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Alpenklassiker im Nordwestwind – ein Bein 0.2% zu kurz

Montag, 22. Mai 2017 – Tour zu den schönsten Alpengipfeln.

Das Matterhorn, fotografiert aus einem starken Aufwind direkt über dem ‚falschen‘ Wendeort Gornergrat.

Die Segelflug-Reise zum Ortler und ans Matterhorn ist einer meiner bevorzugten Alpenflüge. Diesmal habe ich es bei der Flugeingabe etwas zu eilig und plaziere einen der Wendepunkte für ein aritmethisch sauber gerechnetes 28%-FAI-Dreieck eine Spur daneben. Eigentlich müsst man ja nur den Wendepunkt in die FAI-Flächen legen – wenn man sie denn auf dem PC-Display erkennen kann. Das ist aber auch weiterhum das einzige ‚Problem‘. Sonst gehts wirklich nur um’s fliegen. Endlich habe ich mich einmal von meinen elend langsamen Durchschnittsgeschwindigkeiten ein wenig gelöst. Das nächste Mal versuche ich, den Flug einmal im dreistelligen Bereich zu umrunden. Also nicht weiter oder länger, sondern etwas schneller!

Der Nationalpark am Ofenpass präsentiert sich heute in traumhafter segelfliegerischer Optik. Der Ortler ist am rechten Bildrand an seiner Schneekuppe zu erkennen.

Heraus gekommen ist an diesem Tag ein herrlicher Flug über einer schneereichen Frühlingslandschaft. Im Wallis häckselt ein zackiger Nordwest alle Aufwinde quer durch. Damit mache ich in den Matter Tälern seltsame Erfahrungen. Die steilen Klüfte sind an diesem Nachmittag alle ungewohnt parallel angeströmt. Gut, ist da etwas Wasser in den Flächen, die Schüttlerei fühlt sich an wie ein Föhnflug. ‚Cinqueächzt und giiret jedenfalls durch alle Böen. Im nächsten Winter muss ich wohl bei der Liegewanne einmal einen Ölwechsel machen.

Einmal mehr fühle ich mich auf dem entspannten Heimweg glücklich und privilegiert wie ein Schneekönig. Was für ein tolles Erlebnis, diese beiden wunderschönen und doch gegensätzlichen Alpengipfel – der eine ein über und über mit Schnee und Gletschern bedeckter Kalkhaufen, der andere ein richtiger Walliser Granitzacken, an dem ausser ein paar dünnen Eisfeldern nichts kleben bleiben kann – an einem Nachmittag anzufliegen.

Den letzten Aufwind kann ich im Binntal (jaa… ich glaube es selber noch nicht so richtig) bis auf 3’800 m.ü.M. hinauf ausdrehen – und damit ohne irgendeine Unterbrechung – wie etwa der doofen Kreiserei in einem Aufwind – dem Strich nach zurück nach Hause pfeifen. Haah, soguet – und das erst noch alles mit McCready >2.5 oder einem Reiseflug-Speed von mehr als 140 km/h. Unglaublich, wie agil sich ‚Cinque‘ im hohen Alter bewegt 🙂

Hier sind alle Flugdetails von Rainer Roses Online Contest.

Auf der Flucht vor feuchtheisser Luft

Freitag, 24. Juni 2016: Ortler-Matterhorn

Nach einem ‚gefühlten‘ Monat mit monsunartigen Wetterverhältnissen schaltet die Meteorologie für zwei Tage auf ‚Hochsommer‘. Einen davon, den Freitag, 24. Juni, darf ich dank eines verständnisvollen Chefs im Segelflugzeug-Cockpit geniessen – was für ein Privileg: die schönsten Gipfel der Alpen aus dieser Perspektive und bei diesen Wetterverhältnissen zu erleben. Darunter ist natürlich auch die bellavista – kürzlich nach einem bekannten Beatmungsgerät für Intensivmedizin umbenannt – naja, vielleicht war’s ja auch umgekehrt – aber das schliesse ich hier in mein Dankeschön an meinen neuen Arbeitgeber, der Hightech-Geräte dieses Namens herstellt, natürlich ein 🙂

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An Anfang zäh und tief.
Der Flug verläuft nur am Anfang und am Ende spektakulär. Es ist unglaublich zäh, um aus der feuchtheissen Luft in der Walensee-Region hoch genug hinauszukommen, um im Prättigau Anschluss an die trockenere Luftmasse und die etwas hochbasigere Thermik zu finden. Die Windverhältnisse bleiben mir lange ein Rätsel. Eine Luftströmung aus östlicher Richtung macht es schwierig, die Aufwinde sauber zu erwischen. Die Thermik ist trotz weit ausladender Kondensation häufig sehr eng – ich bekomme meinen Segelflieger, den ich optimistisch mit Wasser gefüllt habe, nicht immer sauber in die Aufwinde und komme anfangs nur langsam und vor allem eine Etage zu tief voran.

Am übelsten ist der Einstieg ins Unterengadin. Die bekannten, trichterförmigen Südflanken der Nuna bei Zernez – wo heute eine Open-Air-Konzertveranstaltung stattfindet, trägt zwar nahe am Hang, aber die Thermik setzt jeweils ruckartig und nur unregelmässig, dafür heftig ein, die Fahrt-Zu- und Abnahme ist gefährlich. So setze ich einfach den Hängen nach weiter ostwärts, um an einer kegelförmigen, etwas tiefer gelegenen Stelle nicht nur am Hang Achten fliegen zu müssen, sondern vor dem Hang an einer ungefährlicheren Stelle sauber in die Thermik eindrehen zu können. Mit etwas Geduld grabe ich tief über der herrlichen Landschaft des Nationalparks endlich einen ruppigen, aber kräftigen Aufwind aus und kann meinen Segelflieger endlich eine Etage höher hinauf zirkeln. Bei jedem Kreis spüre ich die Ränder des Aufwindes, manchmal gerate ich auch darüber hinaus in kräftiges Fallen. Die Luft fühlt sich etwas ‚gummiger‚ an, als die einigermassen knackige Temperatursonde voraussah.IMG_3467

Vor den Schneeflanken des Ortlers wende ich – das Wallis ist schliesslich auch noch auf der heutigen Menukarte – vor allem das Matterhorn. Die Reise dahin verläuft komfortabel und hoch, durch die aufkochenden Luftmassen in der Region Savognin, dann über die Tessiner Alpen direkt an den Nufenen und ohne Kreis weiter über Binntal, Simplon zum Eingang des Vispertales. Die Wetteroptik ist herrlich. Hohe, breite Cumulus, keine Gewittertendenz, glasklare Luft und gute Steigwerte.

