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Luftige Österreich-Rundfahrt (3)

Mal südlich, mal nördlich, aber
immer den hohen Gletschern des Hauptalpenkamms entlang.

Die Aufwinde über dem Zillertal müssen wir uns mit einer ganzen ‚Blaatere‘ von Gleitschirm-Piloten teilen.

Als wir am Sonntag, den 28. Mai in St. Johann im Tirol ins Cockpit des Arcus M kraxeln, wollen wir zum Abschluss unseres dreitägigen Wandersegelfluges einerseits gemütlich an unseren Ausgangsort Schänis zurückreisen, anderseits auch noch etwas von den Hochalpen sehen. Wie gestern bei unserer Ankunft, schlängeln wir uns auch heute bei der Wegreise zwischen den herabfallenden Fallschirmspringern hindurch und weg nach Kitzbühel.

Bis der Motor ausgekühlt im Rumpf liegt, haben wir ausreichend Zeit, im ersten Aufwind eine Auslegeordnung über die Streckenführung des Hahnenkamm-Rennens zu diskutieren. Bis zur Mausefalle sind wir uns einigermassen einig, danach verliert sich die winterliche Spur dieser Highspeed-Strecke in den Lichtungen und Waldschneisen westlich Kitzbühels. Derweil habe ich andere Sorgen. Die Luft köchelt zwar überall ein wenig, aber noch nicht richtig. Zumindest nicht dort, wo ich mit der aktuellen Höhe gerade hinkomme.

Obendrauf beunruhigt mich auch noch eine Luftraum-Warnung. In 7‘500 ft beginnt hier (schon) eine TMZ von Innsbruck. Bis ich die identifiziert habe, bin ich allerdings auch schon den Graten entlang zum Pass Thurn gekrabbelt. Immer schön heiss und tief. Und der offensichtliche Versatz durch den Nordwind macht es mir nicht einfacher, ein Bild der aufströmenden Luft in den Kopf zu bekommen. Kaum habe ich nach endlos scheinender Kreiserei um Seilbahnen und Bergrestaurants genügend Höhe zusammengespart, um endlich die Nordkrete des Pinzgaus anzufliegen, sind Luftraumwarnung und schwaches Steigen gleichzeitig Vergangenheit.

Auch Sonnenschutzfaktor 50 und ein breiter Hut reichen nicht. Im Segelfliegen bekommt man immer eine Sonderladung UV-Strahlen verabreicht. Besonders, wenn man ein ausgeprägtes Riechorgan im Gesicht hat.

Die Erdkrümmung kommt in Sicht

Wir klettern in aller Ruhe auf die maximal mögliche Höhe. Jetzt braucht der Peter aber wirklich Sauerstoff. So hoch waren wir seit unserem Abflug aus dem Ortlergebiet in die Dolomiten tatsächliche nie mehr. Nun geniessen wir die Annehmlichkeiten der Hochalpen und reisen zwischen 3‘000 und 3‘700 m.ü.M. um etliche Gleitschirme und durch die hohen Gletscher und Gipfel westwärts. Peter will unbedingt ins Stubaital, um da einmal auf vernünftiger Höhe hindurchfliegen zu können. Einmal umfliegen wir die Hindernisse südwärts, dann wieder auf der nördlichen Seite der Hauptkrete.

Den Entscheid, ganz auf der Südseite zu bleiben, sparen wir uns auf. Zu tief ist da aus unserer Stratosphären-Optik die Wolkenuntergrenze. Spannend ist dann der Übergang zwischen dem Pitz- und Kaunertal in die Region am Reschenpass. Die tiefsten Lücken sind ziemlich hoch, über 3‘000 m.ü.M. Aber mit etwas Geduld über dem Kaunertal schlüfemer sicher in den nächsten, richtig guten Aufwind im Langtaufers-Tal. Der katapultiert uns gleich in eine andere Liga und öffnet uns auf mehr als komfortablen Höhen den Weg ins Engadin.

Der Rasierer hatte im prall gefüllten Arcus M einfach nicht auch noch Platz. Peter geniesst die atemberaubende Aussicht auf die Hochalpen trotzdem.

Die stärksten Aufwinde der letzten drei Tage.

Auf der Strecke zwischen dem Vinschgau und dem Oberalp-Pass treffen wir an den Engadiner Hotspots auf die stärksten Aufwinde der vergangenen drei Tage. Der Arcus M steigt in engen Kreisen auf Höhen, die hier nur am Wochenende ausserhalb der Bürozeiten der Schweizer Luftwaffe erreichbar sind. Ein buchstäblich atemberaubendes Erlebnis mit einer Aussicht auf die höchsten Engadiner Gipfel, die einfach einmalig schön ist.

Erst ab dem Vorderrheintal schwächen sie sich etwas ab, da scheint eine etwas weniger labile Luftmasse vorzuherrschen. Wir fliegen noch eine Ehrenrunde durch das Obergoms, um am Nufenenpass frühzeitig den Endanflug nach Schänis unter die Flügel zu nehmen. Mit so einem Vogel wie dem Arcus M ist das natürlich ein gemütlicher Spaziergang, bei dem man gegen Ende einfach das Tempo erhöht. Nach drei erlebnisreichen und spannenden Tagen mit allem, was Segelfliegen zu bieten hat, setzt der Arcus M butterweich auf der Piste 34 in Schänis auf. Kaum hängt der Arcus M an der Hallendecke und kaum fliesst der Schaum des ersten Weizenbieres in unsere durstigen Kehlen, tauchen schon die ersten Ideen für eine Neuauflage auf. Slowenien müssen wir nun natürlich abhaken.

Und wohin jetzt?

Aber da sind ja noch viele weisse Flecken auf unserer Erfahrungs-Flugkarte, die wir mit Erlebnissen füllen könnten. Wohin die nächste Reise führen wird? Hier erfahren Sie es, sobald wir wieder zu einem neuen Abenteuer starten.

Hier finden Sie die Flugdetails des dritten Flugtages unserer Reise nach Slowenien und quer durch Österreich.

Luftige Österreich-Rundfahrt (2)

Wandersegelfliegen ist etwas Besonderes. Für einmal nur in eine Richtung fliegen zu dürfen, ausreichend Zeit für eine gemütliche Luftwanderung zu haben und neue Regionen spielerisch kennenzulernen, sind unvergessliche fliegerische Erlebnisse. Solches beabsichtigen wir auch am Tag 2 von geplanten 3, als wir in Nötsch in Kärnten auf dem herrlich gelegenen Flugplatz stehen und darauf warten, dass der Wind aus einer Richtung bläst, mit der wir unseren Arcus M in die Luft bekommen, ohne ihn händisch ans andere Pistenende schieben zu müssen. Heute wollen wir Wien sehen.

Abendliches Fliegertreffen am Grimming. Rund um das Segelflugzentrum Niederöblarn ist die Luft mit Kunststoff-Fliegern gut gefüllt.

