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Erstaunlich starke Steigwerte im schwachen Föhn.

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Bruno Haller zirkelt den Duo Discus XL federleicht die Hänge östlich des Skigebietes Flims-Laax bis zum Segnes-Kessel hinauf.

Am letzten Februar-Samstag 2016 verspricht die Windprognose einen fliegbaren Tag mit einem leichten Südwind auf 2’600 Metern von ca. 25 Knoten, der den ganzen Tag über in den Luftschichten über 2’000 Metern anhalten soll. Bruno Haller und ich wollen ihn für ein paar erste Flugstunden in der neuen Saison nutzen – die Wetteroptik am Flugplatz zaubert aber allen andern Anwesenden ausser uns vor allem ein skeptisches Fragezeichen ins Gesicht. Nach einer ausführlichen Besprechung der heutigen Möglichkeiten machen wir den schplintenneuen Duo Discus XL D-9195 der SG Lägern startbereit und machen uns kurz vor Mittag auf den Weg.

Der Tag hält, was die Prognose versprochen hat und lässt uns sanft die Hangwind-Systeme an den Churfirsten und im Prättigau erkunden. Aber auch der Transfer gegen den Wind über Davos und die tiefen und ‚runden‘ Kreten des Schanfigg gelingt einwandfrei. Auf der Nordseite beim Mattjischhorn können wir sogar auf einer Hochebene eine ganze Menge Kite-Skifahrer beim Flitzen über die Schneeflächen beobachten. Das sind gute Aussichten für einen tiefen Anfang an den Hängen des gegenüberliegenden Calanda mit seinen Wölfen. Dort hangeln wir uns über den gleissend hellen Schneeflächen von Krete zu Krete, bis uns westlich von Brigels Schneeschauer den weiteren Weg Richtung Disentis versperren. Hier ist deutlich mehr Thermik als dynamischer Aufwind zu spüren.

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Im Vorderrheintal ist schwache Thermik stärker spürbar als der Hangwind-Effekt des leichten Südwindes.

Interessanterweise fallen wir dann nach dem Queren des Panixerpasses in einen starken Rotor über der Skihütte Obererbs. Seit Ruedi Wissmann nicht mehr dort seine Gäste bewirtet, finde ich die Rotoren spürbar besser 🙂

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Immer wieder imposant: der ‚Wasserfall‘ des Südstaus am Haupt-Alpenkamm. Hier der Blick aus dem Elmer Kessel nach Südwesten, in der Bildmitte der höchste Glarner – der Tödi. Bild: Bruno Haller.

Der Rotor über dem dem Waffenplatz Elm wirft uns zusammen mit einem eindrücklich grossen Steinadler (die fliegen offenbar manchmal auch nur zum Vergnügen) mit Spitzenwerten von fünf Metern pro Sekunde ein paar Etagen höher. Wir werden auf unserem Weg ins Schächental noch in einen stärkeren Rotor einfliegen. Dort spicken uns mehr als 10 Meter pro Sekunde starkes Steigen gleich 1’000 Meter höher. Bis ich aber die Freigabe der ATC Zürich für weiteres Steigen in den A9 hinein erhalte, falle ich vor lauter Zuhören des endlosen Samstagnachmittag-Geplappers auf dieser Frequenz leider bereits wieder aus der Welle… und finde sie nachher auch nicht mehr, als ich endlich höher hinauf dürfte.

Auch die Flumserberge überraschen uns auf dem Heimweg via Klosters mit einer Welle, die trotz des schwachen Südwindes von weit unten heraus erstaunlicherweise bis sieben Meter Steigen pro Sekunde produziert.

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Wir beschliessen den gemütlichen ‚Föhnchen-Tag‘ (es braucht für einen schönen Wellenflug nicht immer ein Orkan mit Windgeschwindigkeiten von 120 km/h auf 3’000 Metern zu sein) mit einer Abschlussrunde ins Prättigau, wo wir spasseshalber in engen Wenden nochmals die senkrechten Rhätikon-Wände hinaufturnen, bevor wir nach fast sechs Stunden Hang- Rotor- und Wellenfliegens frühzeitig vor dem Eindunkeln mit einem zufriedenen Gefühl im Bauch wieder in den Kaltluftsee über der Linthebene eintauchen und auf dem Flugplatz Schänis landen. Ein gelungener Start in die frische Flugsaison auf einem tollen, topausgerüsteten und sehr leisen Fluggerät.

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Hier sind die Flug-Details. In der Foto-Galerie finden Sie alle Aufnahmen des Fluges und die nachfolgende Grafik ist die (zutreffende) Windprognose des Vortages:

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Geburtstags-Ausflug.

Am 9. Oktober 2014 darf ich – weil’s mein Geburtstag ist – einmal machen, was ich am liebsten mag: Segelfliegen (meine Chefin hat mir frei gegeben!). Weil schon die ganze Woche über mehr oder weniger der Südwest durch die Täler pfeift, passt alles zusammen: ein freier Tag, ein tolles Segelflugzeug und ausreichend Wind, um ein Weilchen in der Luft zu bleiben.

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Lohn der Föhnfliegerei: unglaubliche Fernsicht über das Schweizer Mittelland. Walensee und Zürichsee bis in den Schwarzwald und den Jura.

Für das, was ich heute vorhabe, reicht es auch, am späteren Vormittag in die Luft zu kommen, da sind keine Nachtübungen im Scheinwerferlicht meines Opeli und Wasserspiele in der Dunkelheit nötig. In aller Ruhe fahre ich zum Briefing nach Schänis, Flieger montieren ist zusammen mit Peter Zweifel als Gast aus Winterthur bald erledigt. Wasser in die Flächen füllen, dauert schon länger, irgend ein Spassvogel hat den sonst vorhandenen, langen Wasserschlauch bereits weggeräumt, vermutlich aus Angst, er friere ein oder jemand nehme ihn womöglich noch mit.

Heute sportlich.
Auf der Südseite unseres Hausberges wird ‚cinque’ schon in wenigen Kurven über den Gipfel hinaus getragen. Für einmal wähle ich heute die sportliche Start-Variante. Die wende ich an, wenn der Föhn schon tief in die Täler greift und man bei Ziegelbrücke eigentlich vom Boden weg dem Hang entlang klettern kann (extrem-sportliche Variante). Die unsportliche Variante wäre ein hoher Schlepp auf 2’400 Meter hinauf, mit anschliessendem Direktflug an die obersten Kreten der Churfirsten (die Ostseite des Sichelchamm ist eine der ersten Stellen, die im Südwind trägt). Das ist dann die richtige Methode, wenn der Föhn beginnt, von oben Schicht um Schicht ‚abzuhobeln’ und erst an einzelnen Stellen (bei uns im Zigerschlitz ist das Mitlödi, Glarus und Ziegelbrücke) bis in die Täler durchgreift. Noch unsportlicher wird der Schlepp, wenn der Föhn erst aufbaut und nur an den Föhn-Hotspots im Urnerland (Eggberge, Läged Windgällen, Schächental), in den Glarner Alpen (Sernftaler-Nord-Kreten, Engi, Elm) und natürlich im Rheintal (Schesaplana, Vilan) spürbar ist.

Erkundungsflug.
Heute habe ich mir vorgenommen, die verschiedenen Hang- und Wellensystem etwas genauer zu erkunden. In die Region Arlberg und weiter das Inntal hinunter sieht die Windprognose nicht sonderlich gut aus. Zuviel Südwest-Anteil. Und östlich Achensee fast kein Wind mehr und wenn, dann parallel zu den Hängen. Das mag ich nicht besonders. Deshalb fege ich im Geradeausflug den Luvkanten entlang bis in die Silvrettagruppe. Eigentlich wäre es cool, wenn man von hier aus alles nur im Hangflug ins Wallis gelangen könnte. Die Feuchtigkeit im Vorderrheintal ist allerdings etwas hoch für einen Durchflug in Andermatt. Bis nach Flims gelingt das Vorhaben allerdings wunderbar. Ich kann am Flüela, am Weissfluhjoch und in den Fideriser Heubergen problemlos im Hangwind bis nach Chur schleichen. Nicht sehr schnell, aber ohne Kreiserei, ohne Turbulenzen. Am Churer Joch steht sogar noch eine schwache Welle, die ich aber weglasse, weil ich ja im Vorderrheintal sowieso unter die Wolken will. Da hilft es nicht, über der Bündner Hauptstadt auf 4’000 M.ü.M. zu steigen, nur um danach mit Vollgas unter die Wolken tauchen zu müssen. Die Übersicht geht dabei verloren.

Unverhofft in eine unbekannte Welle.
Herrlich ist es dann, am Flimserstein und am Ringelspitz die Hänge hochzuturnen und den Flieger wie einen Drachen steigen zu lassen. Die Region erinnert mich immer etwas an den Pic de Bure. Auch hier ist die Vegetation ähnlich karg, die Optik wird von kahlen, glatten Kalkwänden dominiert, die im flachen Herbstlicht fast weiss scheinen. Dann ‚falle’ ich über dem Segnes-Kessel unverhofft in eine starke Welle. Ich erhalte von ZRH Info gerade rechtzeitig für 30 Minuten eine Freigabe bis 4’600 Meter hinauf, bevor ich in den Luftraum C hinaufgetragen werde. Die Luftwaffe beginnt um 13.30 ihren landesverteidigenden Dienst, aber solange darf ich noch steigen. Das Problem dabei ist, dass ich so nicht ins Vorderrheintal komme, weil ich von oben durch die Wolkendecke der Staubewölkung tauchen müsste. Und aus diesem flachen Winkel knapp über den Wolken sind keine Löcher erkennbar und höher darf ich nicht steigen, um mehr Überblick zu bekommen. Eben wegen der sonst sehr geschätzten Luftwaffe.

Also entscheide ich mich ‚halt’ für die Primärwelle in Elm und fliege den steigenden Ast ab bis an den Spannort bei Engelberg. Das ist ähnlich wie Motorfliegen, nur durchgeschüttelter. Ich verliere allerdings kaum Höhe bei der Übung und finde mich nach kurzer Zeit vor den geschlossenen Toren des Meiringer Luftraumes wieder. Zwei FA-18 pfeifen direkt nach dem Start über mich hinweg an den Titlis, bevor ich mich für eine Durchfluggenehmigung zwischen die Funksprüche der startenden Jets hindurchzwängen kann. Aber es reicht, bei Gadmen habe ich die Genehmigung für den Flug an die Engelhörner.