Ein brachialer Aufwind – von ganz unten heraus
Vor dem Weissmies erwische ich einen der starken Aufwind von ganz unten heraus und klettere mit dem Variometer am Anschlag auf die hier erlaubte Höhe von 3’900 M.ü.M. hinauf. Vor mir wird der Fächer der gigantischen Gipfelkulisse rund um Saas Fee und Zermatt ausgebreitet. Es ist einfach unglaublich schön hier oben. In der Ferne in Richtung meines Zieles Matterhorn lockt ein einsamer, isolierter Cumulus – es muss jener über dem starken Aufwind aus den Granitflanken der Westseite der Mischabelgruppe bei Täsch sein.

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Über dem Dom – und theoretisch zuhause.
Er trägt mich weit über den Dom hinauf – eigentlich bin ich jetzt mathematisch betrachtet hier bereits wieder zuhause. Diese Höhe würde reichen, um ohne einen Kreis mit meinem Segler nach Schänis zu gleiten, das ca. 120 km von hier entfernt ist. Aber eben nur mathematisch betrachtet – dazwischen liegen noch die Furka und später der Klausen-, Kisten- oder Panixerpass – je nachdem, über welchen Pass ich am Ende des Fluges ins Glarnerland hineinkomme, in dem die feuchtheisse Luft seit Stunden hochkocht und alle Schlupflöcher zurück nach Schänis zustopft.

‚Aussen herum‘ ist auf jeden Fall entscheidend viel weiter und damit schwieriger – egal, ob man das über das ebenfalls im Dampf versinkende Mittelland oder über die Surselva und den Walensee unter die Flügel nimmt.

Die Strategie ist deshalb klar. Ich nehme im Wallis alles an Höhe mit, was ich kriegen kann und strecke die soweit nach Osten, wie es geht. Funktioniert einwandfrei. Das Urserental zieht aus komfortabler Höhe unter meinem Rumpf durch, die Surselva erreiche ich problemlos hoch, wenn das Glarnerland nicht komplett zugestaut ist, werde ich mich einfach irgendwo in eine Lücke fallen lassen und unter die Wolkendecke schlüpfen.

Unter die feuchtheisse Decke ins Dampfbad schlüpfen
Das klappt schon an der ersten möglichen Stelle – am Kistenpass, wo ich einigermassen durch die Wolkenlücken hindurch hellere Stellen dahinter erkennen kann. So gleite ich in absolut ruhiger Luft durch das Glarnerland hinaus nach Rapperswil, begleitet von überall aufschiessenden Cumulus. Eine gehörige Hypothek, wie sich abends herausstellt. In einigen Regionen gehen heftige Gewitter mit Hagelkörnern gross wie Pingpong-Bälle nieder.

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Mein Anhänger-Nachbar Peter Gassmann und ich bringen aber unsere Kunststoff-Vögel trocken in den Hänger. Kurz, bevor die ersten Tropfen niedergehen und später während mehr als einer Stunde ein Gewittersturm unsere Stammtischrunde in der Flugplatzbeiz durächuuttet. Aber mit genügend Schaum auf dem Bier und einem oder vielleicht zwei Appenzellern ist auch das problemlos auszuhalten.

Ein herrlicher Flugtag – und noch immer: was für ein tolles Hobby!
Das ist die Foto-Galerie – und das hier sind die OLC-Flugdetails.

Und das sind die Wettervorhersagen zu diesem Flug:Payerne_Sonde Thermals

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Andi in der Thermik

Unterwegs mit meinem neuen Flugzeugpartner Andi Hirlinger
in der Bilderbuch-Thermik über den Ostalpen.

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Manchmal hat man mit dem Segelflugwetter einfach Glück und erwischt ohne grosse Wetter-Analysen auch mal einen Bilderbuch-Thermik-Tag mit ebenso runden wie anständig tragenden Aufwinden, wenig Wind und einer unglaublichen Fernsicht im gleissend hellen Frühlings-Licht über den noch tief verschneiten Alpen.

So einen Tag haben wir am Freitag, 11. April 2014 erwischt. Am Vortag war ich noch mit Martial Moret und Simon Waddell aus Bex den ganzen Tag im Arcus M auf einer Typen-Einweisung unterwegs und die letzte, etwas längere Platzrunde in die Glarner Alpen war mit starken Aufwinden von über 4 m/sec. durchsetzt (das Vario ist nicht defekt, Sauerstoffmangel kann es auch nicht gewesen sein). Nach so starker Abendthermik müsste es am anderen Tag ohne Veränderung der Luftmasse ja auch gut fliegbar sein. Mehr habe ich mir zur Flugvorbereitung am kommenden Morgen eigentlich nicht überlegt.

Go, Andi, go…
Da Andi Erfahrung im Umgang mit Wölbklappen-Fliegern gewinnen will, können wir heute einen der luxuriösen Arcus T der SG Lägern benutzen. Wir haben ein einfaches Ziel: schnell und möglichst weit im guten Wetter fliegen. Das hat zur Folge, dass ich meinen neuen Partner vom hinteren Sitz aus anfangs etwas pushe und sicher für etwas Stress bei den Entscheidungen sorge. Eine Vorfluggeschwindigkeit unter 130 km/h ist eigentlich verboten. Und wir einigen uns auf einen Mac Cready-Wert von 1.0 m/sec. für die erste Phase des Fluges. Steigen soll nur ausgekreist werden, wenn es stärker als 2 m/sec. ist. Nicht schlecht für den Anfang – die äusseren Bedingungen lassen das heute aber auch zu – zuviel Kreisen wäre bei den starken Verhältnissen vergeudete Zeit. Wir kommen auf der Standard-Route nach Osten zuverlässig und im komfortabelsten oberen Höhenband zwischen 2’500 und 3’000 M.ü.M. voran wie ein Schweizer Postauto. Wibke Apholt begleitet uns in einer ASG-29 der SG Lägern bis hinaus nach Landeck. Sie steuert die schnelle 18-Meter-Maschine akkurat mit feiner Zahnärztinnen-Hand durch die starke Thermik.

Baumschulen – meine Lieblinge.
Was sich auch deutlich zeigt, sind die Vorteile der sogenannten ‚Baumschulen’. Andi wird’s kaum mehr hören können, aber über dem lockeren Baumbestand steigen aus den trockenen Wäldern im Frühling einfach die stärksten Aufwinde nach oben. Die warme Luft sammelt sich in den lockeren, geschützten Baumbeständen, bis bei der heutigen Labilität eine ausreichende Menge mit enormer Kraft wegsteigt. Es ist eine Freude, darüber einzudrehen, einen Augenblick zu warten, um mit einem kräftigen Ruderschlag den Arcus in eine stabile Kurve zu drehen, um gleich beim ersten Kreis rundherum Steigen auf dem Vario zu haben – und danach bei einer satten Querlage nur noch am Knüppel das Steigen wegziehen zu können.

Nur Masochisten fliegen weiter ostwärts.
Über dem Parseier machen wir in einem starken Aufwind eine kleine strategische Auslegeordnung. Dem Inntal nach Osten zu folgen, ist zwar möglich, die Luftfeuchtigkeit aber deutlich höher, die auseinanderlaufende Wolkenbasis sinkt deutlich unter die Kreten. Da muss man heute hinfliegen wollen.

