ersterem nicht), dass wir nicht in den Alfa 9 einfliegen werden. Ausserhalb der Luftrstrasse wenden wir und nehmen wieder Kurs Ost. Mittlerweile gefriert unser Capot immer mal wieder zu. Ernst fühlt sich wie in einer Eishöhle. Mit der Sonne im Rücken sitzt Ernst im Rücksitz im wahrsten Sinne des Wortes nicht auf der Sonnenseite des Lebens. Selten habe ich diesen zähen Kerl dermassen jammern hören. Evtl. mit Ausnahme der Skitour 2011. Mein Verdacht, dass ich es mit einer Memme zu tun haben, hat der Blick auf das Thermometer mit einer Anzeige von -27 Grand schnell entkräftet. Ernst, ich entschuldige mich dafür, dass ich, wenn auch nur für einen kurzen Moment, an dir gezweifelt habe.  Über die Silvretta, Bielerhöhe nehmen wir immer noch auf 6’000 m Kurs Richtung Schänis.

Schwieriges Absinken in den äh – Walensee –
‚merci vielmal‘ an die Skyguide-Controller.

Die Frage des Controllers, wo wir gedenken, aus dem Luftraum Charlie auszufliegen, hat unsere mittlerweile gefrorenen Hirnzellen nochmals ordentlich in Schwingung gebracht. „Äh“, – ist übrigens ein Anfang, welcher in der Sache nicht unbedingt vertrauensbildend wirkt – „Äh, we intend to fall below 3’900 m in the area of Walensee“. Controller: „OK, next report when falling below 3’900 m“. Wir müssen uns ordentlich anstrengen, aus unserer Position Bielerhöhe 6’000 m bis zum Walensee auf 3’900 m abzusinken. Höflich verabschieden wir uns von Zürich-Info. Wir wurden heute sehr gut bedient. Auch an dieser Stelle nochmals ein herzliches Dankeschön an die freundlichen Controller von Zürich-Info.

Zum Checkflug gehört selbstverständlich eine einwandfreie Landung. Ernst hat diese Abschlussaufgabe mit Bravour gemeistert. Trotz orkanartigem Föhnsturm hat er den Sierra Golf butterweich auf der Piste 16 aufgesetzt.

Altersturnen.

Während Segelflug insgesamt ein sehr dynamischer Sport ist, fiel unser Aussteigen nach 7 Std. 20 Min. eher in die Kategorie ‚träg‘ und ‚ungelenkig‘. Und übrigens – all jene die sich fragen, ob Ernst den Checkflug bestanden hat, kann ich bestätigen, jawohl, mit Bravour. Auch wenn wir an diesem Tag nicht die meisten Kilometer gefressen haben, so war’s ein herrlicher Flug, der uns wieder einmal die vielen Facetten unseres faszinierenden Sportes aufzeigte.   

Hier noch die Wetter-Informationen zum heutigen Flugtag:

Flugstrecken-Aufzeichnung des GPS-Trackers.

Wind auf 2’600 Meter, um 12.00 mittags

und dann noch die Isobaren dazu.

Westwindwelle über dem Glarnerland.

Einfacher Wellen-Einstieg: beim ‚Gartäbänggli der Leglerhütte‘.

Die heranrückende schwache Front hat heute zu auffrischendem Nordwest-Wind und einer deutlichen Labilisierung der alternden Hochdruck-Luft der letzten Tage geführt. Über den Glarner Alpen und dem schönsten Glarner – dem Tödi – stand eine prächtige Nordwest-Wind-Welle bis auf etwa 4’500 Meter hinauf.

Trotz Reithebuch & Co. noch immer der schönste Glarner: der Tödi – im gleissenden Licht der März-Sonne, für einmal von oben betrachtet.

Der Welleneinstieg war durch die feuchte Luft für einmal gut erkennbar. An den Kreten des Kärpf, am Hahnenstöckli und am Übergang vom Richetlipass an die Hausstock-Nordkrete staute sich die anströmende, feuchte Luft. Vom Schilt musste man deshalb bloss dem Relief nach zum Kärpf fliegen und die Nase immer leicht auf der westlichen Luvseite halten. Alle Kreten haben auf 2’300 Metern und darüber schön ruhig getragen. Vor der Leglerhütte war dann der Welleneinstieg zu finden. Ruhig, ohne Turbulenzen, problemlos. Am Milchspüeler-See konnte ich den Hängen entlang flitzen, in stetigem Steigen die Wolkenfetzen überklettern, dann an der zerfurchten und zusehends bergsturzgefährdeten Kärpfkrete entlang über den Gipfel wegkreisen und am Hausstock dasselbe Spiel wiederholen. Stets war das Steigen stabil und im Schnitt bei etwa 1.5 Meter / Sekunde. Diese Sportart ist einfach herrlich, wo kann man schon liegenderweise bergsteigen?

Kein Stress auf 119.22 MHz.

Sogar eine Freigabe habe ich heute auf der sonst ruhigen ZRH-Delta-Frequenz nach ein paar Minuten (man konnte fast schon hören, wie der arme Controller einen langen Gang entlang zum Chefbüro lief, um dort diesen Motor- und Transponder-losen Fall zu schildern) erhalten, um nahe an der Luftstrasse A9 am Ende bis auf 4’500 Meter zu steigen. Die Höhe der Freigabe hat für einmal mit der Höhe der Welle übereingestimmt.

Von oben ist man ja sowieso immer gescheiter, wie ein Wellen-System ausgelegt ist. Diesmal stand sie vom Tödi über den Pizol bis etwa an den Falknis. Irgendwann bin ich dann im Prättigau wieder unter die reichlich vorhandenen Wolken getaucht und via Klosters, Weissfluhjoch zur Lenzerheide und noch bis Andeer geflogen. Der Westwind war hier zunehmend stärker, die Gegenwind-Strecke nach Schänis bin ich vorsichtig angegangen, der Endanflugrechner hat unterwegs dann 30 km/h West ausgerechnet. Das reicht, um die ohnehin nicht gerade reichliche Thermik zu verreissen und ist etwas wenig, um eine klare Wellenstruktur zu schaffen. Die Aufwinde waren an den seltsamsten Orten zu finden, beispielsweise auf der Nordostseite der Krete zwischen Tschiertschen und der Lenzerheide. Vermutlich war’s reiner Hangwind aus dem Rheintal bei Chur.

The flying rabbit?

Der erste Flug nach einem langen Winter ist ja immer ein Test, ob alles noch so funktioniert, wie es soll (inkl. Pilot). Der braucht im Gegensatz zum Flugzeug allerdings mit zunehmendem Alter jedes Frühjahr etwas länger, um sich wieder an das Handwerk der Seglerei zu gewöhnen. Unserem handlichen Flieger haben der neu eingebaute Chüngel (Kaninchenfell in der Lüftung) und die abgedichteten Fahrwerksklappen jedoch nur gut getan – die ASW war noch nie so ruhig in der Luft – der reine Luxus 🙂

Es ist alles bereit, die Saison kann also nun ‚richtig‘ losgehen.

Frühlingsflug mit Sarah

 

Heute haben wir die Gelegenheit gepackt und haben mit unserem tollsten Flieger, dem Arcus T, in der feucht-labilen Frühlingsluft einen UHU-Flug gemacht (ums Huus ummä). Der Arcus hat uns den bekannten Bündner Skistationen entlang ins Prättigau entführt, dann über Arosa nach Laax und durch’s einheimische Glarnerland im weiten Bogen über die Voralpen nach Zug zurück nach Schänis.

Ist zwar ungenauer als ein Logger, beruhigt meine Familie aber trotzdem: der Spot-Tracker. Damit weiss meine Brigitte immer, wo ich bin 🙂

Starke Frühjahrs-Thermik.

Den besten Aufwind haben sie heute am Vilan und im Schlappintal bei Klosters hinmontiert. Da war entweder das Vario defekt oder es ist wirklich mit 5 m/sec. gestiegen. Also wie auch immer – es war ein herrlicher Erstflug dieses Jahr an Bord eines tollen Flugzeuges und in knackiger Frühlingsluft.

Wie es Sarah (unsere älteste Tochter) ergangen ist, berichtet sie gleich selber:

Erlebnistag ‚Segelfliegen‘

Am vergangenen Samstag fand ein Erlebnistag für Swisscom auf dem Segelflugplatz in Schänis statt. Die Besucher haben dabei Gelegenheit, einmal selber ein Segelflugzeug zu steuern.

Am Rande der Zürcher Flugbeschränkungsgebiete und am Tor zu den Alpen befindet sich eines der grössten Schweizer Segelflug-Zentren, der Segelflugplatz Schänis. Pünktlich um neun Uhr treffen sich die Piloten zum Briefing. Es werden die Sicherheitspunkte nochmals durchgecheckt, die Wetterlage besprochen und die Segelflieger an Piloten und Fluglehrer verteilt. Für Schänis Soaring sind mehr als 30 ehrenamtliche Segelfluglehrer tätig.