Freigaben und die davon abweichende Realität in der Luft.
Das Problem ist nun, dass der Controller mir eine Freigabe bis an die Kleine Scheidegg erteilt. Da kann man zwar hin, aber nur, wenn man das will. Ich habe immer grösste Mühe, mir in der blauen Luftmasse hinter den Berner Eisriesen ein Wellensystem vorstellen zu können (und das dann auch noch zu treffen). Zudem ist das eines ohne ernsthaft brauchbare Auffanglinie, sieht man vom Jura einmal ab. Und dass Eiger & Co. eine gewaltige Leewelle produzieren (da geht’s ja nicht nur hinauf, sondern mindestens so schnell auch bergab), braucht man nicht zu erwähnen. Ich überlege, ob ich im Südwest den Hängen entlang an den Grimsel fliegen soll, um dann ins Goms und an die auch hier tief in Staubewölkung steckende Nordkrete des Wallis zu wechseln. Irgendwie verlässt mich dann aber vor lauter Aufwindsuchen, Freigaben verlangen usw. der Mut und ich fahre etwas kleinmütig wieder zurück an die angeströmte Kette zum Titlis und hinaus aus dem kontrollierten Meiringer Luftraum. Für den Rückweg wechsle ich über der Sustlihütte und dem Wichelplangg, einem meiner früheren Kletterberge, ins Meien- und später ins Maderanertal. Dahinter steckt die Idee, einen Durchgang nach Andermatt oder das Vorderrheintal zu finden.

Im Maderanertal in den Wasserfall.
Die Schächentaler Windgällen sind nicht nur für Bergsteiger eindrückliche Kalkspitzen. Auch für Föhnflieger ist es gewaltig, an der Südseite die steilen Wände hochzuturnen. Ein Blick in die aus Süden anstürmenden Wolkenmassen lässt einzelne Lücken zwischen Oberalpstock und dem Chrüzlipass erkennen. Dahinter ist die Luft trocken. Also nichts wie hin. Bis kurz vor den Oberalpstock kann ich sogar noch von steigender Luft profitieren, es scheint, als ob das Wagnis gelingen würde. Dann falle ich aber kurz vor den steilen Wänden mit dem Staldenfirn ‚in den Bach’. Der spült mich rasch 500 Meter hinunter. Der Bristenstock und der Chrüzlipass steigen blitzig neben mir hoch – keine Chance – ich muss zurück an die Windgällen. Immerhin eine wichtige Erkenntnis habe ich bei diesem Versuch aber gewonnen: ich wäre auf der Luvseite das Vorderrheintal bis an den Oberalp und an die Furka durchgekommen. Einfach tief und mit den Gipfeln in Wolken – aber es geht. Jänu – dann fliegen wir halt wieder über den Klausen und Elm zurück ins Prättigau. Dieser Teil des Fluges ist weniger spannend, die Turbulenzen im Schächental, über dem Urnerboden und vor allem südlich des Kärpfs sind bekannt.

Mords-Rotor über Obererbs.
Genau da, wo unser Fluglehrer Ruedi Wissmann viele Jahre während der Sommermonate als Hüttenwart gewirkt hat, knetet es mich noch einmal richtig durch. Ich versuche in wilden Manövern, einen Rotorfetzen über mir auszukreisen. Nach ein paar Versuchen und immerhin ein paar hundert Höhenmetern Gewinn gebe ich das Unterfangen aber auf. Hier sitzt teilweise der Herr Zufall am Steuerknüppel, nicht immer der Herr Pilot. Mehrmals zeigt die Flugzeugnase entweder direkt in den Himmel oder dann direkt auf das Gelände tief unter mir – beides fühlt sich ungewohnt an. Die Ruderwirkung ist teilweise lamentabel. Obwohl ich den Knüppel voll nach rechts ausschlage, dreht der Rotor ‚cinque’ voll auf die linke Seite. Fahrt- zu und Abnahmen von 50 km/h sind auch nicht gerade das, was ich gerne mag. Ein abendlicher Blick auf die Karte erklärt das Phänomen. Bei Südwest liegt diese Stelle in Windrichtung betrachtet exakt ‚hinter’ dem hohen Gipfel des Hausstocks, kein Wunder dreht die Luftmasse da wie ein grosser Tumbler.

Erstaunlicher Unterschied.
Ich mag es eigentlich lieber gemütlicher und verlasse den ‚ugattligä’ Elmer Kessel, wie ich gekommen bin. Über die Tschingelhörner und wieder ins Rheintal. Erstaunlich ist der Unterschied im Flugstil. Ruhig trägt der Hangwind an Ringelspitz, Calanda, Churer Joch, Fideriser (Skitouren)-Heuberge und hinauf nach Davos an den mit Technik vollgepackten Weissfluh-Gipfel.

Einfach berauschend.
Ab jetzt geniesse ich meinen Geburtstagsflug wie ein Senior im Lehnstuhl und steige in St. Antönien in die (schwache) Prättigauer Welle, die mich bei Landquart und mit einer Freigabe bis FL 200 (!) – ja, die Luftwaffe hat nach 16.00 Uhr Feierabend – bis auf 4’500 Meter hinauf trägt. Danach teste ich noch das Sekundär-Wellen-System über dem St. Galler Oberland und dem Glarnerland, das mich erneut fast wie im Motorflug bis ins Riemenstalden-Tal trägt, ohne dass ich enorm viel Höhe für die Strecke gebraucht hätte.

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Trotz der Spiegelungen im Cockpit immer wieder ein unglaubliches Bild: Flug entlang der aus Süden anstürmenden Wolkenmassen.

Die Natur bietet noch einmal alles auf. Die aus Süden anstürmenden Wolkenmassen tauchen ins fahle, flache Herbstlicht, der Blick reicht weit über die ganze Deutschweiz, in den Schwarzwald, deutlich über den Bodensee hinaus nach Norden. Diese wunderschönen Geburtstags-Flug-Bilder werde ich den bevorstehenden Winter über im Kopf behalten – sie sind eine Motivation, dieses unglaublich schöne Hobby so lange es geht, zu pflegen. Wenn es sein muss, künftig sogar mit einem extra in den Instrumentenpilz eingebauten Transponder – daran darf es künftig nicht mehr scheitern, wenn man hoch hinaus und dorthin fliegen, wo der Pilot – und nicht der Controller will.

Für die Experten (also alle): Link auf die Flugdetails.

 

Schlacht bei Näfels auf 4’000 Metern.

Lässiger Flug am ‚Glarner Nationalfeiertag‚ mit Beat Häni in unserem Superschiff Arcus M im schwachen Südwind über den Zentral- und Ostschweizer Alpen.

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Kantonales Arbeitsverbot
1388 hat eine Handvoll tapferer oder vermutlich eher verzweifelter Glarner mit Hilfe einer zweiten Handvoll hilfsbereiter Schwyzer den Habsburgern als damalige Besatzer mit etwas Kriegsglück an der Rautiwand bei Näfels gezeigt, wo für sie der Heimweg durchführt. Dank diesem historischen Sieg (beim Skifahren zeigen sie heute den Speed-Cracks von Swiss-Ski ja meistens, wo der Heimweg ist) sind wir heute hier in der Gegend keine Vorarlberger – was aber auch auszuhalten wäre. Im Gedenken an das damalige gewalttätige Ersäufen der Habsburger Ritter in ihren schweren Rüstungen im Flüsschen Maag ist seither der erste Donnerstag im April schulfrei und es herrscht ein striktes Lastwagen-Fahr- und Arbeitsverbot. Also sind das eigentlich ideale Segelflug-Voraussetzungen – wenn auch etwas früh in der Saison.

Diese Ausgangslage machen wir uns heute zunutze und nehmen in freudiger Erwartung und voller Hoffnung, dass bei den unerwartet dichten Cirrostratus-Wolken zwar keine Thermik, aber mit etwas Glück etwas Südwind zu finden sein müsste, im Arcus M Platz und starten zum Föhn-Hotspot Wiggis. Danach läuft der Flug wie im Föhn-Lehrbuch ab.

Bis Guttannen den Hängen nach.
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Via Glärnischmassiv, Braunwald, wo unser Hanspeter Geier in seinen wilden Bergsteigerjahren am Grossen Eggstock eine windige Erstbegehung machte, dem Urnerboden, dem immer gleich turbulenten Schächental und dem Kessel von Engelberg erreichen wir Guttannen im Berner Oberland. Immer brav begleitet von allerlei Funkverkehr und Freigaben durch die verschiedenen Militär-CTR’s. In Gipfelhöhe schwingt der Südwind über die Kreten, das oberste Drittel der Gipfelzonen trägt schwach, aber zuverlässig. Unverkennbar ist auf der Frequenz von Züri-Delta die markante Stimme von WB zu hören, der ebenfalls mit seinem grossen und in der Luft gut sichtbaren Doppelsitzer im Südwind unterwegs ist und den wir am Titlis kreuzen.

Der zweite Teil des Fluges führt der Primärwelle und zumeist den Kreten entlang in den Elmer Kessel. Da ist in der gut geschüttelten Luft (zwischen Kärpf und Hausstock fliegt mir im hinteren Cockpit alles, was nicht angeklebt ist, um die Ohren) am ehesten wellenartiges Steigen zu finden. Wir dürfen allerdings nicht höher als 3’900 Meter steigen, obwohl wir artig unseren luxuriösen Transponder extra in Betrieb nehmen. Beim Einstellen des Gerätes fällt man allerdings rasch einmal aus den dünnen Wellenaufwinden, womit man den Transponder eigentlich auch schon wieder nicht mehr bräuchte, weil das Flugzeug dann leider nicht mehr weitersteigt.

Schwächere Verhältnisse über den östlichen Schweizer Alpen.
Interessant ist später die Segelfliegerei im Prättigau. Die Windvorhersagen hatten schwachen Südwind nur bis zur Schweiz-/Österreichischen Grenze vorhergesagt (ist ja klar, am Gedenktag der Schlacht bei Näfels). Die Prognose war absolut richtig. Die sonst zuverlässigen Kreten des Rhätikon und an der Madrisa tragen uns nicht wirklich lustvoll und nicht konsistent an denselben Expositionen in die Höhe, dank der überragenden Flugeigenschaften des Arcus erreichen wir aber auch nach längerem aufwindfreiem Flug auch so wieder problemlos die bisher funktionierenden Steig-Zonen an den senkrechten Wänden der Drusen- und Sulzfluh und später an der Schesaplana. Beat zirkelt den Arcus M in kürzester Zeit elegant und sportlich vom imposanten Wandfuss auf Kretenhöhe.

Abfang-Übung?
Auf der Rückreise warnt uns dann die ATC-Controllerin über der Region Pizol dank unseres Transponder-Signales vor einem Tiger F5, der sich uns aus der neun-Uhr-Position nähere. Aber bevor wir den Militärjet trotz mehrmaligem Hals-Verdrehen überhaupt erkennen, ist er schon hinter uns durchgepfiffen. Ob wir da einen Augenblick das Ziel einer kleinen Luftpolizei-Übung gewesen sind oder ob einfach Beats Nachfolger ihrem früheren Staffelkapitän einen luftigen Anstandsbesuch abgestattet haben?

Schattendasein.
Obwohl wir den ganzen Tag keinen einzigen Strahl Sonne erwischt haben (da braucht man wenigstens keine Sonnencrème) und mir nach fünf Stunden auf dem hinteren Sitz langsam die Füsse taub und kalt werden, können wir im dynamischen Hangwind ein nettes Saison-Eröffnungs-Flügli zusammen machen. Das hat gleich beiden gut getan. Beat, weil er lange nicht fliegen konnte und mir, weil ich nach einem ganzen Winter mit Eigenstarter-Ausbildungen und Arcus-M-Umschulungen endlich auch einmal länger in diesem Wundervogel sitzen durfte und von Beat beim raschen Auffinden lokaler Wellen und beim Auskreisen kurzer Wellen (mache ich selber eigentlich nie so) noch ein paar interessante Methoden gelernt habe – machen wir bei nächster Gelegenheit gerne wieder einmal!