In alle anderen Himmelsrichtungen ist die Segelflug-Optik villschüüner. Trotz des vielen Schnees in den Alpen präsentiert Petrus heute einen paradiesischen Segelflieger-Himmel. Da wollen wir ausnahmsweise heute hin und reisen wie ein Motorflugzeug zum Reschenpass (da haben die Landschaftsgärtner auf der Ostseite gleich mehrere Baumschul-Plantagen angelegt) und von da zügig weiter bis an den Ortler. Die Aufwinde, die hier bis etwa 3’400 M.ü.M. reichen, sind wunderbar, zuverlässig und stark. Allerdings laufen die Wolken hinter uns etwas auseinander und bedecken aus der Distanz betrachtet mehr als die Hälfte der Erdoberfläche mit Schatten.

Eine Idee, die wir kurz diskutieren, ist, den Ortler auf der Südostseite zu umrunden, um via Santa Caterina und Bormio sowie das Veltlin im leichten Nordwind auf der Alpensüdseite schnell westwärts voran zu kommen. Beim Sprung auf die Südseite reisst man allerdings immer ‚eine Brücke’ nieder, manchmal ist es nur mit Schwierigkeiten möglich, gegen den leichten Nordwind und mit dem vielen Schnee die lange Strecke über dem Hauptalpenkamm beispielsweise über den Splügenpass wieder zurück auf die Nordseite zu kommen. Meistens endet das Abenteuer tief in einem verschneiten Hochalpental und man kämpft sich knapp über Boden in engen Aufwinden wieder auf vernünftige Arbeitshöhen hinauf. Eigentlich will ich heute aber keine Tiefflug-Übungen veranstalten, sondern lieber den Flug sicher, komfortabel und stressfrei gestalten. Das Veltlin läuft uns ja wahrscheinlich vorläufig noch nicht weg.

Regionalzug statt Express-Lift.
Bei Trafoi und im Tal von Sulden auf der Ostseite des tief verschneiten Ortlers stellen wir fest, dass der hier noch weit in die Täler liegende Schnee die Thermik halbiert, wenn nicht sogar drittelt. Den Aufwinden fehlt im Vergleich zu den vorherigen im Vinschgau die Kraft, sie tragen zwar grossflächig ein wenig, aber man muss Geduld haben, um entscheidend Höhe zu gewinnen. Eigentlich hätten wir besser über dem Vinschgau jeden Meter im Express-Lift nach oben mitgenommen, statt hier im Regionalzug mitzubummeln. Da wir eigentlich auch noch einen Blick auf Andermatt oder möglicherweise sogar ins Wallis werfen wollen, wählen wir die einfachere Variante und legen den weiteren Weg durch das Münstertal und den Nationalpark. Immerhin eine der schönsten Gegenden Europas. Und die Region feiert dieses Jahr das 100-Jahr-Jubiläum des grössten und schönsten Schweizer Naturschutzgebietes.

Schnee bremst.
Sobald wir wieder über den aperen Tälern sind, klettern die Steigwerte wieder auf sattere Werte. Rasch passieren wir das Engadin und reisen komfortabel via Davos ins Vorderrheintal. Bis hinauf nach Sedrun bleiben die Aufwinde stark, je näher wir dem Oberalp kommen, umso schwächer wird das Steigen, obwohl noch immer schöne satte Cumuli am Himmel hängen. Ich habe auf dem hinteren Sitz gut reden: ohne selber zu knüppeln, spürt man die immer schwächer werdende Thermik halt auch nur per ‚Fernbedienung’. Letztlich kann ich unter der letzen Wolke über Sedrun und vor einem 40-km-Loch bis an die Furka auch nicht mehr Steigen herauspressen als Andi, obwohl ich alle Füdlebagge zusammenklemme und alles durchprobiere.

So entschliessen wir uns für einen gemütlichen Heimflug durch das Reusstal, Schächental, via die Mythen und den Zugerberg nach Schänis. Dort bewundern wir aus komfortabler Endanflughöhe einen 15-Meter-Segler tief über Zug, später auch noch tief über dem Zugerberg. Noch später schleicht er den Hängen nach an den Rossberg. Es ist Martin Bühlmann, der da den Voralpen entlang aus den Fribourger Voralpen zurück nach Schänis fliegt und hier mit seiner ausgezeichneten Thermik-Nase den entscheidenden abendlichen Aufwind für den sorglosen Heimflug nach Schänis aufspürt.

Ein wunderbarer und unerwartet guter Segelflugtag geht damit zu Ende. Das war ein geschenkter Super-Frühlings-Flugtag!

Link zu den OLC-Flugdaten.
Link zur Foto-Galerie.

Der schönste Alpen-Klassiker (Ortler-Matterhorn) andersrum und im Gruppetto *)

20.08.2011. Eine Hitzeperiode sorgt dieses Jahr in der zweiten August-Hälfte für spannende Segelflugbedingungen. Ab Vinon werden in der Woche nach unseren Ferien bei 36° C Bodentemperatur fast täglich Flüge in die Schweizer Alpen geflogen. Im Büro kann ich es inmitten des grössten Ölpreis- und Bestellungs-Puffs seit Jahren deshalb kaum erwarten, am Wochenende einen dieser geschenkten Tage nochmals für einen schönen Alpenflug und würdigen Saisonschluss zu packen.

Foto von einem (anderen) Flug im Frühling an den Ortler.

Ideal scheint mir dafür mein favorisierte Alpenklassiker (Ortler-Matterhorn). Aber diesmal wegen des schwierigen Abfluges in der stabilen Sommerluft in der Linthebene mit dem ersten Wendepunkt Zermatt und dem zweiten im Vinschgau. So kann man hoch aus den Glarner Alpen auf dem Schenkel des Dreieckes starten und kommt überhaupt auf die Rennbahn ins Bündner Oberland. Das geht meist besser als ein Abflug ins Prättigau, weil da morgens die Luft kaum Bewegung zeigt man in der Rheintaler Suppe untergeht. Die Kunst ist bei diesen Flügen jeweils, abends den dritten Wendepunkt in der Linthebene noch hoch aus dem Bündner Alpen erreichen und das Dreieck beim Abflugpunkt in Mollis schliessen zu können. Aber auf diesen spannenden Teil komme ich noch zurück.

Der schönste Zacken der Welt (Foto Martin Haller).