Komplettes Programm

Beat Straub, Peter Schmid und Ernst Willi führen die Besucher des Erlebnistages in die Faszination des Segelfliegens ein. Es folgt ein kleiner Theorieteil, danach dürfen die Besucher selber miterleben, was es heisst, vom Winde getragen zu werden. Beat Straub, der seit über zwanzig Jahren im Flugbetrieb mit dabei ist, begeistert die Besucher mit eindrücklichen Bildern des Segelfliegens. „Segelfliegen ist ein faszinierendes Gefühl, welches durch kein anderes ersetzbar ist. Beim Segelfliegen herrscht volle Konzentration und das bis zu zehn Stunden lang. Jeder kleinste Fehler könnte fatale Konsequenzen haben“. Sicherheit und Fliegen sind das A und O des Flugplatzes Schänis. Früh am Morgen werden zuerst alle Sicherheitsvorkehrungen getroffen, bis die ersten Segelflugzeuge durch die Schleppflugzeuge in die Lüfte befördert werden.

Hoch hinaus mit dem Arcus T

Mit dem neuesten Doppelsitzer-Segelflieger, Arcus T fliegt mich mein Vater, Ernst Willi, durch die feucht-labile Frühlingsluft bis ins Prättigau. Von dort nach Arosa weiter zum nächsten bekannten Ski-Ort Laax, über den Vorab-Gletscher zurück ins Glarnerland und mit einem grossen Bogen über die Voralpen nach Zug und retour nach Schänis. Skitourenfahrer, Gleitschirmflieger, Bussarde und die Felswände scheinen den Flieger fast unmittelbar zu berühren. Ernst Willi sucht geschickt den Aufwind unter den Cumuluswölkchen und steigt mit 4 m/s mit eleganten Drehbewegungen himmelaufwärts. „Schaue nicht ins Flugzeug-Innere, orientiere dich am Horizont, dann kann dir nicht schlecht werden“, betont er. Nach zwei Stunden landen wir sorgfältig und präzis wieder auf dem Flugplatz.

Segelfliegen als Lebenseinstellung

Segelfliegen ist für Ernst Willi mehr als nur ein Hobby. Er beschreibt es als seine Lebenseinstellung. Beim Segelfliegen benötige man Konzentration und Genauigkeit. Das Spannende am Segelfliegen sei, dass jedes Mal alles wieder auf Null stehe. Man könne sich nicht auf seine Erfahrung verlassen, sondern müsse sich immer wieder bewusst sein, sich neu auf den nächsten Flug einzustellen.

(Sarah Willi)

Horror in Innsbruck.

Dienstag, 25. Oktober 2011. Dieser Tag zeichnet sich vor allem durch eine erhebliche Abweichung von Prognosen und Erwartungen von der angetroffenen Realität aus. Weder die prognostizierten, stürmischen 40 bis 60 kts. Wind-Speed auf 2’500 Metern bis weit nach Österreich hinein noch die optimistischen langen Hangflüge entlang der Inntal-Rennbahn, dem Kaiser, den Loferer Steinbergen usw. waren auch nur ansatzweise in Reichweite. Unter 2’200 Metern zog grundsätzlich gar kein Wind durchs Land und östlich des Arlbergs auch nicht viel mehr.

Frühstart. Alles klappt.

Das wissen wir aber erst nach dem Flug. Leider noch nicht beim ersten Tageslicht, als wir uns in den am Vorabend komplett vorbereiteten Arcus setzen, um heute 1’000 km unter die Flügel zu nehmen. Aufgeschrieben haben wir die Strecke Niederöblarn-Nassereith-Saalfelden. Bei 10  1/2  Stunden Tageszeit nur machbar, wenn unterwegs gar nichts schief geht. Also allerhand (unnötiger) sportlicher Druck im Zwei-Mann-Cockpit, das ja schon bei normalen Verhältnissen nicht einfach zu managen ist, wenn man sich nicht vorher abspricht, wer was wann macht. Letzteres haben wir – nur, was sich bisher bewährt hatte, sollte heute fatale Folgen haben.

Raketen-Start.

Die Tatsache der von der Prognose abweichenden Verhältnisse habe ich am Parseier ignoriert, als sie erkennbar wird. Bis dahin benötigen wir inklusive Schlepp weniger als eine Stunde. D.h., wir sind kreislos in Schänis immer in Kretenhöhe oder darüber via Prättigau und Montafon sowie das Arlbergtal komfortabel und sehr schnell weggekommen. Die Euphorie steigt, ich stelle mir genau vor, wo und wie hoch wir über die Rennstrecke des Inntales, den Kaiser, die Loferer usw. reiten werden. Erstaunt stellen über Landeck auf der Ostseite des Parseiers stattdessen plötzlich fest, dass wir uns entgegen aller Wetterprognosen in ruhiger Luft und am Rande eines bis Innsbruck reichenden und gut aufgefüllten Kaltluftsees befinden. Am Karwendel ist aber weit in der Ferne Staubewölkung mit Basis auf ca. 2’200 Meter erkennbar. Aufgrund frührerer Erfahrungen fliegen wir deshalb zuversichtlich ab. Früher bin ich an der Innsbrucker Nordkrete immer gut weggekommen… das wird sicher heute sicher auch wieder so sein. Denke ich wenigstens. Und eigentlich will ich meinem jungen CoPi auf dem vorderen Sitz ja auch zeigen, wie man lange Flüge im Föhn macht. Ohne einen Aufwind zu finden, segeln wir ruhig weiter, über Tschirgant, Hohe Munde, Seefeld, umfliegen die CTR Innsbruck bis an den Zirlerberg (westlich) von Innsbruck. Wir lassen die ganze Gleitstrecke mit ausreichend Luft unter den Flügeln ungenutzt, um den Flautenschieber zu starten und der Kaltluft zu entfliehen. Immer in der Hoffnung, dass der Karwendel wie sonst immer auch heute wieder trägt. Bis dahin ist also alles wie im Lehrbuch, völlig ok und problemlos, und wir sind auf 1’150 Metern und auf der Frequenz von Innsbruck TWR, bereit, beim Einflug in die Karwendel-Sektoren nötigenfalls anzumelden. Dann geht’s aber plötzlich zu schnell für mich.

Schlimmer Fehlentscheid. Schlimmes Verhalten.

Wir verlieren in den Walzen und Rotoren am Fuss der Karwendelkette nordwestlich des Flugplatzes Innsbruck viel zu rasch Höhe. Und dann fälle ich überflüssigerweise auch noch einen groben Fehlentscheid. Mein CoPi hat sich eigentlich bereits auf die Landung in Innsbruck eingestellt und damit gerechnet, das Fahrwerk ausfahren zu müssen. Stattdessen mache ich von meinen (vor dem Flug festgelegten) ‚Senior-Rights‘ Gebrauch. Und verlange von ihm deshalb nun, auf eigentlich komfortablen 400 bis 500 Meter über Grund und nahe dem Flugplatz Innsbruck den Flautenschieber anzuwerfen. Was er entgegen seinem eigenen Willen auch sofort und trotz seiner Überraschung über meinen Entscheid gut erledigt. Die Zeit reicht nun auch plötzlich nicht mehr für eine Diskussion, wie wir sie sonst in solchen Situationen immer kurz führen. Der Motorstart klappt obendrein dann nicht so schnell wie erhofft. Wir finden uns schlagartig 300 bis 400 Meter tiefer auf Voltenhöhe Innsbrucks und im Segelflugsektor B, später auch im Sektor A wieder – ohne Clearance, wohlverstanden. Noch bis dahin hätten wir in Innsbruck mit einer regulären Platzvolte problemlos zur Landung ansetzen können. Stattdessen sinken wir rasch weiter und verlieren mit voll laufendem Flautenschieber und einem unerträglichen Geräuschpegel weiter Höhe. Ich bin wie blockiert, erkenne aber wenigstens noch, wie ernst die Lage jetzt geworden ist.

Walzen und Rotoren.

Ich konzentriere mich in der Folge auf dem hinteren Sitz mit 100% meiner verfügbaren Kapazität in der sinkenden Luftmasse nur noch darauf, den schweren Flieger auf Fahrt und in der Luft zu halten. D.h. ich fliege, wie die spätere Analyse zeigt, etwas zu schnell und steige entsprechend kaum. Der herrschende Motorenlärm im Cockpit verunmöglicht die  Kommunikation oder einen Funkkontakt mit dem Turm von Innsbruck bzw. beschränkt ein ‚Gespräch‘ im Cockpit auf Handzeichen, die von vorn nach hinten, aber nicht umgekehrt erkennbar sind. Headsets hat der Flieger im Gegensatz zu unserer eigenstartfähigen ASK-21-Mi keine.

In der Falle.

Nun sitzen wir wirklich in der Falle. In sinkender Luftmasse. Ohne Kommunikations-Möglichkeiten nach innen oder aussen. Von der rasch und bedrohlich näher rückenden Topografie immer mehr an den IFR-Sektor von Innsbruck gedrängt. Ohne zuverlässige Variometer-Anzeige, weil der Motor den Luftstrom an die Messgeräte verwirbelt. Dafür mit einem Höllenkrach im Flieger. Motor einfahren geht auch nicht, weil ich dann wegen des Windmühleneffektes noch rascher sinke und womöglich den Flugplatz nicht mehr erreiche. Dann kämen wir bestimmt in der Zeitung. Ich versuche also, irgendwo (östlich und westlich des Platzes) am Hangfuss eine Zone zu finden, um Höhe zu gewinnen, um wenigstens den Flugplatz Innsbruck wieder erreichen zu können. Inzwischen sind wir auf kriminell tiefe Flughöhe gesunken. Das Variometer zeigt wegen der Verwirblungen des Flautenschiebers keine brauchbaren Werte. Bleibt nur den Höhenmesser als Indikator. Die Optik ist nicht auszuhalten. Der Stress auch nicht.