Link zur Foto-Galerie und zu den Wetterangaben.

‚Alles Walzer!‘ – bis an den Rand der Alpen.

Perfekt orchestriertes Flugabenteuer bis vor die Tore Wiens.

Mittwoch, 15. Mai 2013. In Schänis sind an diesem Tag soviele Tausend-Kilometer-Flüge gemacht worden wie vorher in der ganzen Geschichte unseres Flugplatzes nicht. Roland Hürlimann vollendet seinen seit Jahren angestrebten Traumflug an die Rax vor Wien. Frigg Hauser macht auf der gleichen Strecke ebenfalls seinen ersten Tausend-Kilometer-Flug. Und mit Markus von der Crone habe ich heimich abgemacht (er weiss das nur noch nicht), dass wir jedes Jahr wie früher der Stab-Hochspringer Sergei Bubka ein paar Zentimeter dazu zu legen … so kann man jedenfalls unsere Flugauswertungen interpretieren, die wie Zwillinge kaum auseinanderzuhalten sind, obwohl wir weite Strecken unabhängig voneinander unterwegs waren. Jedenfalls war es für uns beide innerhalb eines Jahre schon der zweite gemeinsame Tausender. Diesmals war der unbekannte Osten dran und der Flug hat uns bis ans Ende der Alpen geführt.

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Fantastische Perspektive: Blick über das Ennstal Richtung Dachstein.

Richtige Wetter-Zutaten für ein elegantes Flug-Menu.

Schon am Sonntag schrillen bei mir die Föhn-Alarm-Glocken. Für Mittwoch passen die Wetter-Vorhersagen wie selten. Eine schwache Föhnlage mit maximalen Speeds in der Grundschicht von 40 km/h. Kleine Druck-Differenz von ca. 6 Hectopascal. Aber dafür stimmt die Windrichtung: Süd. Eine Herausforderung ist allerdings, dass der Südwind bis ca. 11.00 Uhr ’nur‘ bis in die Region Leoganger Steinberge wehen soll und weiter ostwärts aus westlicher Richtung und noch schwächer blasen dürfte.Das heisst, es bringt nichts, wenn wir in aller Frühe starten. Weil wir ‚dem Föhn davonfliegen‘ und dann in der erwähnten Region stecken bleiben und zu früh für den Thermik-Beginn am falschen Ort parkiert werden. Ein Ausweg wäre eine erste Flugstrecke nach Westen – wir sind aber alle noch vom letzten Jahr ausreichend durchgeknetet und verzichten gerne auf die ruppigen Zentralschweizer Walzen. Ausserdem liegt der Reiz der Föhn-Streckenfliegerei nicht im JoJo-Fliegen sondern im Geradeausflug. Also auf nach Österreich: lieber Walzer als Walzen.

Gut eingespieltes Team

Am Montag steigt die Nervosität in unserem seit über 20 Jahren aktiven Föhnflieger-Grüppli. Wir sind uns bald einig, dass es ein guter Tag für einen langen Flug werden müsste. Rasch werden vorsorglich Sitzungen verschoben. Ein frühaufstehender Schlepp-Pilot organisiert (Kurt Götz – wir sind Dir imfall auf den Knien für Deine Bereitschaft dankbar, dass Du dich um diese unchristliche Zeit ohne Wenn und Aber immer wieder ins Schlepp-Abenteuer stürzt! Der Frühstart wird geplant. Eine Nachtschicht eingelegt. Ich will den Flieger ohne Hektik am Vorabend montieren, füllen und am Morgen nur noch entspannt und konzentriert ins perfekt vorbereitete Cockpit steigen. Die Startvorbereitungen dauern bei mir fast eineinhalb Stunden, da wird’s am Morgen vor dem Flug rasch nervös. Diesmal nicht. ‚Cinque‘ steht schon am Dienstagabend montiert im Hangar. Ausreichend Wasser schwappt in den Flächen. Schuhe und Kleider liegen im Cockpit. Ich muss also wie in der Formel 1 nur noch einsteigen und losfahren.

Armin hält auch der Stau nicht auf

Bei der Fahrt durchs Glarnerland kommt der Föhn wie gewohnt in Mitlödi an den Talboden und da bleibt er bis anfangs Glarus. Der grosse Laubbaum bei der Villa des alten Ratsschreibers bewegt sich keinen Millimeter. D.h., der Wiggis würde jetzt nicht funktionieren. Dafür pfeift in Ziegelbrücke der Ostwind vom Walensee her. Die Südseite des Federispitzes ist damit mindestens unten angeblasen.Bei der Autobahnausfahrt Schänis fällt mir ein Polizeiwagen auf. Der stellt sich plötzlich quer auf die Fahrbahn, ich kann knapp vor ihm nach Schänis einbiegen. Armin Hürlimann erwischt’s weniger gut. Er irrt eine halbe Stunde auf allen möglichen Strassen und Feldwegen umher, um den Stau, den ein Schwertransport verursacht, zu umfahren. Macht alles nichts – unser Föhngrüppli macht ihm einfach den Flieger parat, am Ende passt alles zeitlich schön zusammen und er kommt wie gewünscht in die Luft.

Sportlicher Start

Frigg legt als erster los und steuert mit seinem kleinen Ventus, den er bis an den Stehkragen mit Wasser gefüllt hat – 200 lt. gutscheln in den Flächen – tief den Südhang des Federispitzes an und meldet schöne Steigwerte. Also spare ich mir Schlepp-Minuten und ziehe auch auf 1’300 Metern am gelben Klinken-Knopf.Das mache ich sonst aufgrund schlechter Erfahrungen nicht. Öfters habe ich damit viel Zeit verschwendet, weil ich nicht wegkam. Mit einem Start auf 2’500 Metern und dem Direktflug an die Churfirsten kann man sich das sparen. Diesmal komme ich aber rasch auf Gipfelhöhe des Federispitzes. Aber nicht höher. Das muss für den Sprung an die Churfirsten reichen. Die tun das, was ich erwarte. Sie tragen.Damit kündigt sich ein Flugstil an, der den ganzen Tag über anhalten sollte. Immer im oberen Kreten-Drittel bleiben. Bloss nicht darunter in die tote Luft fallen. Weit über die Gipfel hinaus kommt man sowieso nicht, also schminkt man sich den Aufwand für die paar gewonnenen Meter besser gleich ab und gewöhnt sich an geringe Operations-Höhen. Die Kunst ist dabei, den Speed so herauszufühlen, dass dieses schmale Höhenband nicht verlassen werden muss. Und vor den grossen Talsprüngen soviel Höhen-Reserve aufzubauen, dass man drüben im erwähnten oberen Drittel ankommt. Gelingt natürlich nur in der Theorie.Das erste Mal weicht die Praxis schon im Rheintal davon ab. Die Ostseite mit Falknis, Vilan usw. suche ich ab, finde aber nirgends Steigen. Die Hand fährt schon zum Wasser-Ablass, da bewegt sich beim Testen der Westkante die Luft zaghaft. Markus landet mit mir zusammen nach erfolgloser Aufwindsuche auf derselben Höhe und an der gleichen Stelle. Langsam aber stetig klettern wir dann geduldig von den Talheimetli in die Maiensässe und von dort auf die Alpweiden und über den Gipfel des Vilan hinaus. Das ist wie ein frühmorgendlicher geografischer Querschnitt durch die Schweizer Landwirtschaft.

Hochs und Tiefs

Der erste Tiefpunkt ist überwunden – der Zeitplan schon gehörig durcheinander. Auf den ersten Hundert Kilometer habe ich eine nicht geplante Stunde verbaut. Das stresst deshalb nicht, weil die langen Mai-Tage abends genügend Zeitreserven offen lassen. Da liegt die eine oder andere Übung schon drin. Das sorgt auf jeden Fall für einen kühlen Kopf. Auf dem Weiterflug bis Kufstein sorgt dann nur der neue RNAV-Anflug auf Innsbruck für Unterhaltung. Einer nach dem andern meldet bei Innsbruck Radar seinen Durchflug. Zuerst Frigg als Schneepflug. Dann Roland, Markus und ich gemeinsam als Nachzügler. Frigg öffnet auch den Bravo-Sektor von Innsbruck. Der war vor ihm noch zu und damit der Durchflug des Inntales bei Föhn unmöglich. Der bläst bis zum Rofan zuverlässig. Der Walzer den Bergspitzen Österreichs entlang kann beginnen.

Blick von der Nordkette aus in den Karwendel. Foto MvdC.

Alle vier kurz vor ungeplanter Landung

Schwierig wird die Lage nach dem Wilden Kaiser. Auf der Ostseite ist von Südwind nichts mehr spürbar. Und von Thermik nichts zu sehen. Trotzdem fliegen wir weiter – wir können hier ja nicht parkieren, wenn wir bis vor Wien fliegen wollen. Zuerst erwischt es Frigg beinahe. Er quert direkt an die Leoganger Steinberge und kommt uns bald sehr tief wieder entgegen. Offenbar hat’s nicht bis ans Ostende gereicht. Das ist die einzige Stelle, wo ich sagen könnte, dass die Luft normalerweise zuverlässig steigt.Wir praktizieren heute die Theorie des ‚sich überschlagenden Pulks’. Der voraus fliegende Pionier macht Fehler, in einem guten Team (das sind wir natürlich) meldet er das den Nachzüglern, worauf diese aufschliessen und ihrerseits die Rolle der fehleranfälligeren Testpiloten übernehmen. Insgesamt kommen wir so alle zusammen konstanter vorwärts als wenn man allein unterwegs ist.

Kein Stress dank Trichter-Flug

Gleichzeitig mit Frigg geraten auch Roland, Markus und ich in arge Nöte. Trotzdem bleibt die Stimmung entspannt. Wir eiern in den Hügeln bei Hochfilzen und tief im Tal von St. Johann um die Bäume. Das macht mit dem schweren Flieger nicht besonders viel Spass. Vor allem nicht, wenn die Aufwinde nur da und dort und ab und zu blubbern – typisch für das Auslösen erster Thermik. Die Cockpit-Temperatur steigt hier unten allmählich in den Sauna-Bereich. Frigg meldet sich nach St. Johann ab. Und ein paar Minuten später wieder zurück. Reinhard Haggenmüller, den er vom Wettbewerbsfliegen kennt, hat ihm am Funk einen guten Tip geben können. Und weil er das Wasser schon aus den Flächen hat laufen lassen, steigt er mit seinem kleinen Flieger auch bei zehn Centimeter Steigen zuverlässig wieder aufwärts.Die Trichter-Flug-Theorie wird heute erfolgreich angewendet. Wir bleiben alle im Gleitbereich von St. Johann und parkieren etwa 45 Minuten, bis die Thermik erst zaghaft und dann resoluter erwacht. Irgendwann bin auch ich (noch voll Wasser) wieder einen Kilometer höher. Markus ist mir aber längst davongestiegen und ostwärts weggeflogen.Der glückliche Blick hinunter auf die rettende Waldkante zeigt, wie hoch ein Kilometer in der Realität ist. Das wär ietz der Bescht gsi, wänn all vier mitenand am gliiche Ort hättet möse landä! Wenig später erholen sich auch Roland und Frigg von ihrem Tiefpunkt und folgen ebenfalls ins Ennstal.