Das Gruppetto

Vor dem Start entschliessen sich Roland Hürlimann, Peter Schmid und Mario Straub spontan, die Aufgabe mitzufliegen. So starten wir kurz nacheinander um 11.00 Uhr und finden im Sernftal die ersten, zuverlässigen Aufwinde. Ich entscheide mich für die vermeintliche Direttissima und fahre am Kärpf unter den Kreten ein. Und komme nicht sauber weg. Der Aufwind ist vom starken Westwind um und hinter die Kreten umgelenkt und kaum zu zentrieren, bzw. nur über den Kreten in einem schmalen Band drin überhaupt nutzbar. Kreisen ist ausgeschlossen und viel zu gefährlich. Heinz Brem schiesst mir durch den Kopf: Am Charbonnel hat er mal während einer längeren Übung treffend bemerkt, „man sollte die im Geradeausflug gewonnene Höhe möglichst nicht beim Wenden wieder vernichten…“

Zuwenig Geduld

Mit geringstmöglicher Marge falle ich deshalb bei der Hausstock-Krete ins Bündner Oberland und kann endlich beim Panixer-Stausee tief einen ersten Aufwind packen, der mich auf eine vernünftigere Höhe hebt. Ab da geht’s wie mit dem Postauto. Zuverlässig alles der Nordkrete entlang über Oberalp und Furka bis ans Eggishorn. In dieser Phase wäre Wasser in den Flügeln schön gewesen. An der Furka hängen die Gleitschirme im Dutzend über den Hängen, man muss extrem aufpassen, keinen aufzuladen.

Roland auf Tauchstation

Beim Eggishorn wechsle ich die Talseite an den Simplon und taste mich nach einem Funkspruch von Roland Hürlimann vorsichtig am Weissmies vorbei ins Mattertal. Um diese Zeit kommt man hier in der Gegend offenbar noch nicht besonders hoch und Roland muss bis auf 2’300 Meter hinunter und in Stalden eine Ausgrabungs-Aktion starten, um überhaupt in der Luft zu bleiben. Er hat beim tiefen Einflug in die Chrächen des Mattertales nichts Aufwindiges mehr gefunden. Also bleiben wir dank dieser Warnung alle hoch und erklimmen am Gornergrat nachmittags um zwei Face-to-face mit dem schönsten Zacken der Welt die Maximalhöhe von fast 4’000 Metern, um in der Direttissima ins Binntal zurück zu sausen. Es ist einfach unglaublich, durch welche wunderschöne Landschaft wir ab Schänis immer wieder fliegen können.

Wechselndes Glück

Im Binntal holt mich der Peter Schmid in der ASG 29 ein. Bis zum Pizzo Scopi beim Lukmanier fliegen wir zusammen, dort erwischt er allerdings einen Aufwind sofort und steigt mir in der ASG-29 sauber davon. Es sollte bis an die zweite Wende dauern, bis ich ihn wieder einholen kann. In den Tessiner Nordalpen komme ich nach dem schnellen Vorfliegen der letzten zwei Stunden zeitweise kaum mehr vom Fleck. Ich bin offenbar zuweit südlich und damit im Einflussberich der stabileren Luft aus Süden unterwegs. Ähnliche Effekte kann man auch am Mont Cenis oder beim Col du Montgenèvre beobachten. Roland, der das Vorderrheintal hinunter flitzt, ist schneller, hat die stärkeren Aufwind und fliegt mir auf und davon. Er ist als erster im Vinschgau. Dazwischen durchfliegen wir aber über dem Engadin einer nach dem andern traumhafte Bedingungen und eine unvergleichliche Landschaft. Die Wolken hängen in der richtigen Dosis am Himmel. Und sie tragen teilweise mit traumhaften Steigwerten von bis zu fünf Metern (Peter Schmid am Piz d’Err) auf nahezu 4’000 Meter hinauf.

Das Engadin hat Karies.

Südlich des Piz Quattervals, über dem Stausee von Livigno, finde ich über einer Mondlandschaft einen Aufwind, da löst es mir mal wieder fast die Schuhbändel. Eindrehen über dem Gipfel, der aussieht wie ein braungelber, ocker und schwarz gefärbter Backenzahn mit extremer Karies, hochziehen, Klappen schön langsam rückwärts fahren, eindrehen, am Storzä ziäh – und vier Meter konstantes Steigen auf dem Vario. Jiijjhhhaaaaaa – so macht dieser Sport auch nach 30 Jahren immer wieder unglaublichen Spass… Und die Optik nach Südosten sieht einigermassen amächelig aus. Die Hoffnung wächst, jetzt auch noch Tabland zu erreichen. Auch wenn es schon vier Uhr nachmittags und Ende August ist. Die Zuversicht wächst, auch wenn die Wolken im Vinschgau schon etwas verhudlet aussehen.

Kniffliger dritter Schenkel.

Die Kunst ist nun, am Ortler mit seiner hohen Basis so hoch zu steigen, dass man den Gleitflug in die tote Luft bis beinahe nach Meran hinunter schafft und nach 40 bis 50 km Gleitflug doch noch so hoch zurückkommt, dass man im Tal von Prato oder auf der Nordseite des Vinschgau wieder Anschluss findet. Und damit zurück nach Schänis kommt. Dafür braucht man nur noch zwei Aufwinde. Jenen am Ortler und jenen an der Nuna bei Zernez. Rückholereien aus dieser Region gehören zu den gefürchteten, mehrtägigen Übungen, wenn man überhaupt irgendwo gescheit zu Boden kommt. Also am besten gar nicht nach unten sehen.

Mario im Elend und doch wieder zurück in Schänis.

Peter Schmid und Roland Hürlimann sind auf der Nordseite des Vinschgau nach Tabland geflogen und finden über den Reschenpass einen einwandfreien Weg, sauber aus dieser südtiroler Luft-Suppe herauszukommen. Mario Straub und ich fliegen direkt über den Ortler an die Wende. Ich selber komme sauber wie selten herum, Mario ist etwas später dran und zeigt bei Prato mal wieder, wie er kämpferisch und doch umsichtig mit Stress und schwachem Steigen am Abend im hintersten Winkel eines Alpentales sauber umgeht. Er kommt nach einer 30-Minuten-Übung im Schatten beim Ortler wieder auf Absprunghöhe und kann den Flug in seinem kleinen Discus mit viel Geduld und Coolness zu Ende fliegen – herzliche Gratulation – Super-Leistung!

Geometrieaufgaben am Schluss

Die letzte Herausforderung ist nun, im Engadin so hoch wie möglich zu klettern, über dem Prättigau so wenig Höhe wie möglich zu verlieren, Reichenburg zu umrunden und via Mollis, dem morgendlichen Abflugpunkt, das Dreieck schliessen zu können. Es wird bei mir ziemlich knapp. Ich fliege auf 3’000 Metern bei Klosters in die tote Flachlandluft. Einzig über dem Rhätikon und der Schesaplana kann ich die Höhe etwas strecken. Es zeichnet sich ab, dass ich zwar herumkommen werde, aber nicht, ohne den Höhenabzug von 1’000 Metern überdehnen zu müssen. Es ist nun komplett ruhig. Den Zylinder von Reichenburg durchfliege ich noch auf 1’400 Metern. Jetzt noch nach Mollis. Boaah, ist das weit dahin… Und wenn’s geht, würde ich danach gern noch nach Schänis zurückfliegen. Denn dort ist um 19.00 Uhr der Fluglehrer-Hock. Da sollte ich schon anwesend sein.