Westlich des Platzes können wir uns dann beim Zirlerberg nach endlos scheinenden Tiefst-Flug-Minuten endlich aus der misslichen Lage befreien, den Felsen entlang wegsteigen. Auf 1’300 Metern den Motor abstellen und an der Nordkette rasch Höhe gewinnen. Und anstelle nun endlich, wenn auch viel zu spät, mit Innsbruck TWR Kontakt aufzunehmen, habe ich mich einfach nach Osten der Nordkrete entlang davon gemacht. Eine Art fliegerische Fahrerflucht also… Ohne auch nur auf die Idee zu kommen, die Innsbrucker Lotsen könnten uns vermissen / suchen. Mitgespielt hat, das ich irgendwie nicht auf der Frequenz eines internationalen Flugplatzes meinen ‚Fall‘ ausbreiten will. Es ist mir sofort klar, dass mein Verhalten Folgen haben muss. Die Innsbrucker Lotsen werden den Vorfall melden müssen. Für mein Schweigen am Funk kann ich mich aber auch hier nur noch entschuldigen.

Beruhigender Apfelstrudel in Kufstein.

Der Rest ist wesentlich einfacher zu erzählen. Wir segeln entlang der Inntal-Nordkrete über den Rofan an den Wilden Kaiser. Arbeiten die Erfahrung in Innsbruck noch in der Luft erstmals (und danach noch verschiedentlich im Detail) auf. Und treffen am Wilden Kaiser gleich nochmals eine ähnliche Situation an, wenn auch diesmal lockerer, ohne Wind und ohne kontrollierten Luftraum. Einfach ruhige Luft, kaum auffindbares Steigen. Nach längerer Hangfliegerei am Wilden Kaiser haben wir (diesmal gemeinsam) entschieden, in Kufstein eine Ruhepause einzulegen. Einen Kaffee und Apfelstrudel zu geniessen. Und uns das noch vorhandene Benzin im Flautenschieber für den bestimmt schwierigen Heimflug aufzusparen. Der Plan ist nun, ab Kufstein an den Rofan zurückzuschleppen, wo wir letztmals richtiges Steigen hatten und von dort dann in aller Ruhe nach Schänis zurück zu segeln.

Noch nicht zuhause.

Der Rückflug wird trotz des nun etwas stärkeren Südwindes trickreich wie der Hinflug. Die Inntal-Nordkrete trägt problemlos, von den kontrollierten Lufträumen bleiben wir weit weg. Vom Fernpass bis an den Parseier ist kaum Höhe zu holen (ausser am Sentenberg zwischen Imst und Landeck, wo wir diesmal geduldig entscheidende 400 Meter dazunehmen. Der Parseier gibt unter 2’200 Metern im dort sauber bis zum Rand aufgefüllten Kaltluftsee gar nichts mehr her. Eines unserer Gspänli muss hier etwas tiefer als wir auch den ‚Motor‘ ziehen und verliert dabei auch gehörig Höhe, am Ende klappt’s dann aber doch. Wir selber erreichen im Segelflug mit Mühe das oberste Kretendrittel und können dort gut wegsteigen. In dieser Flugphase landen verschiedene Piloten in der Region. Darunter auch welche mit mehr Erfahrung als wir beide zusammen.

Den Rotorensalat im Montafon können wir dank der feuchten Luft und der damit verbundenen Wülchli vernünftig handhaben und und segeln hoch auf über 4’000 Metern in der Zimba- und der Schesaplana-Welle in einer Menge feuchter Luft, die aus dem Rheintal ins Prättigau staut, zurück in die Schweiz. Mit frühzeitigem Kontakt zu ZRH-Info, ohne eine Spur von Luftraum-Verletzung und brav weit unter 3’900 Metern über die Landesgrenze einfliegend.

Fliegerische Konsequenzen:

1. Flug am Perseier früh abbrechen, sobald Kaltluft wie an diesem Tag erkennbar wird.

Nicht weiter nach Osten in die Kaltluft fliegen, in der Hoffnung, am Karwendel wegzukommen. Falls man doch weiterfliegt und in die Kaltluft einsinkt, die ca. 40 Min. Gleitflug nutzen und den Flautenschieber mit mehr als 500 Meter Höhenreserve zum Boden starten. Über einem Landefeld oder Flugplatz (aber lieber ohne CTR darum herum).

2. Nötigenfalls weit vor dem Einflug in eine CTR Kontakt aufnehmen, auch wenn man noch nicht weiss, ob man landen will/muss oder nur eine Durchfluggenehmigung verlangen soll. Konfuse Funksprüche sind das kleinere Problem als eine Untersuchung durch die Behörden.

3. Flautenschieber existieren für mich nicht mehr. Ich sitze in einem Segelflugzeug. Basta.

4. Ich werde versuchen, zusammen mit den Innsbrucker Segelfliegern herauszufinden, wie die Luft sich in den Schichten unterhalb 1’500 Metern an der Nordkrete bewegt und werde hier darüber informieren, wenn ich das herausgefunden habe.

5. Noch klarer regeln, wer in welcher Situation entscheidet und wie wir im Cockpit kommunizieren, wenn es fliegerisch erforderlich ist, klare, rasche Entscheide zu fällen.

6. Wenn immer möglich die Kommunikation sicherstellen, wenn der Motor läuft. Installation eines einfachen Headsets, detaillierte Instruktion der Piloten, wie man dieses Instrument sauber einstellt und bedient (wenn man es falsch braucht, wird es zur zusätzlichen Erschwernis).

Persönliche Konsequenzen:

Die habe ich nach verschiedenen behördlichen Kontakten nach dem Flug mit AustroControl, dem Innsbrucker Tower, den Safety-Verantwortlichen des österreichischen und Schweizer Segelflug-Verbands noch nicht gezogen. Es ist vermutlich Zeit, den Logger zu verkaufen. Immerhin bin ich ohne das Ding mehr als 20 Jahre ohne irgendwelche Vorkommnisse in aller Ruhe kreuz und quer durch Europa geflogen, ohne Druck, ohne Stress. Ohne Logger entfällt der sportliche Ehrgeiz, der bei mir ursächlich zu dieser Art von Entscheiden führt. Bei langen Distanzflügen ist die Trennung von ‚Gas-geben‘ und ‚Bremsen‘ noch schwieriger als sonst, weil sie ohne konsequentes, schnelles Vorfliegen gar nicht machbar sind. Es geht eigentlich nur, wenn man sehr schnell fliegt, man nimmt Tiefpunkte also bewusst in die Planung mit.

Schwierig ist auch die Rolle des Fluglehrers bei dieser Art von Flügen. Der Erwartungs- und Leistungsdruck und die Verantwortung ist im Vergleich zu einem ‚Platz-Adler-Flug‘ natürlich höher. Also entweder ambitionierte Flüge nur noch alleine unternehmen oder bei Starkwind-Verhältnissen nur noch Plauschflüge in der näheren Umgebung vom hinteren Sitz aus begleiten. Das ist alles nicht so einfach, wenn man gerne Fluglehrer ist und sein Wissen gerne weitergibt.

Auf jeden Fall nicht nachmachen.

Das ist der Grund, weshalb ich über diesen höchst unangenehmen Flug auch noch Details ausbreite. Es ist vermeidbar, dass andere Piloten ähnliche Fehler nachmachen. Man gerät schneller als erwartet in Schwierigkeiten. Noch vor einer Woche hätte ich mir nicht vorstellen können, mich in eine derartige Lage zu manövrieren. ‚Also so was Verrücktes werde ich sicher nie machen‘, war in etwa die Grundhaltung. Wer hat nicht auch schon so gedacht?

In der untenstehenden Tabelle habe ich meine privaten Schlüsse und jene für den Flugbetrieb auf einem Blatt zusammengestellt, die für Fluglehrer- und (Passagier-) Piloten-Ausbildung oder für den Benutzer von Flautenschiebern und Eigenstartern unter dem Eindruck dieser Erfahrung wichtig sind.

Der schönste Alpen-Klassiker (Ortler-Matterhorn) andersrum und im Gruppetto *)

20.08.2011. Eine Hitzeperiode sorgt dieses Jahr in der zweiten August-Hälfte für spannende Segelflugbedingungen. Ab Vinon werden in der Woche nach unseren Ferien bei 36° C Bodentemperatur fast täglich Flüge in die Schweizer Alpen geflogen. Im Büro kann ich es inmitten des grössten Ölpreis- und Bestellungs-Puffs seit Jahren deshalb kaum erwarten, am Wochenende einen dieser geschenkten Tage nochmals für einen schönen Alpenflug und würdigen Saisonschluss zu packen.

Foto von einem (anderen) Flug im Frühling an den Ortler.