Markus gibt Gas

Der Kampfgeist erwacht mit der besseren Optik. Von hier an geht’s auf weitaus vernünftigeren Höhen weiter bis an den Dachstein. Der Übergang dahin gehört zu den gaaaanz langen Talquerungen. Aber mit Geduld und vorsichtiger Tempowahl klappt’s. Markus ist auf und davon. Die halbe Stunde, die ich bei Hochfilzen liegen gelassen habe, hole ich bei seinem schnellen Flugstil bis am Abend nicht mehr ein. Dafür habe ich ein anderes Gspänli gewonnen. Armin Hürlimann hat von hinten im schnellen Arcus T aufgeschlossen. Bis Niederöblarn sind wir gemeinsam unterwegs – bis ihn das Heimweh packt und er wendet.

Einzigartige Landschaft: das ‚Steinerne Meer‚ Foto: MvdC.

Er sucht sein Glück in einem Jojo-Flug. Diesen Plan hatte ich anfangs auch. Aber die Chance, endlich die Region zwischen Ennstal und Wien kennen zu lernen, wirkt verlockender als Hin- und Herfliegen in bekanntem Gelände. Diese Chance ergibt sich heute. Ich bin sehr früh dran, der Tag ist lang, die verbleibende Strecke wird immer überschaubarer.Bis Aigen ist mir das Gelände vertraut, die stärker werdende Thermik schafft ausreichend Operationshöhe. Die Eisenerzer Alpen locken mit aufbauenden Cumuli. Nördlich von Trieben finde ich eine Art Abschuss-Rampe (Zitat Adrian Lutz). Sie schiesst mich mit heute noch nicht gefundenen Aufwindstärken in die Höhe. Ich kann sogar wählen, ob ich direkt in die unübersichtliche Geographie zum Eisenbergwerk fliegen soll oder aussen herum über die Nordseite des Liesing-Palten-Tales. Da ich glaube, zusehends wieder stärkeren Südwest zu spüren, wähle ich Letzteres. Obwohl die Segelflug-Profis Österreichs meistens direkt durch dieses Täler-Labyrinth sausen. Das ist mir aber zu unsicher, die Region sieht nicht besonders aussenlande-freundlich aus. Etwa vierzig Kilometer vor der Rax, dem letzten Alpen-‚Gipfel‘ wende ich um genau 13.00 Uhr.

Tolle Thermik-Optik in den Eisenerzer Alpen kurz vor der Wende.

Gemütliche Heimreise

Auf dem Kilometer-Zähler erscheint die Zahl 470. Das ist die aktuelle Distanz nach Hause. Da packt mich jedesmal leichte Panik. Denn das sind nüchtern betrachtet im Idealfall fünf Flugstunden. Und eine Reihe Unwägbarkeiten auf dem langen Weg.Der läuft trotzdem ohne Hektik und Spergamänter ab. Einzig ein von rechts daherschiessender Segler sorgt am Dachstein für Aufregung im Cockpit. Ohne Flarm hätte ich den Flieger gar nicht gesehen und mit Flarm war’s relativ spät. Aber rechtzeitig. Überhaupt ist den Hangkanten entlang jetzt Betrieb in der Luft. Vor allem rund um die bekannten Flugplätze wie zum Beispiel Niederöblarn. Kreuz und quer schiessen da die weissen Segler vor dem noch immer weissen Hintergrund der eingeschneiten Alpen durch die Luft. Mit der Sonne im Gesicht ist es schwierig, den Überblick über den Luftraum zu behalten.

Erfahrung zahlt sich aus

Bis Innsbruck kann ich einen schönen Rhythmus pflegen. Zweieinhalb Stunden nach der Wende quere ich das Inntal. Nach Westen ist die Optik ungemütlich. Der Himmel komplett von Altrostratus-Wolken bedeckt, die Sonne ist weggesperrt. Damit auch die Thermik. Aber dafür haben wir ja nun den Föhn. Wenn er denn bläst.

Auf Gegenkurs schiesst mir nach der Querung des Innsbrucker Segelflugraumes mit hohem Speed der Arcus T von Schänis mit Armin Hürlimann und Walter Hüppin entgegen. Sie wollen ihren Flug nach Osten verlängern. Was bei dieser Optik Mut braucht – denke ich im Stillen.

Wie bei früheren Gelegenheiten schalte ich nun das Tempo nochmals markant herunter und bleibe um den Preis langsameren Fortkommens immer im Kretenbereich und hangle mich der Nordkette entlang an die Hohe Munde und die Mieminger Kette. Vor dem langen, im besten Fall aufwindfreien Bereich bis zum Parseier nehme ich nun alles an Höhe mit, was ich bekomme. Und das ist leider wenig. Es wird knapp werden. Das ist der Grund, weshalb ich nicht bis auf den letzten Drücker ostwärts fliege. Weil es hier immer spitzig wird. Und wenn noch Zeitdruck dazu kommt, wird das Projekt ‚Heimkommen’ schwierig.

Adrian kurz vor dem Ziel am Boden

Kaum habe ich zu Ende überlegt, wie ich mit dieser geringen Höhenreserve sicher ins Arlbergtal einfädeln kann, meldet Adrian Lutz, der zügig voraus geflogen ist, dass er tief sei. Am Parseier seien schwache Windverhältnisse und er sei nicht weggekommen. Wenig später kommt seine Landemeldung als SMS aus der Region Imst. Es sei alles bestens. Pilot und Flugzeug seien wohlauf. Gottseidank! Mario Straub macht wieder einmal den Rückholer und depanniert bis weit in die Nacht Adrian und seine ASW-28-18.

Höchste Konzentration

Der Parseier ist ein massiver Berg. Vor allem, wenn man tief und weit um ihn herum fliegen muss. Die ganze Südostseite ist eine Enttäuschung, ich kann mich knapp halten. Massnahme Nummer 1 ist: ‚Wasser marsch’. Wenige Minuten später sitze ich 60 kg leichter gefühlt wie auf einem Blatt Papier und lasse mich umherwehen. Es geht trotzdem nicht recht aufwärts. 10 cm Steigen im Geradeausflug reichen nicht, um einen halben Meter Sinken beim Wenden zu kompensieren. Heinz Brem klingt mir wieder in den Ohren. ‚Man sollte darauf achten, dass man die Höhe, die man beim Geradeausfliegen gewinnt, nicht in den Kurven wieder verliert…’. Recht hat er.Also muss nun eine neue Taktik her. Bevor ich das Schicksal Adrians teile, versuche ich noch, ganz um den Parseier herum auf die Südwestseite zu gelangen, ohne wegen starken Sinkens meine letzten Chancen zu verspielen, auf der bisher enttäuschenden Südseite später vielleicht doch noch wegzukommen. Also gaaaannnzz vorsichtig! Ich ertappe mich dabei, meine Bauchmuskeln und die Oberschenkel per direktem Befehl vom Hirn an die Muskeln lockern zu müssen. So angespannt bin ich gerade. Wenäs Schwiii uferä Biss-Zangä!Kaum sehe ich um die Kante nach St. Anton hinüber, lockern sich Stimmung und Bauchmuskulatur etwas. Das Vario beginnt zu piepsen. Erst zaghaft, dann konstant. In ganz engen Achten wickle ich das Fliegerchen die Südwestkante entlang aufwärts. Und wie er da steigt! Damit ist zumindest sicher, dass ich Vorarlberg oder das Rheintal erreiche. Immerhin – die letzte Stunde war das ungewiss.

Dicke Altostratus verhindern die Sonnen-Einstrahlungin der Region Arlberg. Dafür wird der Südwest stärker.

Im Montafon pfeift der Wind wieder

Zurück in die Schweiz geht’s leichter als ich dachte. Der Wind nimmt auf der Westseite des Arlbergs zu und bläst etwa mit 30 km/h. Nicht viel, aber das reicht. Damit ist der Fall klar. Alle Südwest-Hänge sollten tragen. Machen sie auch. Problemlos komme ich über das Hochjoch ins Prättigau. Der Fall ist gegessen, ich bin zuhause.Gleich machen es meine nachfolgenden Gspänli. Roland kennt das Problem der Rückkehr in die Schweiz gegen den Wind und vor einen abgedunkelten Himmel von früheren Gelegenheiten ebenso wie Frigg. Beide hangeln sich vorsichtig nach Hause. Klappt – auch diese beiden Tausender-Flüge sind nach zwölf Stunden Flugzeit in trockenen Tüchern.

Armin und Walter geht’s etwas weniger gut. Sie müssen auf der Heimreise den Hilfsmotor bemühen. Damit reicht die Distanz nicht, obwohl sie sich tapfer geschlagen haben und nahe an ihrem gesteckten Ziel dran waren.

Fazit:

an diesem ‚Weitschuss‘ war vor allem die fein orchestrierte Planung und Umsetzung toll. Die nötigen Instrumente sind alle im richtigen Moment und in der richtigen Dosis eingesetzt worden. Wie bei den Wiener Philharmonikern. Da stimmt ja auch jeder Ton und die Zusammensetzung des Orchesters ist perfekt. Deshalb ist das von Walzerkönig Johann Strauss geprägte Kommando für die Freigabe der Tanzfläche ‚Alles Walzer!‘ nicht nur der traditionelle Beginn des Wiener Opernballs, sondern auch das passende Motto dieses herrlich-eleganten Abenteuers auf der Südwind-Bühne Österreichs gewesen.

Das Land wächst mir immer mehr ans Herz 🙂

Technische Daten.
Foto-Galerie.


 
Die ‚Helden des 15. Mai 2013‘: Walter Hüppin, Roland und Armin Hürlimann, Markus von der Crone, Fridolin Hauser und Ernst Willi (v.r.n.l.).

Jojo im Schüttelbecher.

Heftige Turbulenzen und limitiertes Wetterfenster.

Der Flugtag vom Mittwoch, 26. September 2012 wird mir vor allem wegen seiner heftigen Turbulenzen in Erinnerung bleiben. Vor allem in der Region zwischen Landeck und dem Glarnerland waren sie über 3’000 Metern mehr als ungemütlich. Keine Zeit, um den Steuerknüppel auch nur eine Sekunde loszulassen. Entsprechend bin ich nach meinem Flug nach Bischofshofen und zurück dermassen durchgeknetet und durchgeschüttelt (nicht gerührt), dass ich die Übung frühzeitig beende und auf den zweiten Teil trotz ausreichend verfügbarer Flugzeit (eigentlich wollte ich nochmals nach Innsbruck) verzichte. JoJos mag ich ohnehin nicht so gern. Es gibt schon noch phantasievollere Formen des Streckenfliegens.

Henz_Roland_2012_09_26

Unglaubliche Stimmungen an diesem Föhntag. Diese Aufnahme stammt von Roland Henz. Jene aus dem Link in die Fotogalerie (auf das Bild clicken) von Armin Hürlimann und von mir selber (sofern ich dafür Zeit fand).