Am Kerenzer kann ich auf 1’000 Metern unten nochmals 200 Meter Sicherheitshöhe ausgraben, das Dreieck (zu tief) schliessen und Schänis danach problemlos erreichen. Glücklich klettere ich in der ungewöhnlichen Hitze abends um halb Sieben in Schänis aus dem Fliegerchen. Das war vielleicht ein spannender Husarenritt heute!

Loggerpuff.

Die Auswertung zeigt dann wieder einmal, dass der OLC mit dieser komplizierten Geometrie nicht auf Anhieb ein FAI-Dreieck zusammen bekommt (oder ich wieder mal irgend ein technisches Detail nicht korrekt beachtet habe). Das ist mir dieses Jahr beim exakt gleichen Flug (einfach anders herum) schon einmal passiert. Das tut zwar dem Vergnügen keinerlei Abbruch – aber ärgerlich ist das trotzdem.

Den Hammer in Sachen Auswertungs-Problemen liefert mein von der FAI homologierter Zander GP 941-Logger. Der zeichnet wie früher schon einmal einen Flug ab Vinon statt ab Schänis auf. Vinon war der letzte Startort in meinen Ferien. Und trotz zweifachen An- und Ausschaltens bekommt es das Gerät nach dem langen Strassentransport offenbar nicht gebacken, den korrekten Startort Schänis zu registrieren.

FAI-500er über dem Golfe du Lyon.

Was in diesem Fall zu einem weltweit einmaligen Flug ab Vinon führt. Mehrheitlich über den Golfe du Lyon bis fast nach Korsika, durch Marseille CTR und die Marinebasis Toulon hindurch und zurück nach Vinon. Was die Technik heute nicht alles möglich macht!

Das hier ist die korrekte Flug-Aufzeichnung von Pocket-Strepla.

und das macht (gelegentlich, immer nach einer längeren Verschiebung des Loggers am Boden) der Zander GP 941 daraus.

Und zum Schluss noch das zu diesem wunderbaren und unvergesslichen Flugtag im Gruppetto *) von Schänis passende Zitat von Federico Blatter:

„Wer will denn in den Himmel – wir sind doch schon im Paradies“.

*) Roland Hürlimann, Peter Schmid und Mario Straub.
Definition von „Gruppetto“:

Und das wären die Details des ganzen Fluges sowie hier noch die Wetter-Analysen dieses 20. August.

 

Der andere Klassiker: Ortler-Matterhorn.

Mittwoch, 25. Mai 2011. Noch morgens um sieben sitze ich grübelnd vor dem PC und zweifle, ob ich nach Hanspeter Geier’s Wetterprognose nicht doch gescheiter ins Büro fahren soll, obwohl ich heute extra um fünf Uhr aufgestanden bin, um meinen täglichen Bürokram und die oelpooler-Internetseite auch heute im Falle meiner Abwesenheit so aussehen zu lassen, als sei ich wie üblich an der Arbeit. Aufgrund der Prognose von ‚topmeteo.eu‘ entscheide ich mich aber doch für’s Fliegen und mache mich auf den Weg nach Schänis, während meine Brigitte heute (wieder einmal) das Geschäft alleine hütet.

Wie sich zeigen sollte, liegt Hanspeter heute ausnahmsweise einmal etwas daneben. Das reale Wetter hat deutlich mehr Feuchtigkeit und stärkeren Wind als er prognostiziert. Es ist dafür labiler als erwartet. Die Front, die auf den Nachmittag im Norden der Schweiz erwartet wird, scheint bis in die Alpen Einfluss zu nehmen. Vor allem der Wind wird mich heute noch mehr als mir lieb ist beschäftigen.

Geometrie-Aufgaben.

Franz Strahm hilft mir in aller Frühe beim Montieren und ich fülle den Flieger mit Wasser, als ob ein Bombentag bevorstünde. Der Abflugpunkt ist mit dem Flugplatz Schänis etwas mutig gewählt, die Wolkenfetzen hängen auf allen Höhen, grundsätzlich sind die untersten aber ziemlich tief. Es geht aber aus geometrischen Gründen nicht anders. Vor allem, weil ich der Auswerterei beim OLC mit dem ‚Start auf dem Schenkel‘ nicht recht traue, bzw. nicht weiss, wie man das am Ende genau deklariert. Die FAI will bei den Wendepunkte Sektoren. Der NSFW Zylinder. Schon das schliesst sich ja gegenseitig eigentlich aus. Wie soll das dann funktionieren, wenn dazwischen auch noch ein Zylinder (oder doch Sektoren) eingeflochten werden? Um dem aus dem Weg zu gehen, start ich eben direkt beim Start-Punkt direkt über dem Flugplatz Schänis. Eigentlich ganz einfach.

Beim Abflug in den Amdener Kessel merke ich dann aber, dass es unter, neben und über den Fetzen ganz ordentlich nach oben zieht. Wie im Lehrbuch kann ich über den Churfirsten etwas Höhe mitnehmen, um knapp ins Prättigau fallen zu können. Dort herrschen bereits etwas klarere Strukturen vor. Die Luft ist weniger feucht, die Basis höher, die Wolken haben etwas mehr Struktur. Der Weiterflug bis ins Engadin ist ein richtiger Genuss, die Luft steigt etwa dort, wo man es erwarten dürfte. Bis an den Ortler werden die Verhältnisse zusehends besser. Teilweise läuft das Variometer bis an den Anschlag und der Höhenmesser muss bei 3’900 Metern mit Gewalt und Weiterfliegen am Steigen in den kontrollierten Luftraum gehindert werden. Die erste Wende kann ich bei Tabland im Südtirol ohne grössere Knöpfe holen. Was auffällt, ist der recht zügige Nordwind, der über den Reschenpass an den Ortler und die Kreten östlich und westlich davon pfeift.

Zuviel Thermik, zuwenig Luftraum.

Den Rückweg gehe ich süferli an und versuche, bei Sulden am Ortler knapp über die Krete zu kommen. Die Vorsicht lohnt sich. Kaum komme ich in auf der ‚richtigen‘ Kreten-Seite in den Nordwind und an die Sonne, schüttelt sich die ASW-20. Das macht sie immer, wenn der Aufwind besonders stark ist. Diesmal klettert der Integrator gleich auf 5.6 Meter in der Sekunde. Hat man nicht alle Tage! Bis nach Cresta/Juf am Septimer geht das etwa so ähnlich weiter. Die Wolkenbasis ist über 4’000 Meter, man darf gar nicht alles mitnehmen, ohne den kontrollierten Luftraum anzukratzen. Die Aufwinde sind rund, gross, zuverlässig – wie man es gern immer hätte.