Ideal scheint mir dafür mein favorisierte Alpenklassiker (Ortler-Matterhorn). Aber diesmal wegen des schwierigen Abfluges in der stabilen Sommerluft in der Linthebene mit dem ersten Wendepunkt Zermatt und dem zweiten im Vinschgau. So kann man hoch aus den Glarner Alpen auf dem Schenkel des Dreieckes starten und kommt überhaupt auf die Rennbahn ins Bündner Oberland. Das geht meist besser als ein Abflug ins Prättigau, weil da morgens die Luft kaum Bewegung zeigt man in der Rheintaler Suppe untergeht. Die Kunst ist bei diesen Flügen jeweils, abends den dritten Wendepunkt in der Linthebene noch hoch aus dem Bündner Alpen erreichen und das Dreieck beim Abflugpunkt in Mollis schliessen zu können. Aber auf diesen spannenden Teil komme ich noch zurück.

Der schönste Zacken der Welt (Foto Martin Haller).

Das Gruppetto

Vor dem Start entschliessen sich Roland Hürlimann, Peter Schmid und Mario Straub spontan, die Aufgabe mitzufliegen. So starten wir kurz nacheinander um 11.00 Uhr und finden im Sernftal die ersten, zuverlässigen Aufwinde. Ich entscheide mich für die vermeintliche Direttissima und fahre am Kärpf unter den Kreten ein. Und komme nicht sauber weg. Der Aufwind ist vom starken Westwind um und hinter die Kreten umgelenkt und kaum zu zentrieren, bzw. nur über den Kreten in einem schmalen Band drin überhaupt nutzbar. Kreisen ist ausgeschlossen und viel zu gefährlich. Heinz Brem schiesst mir durch den Kopf: Am Charbonnel hat er mal während einer längeren Übung treffend bemerkt, „man sollte die im Geradeausflug gewonnene Höhe möglichst nicht beim Wenden wieder vernichten…“

Zuwenig Geduld

Mit geringstmöglicher Marge falle ich deshalb bei der Hausstock-Krete ins Bündner Oberland und kann endlich beim Panixer-Stausee tief einen ersten Aufwind packen, der mich auf eine vernünftigere Höhe hebt. Ab da geht’s wie mit dem Postauto. Zuverlässig alles der Nordkrete entlang über Oberalp und Furka bis ans Eggishorn. In dieser Phase wäre Wasser in den Flügeln schön gewesen. An der Furka hängen die Gleitschirme im Dutzend über den Hängen, man muss extrem aufpassen, keinen aufzuladen.

Roland auf Tauchstation

Beim Eggishorn wechsle ich die Talseite an den Simplon und taste mich nach einem Funkspruch von Roland Hürlimann vorsichtig am Weissmies vorbei ins Mattertal. Um diese Zeit kommt man hier in der Gegend offenbar noch nicht besonders hoch und Roland muss bis auf 2’300 Meter hinunter und in Stalden eine Ausgrabungs-Aktion starten, um überhaupt in der Luft zu bleiben. Er hat beim tiefen Einflug in die Chrächen des Mattertales nichts Aufwindiges mehr gefunden. Also bleiben wir dank dieser Warnung alle hoch und erklimmen am Gornergrat nachmittags um zwei Face-to-face mit dem schönsten Zacken der Welt die Maximalhöhe von fast 4’000 Metern, um in der Direttissima ins Binntal zurück zu sausen. Es ist einfach unglaublich, durch welche wunderschöne Landschaft wir ab Schänis immer wieder fliegen können.

Wechselndes Glück

Im Binntal holt mich der Peter Schmid in der ASG 29 ein. Bis zum Pizzo Scopi beim Lukmanier fliegen wir zusammen, dort erwischt er allerdings einen Aufwind sofort und steigt mir in der ASG-29 sauber davon. Es sollte bis an die zweite Wende dauern, bis ich ihn wieder einholen kann. In den Tessiner Nordalpen komme ich nach dem schnellen Vorfliegen der letzten zwei Stunden zeitweise kaum mehr vom Fleck. Ich bin offenbar zuweit südlich und damit im Einflussberich der stabileren Luft aus Süden unterwegs. Ähnliche Effekte kann man auch am Mont Cenis oder beim Col du Montgenèvre beobachten. Roland, der das Vorderrheintal hinunter flitzt, ist schneller, hat die stärkeren Aufwind und fliegt mir auf und davon. Er ist als erster im Vinschgau. Dazwischen durchfliegen wir aber über dem Engadin einer nach dem andern traumhafte Bedingungen und eine unvergleichliche Landschaft. Die Wolken hängen in der richtigen Dosis am Himmel. Und sie tragen teilweise mit traumhaften Steigwerten von bis zu fünf Metern (Peter Schmid am Piz d’Err) auf nahezu 4’000 Meter hinauf.

Das Engadin hat Karies.

Südlich des Piz Quattervals, über dem Stausee von Livigno, finde ich über einer Mondlandschaft einen Aufwind, da löst es mir mal wieder fast die Schuhbändel. Eindrehen über dem Gipfel, der aussieht wie ein braungelber, ocker und schwarz gefärbter Backenzahn mit extremer Karies, hochziehen, Klappen schön langsam rückwärts fahren, eindrehen, am Storzä ziäh – und vier Meter konstantes Steigen auf dem Vario. Jiijjhhhaaaaaa – so macht dieser Sport auch nach 30 Jahren immer wieder unglaublichen Spass… Und die Optik nach Südosten sieht einigermassen amächelig aus. Die Hoffnung wächst, jetzt auch noch Tabland zu erreichen. Auch wenn es schon vier Uhr nachmittags und Ende August ist. Die Zuversicht wächst, auch wenn die Wolken im Vinschgau schon etwas verhudlet aussehen.

Kniffliger dritter Schenkel.

Die Kunst ist nun, am Ortler mit seiner hohen Basis so hoch zu steigen, dass man den Gleitflug in die tote Luft bis beinahe nach Meran hinunter schafft und nach 40 bis 50 km Gleitflug doch noch so hoch zurückkommt, dass man im Tal von Prato oder auf der Nordseite des Vinschgau wieder Anschluss findet. Und damit zurück nach Schänis kommt. Dafür braucht man nur noch zwei Aufwinde. Jenen am Ortler und jenen an der Nuna bei Zernez. Rückholereien aus dieser Region gehören zu den gefürchteten, mehrtägigen Übungen, wenn man überhaupt irgendwo gescheit zu Boden kommt. Also am besten gar nicht nach unten sehen.

Mario im Elend und doch wieder zurück in Schänis.

Peter Schmid und Roland Hürlimann sind auf der Nordseite des Vinschgau nach Tabland geflogen und finden über den Reschenpass einen einwandfreien Weg, sauber aus dieser südtiroler Luft-Suppe herauszukommen. Mario Straub und ich fliegen direkt über den Ortler an die Wende. Ich selber komme sauber wie selten herum, Mario ist etwas später dran und zeigt bei Prato mal wieder, wie er kämpferisch und doch umsichtig mit Stress und schwachem Steigen am Abend im hintersten Winkel eines Alpentales sauber umgeht. Er kommt nach einer 30-Minuten-Übung im Schatten beim Ortler wieder auf Absprunghöhe und kann den Flug in seinem kleinen Discus mit viel Geduld und Coolness zu Ende fliegen – herzliche Gratulation – Super-Leistung!

Geometrieaufgaben am Schluss

Die letzte Herausforderung ist nun, im Engadin so hoch wie möglich zu klettern, über dem Prättigau so wenig Höhe wie möglich zu verlieren, Reichenburg zu umrunden und via Mollis, dem morgendlichen Abflugpunkt, das Dreieck schliessen zu können. Es wird bei mir ziemlich knapp. Ich fliege auf 3’000 Metern bei Klosters in die tote Flachlandluft. Einzig über dem Rhätikon und der Schesaplana kann ich die Höhe etwas strecken. Es zeichnet sich ab, dass ich zwar herumkommen werde, aber nicht, ohne den Höhenabzug von 1’000 Metern überdehnen zu müssen. Es ist nun komplett ruhig. Den Zylinder von Reichenburg durchfliege ich noch auf 1’400 Metern. Jetzt noch nach Mollis. Boaah, ist das weit dahin… Und wenn’s geht, würde ich danach gern noch nach Schänis zurückfliegen. Denn dort ist um 19.00 Uhr der Fluglehrer-Hock. Da sollte ich schon anwesend sein.

Am Kerenzer kann ich auf 1’000 Metern unten nochmals 200 Meter Sicherheitshöhe ausgraben, das Dreieck (zu tief) schliessen und Schänis danach problemlos erreichen. Glücklich klettere ich in der ungewöhnlichen Hitze abends um halb Sieben in Schänis aus dem Fliegerchen. Das war vielleicht ein spannender Husarenritt heute!

Loggerpuff.

Die Auswertung zeigt dann wieder einmal, dass der OLC mit dieser komplizierten Geometrie nicht auf Anhieb ein FAI-Dreieck zusammen bekommt (oder ich wieder mal irgend ein technisches Detail nicht korrekt beachtet habe). Das ist mir dieses Jahr beim exakt gleichen Flug (einfach anders herum) schon einmal passiert. Das tut zwar dem Vergnügen keinerlei Abbruch – aber ärgerlich ist das trotzdem.

Den Hammer in Sachen Auswertungs-Problemen liefert mein von der FAI homologierter Zander GP 941-Logger. Der zeichnet wie früher schon einmal einen Flug ab Vinon statt ab Schänis auf. Vinon war der letzte Startort in meinen Ferien. Und trotz zweifachen An- und Ausschaltens bekommt es das Gerät nach dem langen Strassentransport offenbar nicht gebacken, den korrekten Startort Schänis zu registrieren.