Unser Masterplan sieht für heute – wenn uns die Thermik denn gewogen ist – aus der südöstlichen Kärntner Ecke der österreichischen Luftfahrkarte noch oben rechts zu kommen. Da spielen die Wiener Philharmoniker zum Neujahrskonzert. Auf der Donau-Insel entspannen sich die jüngeren Bewohner dieser wunderschönen Stadt. Da ist temporär die OPEC zuhause. Und im Prater drehen sie nicht nur am Ölpreis, sondern auch an einem riesigen Rad. Schloss Schönbrunn und der Stephansdom ziehen Touristen aus aller Welt an. Auch uns. Wir wollen heute nach Wien. Oder wenigstens Wien sehen und umdrehen. Denn von da an soll unsere Luftwanderung ein wenig in Richtung Heimat zurückführen. Wir wollen abends irgendwo in Tirol sein, damit wir am Folgetag sicher nach Schänis zurückfliegen können. Weil der Peter am nächsten Tag in Rom an einer Sitzung seiner beruflichen Gspänli aus ganz Europa sein muss. Macht sich nicht gut, wenn man als jüngstes Mitglieder der exklusiven Runde da fehlt und morgens anruft, um mitzuteilen man vergnüge sich gerade noch etwas in den österreichischen Aufwinden und sie sollen doch schon mal ohne ihn beginnen. 

Zäher Beginn.

Anfangs gerät unser Flug etwas harzig. Ein erster Aufwind spediert uns zwar zügig nach oben. Bloss ist die Talquerung nach Nordosten über das Drautal selbst aus der maximal erreichbaren Höhe und selbst für unseren schönen Arcus M ‚huerä wiit‘. Nördlich des Ossiacher Sees stehen verlockende Cumulus-Wolken am Himmel. Nur, die stehen völlig am falschen Ort, nämlich in einem kontrollierten Luftraum. Weiter nördlich davon, über den Nockbergen, erkennen wir auch flache, weisse Wattebäusche mit wahrscheinlich guten Aufwinden darunter – aber die sind noch ein Tal weiter weg und sicherlich von unserer Startposition aus unerreichbar.

Die Wolken hängen an der falschen Stelle.

Wir sind uns lange nicht einig, wie wir vorgehen wollen. Zumal ich auf der Frequenz von Wien Information niemanden ans andere Ende bekomme. Wir sind zu tief, die können uns wohl gar nicht hören. Aber einfach in die kontrollierten Gebiete einfliegen geht ebenso wenig. Das Thema erledigt sich in den nächsten Minuten sowieso selber. Wir fallen aus allen Traktanden. Der Nordwind (ja, der schon wieder) bugsiert uns an den sonnenbestrahlten Hängen östlich des Millstätter Sees zum Tal hinaus statt seinen Flanken entlang hinauf. Wir beissen auf die Zähne und klemmen dort, wo der Rücken seinen anständigen Namen verliert, alles zusammen. Halten beim Eindrehen in sogenannte Aufwinde den Atem an. Nützt alles nichts. Es ist einfach nichts zu machen, wir bekommen den Segler nicht in einen Aufwind. Am Ende muss für einmal unsere fest eingebaute Thermik helfen. Im Nu starten wir mit vereinten Kräften über dem Drautal den Motor und lassen uns dann eine Etage höher tragen. Plötzlich hilft jetzt auch die richtige Thermik wieder mit. Interessant. Mitten in den Leezonen der Nockberge. Diesmal wollen wir kein Wagnis eingehen und nutzen unseren Motor bis hinauf über die flachen Kreten. Auch da bekomme ich niemanden von Wien Information an den Apparat – hören kann ich die anderen (Motor-)Flugzeuge zwar, aber der Controller uns offenbar nicht einmal ansatzweise. So schleichen wir uns über die Nockberge auf Kurs zur Turracher Höhe davon. Zum nächsten kontrollierten Luftraum westlich von Zeltweg.

Dank Transponder können wir uns im kontrollierten Luftraum um Zeltweg problemlos den Aufwindlinien entlang bewegen.

Hier sieht alles gleich aus.

Die Flachland-Navigation ist für uns Berggeissen schon eine Herausforderung. Ohne GPS wäre ich hier allein mit dem Bestimmen der Position zur Hälfte absorbiert. Aber mit den modernen Moving-Map-Systemen ist das heute echt ein Kinderspiel. Der Transponder ist noch eine Verbesserung obendrauf. Denn ab dem Murtal schalten wir unsere Lottozahlen auf, rufen den mehr oder weniger beschäftigen Controller in Zeltweg – und das war’s dann an einschränkenden Lufträumen. Der kooperative Mann lässt und dahin fliegen, wo die dicken Wolken stehen und wo wir hin wollen. Und nicht dahin, wo er auf seinem Bildschirm gerade viel leeren Platz hat. Cool!

Ohne GPS-Moving-Map-System eine Herausforderung: navigieren in den endlosen Hügelzügen des südlichen österreichischen Alpen-Vorlandes.

Flotter Flug zur Raxalpe.

Es geht flott voran. Wir flitzen unter den inzwischen zahlreicher werdenden Wolken mehr oder weniger kreislos weiter nordostwärts in die Region von Leoben, Kapfenberg und bekommen allmählich den Semmering ins Blickfeld. Bis zur Rax funktionieren die Aufwind noch so, wie sie es heute schon den ganzen Tag hindurch taten – relativ zuverlässig. Ab der Rax fühlt sich die Luft plötzlich spürbar schlechter an. Die Aufwinde stehen in markanten Lee-Zonen, jeweils eine Hälfte geht aufwärts, die andere Hälfte der Kreise abwärts. So wird das natürlich keine vernünftige Fliegerei. Peter müht sich als erster durch diese seltsamen Aufwind, nach unserer Wende am Schneeberg mit Blick auf unser Wandersegelflug-Ziel Wien draussen in der Ebene blüht mir dann dasselbe Vergnügen.

Die Wolken sehen verlockender aus, als die Thermik, die wir darunter dann (nicht immer) finden.

Plötzlich alles verkehrt.

Jetzt müssen wir bei jedem Eindrehen in einen möglichen Aufwind von Neuem entscheiden, ob wir uns in den schwachen dynamischen Aufwindgebieten auf der Nordostseite der Kreten oder in den starken, aber zerrissenen Aufwinden auf der sonnenbeschienenen Seite abmühen wollen. Das Resultat ist bleibt sich meistens gleich. Ein paar Augenblicke lang erwischen wir einen starken Aufwind, wir ziehen den Arcus jeweils in engen Kreisen ins vermeintliche Zentrum, nur, um gleich wieder hinauszufallen. Sicher ist, dass diese Fliegerei in den höheren Regionen über den Kreten noch am vernünftigsten zu handhaben ist. Da können wir die Leethermik mit den Hangwinden auf den Nordostseiten wenigstens teilweise kombinieren. Aber richtig zügig vorwärts kommen wir von hier an nicht mehr. Der Weiterflug in Richtung unseres Tagesziels St. Johann in Tirol, wird zur segelfliegerischen Sonderschicht.