In den Bach gefallen.

Vom Septimer weg werden sie deutlich schwächer, die Basis liegt tiefer, es hat grössere Wolkenbänder am Himmel, welche das Gelände abschatten. Und der Wind macht sich zusehends bemerkbar, die Kreiserei wird anstrengender. So langsam bekomme ich den Krampf in den Oberschenkeln, weil ich bei jedem Kreis nachzentrieren muss, will ich die Querlage schön halten. Die Anspannung wird nicht kleiner, als ich im Val Canaria einen Fehlentscheid fälle und den schönen Leethermik-Wolken in der Leventina nachfliege. Wie immer, geht das dann richtig schief. Ich falle ‚hinter dem Gotthard‘ den Bach runter. Mit 2’500 Metern und einem etwas ratlosen Gesichtsausdruck kann ich mich gerade noch auf die Luvseite bei Realp im Urserental retten. Vielleicht wäre der mutige Schritt ins Valle Bedretto am Ende doch gescheiter gewesen? Dort hätten Sonne und Wind besser aufeinandergepasst. Stattdessen rette ich mich an einen rundlichen Granit-‚Hang‘ im Schatten. Hier steigt es nach einigen Versuchen ziemlich zuverlässig aber endlos langsam mit maximal 70 cm pro Sekunde. Einen Halbkreis lang drehe ich auch noch zu tief und mit dem Rückenwind zu langsam gegen den vermeintlich schon deutlich tiefer liegenden Hang. Der ist aber eben ziemlich flach und ansteigend und mein schwerer Flieger mit dem Wasser drin plötzlich auch zuwenig wendig. Mir wird kalt und warm. Völlig unterschätzt habe ich diese Lage, das könnte bei mehr Wind ins Auge gehen – was mich sofort wachrüttelt. Viel zu gefährlich, diese Fliegerei. Und so komme ich sowieso überhaupt gar nie nach Zermatt!

Wo ich schon immer mal hinwollte: ins Wittenwasser-Tal.

Wenigstens habe ich nun etwas Zeit zum nachdenken. Weiter zur Furka hin hängt ein hoher Cumulus-Fetzen etwa zehn Stockwerke höher. Der rotiert zwar und zerfällt immer wieder. Aber er bildet sich auch immer wieder von Neuem. Also nichts wie hin. Ich schlittere den Kreten entlang nach Westen. Tief am Boden. Aber in konstantem Steigen. Ob ich das Wasser ablassen soll? Nix da, später werde ich bei diesem Wind sicher noch froh sein drum. So wurschtle ich mich mit Hangachten hoch genug, dass ich irgendwann mitten im engen Tal südöstlich der Furka einen schwachen Aufwind zentrieren kann, der mich wieder auf Höhenwerte trägt, die mit einer drei vorne beginnen. Hier oben sehe ich auch endlich wieder mal sauber über die Kreten ins Wallis. Viel Feuchtigkeit. Überall tief hängende Wolken, wenig Strukturen. Aber hinten im Binntal hängen hoch oben die grossen Blumenkohle. Also sofort dahin! Schlimmstenfalls schleppt mich aus Raron sicher wieder jemand mit einem Propeller vorne dran nach Hause!

Die Sache mit dem Zentrieren.

Logischerweise komme ich nun auch im Binntal wieder nur knapp über den Kreten an, kann aber hier wenigstens sofort brauchbare Thermik zentrieren, die mich mit etwas Geduld wieder auf eine normale Arbeitshöhe hinaufbugsiert. Mit mir klettert eine DG nach oben, deren Pilot das zu meinem Ärger wesentlich besser macht als ich. Dass ich mit meinem schweren Flieger nicht so schnell steige, vergesse ich kurzfristig – oder es tröstet mich über meine Unfähigkeit, unter diesen auseinanderlaufenden Cumulüssern ein gutes Steig-Zentrum zu finden. Das konnte ich nämlich noch gar nie so gut wie die andern.

Der Rest ist wieder pures Vergnügen. Die Strecke ins Mattertal ist verziert von 3/8 hoch hängenden, schönen, runden Cumulus mit einem schwarzen Boden. Darunter steigt mein Fliegerchen auch wieder wunderbar. Die Wende bei Täsch kann ich dank etwas Geduld beim Höhe tanken im ‚Steinbruch‘ (dem sagen sie hier ‚Skigebiet‘) bei Grächen problemlos abholen. Tief ins Mattertal zu fliegen, war noch nie eine gute Idee. Die steilen Felsen sind erstklassige Schüttelbecher mit völlig unzentrierbarer Thermik, die daraus in engen Aufwind-Zonen turbulent emporschiesst. Weiter oben kann man dafür im Westwind sogar den Eisbrüchen der Allalin-Gruppe entlang segeln. Wunderbare Szenerie! Früher bin ich hier noch zu Fuss hochgeschuftet – da ist doch unsere liegende Sportart schon erheblich eleganter und komfortabler. Eigentlich ist diese Fussgängerei sowieso eine furchtbar primitive Art der Fortbewegung.

Im Urserental helfen die Mauersegler aus.

Der Weg nach Hause beginnt mit einer Abflughöhe von 3’900 Metern am Weissmies schon mal prächtig. Hier treffe ich um Viertel vor Fünf auch noch auf eine ASW-22 aus Fayence. Die hat noch einen weiten Weg nach Hause! Mit meiner Höhe gleite ich vom Saaser Tal bis an den Gemsstock bei Andermatt, wo ich auf 3’000 Metern in den weissen Tüchern, die hier plötzlich unter allen Kreten hängen, einfahre. Dem Mario Straub ist es hier auch nicht so besonders gut gegangen, er ist ins Urnerland geflüchtet und bastelt sich auf 1’500 Meter bei Flüelen, tüchtig und hartnäckig wie er ist, im Talwindsystem an einem Hand wieder nach oben auf Anflughöhe zum Pragelpass. ‚Super, Mario‘ – entfährt mir da spontan ein Funk-Spruch.

Im Augenwinkel sehe ich südlich des Oberalp-Passes ein paar Mauersegler umherschiessen, bevor ich über die Krete ins Bündner Oberland fliegen will. Aufgrund von Marios Situation und der etwas strukturierter dreinschauenden Wetteroptik entscheide ich mich für den Heimflug via Oberland, auch wenn der Nordwest gehörige Leefelder produzieren wird. Der Vorteil dieser Variante ist, dass die Fluchtmöglichkeit nach Chur (Bad Ragaz) offen bleibt, wenn sie auch sehr zeitaufwendig wäre. Den besagten Mauerseglern folge ich spontan und reisse die ASW herum. Das Vario beginnt erstaunlich zuverlässig nach oben zu klettern. Unter, neben und über mir kondensiert die Luftfeuchtigkeit überall. Wie in einer grossen Glocke steige ich rasch weiter um die Fetzen herum und komme bis auf 3’400 Meter hinauf. Das würde nun sogar knapp über den Klausen reichen, wenn man überhaupt da noch durchfliegen kann und nicht bereits Schauer niedergehen. Ich bleibe deshalb bei meinem ursprünglichen, optionsreicheren Plan und ziele nach einem langen Gleitflug über der Mitte des Tales bis Sedrun auf einen Leethermik-Cumulus westlich des Val Russeins. Es geht nun wie erwartet wieder mal gehörig den Bach runter. Vier, fünf Meter pro Sekunde über längere Zeit. So geht das dann aber nicht lange weiter und ich stehe irgendwo am Boden.