FAI-500er über dem Golfe du Lyon.

Was in diesem Fall zu einem weltweit einmaligen Flug ab Vinon führt. Mehrheitlich über den Golfe du Lyon bis fast nach Korsika, durch Marseille CTR und die Marinebasis Toulon hindurch und zurück nach Vinon. Was die Technik heute nicht alles möglich macht!

Das hier ist die korrekte Flug-Aufzeichnung von Pocket-Strepla.

und das macht (gelegentlich, immer nach einer längeren Verschiebung des Loggers am Boden) der Zander GP 941 daraus.

Und zum Schluss noch das zu diesem wunderbaren und unvergesslichen Flugtag im Gruppetto *) von Schänis passende Zitat von Federico Blatter:

„Wer will denn in den Himmel – wir sind doch schon im Paradies“.

*) Roland Hürlimann, Peter Schmid und Mario Straub.
Definition von „Gruppetto“:

Und das wären die Details des ganzen Fluges sowie hier noch die Wetter-Analysen dieses 20. August.

 

Formel-1-Rennen in den Alpen.

Freitag, 15. Juli 2011. Teil 3 von „RM aus dem Cockpit“.

Speed-Racing

Aufgrund der Wettervorhersagen dürfte es sich am Dienstag, den 12. Juli um den mutmasslich letzten Flugtag der RM handeln. Danach bricht wieder der Monsun über uns herein. Davor wird eine schwache Südwest-Lage für ein richtiges Alpenflug-Rennen sorgen.

Peter Schmid machte diese Aufnahme bei Monbiel, kurz vor dem Engadin-Abenteuer.

Mit dieser Ausgangslage von Meteomann Dave Brägger im Kopf, dem wir inzwischen aufgrund seiner präzisen Prognosen der letzten Flugtage fast alles glauben, starten wir als erster Flieger unserer Klasse. Ein Erkundungs-/Konturenflug den Churfirsten entlang bestätigt meine Vermutung. Alle Südwestkreten tragen dynamisch. Haa, das wird ein Spass!

Graduus, graduus, graduus….

Also parkieren wir erst mal in der Wartebox in einem nicht recht zentrierbaren Wolkenfetzen-Ufwindli über Walenstadt, bis das Formel-1-Rennen startet. Wir machen uns wieder früh auf den Weg über die 270 km lange Strecke nach Nauders und Brigels. Die Vorfreude auf ein spannendes Rennen dringt durch alle Ritzen. Wie ein Pfeil rasen wir nach Querung der Startlinie an der Durschlegi (da hat der Marc immer einen anderen geometrischen Winkel im Kopf als ich…) den Hängen der Churfirsten entlang, bauen am Sichelchamm die minimale Querungs-Höhe ins Prättigau auf und machen drüben knapp über der Krete angekommen dasselbe Spiel weiter. Schesaplana, Drusen-und Sulzfluh und die Madrisa ziehen in rascher Folge am linken Flügelspitz vorbei. Nach kaum einer halben Stunde sind wir über Monbiel östlich von Klosters auf 3’000 Metern. Bis hierher ging’s fast kreislos. Wir sind gut im Rennen. Müssen wir auch, ich weiss inzwischen, wie der Frigg durch die Alpen rast. Da müssen wir alles geben. Das Rennfieber steigt.

Wie in den französischen Alpen.

Das nächste Ziel rückt näher: sauber ins Engadin einfädeln. Da werden heute zwei Möglichkeiten offeriert. Direkt auf Kurs, hinter dem Linard durch. Das wird kaum ohne Abwinde zu machen sein. Peter Schmid, der uns im Arcus seit dem Walensee auf den Fersen ist, wählt diese Variante. Anfangs finde ich das auch eine gute Idee. Beim ersten kräftigen Downwash wechsle ich aber meinen gewohnten Schleichweg ins Engadin über die Plattenhörner an den Linard auf die Südostseite bei Sagliains (Verladeterminal), wo uns ein satter Viermeter-Aufwind in Kürze über den Gipfel hinaus trägt. Boahh, ist das schön hier oben! Das fühlt sich ja an wie Südfrankreich. Optimismus macht sich breit. Die erste Wende in Nauders ist in Sichtweite. Und die Nordseite des Engadins ist verziert von einem satten Band von Cumulus-Wolken. Aber: der Peter war schneller! Er zieht links unter uns weg, ca. 10 km voraus. „Das hat man halt davon, wenn man Umwege fliegt…“ meint er am Funk.

Na, dann drücken wir auch ein wenig auf’s Gas! Mit einem Speed zwischen 150 und 200 km/h rasen wir das Unterengadin hinab. Die Wolkenbasis sinkt leicht ab. Damit hätten wir am Linard eigentlich gar nicht so hoch steigen müssen. Aber schön war’s eben schon.

Dummheit wird sofort bestraft.

Im Segelfliegen werden Entscheide unmittelbar in Konsequenzen verwandelt. Auch diesmal. Ich drücke auf’s Tempo, wir umrunden mit unserer Luxushöhe Nauders im Nu. Auf dem Rückweg an die Nordkrete haben wir den Peter im Arcus wieder überholt. Aber zum Preis von etwa 300 Metern geringerer Höhe. Er fliegt vorsichtiger und schaltet offenbar einen Gang zurück.

Mein Plan wäre, auf der Nordseite haarscharf über die Krete einzufädeln, dieser tief entlang nach Westen zu flitzen und weiter westlich, wo Wind und Sonne an einer tieferen Krete zusammen wirken, in den kräftigstmöglichen Aufwind einzufädeln. Da müssten doch 4 Meter zu holen sein. Mit diesem Plan im Kopf fliege ich mehrmals tief im Gelände ziemlich übermütig durch Zwei-Meter-Aufwindgebiete hindurch und drücke auf den Speed. Mir dämmert noch immer nicht in vollem Ausmass, dass im Unter-Engadin der Südwest zu einem starken Bergwind kanalisiert wird. Die Thermik zerreist. Über die Kreten fegt und wie am Grand-Bérard in Südfrankreich (meiner Meinung nach deswegen einer der gefährlichsten Thermikberge) die satten Lee-Aufwind zerhackt.

Schöne Aussichten in Richtung Unterengadin. 

Klare Entscheide sind gefragt.

Dann kommt’s ganz dick. Dort, wo mein phantastischer 4-Meter-Aufwind sein sollte, ist nichts. Stille auf dem Vario. Und im Cockpit. Jaheimatschottlandnuchemal. Das gibt’s doch gar nicht. Mir sausen etwa 17 Themen gleichzeitig durch den Kopf. Unser schöner bisheriger Durchschnitt. Die Thermik-Situation. Der Wind. Die Sonne. Warum ich vorhin nicht eingedreht habe. Dann wären wir jetzt nämlich über den Kreten und hätten wesentlich bessere Optionen in der Hand.

Ich drehe tief über den Kreten nach links und rechts. Nix. Weiter hinaus ins Tal unter eine dicke Wolke. Davon hat’s zwar mehrere, aber ich weiss nicht, woher die genau kommen. Wieder nix. Diese dicken Dinger mag ich sowieso nicht! Jetzt sind zusehends ganz klare Entscheide gefragt. Wir sinken rasch. Peter zieht stolz im Arcus über uns weg nach Westen. Tja. Das war’s dann wohl mit dem schnellen Schnitt. Und inzwischen droht mit der Höhe, die wir noch haben, weit Schlimmeres. Am Ende eiern wir noch mit 2’000 Metern durch das enge Unterengadin.

Hier bringen die Aufwinde noch genau das, was sie auf den ersten Blick versprechen. 

Böser Hänger.

Also doch einen Versuch auf die andere Talseite wagen. Wenn die Nordseite im Lee ist, ist die Südseite im Luv. In einem engen, steilen Tal östlich von Schuls segle ich tief unter der Krete die Geröllhalden entlang. Es steigt zwar (vermutlich nur die eine Hälfe der Spannweite), wir brauchen aber etwas Kräftigeres, wenn wir mit dem schweren Tanker hier rasch wieder aufwärts wollen. Die angepeilte Geröll-Flanke verschwindet in den Wolkenschatten. Da wird die Thermik sofort noch weniger. Wo ist denn hier der „don’t-panic-button“? Also doch wieder hinaus ins Tal. Halt einfach irgendwohin, wo ich mir eine klare Thermik-Quelle vorstellen kann. Weg von diesem undefinierbaren Wolkenzeugs mitten in der Landschaft ohne erkennbaren Bezug zum tieferen Gelände.

und so sieht die GPS-Aufzeichnung des Besuchs im „unteren“ Engadin aus.

Nachmittags noch ins Thermalbad?
Schuls hat ein schönes Thermalbad, Wellness- und Kurhaus. Auch eine schöne Landewiese. Der Puls wird ruhiger. Es beginnt wieder klar zu denken. Wenn der Bergwind hier durchpfeift und die Sonne auf die nördlichen Matten des Engadins knallt, müsste doch jede querstehende Krete und jeder Waldrand Thermik ablösen. Sowas haben wir hier gerade vor der Nase. Bei Ramosch zielen wir auf die Geissgädeli an der Lärchenwald-Kante. Jetzt bewegt sich endlich etwas. Mit einem runden Meter beginnt unser Duo langsam zu steigen. Er versetzt dabei kräftig nach Osten. Aha. Das war’s also. Langsam wird das Ausmass meines übermütigen Fehlentscheides klarer. Kleine Ursache – grosse Wirkung.