In den letzten östlichen Hügelzügeln der Alpen kurz vor der Rax.

Unübersichtliche Region.

Das unübersehbare Eisenbergwerk zieht unter unserem linken Flügel im Süden vorbei. Ich fabriziere kurz danach den Tiefpunkt dieses Tages, indem ich keinen der zittrigen Aufwinde zu zentrieren vermag. Der Arcus M fliegt dabei immer tiefer durch die Kalkgipfel. Wenn das noch lang so weitergeht, müssen wir nach Südwesten ins Paltental und nach Trieben hinaus flüchten. Da wäre auch ein geeignetes Landefeld, über dem wir den Motor zünden könnten. Hier in den wilden Tälern, Kuppen und Kalkgipfeln des Gesäuses ist daran nicht zu denken. Ein wenig Höhe bleibt uns noch für Experimente.

Geduld. Kreisen. Geduld. Kreisen. Geduld. Kreisen…

Ich kann in einem zarten Aufwind über den fast senkrechten Abbrüchen eines engen, wilden Tales nur mit viel Mühe unsere Höhe halten. Steigwerte bringe ich trotz verschiedener Versuche nicht ins Variometer. Weder das Überfliegen sonnenbeschienener, flacher Matten noch das Einkreisen über markanten Runsen nützt etwas. Langsam wächst meine Verzweiflung. Ich bringe meine Vorstellung, wie Aufwinde entstehen, einfach nicht mit der aktuellen Situation in Einklang. Naja, der Gescheitere gibt in solchen Fällen meistens nach. Also werfe ich alles über Bord, was ich mir an Erfahrung in der Thermik angeeignet habe und hüpfe einfach den Variometer-Tönen nach. Das ist auch nicht immer hilfreich, hinkt dieses doch der Anzeige des Stauscheiben-Varios etwas hinterher und zeigt tendenziell schlecht kompensierte Werte an. Einen Aufwind mit Variometer-Anzeige UND Sitzdruck zu finden, gelingt mir schon längere Zeit überhaupt nicht mehr.

Aber mit viel Geduld erwische ich dann doch noch aus einem voll in der Sonne stehenden ‚Chrachen‘ endlich einen Aufwind, der uns wieder auf eine beruhigendere Höhe über die Gipfel hinaus trägt. Den winde ich aus, bis es nicht mehr geht. Peter wird es bei meiner mühsamen Kurblerei schon langsam trümmlig. In den tieferen Höhenbändern steigen die Aufwind ein Stück weit senkrecht nach oben, um mit zunehmender Höhe vom Wind deutlich versetzt zu werden. Sucht man die Aufwinde dann anhand der Wolkenbilder, liegt man heute damit ziemlich daneben. Sucht man sie am Boden, ebenfalls, weil sie nicht da sind, wo man sie vermuten würde.

Luftige Begegnung am Dachstein.

Peter zaubert den Arcus M auf Endanflughöhe.

Jetzt steigt immerhin mit unserer grösseren Höhe der Spielraum und die Übersicht. Peter macht dann auf seinem darauf folgenden Streckenteil seine Sache markant besser. Er kämpft zwar auch mit der Leethermik und dem Nordostwind, zaubert aber den Arcus M immer näher auf unsere Endanflughöhe nach St. Johann. Aus den anfänglichen 130 km Flugdistanz mit einem Höhen-Minussaldo von 900 Metern werden irgendwann am Dachstein in einem unmöglich schrägen Aufwind weit draussen im Tal noch 60 km und +300 Meter. Diesen Saldo steigert er dann über der Skistation von Leogang auf einen geradezu luxuriösen Wert, mit dem wir im Lehnstuhl an unser heutiges Ziel gelangen werden. Unter uns passiert das Infanterie- und Biathlon-Gelände von Hochfilzen, bevor wir uns in den regen Platzverkehr am Flugplatz St. Johann einfädeln.

Menschen zur Tür hinaus werfen.

Die schmeissen hier andauernd gegen Geld Menschen mit Fallschirmen aus einer türlosen Cessna 182. Meistens sind alle gemeinsam und gleichzeitig wieder zurück am Flugplatz, die Fallschirmspringer und das Flugzeug. Ein ineffizienter Sport. So könnten die ja auch gleich drin sitzenbleiben. Wäre komfortabler, einfacher, effizienter und man hätte mehr von der Aussicht. In diesen seltsamen Betrieb wickeln wir uns im richtigen Moment dazwischen und landen auf dem Grasstreifen des idyllisch gelegenen Tiroler Flugplatzes. Uuffhh – das war jetzt doch noch ein hartes Stück Arbeit vom Schneeberg bis hierher!

Wie die Flüchtlinge.

Wir gönnen unseren Batterien im Vereinslokal eine frische Ladung Elektrizität und uns im Flugplatz-Restaurant ein feines Weissbier sowie ein Nachtessen. Hunger und Durst sind bei unserer heutigen Tätigkeit gewaltig angewachsen. Danach machen wir uns per pedes auf in unsere Unterkunft, die Peter online ausgegraben hat. Es ist eine Ferienwohnung irgendwo im Villenviertel droben am Nordhang des Flugplatzes. Mit unserer seltsamen Kleidung und den Plastiktaschen, in denen wir unsere ganze Habe transportieren, fallen wir im noblen Chalet- und Villen-Quartier schon etwas auf.

Die Arcus M-Besatzung auf dem idyllischen Flugplatz St. Johann im Tirol.

Unser heutiger Gastgeber ist sich offenbar allerhand gewohnt. Er verzieht jedenfalls keine Mine und führt uns in unser heutiges Nachtquartier, eine einwandfreie Parterre-Ferienwohnung in einem grossen Mehrfamilienhaus. Die Ruhe ist gewaltig, die Aussicht auf die Kalkwände des Wilden Kaiser ebenfalls. Zufrieden sinken wir nach einem weiteren Versuch, mit Weissbier unseren Durst zu stillen, in unserem Doppelbett in die Kissen. Es ist ein Gerücht, dass wir beide schnarchen. Da ich immer etwas später einschlafe, kann ich hier bestätigen, dass nur Peter schnarcht. Weil er aber immer mitten in der Nacht von der Bettflucht getrieben erwacht, kann auch er hier bestätigen, dass nur ich schnarche. Stimmt ja auch, wenn man wach ist, schnarcht man ja sicher nicht.

Peter, (und) der wilde Kaiser. Für einmal vom Segelflug-Abenteuer auch er etwas ‚geschlaucht‘.