Noch mehr Turnübungen, aber die Thermik kommt immer von ganz unten.

Ich flüchte knapp über die Granitzacken ins schroffe Val Russein an die Sonne. Und hier müssten mindestens Teile des Westwindes aufprallen und nach oben steigen. Kommt aber drauf an, wie hoch man ist, tief unten kann diese Situation auch dazu führen, dass die Luft parallel zum angestrahlten Hang stark absinkt. Hier scheint irgendwas dazwischen stattzufinden. Der Flieger steigt zwar langsam, aber diese Fliegerei knapp an der Krete löst bei mir fast schon Fieberschübe aus. Also erst mal weg mit dem Wasser. Sofort wird der Steigwert besser, ich komme über die Krete. Das reicht nun immerhin, um hinten im Val Punteglias meinen heiss geliebten Lawinenverbauungs-Aufwind anzufliegen. Der kommt meist zuverlässig aus einem hochliegenden Granit-Feld in einer Geländemulde. Auch heute rettet er mich und greift mir im letzten Moment unter die Flügel. Gaaaannnnz knapp über dem Boden packt er mich und trägt mich kräftig mit über vier Metern pro Sekunde nach oben. Nicht zu glauben! Die Thermik kommt aber immer von ganz unten, hat der Ruedi Stüssi schon früher immer gesagt.

Die eine Hälfte des Aufwindfeldes nahe am Bifertenstock ist bei jedem Kreis deutlich schwächer, ich bekomme es aber wegen der Turbulenzen nicht auf die Reihe, nur noch in der andern Hälfte aufzudrehen, auch wenn ich mit hoher Querlage kreise. Letztlich schiesst mich dieser letzte Aufwind, den ich noch brauchte, weit über die Krete hinauf. Das öffnet den Blick über den Kistenpass ins wolkenverhangene Glarnerland. Es hat zum Glück grosse Lücken in den weissen Wattebäuschen, ich zirkle also problemlos zwischendurch an der Baustelle von Linthal 2015 vorbei – jetzt aber ab nach Hause!

Surfen an den Nordseiten.

Zum ‚Auslaufen‘ gleite ich noch im Westwind den Hängen der Churfirsten und des Falknis entlang nach Osten. Der Nordwind hat vor allem im Rheintal erstaunliche Stärke angenommen. Am Falknis stauen auf der Nordseite die Wolken, laufen weit und schwarz auseinander. Darunter tragen die steilen Hänge der Schesaplana auf der Nordseite mit mehr als einem Meter konstant bis an den Lünersee. Hier hängt mir der Wolkensalat dann aber doch zu tief, ich drehe um und geniesse auf dem Heimweg nach Schänis die fantastischen Farben der untergehenden Sonne. Beat Straub hat sich noch am Arlberg auf 3’000 Meter in der ASG-29 gemeldet. Das müsste eigentlich für den Heimflug nach Schänis knapp reichen. Offenbar hat ihn dann noch der Nordwind irgendwo erwischt, jedenfalls macht er in Walenstadt eine Aussenlandung.

Nach fast acht Stunden Fliegerei lande ich ausgelaugt – aber total zufrieden in Schänis. Diesen tollen Flug wollte ich schon immer einmal machen. Wer kann schon aus eigener Kraft am gleichen Tag zum Ortler und zum schönsten Zacken der Welt (den haben die Zermatter ja eigentlich gar nicht verdient) fliegen?

Hier noch der übliche Link auf die Auf’s und Ab’s des Fluges im Detail.

Viereckige Thermik am Ortler.

Gegenüber den Vortagen ist der Sonntag, 10. April, für Segelflieger-Bedürfnisse deutlich besser. ‚Labilere‘ Schichtung, etwas weniger ausgeprägter Nordwind und volle Sonneneinstrahlung. Ausser im Süden, da liegt eine feuchte Schicht obendrin. Peter Schmid wünscht sich für heute einen Flug in ein Gebiet, wo wir noch nicht so oft waren. Also versuchen wir ein Dreieck mit den Wenden Prato (beim Ortler) und Domodossola (am Simplon). Programmieren ist inzwischen keine Geschichte mehr, das Vorhaben zu fliegen ist etwas anderes. Wir sind uns zwar einig, dass es heute einfacher wäre, der Rennbahn nach Osten zu folgen, trotzdem überwiegt die Suche nach einem spannenderen Erlebnis.

Keine Thermik-Tricks.

Wir kommen über die Glarner Alpen im Vergleich zu den Vortagen sehr gut weg. Es rüttelt und schüttelt überall ein bisschen. Peter manövriert uns über das Weisstannental und die Südseite des Vilans im Prättigau auf Streckenflughöhe. Diesmal scheinen die Aufwinde dort zu sein, wo sie eigentlich hingehören.

Nach 40 Minuten fahren wir schon in Klosters ein, für diese Strecke haben wir in der letzten Woche im schlechtesten Fall auch schon drei Stunden gebraucht. Auch der Einflug ins Unterengadin über den Übergang bei den Plattenhörnern an die Verladestation Sagliains funktioniert einwandfrei. So stellt man sich heute Segelfliegen vor.

Die Freude währt indessen nur bis an den Ofenpass. Hier fegt wieder der Nordwind durch die Thermik. Das kennen wir ja schon. Ich verzweifle dennoch an meinem Job, hoch genug zu kommen, um Prato sauber zu erreichen und kämpfe mitten in den Tälern mit den turbulenten Aufwindfetzen, die sich nirgends recht zuordnen lassen. Mit viel Geduld und Hangsegeln auf der Südseite (im Schatten) der Täler klappt es dennoch irgendwann und wir sausen am Ende dennoch über Mustair nach Prato.

Bei der ersten Wende abgebrochen.

Aus diesem Tal (Trafoi) kommt der Gustavo Thöni. Das war früher ein Skistar, da lag sogar das Vreni Schneider fast noch in den Windeln. Hier fällen wir den Entscheid, angesichts der trüben Aussichten nach Süden, unsere Flugaufgabe aufzugeben und dorthin zu reisen, wo die Thermik am nettesten aussieht. Wie der OLC am andern Tag aber beweist, wäre es dennoch möglich gewesen, über die Bergamasker Alpen ins Tessin zu gelangen. Unseren Entscheid fällen wir deswegen so, weil der Himmel trüb von Cirren eingefärbt ist, weil keinerlei Anzeichen von Cumulusbildung erkennbar ist und wir erst noch gegen den Nordwind weit über die noch mit Schnee bedeckten Alpentäler nach Norden hätten zurückfliegen müssen. Das Aussenlanderisiko war uns zu hoch, insbesondere, weil wir beide anderntags im Büro sitzen müssen. Mit dem Arcus T wird uns das aber nicht mehr passieren.