Wie in den Theoriebüchern turnen wir nun einer langen Krete entlang aufwärts. Drehen immer wieder ein paar Kreise, um die nächste Geländestufe zu erklimmen. Irgendwann nach ewig langer Zeit sind wir im obersten Teil unter einem langen Hang mit Lawinenverbauungen. Zum Glück ohne Seile. Eng zieht der Duo dem Hang entlang in Achten nach oben. Langsam aber stetig. Irgendwann können wir eindrehen und sind wieder „back in business“. Heissä Sand, war das jetzt eine Übung. Nun aber bloss weg von hier.

Die anderen auch.

Während wir uns vom Schreck erholen, fährt gaaanz weit unten der Adrian Blum in seinem Duo ein. Boah, soweit unten in den Lawinenverbauungen möchte ich lieber nicht mehr sein! Auch der Beat Straub rauscht im Duo noch in unseren Aufwind, er muss noch nach Nauders. Ich bin gottäfroh, wenn wir endlich wieder die Nordseite anfliegen können.

Das klappt dann auch in einem unmöglich engen Aufwind im Piz Buin-Gebiet. Endlich können wir uns nördlich der Plattenhörner ins Prättigau fallen lassen. Und da stehen auf der Luvseite sofort wieder mehr als drei Meter auf dem Vario. Also, geht doch!

Der Snowboarderberg bringt’s.

Marc zentriert am Jakobshorn einen sackengen, aber starken Aufwind, der uns die Möglichkeit öffnet, direkt auf Kurs über das Stätzerhorn und die Lenzerheide an den Flimserstein zu fahren. Die Route über die südliche Talseite scheint uns etwas diffus. Peter Schmid kämpft sich da gerade durch und meldet einen kleineren Durchhänger am Piz Curvèr bei Savognin.

Wir nehmen deshalb in Kauf, dass wir am Flimserstein und Ringelspitz wieder die Kreten hinauf turnen müssen und nehmen uns diesmal etwas mehr Zeit, um in die obere Etage zu kommen. Brigels ist ja mit seiner Lage mitten im Tal und dem Rückweg an den Panixerpass sicher kein Spaziergang. Die Felslandschaft südlich der Sardona erinnert in ihrer Kahlheit an den Pic de Bure. Anfangs ist das Steigen ungenügend, aber sobald wir über die Höger kommen, können wir wieder aufdrehen.

Wie eine Gewehrkugel.

Der Rest läuft nach Plan. Vorsichtig holen wir die Wende mitten im Rheintal und ziehen gerade so schnell den Hängen entlang, dass wir uns sicher in die Schlucht beim Panixer fallen lassen können. Mit 150 Metern Reserve rauschen wir durch das Nadelöhr. Aus dem rechten Augenwinkel erscheint plötzlich – schnell wie eine Gewehrkugel – der Ventus von Frigg Hauser und taucht kopfüber in die Schlucht. Mein lieber Schieber – wir sind ja schon mit mehr als 200 km/h unterwegs! Frigg zischt durch das Sernftal und am Schilt vorbei nach Ziegelbrücke, wir einige Kilometer dahinter mit allem, was der Duo so hergibt. Das macht nun wieder wirklich Spass und wir ziehen mit Volldampf glücklich über die Ziellinie in Schänis, um sofort auf der Föhnpiste zu landen.

Bis auf den Fehlentscheid im Unterengadin lief alles spitzenmässig. Ohne diesen Absitzer, der eine halbe Stunde gekostet hat, wären wir mit einem ähnlich schnellen Speed rundherum gekommen wie der spätere Tages- und Wettbewerbssieger Frigg Hauser. Aber von ihm lassen wir uns gerne schlagen. Erstens, weil ich ihn schon seit Jahrzehnten gut kenne und zweitens, weil er zu den besten Grand-Prix-Piloten überhaupt gehört. Mehr war nicht drin gewesen – aber Spaaaassss hat es gemacht, und das nicht zu knapp!

In der Thermik-Badewanne.

 (Teil 2 von „Die Regionalmeisterschaft in Schänis im Cockpit“)

Kann man da überhaupt segelfliegen?

Süddeutschland ist sicher eine wunderbare Gegend. Vermutlich auch zum Segelfliegen, wenn man dort startet. Von Schänis aus hatte ich in der Vergangenheit überwiegend Schwierigkeiten damit, dahin und vor allem wieder von dort zurück zu kommen. Ich habe immer das Gefühl, im Zürcher Oberland in eine thermische Badewanne eintauchen zu müssen. Bei Singen dann den anderen Rand hinaufkraxeln zu dürfen. Und auf dem Heimweg die Geschichte rückwärts abzuwickeln. Mag ich nicht so, muss ich zugeben. Das beeindruckt natürlich unsere Wettbewerbsleitung nüdäsoo. Sie schickt uns am zweiten Wertungstage nach Tuttlingen in einen grossen AAT-Kreis. Das ist die Kurzfassung einer taktisch schwierigen Flug-Entscheidung, wann man spätestens umdrehen sollte. Auf dem Weg dahin sind ein paar Fallgruben geöffnet für alle, die den Luftraum um Zürich einen Moment lang aus den Augenwinkeln verlieren. Hueräkompliziert, diese TMA’s – am Boden geht’s ja noch, aber wenn man fliegt, wird’s schwierig damit.

Thermik kommt zu spät, hört aber früher auf.

Die Aufgabe wird durch ein nur kurz geöffnetes Meteo-Fenster etwas schwieriger. Wir starten erst nach drei Uhr. Das lässt wenig Spielraum, bis die Thermik einschläft. Mich zieht es also geistig schon beim Wegflug aus dem Zürcher Oberland wie an einem Gummiband gezogen wieder zurück nach Schänis. Aber wie Marc immer sagt: wir sind an einem Wettbewerb, also fliegen wir, solang es geht. Ich bin mit ihm während der Flugaufgaben meistens einer Meinung – ich habe auch den Vorteil von Veto- oder Senior-Rights, die ich nutze. Aber bei der Abflugplanung und den geometrischen Aufgaben beim Überqueren der Startlinie werden wir uns wohl nie einig. Trotzdem stürzen wir uns kopfüber ins Toggenburg. Ein Auge auf dem PDA und den Lufträumen, das zweite auf den anderen Flugzeugen, die um uns herumsurren. Und die anderen beiden suchen Thermik. Und Traubenzucker, wenn wir mal wieder einen Aufwind erwischen.

In der schwachen Thermik zwischen Toggenburg und Rhein.

Der Weg nach Frauenfeld geht ganz ordentlich vonstatten. Wenn man sich mal dran gewöhnt hat, dass hier die Aufwinde viel schwächer sind als in den Alpen. Bald einmal überwinden wir ein grosses blaues, aufwindfreies Band zwischen Frauenfeld und Stein am Rhein und rauschen auf der Nordseite des Rheins in einen kräftigen Aufwind, der den Anschluss an die schönen Wölchli über Süddeutschland bildet. Schon nach kurzer Zeit sind wir mitten in einer Blattere von anderen Segelflugzeugen, die mit uns steigen. Die vor uns liegende Strecke sieht toll aus. Wir drehen den Volumenregler nach rechts und geben Gas. Obwohl das Gelände hier deutlich ansteigt, haben wir wenig Mühe, in den starken Aufwinden rasch vorwärts zu kommen. Teilweise klettern wir mit deutlich mehr als zwei Metern pro Sekunde bis auf 2’000 Meter hinauf. Über einer Autobahnraststätte treffen wir auf Frigg Hauser, der mit seinem voll geladenen Ventus unter einer dicken Wolke aufwärts strebt. Das heisst, wir sind ja gar nicht so schlecht unterwegs…

Die Überreste des open-airs in Frauenfeld.

Geometrie-Aufgabe.

Marc sagt, wo wir hinfliegen. Nach Nordwesten in Richtung Feldberg. Das ist strategisch und geometrisch eine gute Richtung. Unter einer Wolkenstrasse geht es flott und sorglos weiter. Pünktlich nach der halben zur Verfügung stehenden Flugzeit fahren wir über einer Baumschule ein. Die mag ich besonders gern, da sammelt sich immer Warmluft am Boden, die entweicht dann schlagartig nach oben. Da drüber schwebt eine dicke schwarze Thermikwolke. Die zieht aber schlechter als erwartet. Nur mit maximal zwei, statt der erwarteten drei bis vier Meter pro Sekunde. Irgendwie bekomme ich es einfach nicht gebacken, hier schneller zu steigen. Passiert mir unter breit auseinander laufenden Wolken öfters. Da brauche ich mal Hilfe, wie man das richtig macht. Marc hat’s besser im Griff und zentriert über einem Steinbruch sauber bis auf über 2’000 Meter hinauf. Dann also nix wie heim jetzt.

Auweiha.