Heute geht es nicht anders.

Die Wettervorhersage verspricht bei sehr viel Luftfeuchtigkeit, eine starke, aber kurze Föhnphase mit an die Alpen anstürmenden Luftmassen direkt aus Süden und damit ein fliegbares Wetterfenster zwischen dem Dachstein und der Zentralschweiz. Also plane ich eine Strecke soweit wie möglich nach Österreich und eine Verlängerung nach Innsbruck, sofern Zeit und Wetter dies noch zulassen. Damit kann ich für den nationalen Segelflugwettbewerb noch ein paar Kilometer sammeln und meine Bilanz aufpolieren. Die Wettervorhersage verspricht ein Föhnende am frühen Abend. Also wollen wir mal keinen Stress aufbauen und bei der Distanz nicht übertreiben. In den turbulenten Westen muss ich diesmal nicht, da soll die Luftfeuchtigkeit alles früh zumachen.

Um halb Fünf geht der Zirkus los. Mit einem ersten Schritt auf die Terrasse und einem Kontrollblick ob’s am Tödi schon stürmt. Tut es. Sogar Sämi (unser Stubentiger) flüchtet ob der kalten (!) Luft vor der Haustür gleich wieder ins Innere. Auf der Fahrt nach Schänis wecke ich wie vereinbart Armin Hürlimann. Verflixt, der nimmt sein Handy auch nach zehn Minuten Dauerklingeln nicht ab (kein Wunder, er steht auch schon unter der Dusche!) – aber das weiss ich erst später. Inzwischen schicke ich sicherheitshalber aus Uster auch unseren Schlepp-Pilot, Paul Kläger auf den Weg. Armin nimmt irgendwann ab und hat gleich noch eine gute Nachricht: einen zweiten Hilfsmann: Andy Hirlinger. Also ein erheblicher Aufwand und viele helfende Hände für einen Frühstart!

Versammelt stehen wir in düsterster Finsternis um sechs Uhr morgens in Schänis und starten unseren Föhntag. Alles läuft nun eingespielt und planmässig. Sieht man davon ab, dass ich in vollständiger Dunkelheit noch nie meinen Flieger mit Wasser gefüllt habe. Entsprechend spritzt es wieder mal aus allen Löchern, obwohl ich jeden Handgriff kenne. Willis Wasserspiele. Unangenehme Folge: das Cockpit ist leicht überschwemmt und wesentlich feuchter als es sein sollte. Überhaupt: Feuchtigkeit wird heute ein Thema.

Der Turbinen-Bravo und sein Beacon.

Schänis liegt trotz des vorhergesagten Föhnstürmes, der bei dieser Prognose auf dem Flugplatz auch mal zu Windspeeds von über 80 km/h führt, heute ausnahmsweise im Kaltluftsee. Komische Geschichte. Einerseits ist das ein Geschenk, weil wir dann ohne Turbulenzen am Boden gefahrlos starten können. Anderseits macht die feuchte Kaltluft andere Sorgen. Der Flieger ist bald klitschnass vom Tau. Das Capot wird zum trüben Milchglas. Zwar trockne ich es vor dem Start etwa fünfmal. Trotzdem beschlägt die Scheibe vor und während des Startes. So folge ich Pauls PS-Monster, indem ich mich auf das Beacon auf der Heckflosse konzentriere. Das sieht man noch am besten. Und vor der ersten Kurve lichtet sich der Nebel dann endgültig. Die Show beginnt.

Tolle Stimmung.

Und wie diese beginnt. Die Sonne klettert in einer Art Licht-Explosion gerade über die Prättigauer Gipfel und scheint mir frontal ins Gesicht. So sehe ich die Bergkreten der Churfisten direkt voraus kaum. Dafür tauchen alle Farbtöne von Gold bis Schwarz die ganze Gegend in eine unglaubliche Stimmung. Der Wind bläst auch. Und wie. Hart. Stark. Heftig. Im schüttligen Geradeausflug klettere ich über den Churfirsten ohne Kreis auf Abflughöhe über das Rheintal.

Doch nicht so einfach?

Alles läuft nach Plan. Fast. Die Querung des Rheintales misslingt schon mal ziemlich. Ich brauche bis Maienfeld schon mal üppige 1’000 Meter. Damit sind meine Möglichkeiten schon mal etwas eingeschränkt. Da bleibt der Vilan als Plan A. Und Bad Ragaz als Plan B. Auf 1’600 Metern fliege ich in für einmal zu ruhiger Luft um die Bauernhöfe. Und brauche eine halbe Stunde, bis ich die Gemsböcke von oben sehe. Könnten auch Geissen gewesen sein. So nahe traue ich mich bei dem schon über 2’000 Metern stürmischen Wind nicht an die Kreten. Dafür geht da die Post ab. Der Anflug an die Schesaplana gelingt auf Anhieb. Die Steigwerte sind gut. Am Rhätikon klebt das Variometer am Anschlag. Der Start ist gelungen. Die Show kann weitergehen.

Der Weg ins Arlbergtal ist hingegen einfach. Im Montafon nehme ich ein paar Meter dazu, um nicht zu tief durch’s Gelände, sondern wenn möglich knapp drüber fliegen zu können. Gelingt perfekt. Anders als bei früheren Gelegenheiten pfeift auch östlich des Parseiers der Wind an die Kämme. Allerdings wesentlich zivilisierter als im Wilden Westen. Der einzige ‚Aufreger‘ beim Flug den Kämmen nach bis Kufstein ist eine Lufthansa-Maschine im Anflug auf Innsbruck. Der Controller aus LOWI fragt sicherheitshalber ein paar Mal nach, wo ich genau sei. Zum Glück kann ich mein GPS aufzoomen und so tun, als kenne ich hier jedes Gipfelkreuz persönlich Die Lufthansa-Maschine sehe ich beizeiten aus grosser Distanz und so tief wie ich hier fliege, ist auch niemand eine Gefahr für andere. Dafür bekomme ich grosszügig eine Freigabe bis zum Achensee – und schon früh auf Nachfrage die wichtige Wind-Info vom Lotsen in Innsbruck, dass der Wind stark und aus der richtigen Richtung über den Platz fege. Viel bewegt sich an diesem Morgen ausser der Lufthansa noch nicht. Einzig zwei Segler schiessen mir über den Miemingern entgegen. Das sind wohl die Föhn-Profis aus Unterwössen gewesen, die früh an diesem Tag und lange und weit unterwegs gewesen sind.

Der Kaiser ist wild.

Föhnfliegen in Österreich ist einfach eine Freude. Zwar liegt die Staubewölkung an der Nordkette bei Innsbruck auf 2’000 Metern. Aber dafür bläst ein kräftiger Föhn aus dem Wipptal und lässt die ASW tief unter den Kreten bei Innsbruck im Geradeausflug rasch Höhe gewinnen. Bis zum Rofan bin ich bereits wieder auf Abflughöhe für die Querung an den Wilden Kaiser. Obwohl man auf dem Hintersteiner See am Fuss des Wilden Kaisers jede springende Forelle an ihren Ringen auf der ruhigen, spiegelglatten Wasseroberfläche erkennen könnte, empfangen mich unten an der Waldgrenze satte Aufwinde. Wieder kann ich mit wenigen Kreisen die nötige Höhe aufbauen, um die Leoganger Steinberge zu erreichen.

Wurm drin?

Die Querungen haben es heute in sich. Bis ich in Saalfelden in der erneut ruhigen Luft endlich einen Aufwind erwische, bin ich gerade noch auf 1’500 Metern. Das ist ungemütlich tief, auch wenn man hier gut landen kann. Will ich aber nicht. Also halte ich die ‚Fahne der aufrechten Schweizer Segelflieger im Ausland‘ aufrecht und turne mich wieder nach oben. Solange es fliegt, fliegt es – und dann kämpfen wir um jeden Meter! Nach St. Johann im Tirol zurück wär’s schon etwas knapp. Nach Zell am See nicht weniger, ausserdem steht da der Zusatz ‚am See‘ schon im Namen etwas im Wege. Missriete der Versuch, einen dieser Flugplätze zu erreichen, käme sicher wieder was in der Zeitung. Und davon haben wir dieses Jahr mehr als genug gehabt.

obwohl ich bis Mittag keinen Strahl Sonne im Cockpit hatte, ist das Fliegen den Kämmen entlang dank moderatem Südwind kein Problem. Es geht zwar nicht hoch hinauf, aber dafür zuverlässig den Hängen nach.

Back in Business.

Die Situation entschärft sich aber rasch. Hier war ich früher schon tief. Irgendwie strömt der Südwind nur an den Ostteil der Leoganger Steinberge. Und man muss am vordersten Zipfel, der wie ein Schiffsbug ins Tal steht, den Aufwind packen und nicht mehr loslassen, selbst wenn der Versatz pro Kreis Hundert Meter beträgt. Ziehe ich die Fahrtzunahmen beim Eindrehen nach Süden weg, statt stur die Querlage zu halten, verliere ich den ’schrägen‘ Aufwind meistens. Die ‚Würgerei‘ geht mit dem Eindrehen auf den Gipfelkreten zu Ende, da bin ich rasch komfortabel auf 2’500 Metern. Auch die nächsten Querungen verlaufen mit grossen Höhen-Verlusten, selbst wenn ich vorsichtiger vorfliege und stärker dem Verlauf der Kreten folge, statt ‚abzukürzen‘.

Um Elf in Bischofshofen.

Pünktlich nach Zeitplan kann ich in Bischofshofen, zwischen Dachstein und Hochkönig, wenden – viel weiter wäre ich auch gar nicht gekommen, weiter ostwärts wird der Handwind zusehends schwächer. Der erste Teil läuft aber bis dahin zeitlich nach Plan, auf die Tiefpunkte könnte ich allerdings verzichten. Doch ist auch hier die Theorie einfacher als die Praxis. Denn beim Rückflug komme ich am Wilden Kaiser nur auf 2’400 Meter. Nicht eben viel für die 40-km-Querung gegen den Wind an den Rofan. Das ist der Grund, weshalb ich bei der Wahl der Flugtage darauf achte, dass der Föhn möglichst direkt aus Süden (und nicht aus Südwesen) bläst. Denn da sind die langen Kreten des Inntales besser angeströmt. Vorsichtig schalte ich nochmals einen Gang herunter und nehme zwischen Kufstein und dem Achensee im Geradeausflug immer wieder ein paar Meter mit, wenn das Vario mal leichtes Steigen meldet. Mit dem Wasser in den Flügeln macht das jedesmal ein paar Meter aus, die mir am Ende einen komfortablen Einstieg knapp unter 2’000 Meter in die Nordkette ermöglichen.

Tracker on strike.