Wie auch immer – anderntags marschieren wir frisch und munter ans grosszügige Frühstücksbuffet. Und wie es von dort aus weitergeht? In der nächsten Folge folgt die Beschreibung des Schlusstages unserer herrlichen Luftwanderung mit dem Weg durch die höchsten österreichischen Gletscher und Grate mitsamt einem Ausflug bis ins Wallis in diesen Blog…

Hier finden Sie die Details zum oben beschriebenen Flug.

 

So bringt man Armin zum Strahlen

Ein Tag in der fliegenden WG *)

Wer schon mit Armin geflogen ist, weiss, dass man mit ihm eine Art fliegender Wohngemeinschaft in einer etwas knappen Zweizimmer-Wohnung eingeht. Eigentlich kann man sich da drin kaum bewegen. Speziell im vorderen Zimmer müsste eigentlich jemand die WG verlassen, wenn was zu Boden fällt und man sich bücken muss.

Bis zum Arlberg waren die Aufwinde oder unsere Flugmanöver noch etwas unrund. Am Spullersee dreht ein österreichischer Kamerad in unseren Aufwind ein.

Am Sonntag, 10. April 2017 durfte ich auf dem Balkon dieser Unterkunft Platz nehmen und Armin hat mich – getreu dem Rat seines Kardiologen – einwandfrei nach Innsbruck und Andermatt bewegt. Anfangs war für meine Verhältnisse noch etwas viel Kampfflugzeug-Stil mit im Spiel, nach ein paar Stunden bin ich im sanften Auf und Ab, mit denen Armin den gut geladenen Arcus T jeweils mit feinem Händchen in die Aufwinde zog, beinahe eingeschlafen. Dass wir dabei eine Menge Spass hatten, ist auf der folgenden Aufnahme mit dem glücklichen Armin unschwer zu erkennen.

Ein glücklicher Armin Hürlimann auf dem hinteren Sitz des Arcus T HB-2467.

Die Verhältnisse waren an dem Tag aber auch Spitzenklasse. Nur Vorarlberg hat zu Beginn etwas viereckige Aufwinde geliefert. Das wurde über Tirols Gipfeln dann schon deutlich besser – mit den besten Aufwinden über Seefeld und südlich des Fernpasses. Und wo kann man schon einen dicken Passagier-Jet von weit oben im Landeanflug auf Innsbruck bewundern, wenn nicht aus dem Logenplatz seitlich des GNSS-Rüssels im Westen von Innsbruck? Natürlich brav mit Freigabe von Innsbruck Radar. Die Besatzung vom Turm kennen wir ja noch bestens von früheren Gelegenheiten.

Luftige Begegnung über Zams. Das obere Inntal lief an diesem Flugtag ausgezeichnet – die Controller von Innsbruck Radar hatten einiges zu tun.

Was war sonst noch speziell? Der leicht verhaltensgestörte Sollfahrtgeber? Oder waren es wirklich so massive Abwindfelder? Jedenfalls schien die Luft zwischen den teilweise weit auseinander stehenden Aufwinden stark und über längere Zeiträume grossflächig zu sinken. Was den Armin zu einem ungeahnten Geschwindigkeitsrausch antrieb. Mit MacReady 1.0 war die vorgegebene Geschwindigkeit nur noch weit jenseits der 200 km/h-Marke zu erreichen. Da half zwischen Klosters und Lenzerheide, wo wir kurz 1’000 Höhenmeter durchgebraten haben, auch manuelles Nachrechnen mit dem Stauscheiben-Vario-Ring nicht weiter, auch dieses Instrument wollte uns mit 240 km/h fliegen sehen, ungeachtet der Tatsache, dass der Boden immer näher kam. Das wiederum wurde dann dem LX 7000 zuviel – es meldete sich mit der schlichten, rot umrandeten Warnung ‚Zu schnell‚!

Das Mittelland versinkt bereits im abendlichen Dunst der tief am Himmel stehenden Sonne. Hier der Blick vom Fronalpstock / Stoos auf Veriwaldstättersee und die Rigi.

Bei einem solch wunderschönen Flugtag macht auch eine enge WG wie der Arcus T eben im vorderen Zimmer ist, viel Spass, inkl. romantischem Flug-Ausklang hinaus aus den schneebedeckten Hochalpen in den Sonnenuntergang über dem Flachland bis an die CTR von Emmen – das machen wir wieder einmal, Armin!

Blick aus der letzten Abkreiskurve auf den Flugplatz Schänis.

*) Wohngemeinschaft.

Südostfrankreich – zeitweise das einzig fliegbare Wetterfenster.

Während im Juli 2014 im Norden der Alpen Rekord-Regenmengen niederprasseln und in der Schweiz beispielsweise das Emmental gleich mehrmals unter Wasser setzen und erhebliche Schäden anrichten, profitieren die Gäste Südostfrankreichs von zwar kühlem aber trockenem Sommerwetter.

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In unserer ersten Ferienwoche kühlt uns zwar wegen der Nordwest-Stau-Lage, die für die hohen Niederschlagsmengen verantwortlich ist, der Mistral tagelang auf dem Campingplatz in Vinon etwas aus – was ja für uns käsebleichen und die Sonne ungewohnten Nordeuropäer angenehm ist – aber immerhin bleibt das Wetter trocken. Segelfliegen ist im Flachland und in den Voralpen so täglich möglich, wenn man nicht den Anspruch hat, sehr lange Strecken fliegen zu wollen. Für ein paar nette Ausflüge hat es aber doch gereicht.

Ab in die Welle.
So gelingt etwa am 8. Juli ein ebenso einfacher wie bilderbuchmässiger Einstieg in das Mistral-Wellensystem direkt über dem Pistenende 28 von Vinon. Ein kurzer Schleppflug von wenigen Minuten bis auf Landevolten-Höhe reicht aus, um in einem ruhigen Rotoraufwind gleich eine schwache Welle zu erwischen. Diese und eine Freigabe bis auf FL 115 von Salon Approach vereinfachen den Vorflug aus den Leewellen in den östlichen Ausläufern des Lubéron bis in die nächst nördlichere Welle an der Lure und damit auch ins dort aktivierte Wellenfenster.

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Ansturm feuchter Luft.
Von der Lure aus scheint wegen der aus Norden angespülten, feuchten Luft der Weiterflug ins Becken von Gap am logischten. Nach Nordwesten, wo ich von hier aus meistens weiterfliege, fliesst so viel feuchte Luft ein, dass ich auch aus 5’000 M.ü.M. aus einer immer noch flach scheinenden Optik auf die Wolkenmassen keine Wellenstrukturen erkennen kann und mir auch nicht vorstellen mag, irgendwo in dieser Wolkensuppe vielleicht ohne Sicht auf den Boden gescheit vorwärts fliegen zu können. Darum reise ich gemütlich durch das offenere Becken von Gap nach Nordosten, soweit, bis ich am Fuss der höheren Alpen wieder auf eine geschlossene Wolkenmasse stosse.