Wenn man sich umdreht, sieht plötzlich alles etwas anders aus. Im Raum Bodensee ist alles blau. Die letzten schönen Wolken sind in der Region von Singen. Da darf man noch hoch hinauf kreisen, danach ist ausser der fehlenden Thermik auch noch der Luftraum heruntergesetzt. Das wird wohl etwas schwierig. Süferli schleichen wir mit der vorhandenen Höhe in den Raum Frauenfeld. Da kreisen ein paar von uns. Aber eeländtüüf. Nun kommen Marc’s Qualitäten ins Spiel. Er zaubert den Duo mit 20 cm Steigen pro Sekunde geduldig ein paar Hundert Meter nach oben. Soweit wir dürfen oder können. Auf 1’450 Metern ist Feierabend. Das reicht natürlich nie über den Rickenpass. Aber vielleicht in die Nähe davon.

In der untersten Etage auf der Suche nach Landefeldern.

Wir überlegen intensiv, wo wir die nächsten Aufwind herbekommen können, der uns nach Hause tragen könnte. Viel fehlt eigentlich nicht. Es sieht aber schon etwas ungemütlich aus. Tote, stabile, feuchte Luft. Nix Zentrierbares. Bei Kirchberg wohnt ein Studien-Gspänli von mir auf einem Hügel. Exakt über seinem Haus scheint die Luft etwas zu steigen. Wenigstens die Hälfte eines Kreises, wenn wir drüber eindrehen. Aber nach zehn Minuten Kreiserei am Fahrt-Minimum und knapp über dem Waldrand reissen meine Nerven. Es wird mir zu gefährlich, so tief mit dem schweren Doppelsitzer in der halbbatzigen Thermik herumzueiern.

Ein gutes Landefeld bei der Graströchni in Bazenheid haben wir schon länger im Augenwinkel. Da ist ja aber noch ein „offizielles“ bei der Sportanlage Bütschwil. Das Feld ist lang, hat einen freien Anflug und müsste für uns gut ausreichen. Also fliegen wir dahin. Tief. Ohne Aufwind. Es ist nichts zu machen. Wir werden hier zu Boden gehen. Wie der Segler, der vor Bütschwil schon am Boden steht. Und jener bei Kirchberg, der ein Weizenfeld ausgewählt hat. Offenbar ist wirklich nichts mehr zu finden gewesen.

Konzentriert drehen wir ein paar Kreise über dem Landefeld. Sieht gut aus. Legen die Einflugrichtung fest. Werfen das Fahrwerk aus dem Schacht. Drehen in den Downwind, Base und den Final. Verflixt. Da hat es ja eine Kulturgrenze mit einem Eisenzünli drauf! Die sind erst jetzt zu erkennen. Also drehen wir in den rechten, schrägen Teil des Feldes ein. Wir haben ja dank des langen Anfluges genug Zeit. Marc macht eine saubere Hanglandung und zieht den Duo schön die Steigung hinauf. Rasch stehen wir still auf einem kleinen Hügel und vertreten uns erst mal die Füsse.

Flugfeld Bütschwil, die neue Aussenstation von Schänis.

Flugplatz Bütschwil.

Jetzt geht der Zirkus aber erst richtig los. Hinter uns hagelt es Segler vom Himmel. Am Ende stehen wir mit sechs Maschinen beim Hallenbad. Beat Straub erwischt einen Eisenpfosten und der Duo davon eine Blessur an der Flügel-Vorderkante. Urs Isler kann die Eisenpfosten-Reihe in den letzten Sekunden vor dem Aufsetzen noch erkennen und darüber wegziehen, später seitlich davon aufsetzen. Sonst ist alles gut gegangen.

Das Landefeld war mit unsichtbaren Eisenpföstli aber nicht ganz tückenfrei.

Irgendwann suchen wir nach dem Landbesitzer. Im nächstgelegenen Bauernhof finden wir ihn. Er ist ein wirklich netter Mensch, gerade beim abendlichen Kühe melken und nicht aus der Ruhe zu bringen. Seine Frage, ob wir denn nun hier „Segelflug-schulen“, zaubert uns ein breites Lachen ins Gesicht.

Nach einer längeren Rückhol-Übung überfallen wir etwas erschöpft unser Gastro-Team in Schänis. Fridli hat die asiatische Reispfanne an die Wärme gestellt. Wir bekommen also trotz mehrstündiger Verspätung noch das volle kulinarische Programm. Vielen Dank an alle, die wegen uns gewartet haben – und den Köchen für ihr Improvisations-Talent. Uffh, war das ein langer Tag.

Glück und Pech nahe beieinander.

Es hat sich allerdings am Ende noch gelohnt, nicht aufzugeben. Mit einem Hüchli Vorsprung holen wir einen Tagessieg heraus. Hoppla – damit war nicht zu rechnen! Etwas weniger gut geht es dem Peter Schmid in der gemischten Klasse. Er wird heute doppelt bestraft. Einerseits damit, dass er trotz der direkt über unseren Köpfen in Bütschwil aktivierten Heimkehrhilfe im neuen Arcus T zum Rückholer wird. Anderseits hat er beim Wegfliegen einen Moment nicht aufgepasst und bei Frauenfeld knapp eine Ecke des Luftraumes gestreift. Das heisst, er ist nach 40 km aussengelandet. So ein Käse. Damit versiebt er mehrere Hundert Punkte und am Ende auch einen sicheren Spitzenplatz in der RM-Gesamtwertung. (Fortsetzung folgt…)

Die Regionalmeisterschaft Schänis im Cockpit

Mittwoch, 13. Juli 2011. Teil 1 / erster Flugtag.

Grundsätzlich finde ich zentrale Meisterschaften (zu) aufwendig. Zeitlich, mental und wenn sie ausserhalb meiner Region liegen, auch finanziell. Ich mag und kann nicht eine Woche in irgendeiner Wiese der Schweiz oder im Ausland liegen und auf fliegbares Wetter warten, während mir zuhause im Geschäft fast ‚das Hüttchen niederbrennt’.

Schaurige Sache. Die feuchte Luft kocht über den Voralpen.

Die RM in Schänis ist eine Ausnahme. Wenn sie dort stattfindet, mache ich gern mit. Weil da sowieso alle Freunde mitmachen. Weil ich, wenn’s mal nicht fliegbar ist, ins Büro abschleichen kann. Weil ich abends nach Hause kann und meine oelpooler-Internetseite abends oder am frühen Morgen aktualisieren kann. Und weil man so fast aufwandfrei zu einem tollen SGL-Flugzeug kommt.

Dieses Jahr wurde die RM zudem als GliderCup-Wertung mitgezählt. Und vor allem wurde sie von einer Schar junger Mitglieder der SG Lägern organisiert. Die haben das wirklich toll gemacht. Es ist nicht selbstverständlich, dass sich die nächste Generation in diese Arbeit reinkniet. Verantwortung übernimmt. Anpackt. Und dann dabei auch noch gute Laune verbreitet und sich nicht nur beschwert, was alles fehlt und geändert werden müsste. Deshalb gleich zum voraus: vielen herzlichen Dank an Silvan Gacond, Reto Frei, Marc Angst, Renato Späni, Fridli & Monika Jacober, Dave Brägger, Wolfgang Tieber und alle, die im Hintergrund gearbeitet haben, für die Organisation dieser RM. Das war beste Werbung für unseren Flugplatz und die Stimmung dort. Schön, dass ich diesmal dabei sein konnte.

Wertungstag 1: das Regen-Rennen.

Mein CoPi für die ganze RM ist Marc Angst. Das ist in Schänis einer der Männer für alles, was schwierig aussieht. Spezialgebiet: Lasten von mehr als 100 Tonnen. Marc macht immer alles möglich. Und ist die Hilfsbereitschaft in Person. Er hat den vorderen Sitz in unserem Duo Discus X ‚HB-3416’ gewählt. Das Flugzeug ist in Topzustand und fliegt so ruhig, dass man davon kaum was spürt. Marc versorgt mich nach jedem sauber ausgewundenen Aufwind mit Traubenzucker. Tropical, classic oder Himbeere. Auf jeden Fall Givaudan oder Roche. Macht abends in der Summe aller Aufwinde fast etwas hyperaktiv. Ist aber eine unglaubliche Motivation, den Job sauber zu machen. Ich bemühe mich also im Cockpit wie ein Seehund im Zirkus vor der Fütterung mit den Sardinen.


Kurz nach der Landung in Buttwil. Marc beim Telefon nach Schänis.

Der erste Flugtag ist tropisch. So muss Segelfliegen in Caracas, Kigali oder Manaus sein. Feucht. Heiss. Schauerig. Wir sind kaum als eines der letzten Flugzeuge in der Luft, beginnt es auch schon aus Westen einzutrüben. Also nichts wie los und über die Startlinie. Die erwischen wir gerade noch am südlichen Ende und gleiten vorsichtig auf die Westseite der Linthebene. Wir nehmen einen gehörigen Umweg in Kauf, weil der direkte Kurs über den Pfannenstiel trübe wie Blei aussieht. Schon auf dem Anflug an die Sattelegg wird mir etwas elend im Magen. Aus dem Wägital kommt eine Etage tiefer ein Segler auf uns zu und zieht eine lange Wasserfahne hinter sich her. Es ist eigentlich fast nicht vorstellbar, dass in diesem Treibhaus überhaupt Aufwinde entstehen. Tun sie aber doch. Am Sihlsee treffen wir Urs Isler, Frigg Hauser in seinem herzigen Ventus, Stephan Neyer und QM. Das ist Adrian Blum mit seiner Copilotin im Duo Discus XT. Gemeinsam turnen wir in einem zügigen Aufwind nach oben. Urs irritiert mich anfangs etwas, weil er unten drin auf die andere Seite kreist. Das braucht schon die Hälfte meiner Denkfähigkeit auf. Und die ist ja bekanntlich schon auf 20% reduziert, wenn man das Capot schliesst. Aber sobald er die Thermik sauber erwischt, wechselt er auf die andere Seite und von nun an geht’s geistig doch erheblich entspannter aufwärts.