Bis zur Hohen Munde funktioniert das Schwingen von Krete zu Krete prima. Der Föhn ist stärker geworden. Bis zum nächsten schönen Aufwind muss ich mich allerdings bis ans Westende der Mieminger Kette gedulden. Hier nehme ich mir bewusst Zeit, um für die Passage nach Landeck höchstmögliche Höhe aufzubauen. Meinem Spot-Tracker gefällt die Sache ab hier nicht mehr, er geht wie die Griechen in den Streik. Was bei meinen Freunde zuhause im Büro unnötig Sorgen auslöst, warum ich plötzlich ‚vom Radar‘ verschwinde. Weil ich das Telefon stumm geschaltet habe, höre ich auch ihre Kontrollanrufe nicht. Offen gestanden: ich habe ab hier auch alle Hände voll zu tun, das Fliegerchen auf Kurs zu halten. Telefonieren ist gar nicht…

Wie eine Feder im Wind.

Obwohl ich die Gurte so fest anziehe, dass sie schmerzen, knalle ich mehrmals an die Decke. Meine Lesebrille macht immer wieder den Überschlag und hängt danach verkehrt herum an ihrer Halsschnur. Die Fahrtzunahmen sind abenteuerlich. Mehr als 150 km/h getraue ich mich gar nicht mehr vorzufliegen. Am liebsten habe ich jene Phasen, bei denen nach Abbau der Fahrtzunahme ein heftiger Gegenschlag nach unten folgt. Boaahh, der elegante österreichische Flugstil geht in einen Luftkampf über. Dafür pusht mich der Parseier auf eine bequeme Höhe, damit ich direkt durch dieses Durcheinander nach Schruns zum Einstieg in die Montafon-Welle fliegen kann. Da ist das Steigen dergestalt, dass ich die Höhe nicht mehr wegdrücken kann, wenn ich keine Strukturschäden am Flugzeug riskieren will. In kurzer Zeit bin ich auf 4’000 Metern. Sicherheitshalber frage ich bei Zürich Info um eine Freigabe für Luftraum Charlie ab der Schweizer Grenze. Die bekomme ich rechtzeitig und für das verlangte Höhenband zwischen 3’900 und 5’000 Metern. Zum Glück ist die überflüssige Höhe im sinkenden Leewellen-Teil hinter der Schesaplana im Nu wieder weg und ich kann unter der Luftraumgrenze zurück ans Westende des Walensees fliegen.

Da gehen ja sogar die Vögel zu Fuss.

Die zahlreichen Wolken, die sich hier der einströmenden Feuchtigkeit wegen bilden, sind eine echte Herausforderung. Drum herum, drunter, drüber – alles versuche ich, um abenteuerliche Steigwerte, Fahrtzunahmen und Turbulenzen in einem gefahrlosen Speedbereich zu durchfliegen. Es ist nicht wirklich schön. Obwohl ich genug Zeit hätte, um heute nochmals einen Tausender abzufliegen, verzichte ich darauf, mich nochmals bis Innsbruck und zurück durchkneten zu lassen. Am lustigsten ist die Begegnung mit einem Gänseschwarm über dem Prättigau. Der zieht eine Weile schön in gemetrisch korrekter Formation nach Süden. Bis er in den nächsten Rotor einfliegt. Da gerät das alles etwas durcheinander, die Gänse rudern verzweifelt gegen die übermächtige Strömung an, um sich nicht zu verlieren. Was natürlich nicht klappt, nach kuzer Zeit sind die Wandervögel weit auseinandergetrieben.

Mir reicht es für heute. Ich verlängere nur noch bis Klosters und schaue dann, dass der gemütliche Teil mit meinen Freunden, einem feinen Znacht bei Wolfgang Tieber und ausreichend flüssigen Appenzeller Spezialitäten nicht zu kurz kommt. Das ist der Moment, mich bei meinen morgendlichen Unterstützern zu bedanken: Paul Kläger, Armin Hürlimann und Andy Hirlinger – ohne Euch wäre dieser Flug heute nicht gelungen – ‚Tangge villmaal‘!

Fazit:

Eigentlich zuviel Wind, aber wenigstens aus der richtigen Richtung. Die Bedingungen für lange Flüge waren zwar ok, aber teilweise sehr ungemütlich. Was Bert Schmelzer jun. aber nicht abgehalten hat, heute von Hausen aus 1’000 km in einer ASG-29 abzufliegen. Er hat zwar den Nachhauseweg bis Hausen nicht mehr ganz geschafft und ist im ersten Regen und bei stark absinkender Wolkenbasis bei uns in Schänis gelandet. Der bescheidene junge Man hat aber im Restaurant trotzdem keinen Ton drüber verloren, wie weit er heute geflogen ist: herzliche Gratulation also erst nachträglich!

Schon früher habe ich auf Bilder von Roland Henz aus Unterwössen hingewiesen. Er schafft es immer wieder und auch bei unmöglichen Turbulenzen, den Fotoapparat in der Hand zu halten und erst noch dazu das Flugzeug zu steuern. Seine Aufnahmen geben die aussergewöhnlichen Bedingungen aber wunderbar wieder.

OLC-Flugdetails

und hier die Wetterdaten:

Als ob ein Engel schöbe.

1’000 km geradeaus durch die Alpen.

Am Samstag, den 28. April gelingt ein Flug, auf den ich zusammen gezählt seit zwanzig Jahren hinarbeite. Den Schlüssel zum Gelingen hat Markus von der Crone gefunden, der dieses Ziel ebenfalls gleich lange verfolgt. Es ist die unkonventionelle Idee, die Walliser Nordkreten für den Hangflug zu nutzen. Die Schönheit dieses Fluges liegt dabei in seiner Geometrie: einfach geradeaus.

Blick aus dem Cockpit auf die Walliser Viertausender. 

Es stimmt fast alles.

Den Wetterbericht studieren Roland Hürlimann (das ist der dritte Musketier an diesem Flugtag) und ich seit Tagen. Wählen den idealen Flugtag aus, suchen freien Platz in der Agenda, verwerfen anfangs gewählte Flugtage, um vermeintlich bessere zu finden nur, um auch diese wieder zu verwerfen. Es ist fast nicht auszuhalten. Wir haben eine seltene, über mehrere Tage anhaltende Föhn-Periode. Aber meistens Wind aus der falschen Richtung oder in den unteren Luftschichten viel zu schnelle Speeds. Aber am Samstagmorgen um sechs stehen Markus, Roland und ich dann schliesslich wie schon so oft in den letzten Jahren mehr oder weniger munter vor den Hangartoren in Schänis. Der Südwind bläst jetzt in einer vertrebaren Stärke und Richtung. Auf der Fahrt hierher sind mir aber erhebliche Zweifel gekommen. Erste Anzeichen von Wind habe ich erst in Ziegelbrücke gefunden. Das ganze Glarnerland liegt in ruhiger Luft. Phuh – eigentlich gar kein gutes Zeichen für einen frühen Start. Aber wir glauben trotzdem an unser Vorhaben. Markus hilft mir beim Zusammensetzen meiner ASW-20-B, für die mir mein Partner Heinz Brem heute den Vortritt gelassen hat. Wir haben also grossen Ausgang.

Der Wilde Westen.

Wir wissen aufgrund unserer zahlreichen Versuche, was es für einen langen Streckenflug im Föhn braucht. Wind in der richtigen Stärke, nicht zu wild, und vor allem direkt aus Süden auf die Alpen sollte er auftreffen. Letzteres stimmt heute in der Wetterprognose. Blöderweise baut der Wind aber erst im Laufe des Tages die gewünschte Stärke (max. etwa 60 km/h) auf. Leider macht er das nur im Westen, nicht im Osten, den wir alle im Föhn bevorzugen, weil die Turbulenzen dort erheblich einfacher zu behändigen sind als in den waschmaschinen-ähnlichen Lee-Walzen westlich der Glarner Alpen. Vor allem der auf dem Weg nach Westen unvermeidbare Engelberger Kessel treibt mir schon beim Gedanken an die wilden Rotoren am Surenen-Pass und nördlich des Titlis den Puls hoch. Aber heute wird kein Weg dran vorbei führen. Wenn es ein weiter Flug werden soll, müssen wir nach Westen beginnen, weil es in die andere Richtung erst ab Mittag durch die Alpen bläst. Jänudähalt!  

Kein Stress heute.

Um am Morgen rasch in die Primärwelle der Alpen zu gelangen, schleppe ich deshalb über Mollis, um direkt an den Sernftaler Einstiegspunkten in die Welle zu kommen. Der Plan wäre, danach über das Schächental und den Engelberger Kessel das Berner Oberland zu erreichen. An einen Flug mit 1’000 km glaube ich an diesem Morgen nicht und habe Saanen und den Rofan als Wendepunkte in den Logger geschrieben. Das wären dann 800 km – ist ja auch schön weit! Bei der verfügbaren Tageslicht-Zeit Ende April mache ich mir also für einmal keinen Stress wie bei früheren Gelegenheiten auf anderen langen Flügen im Herbst.

Start im Wasserfall.

Der Abflug gelingt anfangs gar nicht. Ich komme zwar rasch am Schilt über 3’000 Meter, der Startversuch über den Gufel- und den Gulderenstock endet dann aber rasch mit einer Schluss-Höhe von noch 1’700 Metern. Etwas ungemütlich. Aber wenigstens bläst der Wind, auch wenn ich noch nicht sicher weiss, wie. Das finden aber Roland und Markus heraus, die vor mir gestartet sind und am Wiggis und den Ostwänden des Glärnisch entlang zum Klausen streben, während ich noch am Sooler-Achseli die zugeschneiten Alphütten studiere. Ich schliesse mich meinen voraus eilenden Gspänli an und steige über meinem Wohnhaus in Schwanden die Grate hoch. Klappt bestens, nach kurzer Zeit lasse auch ich mich über dem Urnerboden durch die Rotoren drehen. Wie früher schon habe ich über den Jegerstögg auch heute wieder die Sache nicht immer im Griff, aber vorsichtigerweise immer genug Luft unter mir und meistens genug Speed auf dem Fahrtmesser. Das Fliegerchen wirbelt durch die Luft wie ein Fetzen Papier. Manchmal sieht man beim Einfahren in eine Walze nur noch blauen Himmel, weil die rüden Fahrt-Zunahmen so am besten ohne Strukturschäden am Flugzeug aufzufangen sind – nur, um Sekunden später ohne Fahrtanzeige aufrecht in den Gurten zu stehen. Nüdschüü, aber einfach nicht zu umgehen. Ich getraue mich aber deswegen nicht, den Speed richtig nach rechts zu drehen und bleibe mit respektvoller Reserve immer im grünen Fahrtbereich.

Über Leukerbad kreise ich das letzte Mal bis an den Tödi. Und danach bis an den Rofan vor Kufstein gar nicht mehr. 

Markus findet den Schlüssel.

Er schlägt, unkonventionell wie er ist, vor, doch über das Bünder Oberland, den Oberalp und den Furka ins Wallis zu fliegen. Ganz einfach den Luv-Hängen nach. Weil es heute so wenig Feuchtigkeit in der Luft habe und weder die Urner- noch die Walliser Alpen zugestaut sind. Was eine Seltenheit ist. Weder Roland noch ich (bin sowieso viel zu tief dafür) lassen sich vorerst von der ungewöhnlichen Idee ‚anzünden‘ und fahren auf den uns bekannten Lee-Flugrouten nach Westen weiter, während Markus sich am Tödi aus 4’000 Metern in den Wasserfall stürzt und in der Gegend von Disentis buchstäblich auf den Boden trifft. Er meldet später aber gutes Fortkommen auf Flughöhen, die wir aus den Thermikflügen kennen – also eigentlich ziemlich tief für turbulente Südwind-Verhältnisse.