Hoch hinaus am Pic de Bure.
Am Nordende der Alpenstadt Gap kann ich aus verschiedenen Rotorfetzen den passenden Einstieg in die nächst kräftigere Welle südöstlich des weitgehend in Staubewölkung eingepackten Pic de Bure auswählen und gemütlich bis über 5’000 M.ü.M. hinauf klettern und dabei die Aussicht geniessen. Wie immer beim Wellenfliegen erlebe ich das Dilemma, dass man zwar wie in einem Höhenrausch wunderbar ruhig in einem Lehnstuhl die Show geniessen kann. Die anstürmenden feuchten Luftmassen setzen einem Streckenflug aber Grenzen. Im Osten ist das obere Durancetal bei Embrun nur schemenhaft in tiefen Wolken und Schauern zu erkennen. Die hohen Gipfel der Ecrins sind bis auf meine höchste erreichte Höhe auf ca. 5’000 M.ü.M. mit Watte eingepackt. Dazwischen sind kaum Lücken zu erkennen. Dahin möchte ich also lieber nicht, zu unüberschaubar ist die Situation. Und ‚ontop’ im Segler dahin zu gleiten, ist auch nicht besonders vernünftig.

Was macht heute man bloss mit 5 Kilometern Höhe?
Also wähle ich die Route, die in all der Feuchte noch am vernünftigsten aussieht und ziehe nach einem Versuch, in der Region Orsières wider Erwarten doch eine Welle zu finden, die mich vernünftig nach Briançon bringt, die Nase des Segelflugzeuges wieder nach Westen und schliesslich in einem grossen Bogen zurück ins Vallée du Jabron und am Ende wieder an die Lure zurück. Meine vorherige Einschätzung erweist sich als richtig. Es ist fast unmöglich, zwischen dem Col de la Croix Haute und dem Vallée du Jabron eine schön strukturierte Welle zu finden und auszunützen. Aber irgendwas muss man ja mit 5 Kilometern Höhe anstellen, den ganzen Nachmittag am gleichen Punkt zu sitzen, scheint mir nicht sehr spannend zu sein.

Weil’s so schön bequem ist und eigentlich kaum andere Möglichkeiten vorhanden sind, drehe ich nochmals eine Runde um Gap, um in einem langen Endanflug bis weit südlich von Vinon zurück zu fliegen. Dass die Helikopterbasis von Le Luc deaktiviert und im Ferienmodus ist, ermöglicht für einmal, in Regionen vorzustossen, die sonst wegen geschlossener Lufträume unerreichbar bleiben.

Insgesamt ist das doch kein schlechter Anfang für den diesjährigen Fliegerurlaub mit Familie!

Link auf die Bilder-Galerie.
Link auf das IGC-File.

‚Tour-de-Grison‘ – Luftwanderung mit abendlicher Dusche.

Dass man ein Segelflugzeug sauberer zurückbringen kann als es in bereits gereinigtem Zustand vor dem Start schon war, ist selten. Selten ist auch, dass man bei kaum fliegbaren Bedingungen doch mit Geduld und Vorsicht um Mittelbünden herumfliegen kann.

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Samstag, 10. Mai 2014. Mitten in der Segelflugsaison. Die Prognostiker sprechen von kaum auswertbaren Aufwinden, obwohl die Temperatur-Sonde labil ist. Der Grund der zurückhaltenden Vorhersage ist einfliessende feuchte Luft, die zu verbreiteten Abdeckungen führt. Und je nachdem, wo die sich gerade ausbreiten, die Bildung von Aufwinden verhindert. Entsprechend widersprüchlich sind die Vorhersagen, einig ist man sich nur, dass es ein schwierig zu fliegendes Wetterfenster ist. Einen Hoffnungsschimmer bildet die Windvorhersage mit Geschwindigkeiten von 20 Knoten über 2’500 Metern.

Die Sardona verschafft uns eine Pause.
Darauf legen Peter Schmid und ich heute unsere Flug-Taktik aus. Wir dürfen den Arcus M von SchänisSoaring heute auslüften und klettern mit dem Eigenstarter hoch in die Glarner Alpen. Der Steigflug ist ruhig, von Thermik oder Wind ist nichts zu spüren. Auch an den sonst bei diesen Bedingungen sicheren Orten im Sernftal nicht.

Ein paar Minuten lang können wir der Glarner Alpen-Haupt-Überschiebung entlang segeln und uns mit Luft-anhalten und Backen-zusammenkneifen dort knapp auf 3’000 Metern halten. Eigentlich sinken wir einfach etwas weniger als sonst. Das verschafft uns aber Zeit, um unsere Möglichkeiten zu sortieren. Eine davon wäre das Vorderrheintal mit tiefer Bewölkung. Eine zweite die Flucht ins Prättigau, dessen Gipfel ideal im schwachen Südwest stehen müssten. Das versuchen wir dann, der Flug zum Eingang des Prättigaus wird nur von ein paar hilflosen Kreis-Versuchen im Taminatal unterbrochen. Immerhin bewegt sich hier die Luft schon ein wenig aufwärts. Wenn auch nicht vernünftig nutzbar.

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Und der Vilan rettet uns.
Der harzige Anfang des Fluges wird auch am Vilan anfangs nicht besser. Der Arcus M ist nicht aufwärts zu bekommen. Mit uns mitgewandert ist aber ein sonniges Fenster. Da scheint nun die fahle Sonne auf die Weiden auf der Südseite des Vilans. Und plötzlich beginnt der Segler in einer seltsamen Mischung von schwachem Hangwind und schwacher Thermik leicht zu steigen. Anfangs zaghaft, dann zuverlässig klettern wir den Alpweiden entlang aufwärts und dürfen bald den Wanderern auf dem Gipfel zuwinken. Von diesem Moment an sind wir im Geschäft, die Gedanken an einen möglichen Motorenstart über einem sicher landbaren Flugplatz sind weggeblasen. Das wäre ja in der Region um den Flugplatz Bad Ragaz noch eine Option gewesen.

Der Rest des Fluges wird zum gemütlichen Erlebnis. Vorsichtig tasten wir uns in einem sicheren Höhenband allen Hängen und Graten mit Südwest-Ausrichtung und einer möglichen Thermikquelle darunter rund um Mittelbünden. Über das Tal von Monbiel bei Klosters an unseren Skitourenberg, das Pischa-Horn, dann an die Flüela, weiter über Bergün nach Savognin und via Lenzerheide (Roger Federer’s Kinder-Spielturm stört die Aussicht tatsächlich bis hier hinauf :-), dann zurück an den ‚Berg der Wölfe‚, den Calanda.

Trüb, trüber, Duschen.
Inzwischen ist die Kaltfront wie vorhergesagt, angerauscht. Von Norden her hängen im Rheintal und im Toggenburg kräftige Stratocumulus an den Gipfeln und drücken auf die Südseite hinunter. Am Pizol und später am Walensee waschen wir erstmals den Arcus M etwas ab.