Nur vorwärts schauen.

Man muss das, was wir hier machen, wollen. Denn aus Westen schauert es nun bereits kräftig in der Region Rossberg. Trotzdem fliegen wir nach Rothenthurm, wo Marc einen unerwartet starken Aufwind auswindet. Begleitet von ‚Leyla’, dem wunderschönen Gitarrenstück von J.J. Cale. Das entspannt etwas. Denn auf Kurs macht’s nun wirklich zu. Umkehren? Nix da. Sagt Marc. Wir sind an einem Wettbewerb und da fliegen wir, solange wir können. Also nehmen wir Buttwil ins Visier. Da hat’s eine überdachte Gartenbeiz. Das ist wesentlich besser als jede Wiese im Reusstal ohne angegliederten Gastrobetrieb. Nachdem wir eine Reihe Schauer durchquert haben, erblicken wir sogar einige Sonnenflecken in der Region nördlich von Buttwil. Vielleicht erreichen wir mit etwas Glück gerade eine sonnige Phase und damit etwas Aufwind. Hoffnung keimt auf. Marc nimmt den Speed heraus und zirkelt sorgfältig um alle Schauer herum in die Region Buttwil.

Thermikende.

Wir klappern den ganzen Hügelkamm ab. Auch die alten Bloodhound-Stationen. Die gehen sonst immer. Auch extrem tief unten. Fast wie der Kühlturm in Gösgen. Aber heute ist sogar die Betonbunker-Stellung in der Revision oder sie streikt. Es ist wirklich und definitiv nichts zu machen. Wenn es nicht steigt, steigt es halt nicht. Während Frigg stolz über uns hinwegzieht, macht sich kurz Resignation im Cockpit breit, wir saufen ab in den Wald, packen das Fahrwerk aus und landen blitzig in Buttwil. Gut, hat der Marc schon lange die Frequenz gerastet. Buttwil ist nämlich ein polyvalenter Flugplatz. Da hat’s Drehflügler aller Art. Dass die überhaupt fliegen…? Motorflieger. Segelflieger. Wir sind schon auf dem tiefstmöglichen Niveau, drehen direkt in den Downwind, da kommt uns auch noch auf der anderen Seite ein Motorflüger auf die Rechnung. Den lassen wir elegant vor uns landen und rutschen knapp über die Baumwipfel auf die lange Rasenwiese. Da sind wir also. Erst mal aussteigen und die Beine vertreten.

Going-in-style. Havannas nach der Landung.

Havannas in Buttwil.

Jetzt geht’s aber Schlag auf Schlag. Kaum haben wir den Deckel wieder geschlossen, landen kurz hintereinander der Urs Isler, Stephan Neyer und Adrian Blum mit CoPilotin. Na, da sind wir ja schon eine Jassrunde. Das Beste kommt aber noch. Stephan packt zur Feier des Tages seine Notration Havannas aus. Die Partagas werden als Sofortmassnahme vernichtet. Während der Rasentraktor unsere schweren Doppelsitzer die ganze lange Wiese wieder hinaufzieht, qualmen wir im Seckeltrab aber trotzdem mit Hochgenuss Stephans Cigarren. So macht eine Aussenlandung ja fast schon Spass.

Der schöne Rasenplatz von Buttwil.

Schauerschlepp.

Bis wir zurück nach Schänis schleppen können, müssen wir ein mehr oder weniger schauerfreies Fenster abwarten. Denn über Zug, wo wir durch wollen, schüttet es immer wieder wie aus Kübeln, sagt unser iPhone-Regenradar. Die Warterei ist etwas kompliziert. Einerseits wäre da eine Gartenbeiz mit einem Jauseplättli. Anderseits dürfen wir das schauerfreie Rückschlepp-Fenster nicht verpassen. Auf dem Startfeld sorgt zudem der aufkommende Rückenwind für Nervosität.

Für den Start muss man also auch noch den geeigneten Moment erwischen. Sonst fliegt man am Ende noch in den Graben.

Irgendwann ist es soweit und wir hängen an einer vorher noch nie gesehenen, polnischen Schlepp-Maschine, tauchen mit dem kräftigsten Zugpferd, das sie hier im Hangar hatten, über das Pistenende in den Waldrand hinab und nach wenigen Sekunden darüber hinweg. Uffhh! Da wartet auch schon die nächste Herausforderung. Es schüttet gehörig in Richtung Schänis. Das wird etwas schwierig, da durchzukommen. Downwash hat ja mit Regen etwas zu tun. Und davon hat’s heute reichlich. Am besten, wir sehen es uns aus der Nähe an.

Pferdekoppel.

Das polnische Maschinchen zieht uns unter einem der kontrollierten Lufträume hindurch in die Region Zug, wo wir zuversichtlich 500 Meter über der minimal nötigen Höhe die Klinke ziehen. Und über den Gottschalkenberg Richtung Biberbrugg gleiten. Gleiten ist etwas übertrieben. Stürzen trifft’s schon besser. Es schüttet ziemlich und wir fallen viel schneller als erwartet. Die Sicherheitshöhe schmilzt. Über Biberbrugg entdecken wir auch den Duo von Armin Hürlimann. Er hat da ein bisher unbekanntes Landefeld gefunden. Irgendwie sieht das von hier oben aus wie eine schräge Pferdekoppel.

Osten ist überall.

Unsere ‚Schadenfreude’ hält nicht lange, da dringt auch bei uns wieder etwas Nervosität von aussen ins Cockpit. Es tropft schon durch’s Instrumentenbrett. Also, das müssen wir noch besser abdichten, wenn wir häufiger im Regen fliegen. Das Vario bekommt es auch mit der Angst zu tun und fällt. Jaheiteresiech – das darf doch wirklich nicht wahr sein! Zwei Aussenlandungen am gleichen Tag! Das mache ich sonst nur mit dem Peter Schmid. Aber wir sind offenbar in eine Zone grossflächiger Katabatik geraten (hat der Federico Blatter jedenfalls immer gesagt) und nähern uns wie von einem starken Magneten angezogen dem Flugplatz Wangen-Lachen. Immerhin reicht die Zeit noch für die Beantwortung verschiedener Grundsatzfragen. Warum man sich so was überhaupt antut zum Beispiel. Wo es zuhause auf der Terrasse jetzt gerade doch so schön wäre.

Zick-zack.

Wie ein Feldhase auf der Flucht schlagen wir bei jeder Zunahme des Sinkens auf dem Vario einen neuen Haken. Bis uns die Ideen dann wirklich ausgehen. Aber damit habe ich über dem Flachland in Südfrankreich bisher keine schlechten Erfahrungen gemacht. Immer wenn’s mir zu lange säuft, wechsle ich 45° den Kurs. Egal wohin, einfach nicht tatenlos und geradeaus ins Elend weiterfliegen. Buchstäblich auf der letzten Rille nähern wir uns Reichenburg. So tief und genau wollte ich das gar nicht sehen heute!


Sieht nicht nur ungemütlich aus. Schauer von Zug bis Schänis.

Und es regnet nun auch noch über Schänis wieder stärker. Der Ruedi Seehofer verbreitet am Funk Zweck-Optimismus. Nur im Osten von Schänis gingen gelegentliche Schauer nieder. Sagt er. Wir empfinden das geringfügig anders. Osten ist überall. Es schüttet überall. Marc lässt sich aber auch davon nicht beeindrucken und landet unser Raumschiff souverän wie einen Airliner direkt auf der Piste 16. Herrgottwardasjetztwiedereinschtress…

Fröhlicher Abend.

Wir feiern beim gemeinsamen Essen in der Werkstatt-Beiz unseren kratzerfreien Flugtag. Unser Nachhausekommen. Und den Heinz Brem. Das ist seit ich weiss mein Flugzeugpartner auf der ASW-20-B. Der Heinz hat am nächsten Tag Geburtstag. Und nur darum harren wir hartnäckig solange aus. Nur darum trinken wir soviel Appenzeller Kräuterschnaps. Und nur darum sind wir am Sonntag vor lauter ‚happy-birthday-singen’ alle so heiser. Zum Glück müssen wir des Masoala-Hallen-Wetters wegen nicht fliegen. Wir sind schon unter vorgehaltener Hand in Promille-Klasse umgetauft worden. Aber es war auf jeden Fall ein toller, fröhlicher Abend und ich selber habe  schon lange nicht mehr so gelacht wie bei dieser spontanen Geburtstagsfeier.


Sieht anders aus, als es ist: Frigg’s Ventus hat Plattfuss.

Ahja, fast hätte ich es vergessen. Dr Frigg het putzt. Er ist viel weiter als wir geflogen und gewinnt dieses Schauerrennen. Dahinter geht’s um Millimeter. Der kurze Ausflug zu den Bloodhounds bringt und ein paar Extrameter und den zweiten Rang. Nicht schlecht für den Anfang!

(Fortsetzung folgt).