Kein Rhythmus.

Roland und ich lassen uns in Engelberg und dem Berner Oberland durch die Rotorwalzen drehen. Am Titlis knallt mir beim Versuch, auf die Luvseite des Rotors südlich des Gipfels zu kommen, dreimal das Fahrwerk aus dem Flieger. Die ganze Kopfstütze verabschiedet sich aus ihrer Halterung und segelt zusammen mit den Karten, Ausweisen und anderen festgemacht geglaubten Geräten durch das Cockpit. Darum mag ich diese Region im Föhn nicht. Aber sonst bleibt alles dort, wo es muss. Um die Reparaturen kümmere ich mich später, damit ich den Kopf nicht verletze, wickle ich vorläufig einmal das Capot-Tuch hinter mir um die freigelegten Metallhalterungen.

Bis jetzt habe ich noch keinen richtigen Flug-Rythmus finden können, es ist einfach dauernd zu viel los hier drin. Besser wird die Situation erst mit dem Entscheid, südlich (und damit über) statt nördlich der Berner Eisriesen westwärts zu fliegen. An der aus Klettertagen bekannten Kingspitze (Engelhörner) steige ich auf 4’000 Meter hinauf, um Markus Spuren ins Oberwallis folgen zu können. Vorsichtig taste ich mich am Schreckhorn vorbei ins Oberwallis. Verabschiede mich von der gut besuchten Zürich-Information-Frequenz und geniesse die plötzliche Ruhe im Flieger. Von hier weg finde ich endlich meinen Rhythmus. Steige vorsichtig (und eigentlich für einen langen Streckenflug langsam) den Hängen nach immer weiter westwärts. Die gröbsten Turbulenzen sind Vergangenheit. Unser Vorhaben wird allmählich zum Vergnügen.

Im Sorglos-Paket nach Austria.

Markus ist mir etwa 30 km voraus und rauscht in der ASG-29 das Wallis hinunter. Meldet gutes Fortkommen bei vernünftigen Wind-Verhältnissen. Ich habe nun den Vorteil, dass er grössere Flieger-Fallen am Funk meldet und kann ihm wie ein Postauto-Anhänger hintennach fahren. Das kompensiert meinen etwas älteren und kürzeren Flieger und ich kann so ständig an ihm dranbleiben. Bald einmal wenden wir am äussersten Zipfel der Walliser Nordkrete bei Martigny. Bis an die Furka zurück drehe ich nur noch zweimal Kurven. Am Diablerets-Gletscher und über dem Lötschental. Die Wind-Strukturen sind wegen zunehmender Feuchtigkeit jetzt besser erkennbar. Erst am Tödi drehe ich auf dem Weg ostwärts wieder ein paar Hundert Meter auf, weil der Aufwind hier mit über 6 Metern/Sekunde so schön und ruhig ist. Aber danach fege ich nur noch stundenlang den Hängen nach. Die Luft wird ruhiger, die Turbulenzen sind handhabbar, die Hänge tragen zuverlässig wie selten. Ich liebe Österreich! Es ist jetzt wie in einem Formel-1-Cockpit. Mit einem Groundspeed von über 200 km/h fegen wir in die Ostalpen, nie über die Hangkanten steigend. Erst am Rofan vor Kufstein drehe ich die Nase der ASW-20-B wieder einmal südwärts und nehme vor dem grossen Sprung an den Wilden Kaiser ein paar Meter mit.

Foto: Marc Angst (auf einem anderen Flug mit Heinz Brem an Bord).

Österreichische Eleganz.

Am Wilden Kaiser drückt es mir fast die Tränen ins Gesicht. Ich komme auf 1’700 Metern an den Hängen an, habe schon nasse Hände, weil ich hier schon so oft stecken geblieben bin, bevor ich am ersten Ausläufer des Kaisers die Nase des Flugzeuges nach oben ziehe und einfach den Kalk-Gräten entlang aufwärts steige. Die Steigwerte sind einfach ein Traum. Es ist als würde heute an jeder wichtigen Stelle Unterstützung geboten.

Als ob ein Engel schöbe.

Und ab hier beginnt das Vergnügen erst richtig. Die österreichischen Segelflieger-Kollegen wissen gar nicht, was sie an ihrer fein säuberlich aufgestellten Alpenketten-Struktur haben. Kein Vergleich mit den turbulenten Verhältnissen (- mir sind ebä chlä vertrülleter) in der Schweiz. Hier fegt man als Segelflieger einfach dem oberen Drittel der Kreten entlang kreuz und quer durch das ganze Land. Die Aufwinde sind bei Südwinden von ca. 30 km/h stabil, verlässlich, sicher. Vor grösseren Unterbrüchen in den Ketten des Kaisers, der Loferer Steinberge, der Leoganger, des Hochkönigs und Dachsteins und wie die Zacken alle heissen, kann man sich jeweils ein paar Hundert Meter auf’s Konto buchen, ein paar Kreise machen – und weiter geht’s in schwungvollem Walzertakt. Die elegante österreichische Lebensart eben!

Arithmetik im Cockpit.

Markus wendet für mich unerklärlicherweise mitten in diesem Vergnügen schon in St. Johann im Tirol und lässt sich nicht aufhalten, zurück nach Hause zu fliegen. Ich will aber Österreich noch etwas weiter ostwärts geniessen und ziehe mit dem gleichen Rhythmus wie vorher weiter bis zum Hochkönig. Als Wende-Zeit habe ich mir drei Uhr nachmittags gesetzt. Nun lasse ich mir sogar noch eine Viertelstunde Reserve und wende kurz vor Bischofshofen am Hochkönig die Nase der ASW-20-B erstmals wieder Richtung Westen. Langsam aber sicher beschäftigt mich jetzt eine vierstellige Zahl. Mit diesem Wendepunkt müssten es zurück bis nach Schänis 1’000 km werden. Ich kann es kaum fassen. Die Karten liegen heute einmal richtig auf dem Tisch. Eine wohlige Zufriedenheit breitet sich in mir aus und die Anspannung der letzten Stunden löst sich langsam.

Stresslos zurück.

Der Wind schiebt aus der richtigen Richtung. In einer vertretbaren Stärke. Der Zeitplan hat über eine Stunde Reserve drin. Ich muss nur noch 300 km fliegen. Was nachmittags um drei im April mit einer verstärkenden Föhnprognose über den Schweizer Alpen bis weit in die Nacht hinein nicht der Ansatz eines Problemes sein sollte. So ist es dann auch. Ich nehme einen Gang zurück und turne gemütlich am Kaiser auf 2’800 Meter hinauf. Damit kann ich direkt an den Rofan fliegen. Und von da an ganz einfach die Standard-Strecke zurück nach Schänis. Vorsichtig, um ja nichts mehr anbrennen zu lassen, nehme ich am Fernsteinsee mit, was ich kann. Dasselbe am Parseier. Mit 4’000 Metern auf dem Konto beginne ich langsam zu realisieren, was heute hier passiert. Ich geniesse den Flug in die Abendstimmung, lasse das turbulente Montafon für einmal aus einer komoden Welle weit unter mir und tauche dann in die turbulenten Schweizer Alpen. Nicht zu lange. Nur noch, bis mein gescheiter StrePla-Kilometer-Zähler wieder bei Null beginnt. Die 1’000 km sind am Pragelpass vollbracht. Meinen urchigen Jauchzer im Flieger hat zum Glück niemand gehört 🙂

Dankeschön.

Markus vollendet in dieser Zeit ebenfalls seinen 1’000-km-Flug noch bis an die Furka und zurück ins Prättigau. Beim ASG-29-Logger kann er nicht genau ablesen, wie viele ausgewertete Kilometer schon auf dem Konto sind. Deshalb legt er noch ein paar Sicherheits-Kilometer drauf, damit es aber auch ganz sicher klappt… Bei Markus möchte ich mich für seine sehr kameradschaftlichen Funkmeldungen über die angetroffenen Verhältnisse speziell bedanken. Das hat dieses Unterfangen erheblich erleichtert. Und bedanken möchte ich mich auch bei unserem robusten Turbinen-Heizer Kurt Götz und bei Urs Lerch, der beim morgendlichen Start geholfen hat.

Auf ein Neues.

Roland ist es leider weniger gut gegangen. Mit der gewählten Lee-Rotoren-Route auf der Nordseite der Alpen hat er viel Energie und Zeit verbraucht und mag irgendwann nach 800 km nicht mehr. Schade – aber dann versuchen wir es einfach weiter – irgendwann klappt es plötzlich. So wie an diesem nicht ganz erwarteten Super-Tag heute. Ein Traum!

Und davon gäbe es ja noch mehr: im Südwind nach Wien und zurück zum Beispiel. Oder einen wirklich langen Thermik-Flug. Wir bleiben dran.

Detaillierte OLC-Flugdaten.

„You are cleared to 6000 Meters… Next report: Oberalp.“

In den vergangenen 20 Jahren habe ich es selten bis gar nie erlebt, dass mich Skyguide ohne Transponder über die Standard-Höhen hinauf hat steigen lassen. Heute war das anders. Erstmals seit Jahren sind wir über dem Kanton Graubünden zwischen Zernez und dem Oberalppass mal wieder auf 6’000 Meter oben gesegelt. Ein königliches Gefühl. Und das Ganze auch noch bei Südföhn. Normalerweise ist da südlich der Glarner Alpen alles zugestaut.

 

Hier schon mal ein paar Fotos:

Peter Schmid, der mir dieses Jahr während dieses Fluges auch gleich den (etwas ausführlichen) Jahres-Checkflug abgenommen hat, berichtet für einmal als Gast an dieser Stelle über den herrlichen Wellenflug.

Mit diesem e-Mail am Montag, 9. April haben die Ereignisse ihren Lauf genommen. ‚Ja, aber‘, war die spontane Antwort von Ernst. Kurze telefonische Absprache, wir sind uns einig, der Föhn reicht vermutlich nicht weit genug nach Österreich, für einen Weitschuss. Damit einigen wir uns, Treffpunkt 09:00 in Schänis zum regulären Briefing.

Die Strategie, die Strategie…

Wie so oft, haben wir auch heute eine perfekte Strategie. Diese sieht vor, dass wir uns um 09:00 unseren beinahe neuen Arcus T schnappen. Danach Start in die Föhnwellen und einen tollen, unbeschwerten Föhnflug geniessen. Alles klar soweit. Leider auch wie so oft, erfährt unsere Strategie unangenehme Störungen. Dies beginnen schon damit, dass der Arcus bereits seit 07:00 in der Luft ist. Die lapidaren Kommentare unserer Kollegen, „Ihr müsst früher aufstehen“. Vielen Dank an dieser Stelle, das haben wir gerade noch gebraucht.  Somit müssen wir uns wohl oder übel mit einem Duo Discus X begnügen. Zugegeben, das ist klagen auf sehr hohem Niveau.