Um den Flug würdevoll ausklingen zu lassen, drehen wir am Kerenzerberg noch ein paar Ehrenrunden und bewundern das grossartige Wettertheater vor uns über der Linthebene. Mir fallen dabei die Surfer auf dem Walensee und der stark verblasene ‚Jet d’Eau‚ im Hafen von Weesen auf. Da bläst zügiger Westwind ganz unten im Tal. Hmmhh, das würde ja heissen, dass die Mattstock-Westwind-Welle möglicherweise funktioniert.

Vom Kerenzerberg in die Westwindwelle.
Selten ist der Einstieg in die Mattstock-Welle so bilderbuchmässig möglich wie an diesem Tag. Am Kerenzerberg fliegen wir mit 1’600 Metern nordostwärts über die Linthebene Richtung Durschlegi. Ohne Höhe zu verlieren, können wir am Westende des Mattstocks die Nase des Arcus einfach aufziehen und direkt in die ruhige Westwindwelle sitzen. Sie trägt gut, bei 2’500 Metern schlagen wir nach kurzer Zeit an den sich ausbreitenden Wolken den Kopf an. Peter steuert den Arcus rund um die immer zahlreicheren Schauer in die Ostschweiz. Jetzt regnet es überall um uns herum. Ein tolles Schauspiel, wenn man so schön im Trockenen sitzt.

Abendliches Duschen.
Irgendwann müssen wir an der lichtesten Stelle einen grossflächigen Schauer durchfliegen, um in die wieder hell scheinende Linthebene zu gelangen. Schänis scheint trocken geblieben zu sein, immerhin hören wir am Funk den Schlepp-Betrieb weitergehen. Beruhigend. Wir wollen möglichst vermeiden, den Flieger im Regen versorgen zu müssen.

Nach einem fünfstündigen Luft-Wanderung durch den Kanton Graubünden setzt Peter den Arcus wieder sauber auf den Asphalt von LSZX. Und wir können ihn trockenen Fusses im Hangar verstauen – ohne ihn putzen zu müssen. Er ist sauberer als vor dem Start.

Bilder-Galerie.
OLC-Flug-Daten.

Andi in der Thermik

Unterwegs mit meinem neuen Flugzeugpartner Andi Hirlinger
in der Bilderbuch-Thermik über den Ostalpen.

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Manchmal hat man mit dem Segelflugwetter einfach Glück und erwischt ohne grosse Wetter-Analysen auch mal einen Bilderbuch-Thermik-Tag mit ebenso runden wie anständig tragenden Aufwinden, wenig Wind und einer unglaublichen Fernsicht im gleissend hellen Frühlings-Licht über den noch tief verschneiten Alpen.

So einen Tag haben wir am Freitag, 11. April 2014 erwischt. Am Vortag war ich noch mit Martial Moret und Simon Waddell aus Bex den ganzen Tag im Arcus M auf einer Typen-Einweisung unterwegs und die letzte, etwas längere Platzrunde in die Glarner Alpen war mit starken Aufwinden von über 4 m/sec. durchsetzt (das Vario ist nicht defekt, Sauerstoffmangel kann es auch nicht gewesen sein). Nach so starker Abendthermik müsste es am anderen Tag ohne Veränderung der Luftmasse ja auch gut fliegbar sein. Mehr habe ich mir zur Flugvorbereitung am kommenden Morgen eigentlich nicht überlegt.

Go, Andi, go…
Da Andi Erfahrung im Umgang mit Wölbklappen-Fliegern gewinnen will, können wir heute einen der luxuriösen Arcus T der SG Lägern benutzen. Wir haben ein einfaches Ziel: schnell und möglichst weit im guten Wetter fliegen. Das hat zur Folge, dass ich meinen neuen Partner vom hinteren Sitz aus anfangs etwas pushe und sicher für etwas Stress bei den Entscheidungen sorge. Eine Vorfluggeschwindigkeit unter 130 km/h ist eigentlich verboten. Und wir einigen uns auf einen Mac Cready-Wert von 1.0 m/sec. für die erste Phase des Fluges. Steigen soll nur ausgekreist werden, wenn es stärker als 2 m/sec. ist. Nicht schlecht für den Anfang – die äusseren Bedingungen lassen das heute aber auch zu – zuviel Kreisen wäre bei den starken Verhältnissen vergeudete Zeit. Wir kommen auf der Standard-Route nach Osten zuverlässig und im komfortabelsten oberen Höhenband zwischen 2’500 und 3’000 M.ü.M. voran wie ein Schweizer Postauto. Wibke Apholt begleitet uns in einer ASG-29 der SG Lägern bis hinaus nach Landeck. Sie steuert die schnelle 18-Meter-Maschine akkurat mit feiner Zahnärztinnen-Hand durch die starke Thermik.

Baumschulen – meine Lieblinge.
Was sich auch deutlich zeigt, sind die Vorteile der sogenannten ‚Baumschulen’. Andi wird’s kaum mehr hören können, aber über dem lockeren Baumbestand steigen aus den trockenen Wäldern im Frühling einfach die stärksten Aufwinde nach oben. Die warme Luft sammelt sich in den lockeren, geschützten Baumbeständen, bis bei der heutigen Labilität eine ausreichende Menge mit enormer Kraft wegsteigt. Es ist eine Freude, darüber einzudrehen, einen Augenblick zu warten, um mit einem kräftigen Ruderschlag den Arcus in eine stabile Kurve zu drehen, um gleich beim ersten Kreis rundherum Steigen auf dem Vario zu haben – und danach bei einer satten Querlage nur noch am Knüppel das Steigen wegziehen zu können.

Nur Masochisten fliegen weiter ostwärts.
Über dem Parseier machen wir in einem starken Aufwind eine kleine strategische Auslegeordnung. Dem Inntal nach Osten zu folgen, ist zwar möglich, die Luftfeuchtigkeit aber deutlich höher, die auseinanderlaufende Wolkenbasis sinkt deutlich unter die Kreten. Da muss man heute hinfliegen wollen.

In alle anderen Himmelsrichtungen ist die Segelflug-Optik villschüüner. Trotz des vielen Schnees in den Alpen präsentiert Petrus heute einen paradiesischen Segelflieger-Himmel. Da wollen wir ausnahmsweise heute hin und reisen wie ein Motorflugzeug zum Reschenpass (da haben die Landschaftsgärtner auf der Ostseite gleich mehrere Baumschul-Plantagen angelegt) und von da zügig weiter bis an den Ortler. Die Aufwinde, die hier bis etwa 3’400 M.ü.M. reichen, sind wunderbar, zuverlässig und stark. Allerdings laufen die Wolken hinter uns etwas auseinander und bedecken aus der Distanz betrachtet mehr als die Hälfte der Erdoberfläche mit Schatten.