Wie auch immer, über das Unterengadin zirkeln wir im Hangflug zurück nach Davos und geniessen den ungetrübten Sonnenschein, stark zunehmende Thermik und sogar die geliebten Cumulus, die sie jetzt an den Himmel gehängt haben.

Peter drückt den Deichsel nach vorn und wir fliegen, getreu unserem Motto, heute nur dort zu fliegen, wo wir sonst nicht so häufig sind, in Richtung Oberstdorf / Sonthofen ins Allgäu. Bis zur letzten Wolke, danach wenden wir und fliegen so schnell es geht, über das Lechtal und Vorarlberg wieder zurück. Peter will nach Hause, die Blase drücke leicht.

Mit dem Fallschirm auf die Toilette.

Letzteres nimmt auf dem Heimweg dann so zu, dass er nach der Landung fluchtartig hinter die Anhänger abtaucht. Und das lang ersehnte Geschäft abschliesst.

Mit diesem Flug, der am Ende sogar aussieht wie ein schönes Dreieck, geht unsere Ferienwoche in Schänis mit einem tollen und spannenden Flug zu Ende. Im HB-3416, dem wunderschönen Duo Discus der SG Lägern, sind wir diese Woche fast schon etwas ‚eingewachsen‘ – Peter allein ist damit sicher um die 30 Stunden herumkutschiert. Ich freue mich auf jeden Fall schon auf die nächste Ausgabe. Mal sehen, was im Frühling 2012 für wettertechnische Überraschungen auf uns warten.

Hier der Link auf alle Auf- und Abwinde.

Der Klassiker: Achensee-Ortler.

Schwer durchschaubares Regelwerk.

Freitag, 22. April 2011. Wenn man wie ich im NSFW ein paar Punkte sammeln will, bleibt nichts anderes übrig, als relativ phantasielose Flüge in sauberer geometrischer Gleichseitigkeit ins Gelände zu legen. Am vorteilhaftesten ist es dabei, das bestmögliche Fluggebiet ohne Durchhänger auszuwählen und dann darin wie ein Formel-1-Wagen so schnell wie möglich um die Ecken zu flitzen. Das belohnt die Auswertungs-Software dann mit einem Bonus von 30% für die geometrische Form. Und wenn man auch noch schnell war, rechnet sie einen Superbonus pro Stundenkilometer über einem bestimmten Wert, ich glaube, alles was grösser als 80 km/h ist, wird belohnt. Im besten Fall holt man auf diese Weise wesentlich mehr Punkte, als wenn man beispielsweise einen langen Geradeausflug macht. Dabei sind die Chancen, in thermisch schlechteres Gebiet einfliegen zu müssen, aber ja nicht geringer.

Geometrisches Zeichnen.

Wie auch immer, der Gründonnerstag war so ein Geometrie-Tag. Wie sich am Ende zeigte, waren mit dem Achensee und Prato beim Ortler die Wendepunkte tatsächlich nicht schlecht gewählt. Weiter nach Osten bis Saalfelden / Bischofshofen wäre zwar auch gut gegangen, aber die zusätzlich geflogene Strecke hätte wie beschrieben nicht in die gewünschte geometrische Form gepasst, weil dann der zweite Wendeort irgendwo am Gardasee hätte liegen müssen. Und da war doch erheblich feuchte Luft aus Süden an die Alpen gedrückt worden und die verfügbare Zeit im April ist für solche Weitschüsse dann definitiv zu kurz. Teilweise war diese feuchte Südluft auch über unserem Fluggebiet in den Nordalpen gut sichtbar. Trübe, feuchte, aber ausreichend labile Luft war bereits in die Täler geflossen.

Für einmal ist der ‚Bisen-Mixer‘ abgestellt.

Die 10 km Südwind haben dafür an den richtigen Stellen die Thermik verstärkt. Und hat alle, die in den vergangenen Wochen in diesem sagenhaften April in der dauernden Bisen-Lee-Thermik herumgeflogen sind, von der Schüttlerei mitten über den Tälern erlöst.

Meine ‚fliegende Antiquität’ war am Gründonnerstag mit 40 lt. zusätzlichem Gewicht in den Flächen aber in Hochform. Die ASW-20-B ist mit Wasserballast ein anderes Flugzeug. Es ist auch nach zwanzig Jahren, die wir schon miteinander durch die Luft sausen, das pure Vergnügen, den einzigartig wendigen Segler durch die Gipfel und Grate zu steuern. Bei diesem Flug lag der Anteil Geradeausflug bei 77% – für mich kein schlechter Wert für einen Thermikflug mit einem 15-Meter-Flieger. Im Föhn-/ Hangflug habe ich auch schon 89% zustande bekommen, aber das ist bekanntlich eine andere Fliegerei. Und es war auch ein anderes Flugzeug (ASG-29). Wenn ich da hineinsitzen darf, muss ich den optischen Gleitwinkel einen Viertel nach oben stellen.

Der ‚Autobahn‘ entlang.

Der Flug selber führte allen bekannten Thermiklinien entlang, sozusagen habe ich einfach die Ölspur der ‚Inntal-Autobahn’ etwas verbreitert. Schwierig war eigentlich nur der Übergang aus dem Inntal mit einer eigentlich etwas tiefen Basis um die 3’100 Meter gegen den Südwind ins Vinschgau. Auch dort lag die Wolkenbasis nicht sehr hoch und der Südwind hat die Thermik etwas verschoben. Bei 3’500 Metern war definitiv fertig lustig. Die Wende konnte ich aber trotzdem vor der Ortler-Nordwand knapp über dem Gelände sogar noch im Steigen umrunden. Einen Kilometer weiter südlich wäre der Wendepunkt nicht zu holen gewesen, weil er ‚im’ Ortler gelegen hätte. Knapp aber zielführend gewählt. Mit dem leichten Rückenwind und meinem Wasserbomber war der Rückflug in heimischeres Gelände dann eine kurze Geschichte. Die ASW findet aus dem Münstertal mit 3’500 Metern tatsächlich automatisch und problemlos den Heimweg nach Schänis. Unglaublich, was in dem Segler noch heute für ein Leistungspotenzial drinsteckt.

Fazit:

Toller Flug. Tolle Steigwerte. Zuverlässige Thermik. Rassige Fliegerei. Und ein fantastischer April (ich kann mich an keinen vergleichbaren erinnern).

Hier noch der übliche Link zur Flugstrecke, allen Auf- und Abwinden im Detail.