Warme Kleider angezogen, Material im Flieger verstaut und um 10:06 zieht uns unsere zuverlässige Fox Juliet in Richtung Ziegelbrücke. Den Flachlandflieger wird’s zwar schütteln, wir entscheiden uns aber trotzdem für eine unsportliche Klinkhöhe von komfortablen 2’500 m. Danach Standardprozedere, Leistchamm, Südseite der Churfirsten. Erste Zweifel machen sich im Cockpit breit. Der Walensee kräuselt, die Churfirsten tragen aber eher schlecht als recht. Mutig fliegen wir vor. Die Theorie ist uns bestens bekannt und eine Strategie haben wir auch. In diesem Fall haben wir sogar beide dieselbe Strategie, was auch schon anders war.

Nächster Halt: Sichelchamm. Selbst der mag heute nur enttäuschen. Die Frühaufsteher im Arcus melden sich vom Gonzen. Kurz gerechnet, es ist jetzt 10:40, gestartet ist die Familie Straub um 7:17 – Frühaufsteher eben – , d.h. 3 Std.23 Min. und doch erst am Gonzen. Wir sehen uns in unserer Analyse des Vortages bestätigt, „der Föhn baut erst im Verlaufe des Tages auf und reicht deshalb nicht für einen Weitschuss“.

Der Falknis ist ein Rein-Fall.

Zumindest bestätigt uns die SX Besatzung, dass der Gonzen von ganz unten weg funktioniert. Diese Information lässt uns an unserer Strategie, nämlich vorzufliegen, festhalten. Mittlerweile können wir bestätigen, der Gonzen hat funktioniert und dies ab 1’400 m. Föhnartig, mit Steigwerten um die 5 m/sec haben wir uns schnell auf Kretenhöhe hochgearbeitet. Feinfühlig wie ein Kardiologe arbeitet Ernst uns auf eine nahezu komfortable Höhe von 2’400 m. Wiederum sind wir uns einig, wir fliegen weiter an den Falknis. Dieser belohnt unsere Abenteuerlust mit einem freien Fall über einige hundert Meter. Weiter an den Vilan. Unser brutaler Absturz verlangsamt sich deutlich. Knapp 900 m unter unserer Abflughöhe am Gonzen finden wir uns auf gut 1’500 m am Vilan. Mit Achten und Kreisen und Achten und noch mehr Kreisen, gelingt es uns etwas Höhe zu gewinnen, diese wird aber auch kurz darauf wieder vernichtet. Während ich mich vorne auf sauberes fliegen am Hang konzentriere meint Ernst ganz trocken: „Heinz (Brem – Anm. der Redaktion) sagt immer, die Höhe, die im Geradeausflug am Hang gewonnen wird, sollte möglichst nicht in der Kurve wieder vernichtet werden.“

Gratis-Parkplatz an Vilan und Gonzen.

Vielen Dank für diesen wertvollen Beitrag! Nach ewig lang erscheinendem, erfolglosen Pickeln, kündigen wir dem Vilan unsere Liebe und fliegen zurück an den Gonzen. Aus 1’300 m geht’s wieder im Lift hoch. Guter Rat ist teuer. Wir fliegen entlang der Alvier-Krete zurück zum Sichelchamm. Immer noch keine Bewegung, zumindest keine positive. Nochmals zurück an den Rettungsanker namens Gonzen. Wieder steigen wir auf Kretenhöhe. Wir einigen uns, dass man den Gonzen unbedingt erhöhen sollte. Irgendeine Konstruktion, welche noch ca. 700-1’000 m in die Höhe reicht. Vielleicht sollte man einen Künstlerwettbewerb ausschreiben. Dem geneigten Lester, der jetzt auf Sauerstoffmangel tippt, versichere ich, daran hat’s nicht gelegen.

Wie weiter aus dieser Misere?

Die Lenti’s im Prättigau sehen verlockend aus. Das höchste der Gefühle liegt aber im Moment auf 2’200 m. Trotzdem fliegen wir los. Und siehe da, über dem Geschiebe-Rechen von Fläsch fällt Ernst in eine hauchdünne Mini-Welle. Diese bringt uns auf gut 2’500 m. Damit sichern wir uns den Weg ins Rhätikon. Trotz haarscharfer Analyse aller verfügbaren Parameter – Windrichtung, Windgeschwindigkeit – das Rhätikon trägt einfach schlecht. Wir können gerade knapp die Höhe halten. Endlich gelingt es uns, an der Sulzfluh auf komfortable 2’700 m zu steigen. Jetzt beginnt’s uns langsam zu gefallen. Weiter geht’s über Madrisa an den Älpeltli-Spitz eingangs Montbiel. Zuverlässig wie eine Schweizer Uhr steigt’s hier richtig gut. In Richtung Silvretta-Gletscher trampeln wir in eine Welle. Um ja keine Luftraumverletzung zu begehen, fragen wir rechtzeitig bei Zürich Info für eine Clearance um höher als 3’900 m in den Luftraum Charlie zu steigen. Da unsere Steuergelder gerade an der Arbeit sind – sprich Militärflieger – kann unserem Ansinnen nicht statt gegeben werden.

Auch die beste Armee muss mal üben.

Also halten wir uns an die 3’900 m Obergrenze und fliegen weiter über den Flüela Richtung Zernez. Jetzt sind die Rotoren deutlich gezeichnet und es fällt leicht, diesen Aufwindbändern zu folgen. Das Vinschgau lockt, allerdings erkennen wir die Föhn Strukturen nicht mehr so genau. Deshalb drehen wir an der Nuna um und fliegen wieder westwärts. Am Flüela steigen wir wieder, Zeit für eine erneute Anfrage für weiteres Steigen. Wieder wird unserem Ansinnen nicht stattgegeben.

Steter Tropfen höhlt den Stein.

Etwas später am Jakobshorn erneute Anfrage, leider auch diesmal abgelehnt. Wir entschliessen uns, der Föhnwurst entlang über Arosa Richtung Chur zu fliegen. Wir fühlen uns wie in einem Jet. Ein herrliches Gefühl, mit 180 km/h und 1.5 m steigen der Wolke entlang zu zischen. Selbst im Schnellen Geradeausflug kommen wir dem Luftraum Charlie immer näher. Wer weiss, vielleicht ist den Armeefliegern mittlerweile der Sprit ausgegangen, sicherheitshalber fragen wir bei Zürich Info nochmals an. Der freundliche Controller fragt uns, auf welche Höhe wir denn zu steigen beabsichtigen.

Step by Step cleared to 6’000.

Werden wir mal nicht überheblich und fragen für bescheidene 4’600 m an. Nach einem kurzen „Stand by“ kommt schon sehr bald die Bewilligung auf 4’600 zu steigen. Dies gelingt uns in der Region zwischen Langwies und Tschiertschen.  Viel zu schnell erreichen wir 4’500 m. Schnell angefragt, ob einer weiteren Bewilligung auf 5’000 m statt gegeben werden kann. Die Bewilligung kommt umgehend. Mittlerweile sind wir in der Region Tschiertschen. Das Steigen nimmt auch bei 4’900 nicht ab, deshalb fragen wir in unserer unverwechselbaren Bescheidenheit für 5’500 m an. Auch dieser Anfrage wird unkompliziert und prompt zugestimmt. Der aufmerksame Leser vermutet es bereits, bei 5’400 m das Spiel nochmals. Wir erhalten eine Clearance bis auf 6’000 m. Welch erhebendes Gefühl. „Uns gehört die Welt. Le roi c’est moi.“ und weitere emotionale Ausdrücke durchfluten das Cockpit. Diesmal könnte es tatsächlich Sauerstoffmangel gewesen sein. 😉 ACHTUNG, dies ist nur ein Witz. Selbstverständlich hat es nicht am Sauerstoff, bzw. an Ermangelung desselben gelegen, sondern an diesem wunderbaren Gefühl auf 6’000 m dahin zu schweben.

Der Rest des Fluges ist schnell erzählt. Wie ein Airliner pfeilen wir auf 6’000 m Richtung Oberalp. Wir versprechen dem Controller hoch und heilig (Letzteres sind wir im Gegensatz zu Ersterem nicht), dass wir nicht in den Alfa 9 einfliegen werden. Ausserhalb der Luftrstrasse wenden wir und nehmen wieder Kurs Ost. Mittlerweile gefriert unser Capot immer mal wieder zu. Ernst fühlt sich wie in einer Eishöhle. Mit der Sonne im Rücken sitzt Ernst im Rücksitz im wahrsten Sinne des Wortes nicht auf der Sonnenseite des Lebens. Selten habe ich diesen zähen Kerl dermassen jammern hören. Evtl. mit Ausnahme der Skitour 2011. Mein Verdacht, dass ich es mit einer Memme zu tun haben, hat der Blick auf das Thermometer mit einer Anzeige von -27 Grand schnell entkräftet. Ernst, ich entschuldige mich dafür, dass ich, wenn auch nur für einen kurzen Moment, an dir gezweifelt habe.  Über die Silvretta, Bielerhöhe nehmen wir immer noch auf 6’000 m Kurs Richtung Schänis.

Schwieriges Absinken in den äh – Walensee –
‚merci vielmal‘ an die Skyguide-Controller.

Die Frage des Controllers, wo wir gedenken, aus dem Luftraum Charlie auszufliegen, hat unsere mittlerweile gefrorenen Hirnzellen nochmals ordentlich in Schwingung gebracht. „Äh“, – ist übrigens ein Anfang, welcher in der Sache nicht unbedingt vertrauensbildend wirkt – „Äh, we intend to fall below 3’900 m in the area of Walensee“. Controller: „OK, next report when falling below 3’900 m“. Wir müssen uns ordentlich anstrengen, aus unserer Position Bielerhöhe 6’000 m bis zum Walensee auf 3’900 m abzusinken. Höflich verabschieden wir uns von Zürich-Info. Wir wurden heute sehr gut bedient. Auch an dieser Stelle nochmals ein herzliches Dankeschön an die freundlichen Controller von Zürich-Info.

Zum Checkflug gehört selbstverständlich eine einwandfreie Landung. Ernst hat diese Abschlussaufgabe mit Bravour gemeistert. Trotz orkanartigem Föhnsturm hat er den Sierra Golf butterweich auf der Piste 16 aufgesetzt.

Altersturnen.

Während Segelflug insgesamt ein sehr dynamischer Sport ist, fiel unser Aussteigen nach 7 Std. 20 Min. eher in die Kategorie ‚träg‘ und ‚ungelenkig‘. Und übrigens – all jene die sich fragen, ob Ernst den Checkflug bestanden hat, kann ich bestätigen, jawohl, mit Bravour. Auch wenn wir an diesem Tag nicht die meisten Kilometer gefressen haben, so war’s ein herrlicher Flug, der uns wieder einmal die vielen Facetten unseres faszinierenden Sportes aufzeigte.   

Hier noch die Wetter-Informationen zum heutigen Flugtag:

Flugstrecken-Aufzeichnung des GPS-Trackers.

Wind auf 2’600 Meter, um 12.00 mittags

und dann noch die Isobaren dazu.