Eine Idee, die wir kurz diskutieren, ist, den Ortler auf der Südostseite zu umrunden, um via Santa Caterina und Bormio sowie das Veltlin im leichten Nordwind auf der Alpensüdseite schnell westwärts voran zu kommen. Beim Sprung auf die Südseite reisst man allerdings immer ‚eine Brücke’ nieder, manchmal ist es nur mit Schwierigkeiten möglich, gegen den leichten Nordwind und mit dem vielen Schnee die lange Strecke über dem Hauptalpenkamm beispielsweise über den Splügenpass wieder zurück auf die Nordseite zu kommen. Meistens endet das Abenteuer tief in einem verschneiten Hochalpental und man kämpft sich knapp über Boden in engen Aufwinden wieder auf vernünftige Arbeitshöhen hinauf. Eigentlich will ich heute aber keine Tiefflug-Übungen veranstalten, sondern lieber den Flug sicher, komfortabel und stressfrei gestalten. Das Veltlin läuft uns ja wahrscheinlich vorläufig noch nicht weg.

Regionalzug statt Express-Lift.
Bei Trafoi und im Tal von Sulden auf der Ostseite des tief verschneiten Ortlers stellen wir fest, dass der hier noch weit in die Täler liegende Schnee die Thermik halbiert, wenn nicht sogar drittelt. Den Aufwinden fehlt im Vergleich zu den vorherigen im Vinschgau die Kraft, sie tragen zwar grossflächig ein wenig, aber man muss Geduld haben, um entscheidend Höhe zu gewinnen. Eigentlich hätten wir besser über dem Vinschgau jeden Meter im Express-Lift nach oben mitgenommen, statt hier im Regionalzug mitzubummeln. Da wir eigentlich auch noch einen Blick auf Andermatt oder möglicherweise sogar ins Wallis werfen wollen, wählen wir die einfachere Variante und legen den weiteren Weg durch das Münstertal und den Nationalpark. Immerhin eine der schönsten Gegenden Europas. Und die Region feiert dieses Jahr das 100-Jahr-Jubiläum des grössten und schönsten Schweizer Naturschutzgebietes.

Schnee bremst.
Sobald wir wieder über den aperen Tälern sind, klettern die Steigwerte wieder auf sattere Werte. Rasch passieren wir das Engadin und reisen komfortabel via Davos ins Vorderrheintal. Bis hinauf nach Sedrun bleiben die Aufwinde stark, je näher wir dem Oberalp kommen, umso schwächer wird das Steigen, obwohl noch immer schöne satte Cumuli am Himmel hängen. Ich habe auf dem hinteren Sitz gut reden: ohne selber zu knüppeln, spürt man die immer schwächer werdende Thermik halt auch nur per ‚Fernbedienung’. Letztlich kann ich unter der letzen Wolke über Sedrun und vor einem 40-km-Loch bis an die Furka auch nicht mehr Steigen herauspressen als Andi, obwohl ich alle Füdlebagge zusammenklemme und alles durchprobiere.

So entschliessen wir uns für einen gemütlichen Heimflug durch das Reusstal, Schächental, via die Mythen und den Zugerberg nach Schänis. Dort bewundern wir aus komfortabler Endanflughöhe einen 15-Meter-Segler tief über Zug, später auch noch tief über dem Zugerberg. Noch später schleicht er den Hängen nach an den Rossberg. Es ist Martin Bühlmann, der da den Voralpen entlang aus den Fribourger Voralpen zurück nach Schänis fliegt und hier mit seiner ausgezeichneten Thermik-Nase den entscheidenden abendlichen Aufwind für den sorglosen Heimflug nach Schänis aufspürt.

Ein wunderbarer und unerwartet guter Segelflugtag geht damit zu Ende. Das war ein geschenkter Super-Frühlings-Flugtag!

Link zu den OLC-Flugdaten.
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Deborah will ans Matterhorn.

Auf dem ersten Segelflug quer durch die Schweizer Alpen

Samstag, 27. Juli 2013. Wie ihre beiden älteren Geschwister, möchte auch unsere Jüngste, Deborah, einmal ein tolles aviatisches Abenteuer erleben. Das versuchen wir an einem der heissesten Tages des Jahres in die Tat umzusetzen. Allerdings sind wir beide trotz Deborahs Motorflugzeug-Erfahrung etwas verunsichert, ob sie die Segelfliegerei ebenso gut verträgt wie das Reisen mit dem Propeller an der Flugzeugnase.

Deborah vor ihrem ersten Segelflug im HB-3416, unserem bewährten Duo Discus X

Bloss nicht schaukeln.

Wir gehen das Unterfangen vooorsicchttig an und ich gebe mir Mühe, im ersten Aufwind ohne allzugrosse Schaukler Höhe zu gewinnen. Gelingt dank der schön gross platzierten Thermik über dem Kamm vom Spitzmeilen zum Gulderstogg immerhin so gut, dass Deborah oben angekommen vorerst Entwarnung gibt. Sie scheint die Schauklerei zu vertragen. Öpänäsgörpsli ist nicht zu vermeiden, aber es bleibt bei den gasförmigen. Am wenigsten mag sie den Wechsel des Variometer-Signals von ‚Thermik’ auf ‚Sollfahrt’. Das bedeutet, dass unmittelbar beim Wechsel des akustischen Signals das Segelflugzeug in einem schwachen Parabel-Flug ein paar negative Beschleunigungen produziert. Die mag sie anfangs überhaupt nicht, später gewöhnt sie sich dran, immerhin geht’s ja dann auch wieder ein Weilchen geradeaus.

Unesco-Welterbe ‚Alpen-Haupt-Überschiebung’.
Also zielen wir mit der Flugzeugnase ins Elmer Raminertal, wiederholen die ganze Sache, damit wir danach ein Weilchen geradeaus fahren können. So erholt sie sich bestimmt von allfällig aufkommendem Unwohlsein – das wäre der Plan gewesen. Soviel Sorge ist allerdings unangebracht. Deborah ist wetterfest und wird schon bald einmal übermütig. Sie will jetzt gleich ans Matterhorn. Wenn schon, denn schon!

Unter uns verschwinden inzwischen die Tschingelhörner mit der verkehrt herum geschichteten Geologie unter dem rechten Flügel. Wenn die Touris alle wüssten, von wo aus man den schönsten Blick auf’s Martinsloch und die Alpen-Haupt-Überschiebung hat – wir könnten uns in Schänis nicht mehr vor den Fluggästen retten.

Kurvenfrei ans Eggishorn.

Wir kommen dank flotter, starker und regelmässiger Aufwinde prima durch die Surselva und queren bald einmal den Oberalp- und später den Furkapass. Das scheint ja tatsächlich heute noch etwas zu werden mit Deborahs Flug zum Matterhorn! Bis an den Aletschgletscher müssen wir kaum kreisen. Was der jungen Dame auf dem Vordersitz natürlich bestens gefällt. Auf der linken Seite taucht ganz weit hinten in den Visper-Tälern das Matterhorn auf. ‚Isch etz aber schu nuch a schüüs Stugg detane’!

Die richtige Taktik macht’s aus… (I)

Die Wetteroptik verlangt erste wichtige Entscheide. Die Walliser Südseite ist bei Südwestwind immer eine trickreiche Angelegenheit. Die zerrissenen Cumuli und eine ungemütlich tiefe Wolkenbasis lassen mich zweifeln, ob das jetzt eine gute Idee ist, mit meiner Tochter in die Chrächen des Mattertales einzufliegen und dort in den ruppigsten und heute wohl auch noch verrissenen Aufwinden bei Täsch den Duo Discus nach oben zu zwirbeln. Das wäre dem korrekten Verdauungsweg von uns beiden wohl kaum förderlich. Also beschliessen wir gemeinsam, einfach geradeaus zu fliegen. Soweit die Cumuli stehen (also bis ans Ende der Walliser Nordkette bei Martigny).

Das ganze Wallis hinunter.

Genau so machen wir es dann auch. Wir bleiben auf der Walliser Nordseite. Die ist vom Südwest angeblasen, von der Sonne voll beschienen und produziert entsprechend schöne Aufwinde. Bis zum Diablerets-Gletscher (Glacier 3000) rauschen wir mit einer flotten Reisegeschwindigkeit westwärts, nur ab und zu unterbrochen vom Wechsel des Variometers auf das ‚Püüpüüpüü’, das steigende Luft ankündigt, die wenn möglich ausgekurbelt werden sollte. Ich gebe mir alle Mühe, nur wenige Aufwinde mit über drei Metern pro Sekunde Stärke zu benutzen, damit Deborahs Zmorge dort bleibt, wo er hingehört.

Richtige Taktik (II)
Über Glacier 3000, wo die Japaner in unpassendem Schuhwerk von der Seilbahnstation einen Kilometer über den schrumpfenden Diablerets-Gletscher ans Ende des Plateaus täppeled, werden die Aufwinde zunehmend unstrukturierter (oder ich treffe sie mal wieder nicht). Der Südwest wird stärker. Die Wolken laufen auseinander, die Ränder werden breiter. Wir beschliessen, hier den Blinker links zu setzen und den Rückweg unter die Flügel zu nehmen. Ist ja nicht so schlecht, wenn man auf seinem ersten Segelflug bis Martigny kommt!

Der Heimweg ist praktischerweise fast identisch mit der Strecke, auf der wir hergekommen sind. Zwei Ausnahmen warten dann aber doch auf uns. Deborah wird in der dünneren Luft auf fast 3’800 Meter etwas müde. Trotz der unglaublichen Szenerie im hintersten Lötschental über der Fafleralp. Die erste Ausnahme in der Streckenführung ist die Abkürzung über den ‚Walliser Glacier-Highway‘. Diese Strecke führt uns inmitten gleissender Gletscher, Gipfel und Grate über den Petersgrat, die Lötschenlücke, den Aletschgletscher, die Grünhornlücke und das Wasenhorn zurück ins grüne Oberwallis. Das ist allerdings auch schon grüner als jetzt gewesen. Damit sind wir bei der zweiten Abänderung.

Richtige Taktik (III)
Im Oberwallis het’s nämmli ä CB vertätscht! Ziemlich trübe, graue Optik. Regenschauer über der Furka, im Goms, Urserental vermutlich auch noch. Hmmh, das wird etwas ungemütlich, sollten wir wie geplant dahin queren wollen. Da schüttet es ziemlich fescht. Ich taste mich mit dem Duo Discus vorsichtig Richtung Grimselpass, immer drauf bedacht, alles an Höhe mitzunehmen, was da noch übrig bleibt.

Gewitter über der Furka.

Am Tierberg über dem Oberaarsee kann ich eine Viertelstunde in einem schwachen Ufwindli das Segelflugzeug parkieren und in Ruhe die Lage beurteilen. Die Aussicht auf die Berner Oberländer Eisriesen ist gewaltig. Der CB baut indessen davon unbeeindruckt weiter auf, der Regen in der Region Furka, Urserental nimmt nicht ab. Jetzt bloss den richtigen Entscheid treffen, damit aus unserem gemütlichen Segelflug nicht am Ende doch noch ein Abenteuer wird. Der Weg über Andermatt scheint mir nach langem Abwägen (zu) riskant. Selbst wenn wir den Regen einigermassen schadlos überstehen würden, verhindern die Ausbreitungen, dass wir in den Urner Alpen oder später in der Surselva, wenn wir sie denn noch erreichen, brauchbare Aufwinde antreffen.

Das schwache, mit zunehmender Höhe sogar wellenartige Steigen trägt uns inzwischen bis weit über 3’000 Meter hinauf. Der angekündigte, aufdrehende Südwest ist spürbar. Der könnte uns heute noch nach Hause tragen. Der Plan ist damit klar: Wir zielen nach Norden hinaus zum Titlis, steigen da nochmals auf die höchstmögliche Höhe und fräsen dann einfach über den Klausenpass nach Hause.

Schüttliges Urnerland.

Über der Melchsee Frutt trägt uns beide nochmals ein kräftiger Aufwind auf Endanflughöhe. Deborah erkundigt sich hin und wieder, wie lange die Kreiserei denn noch gehe…? Aber insgesamt hält sie sich super-tapfer. Auch in der letzten, etwas spannenderen Stunde mit allerhand Unwägbarkeiten wie etwa einer Landung irgendwo auf einem Flugplatz. Sowas möchte sie dann schon lieber nicht.

Unseren Gspänli geht es teilweise so. Renato muss in Raron übernachten. Markus und Roland sind für den Ausflug ins Mattertal mit einer nicht ganz einfachen Heimreise ‚gestraft’ worden. Martin und Tizian kommen sozusagen unter dem Gewitter erstaunlich problemlos in die Surselva. Wäre also etwas später auch noch gegangen.

Liegend auf den Speer.

Wir ziehen den Duo durch die Urner Alpen ins Brunnital, ganz knapp hinter den Kreten der Schächentaler Windgällen. Da spüren wir dann den Südwest ziemlich gut, den Duo stellt’s gleich mehrmals auf die Nase. Deborah verträgt aber jetzt sogar sowas, sie hat sich an die grösste Achterbahn der Welt gewöhnt. Den Endanflug durch das Glarnerland und über den Federi- und Speer-Spitz findet sie einen speziellen Genuss. Auf den Speer musste sie letztes Jahr mit der Schulklasse hinaufsteigen. Da ist Segelfliegen doch erheblich bequemer.

Wir beschliessen unseren schönen gemeinsamen ersten Rundflug bei einem guten Coupe auf Wolfgangs Terrasse. War eine flotte Reise ins Unterwallis. Vielleicht wird ja noch einmal mehr draus?

Link auf’s Foto-Album.
Die technischen Daten des Fluges.