Niedergaren, Senioren-Heim für Grandes-Plumes und Wolkenbrüche

Sommer 2015 in Vinon
Während des Sommers 2015 durfte ich für einmal die Vorzüge Südostfrankreichs zweimal geniessen. Einmal zusammen mit der Familie im Juli gleich während zwei Wochen, ein zweites Mal ‚nur zum Segelfliegen’ im August während einer Woche – aber mindestens, bis mir fast die Thermik aus den Ohren gepfiffen ist…

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Nicht alles gelingt bekanntlich gleich beim ersten Anlauf. Der Segelflug-Urlaub der ersten beiden Juli-Wochen 2015 beginnt bei feucht-heissen Temperaturen in der Werkstatt. Eine Schraube streift am Fahrwerks-Reifen der ASW-20-B. Der deswegen sofort nötige Rad-Aus- und Wieder-Einbau bei brütender Hitze, feuchtheisser Luft aus Süden und gefühlten 50° Celsius in der Werkstatt wegen einer verkehrt plazierten Schraube (Muttern sind länger als Schraubenköpfe) sorgt nicht gerade für gute Stimmung. Normalerweise wird bei solchen Bedingungen im Steamer Broccoli und Blumenkohl nieder-gegart. Umso dankbarer bin ich René Notter für seine Hilfe beim Wiedereinbau der haarscharf und nur unter bestimmten Bedingungen passenden Radachse. Froh bin ich auch, den Fehler noch bei der Luftdruck-Kontrolle entdeckt zu haben, ein geplatzter Reifen hat normalerweise unangenehme Folgen. Ich kann mich schwach erinnern: da lag doch schon bei der letzten Landung so ein seltsamer Gummi-Geruch in der Luft! Dem habe ich damals keine besondere Beachtung geschenkt, bzw. gedacht, der Geruch käme vom Bremsmanöver bei der Landung. Erst, als sich das Rad bei der Suche nach dem Ventil nicht mehr problemlos rundherum drehen liess, ist mir das Problem aufgefallen.

Im Tiefflug von Flugplatz zu Flugplatz
Auch der erste Flug gehört nicht gerade zu den Erinnerungen, welche die Segelflug-Faszination Südostfrankreichs ausmachen. Er führt im Gegenuhrzeigersinn bei stabil-heissen Bedingungen rund um die Haute-Provence. Während des Fluges bemerke ich zu spät, dass ich westlich des Lac de Serre-Ponçon in eine deutlich stabilere Luftmasse einfliege. Die maximal mögliche Höhe liegt im Becken von Gap weit unter den Gipfeln. So schleiche und hangle ich mich von Flugplatz zu Flugplatz und nutze die Vorteile des LX Zeus. Mit dem raffinierten Moving-Map-Gerät weiss ich nicht nur genau, wo ich bin, sondern auch auf Knopfdruck die Pistenrichtungen, Platzhöhe und die Funkfrequenz der Flugplätze, auf denen ich heute andauernd niederzugehen drohe. Das Gerät sorgt für entspannte Arbeitsbedingungen im Cockpit. Kein Stress mit Aussenlandebüchern, Flugplatzkarten, Frequenzlisten. So komme ich gleich zweimal aus der Landevolte wieder weg. Anfangs ist es Gap, später Sisteron und der Tag wird abgerundet von St.-Auban und am Ende schaffe ich es dann zu meinem eigenen Erstaunen wieder zurück nach Vinon. Ein spannender, lehrreicher Flug also gleich zur Einstimmung.

Im Lehnstuhl ins Val de Rhêmes.
Ein weiterer Flug ist das pure Gegenteil dieses Tieffluges durch die Gegend. Er führt bis in die Region Aosta – die Heimat der V-Täler (Val Savarenche, Val de Rhêmes und Valgrisenche) hinauf. Und während meistens die Querung der Maurienne (Vallée Modane) verdient werden will, ‚falle’ ich diesmal nördlich des Col du Mont-Cenis bei leichtem Nordwestwind direkt in eine sanfte Welle, der ich auf sehr komfortablen Höhen spielerisch leicht bis ins Aosta-Tal und wieder zurück folgen kann. Zwischen diesen beiden Flügen liegt allerdings ein kompletter Aussetzer. Dabei gelingt es mir nach dem Start bei leichtem Südwest auf keine Art und Weise, auf eine vernünftige Abflughöhe zu steigen. Nach knappen drei Stunden bin ich auf maximal 1’100 M.ü.M. dermassen durchgekocht, dass ich aufgebe und lande. Kaum stehe ich am Boden, klettern meine vorherigen Leidensgenossen direkt über dem Flugplatz in Vinon in einer Welle in grosse Höhen. Ich habe die Möglichkeiten des auf Norden drehenden Windes schlicht nicht erkannt, mich stattdessen über einen seltsamen und zunehmenden Versatz beim Kreisen geärgert und schlicht zuwenig Geduld beim Auskreisen der hauchdünnen und schwachen Aufwinde über der Durance gehabt.

Aire de jeux von 300 x 300 Kilometer
Espace_des_Jeux

Drei weitere Flüge führen in allen Drehrichtungen durch ein Fluggebiet, das für einmal im Norden durch die feuchte, faule Luft in der Maurienne, im Westen durch die tiefe Basis und Mistral im Rhônetal, das Mittelmeer und die Luftmassengrenze entlang der italienischen Grenze limitiert wird. Das führt in diesen Tagen zu seltsamen Flugaufzeichnungen im OLC. Das etwas phantasielose JoJo-Kilometer-Fliegen hat Hochsaison.

Fliegender Kontrabass.
Sehr angenehm ist dagegen, dass ich noch nie so häufig in der etwas tiefer liegenden Voralpen-Region zwischen Rhônetal, dem Vercors und dem Parcours des combattants geflogen bin wie dieses Jahr. Teilweise mit Aufwind-Aufreihungen von 200 km Länge zwischen dem Col de Rousset im Norden und dem Lac Ste.-Croix im Südosten, in denen die Segelflieger über weite Strecken mit Höchstgeschwindigkeit geradeaus durch die Gegend flitzen. Eine spannende Erfahrung. Die negativen Klappenstellungen brauche ich sonst nicht dermassen häufig, dafür stelle ich fest, dass die ASW-20-B neuerdings bei einem Speed von mehr als 160 km/h beginnt, einen ziemlich lauten und tiefen Brummton im Rumpf zu erzeugen. Das könnte mit der konsequenten Abdichtung des Cockpits etwas zu tun haben. Der Brummton ist abhängig von der Menge Frischluft, die über die Lüftung ins Cockpit strömt. Ich sitze damit in einem sonderbaren Fluginstrument mit ausgeprägtem Bariton (kann auch ein Bass sein), acht Meter langem Resonanzkörper, einem Einlassventil und nur zwei möglichen Basistönen (Lüftung auf, Lüftung zu). Fast so schön wie in der Oper, und ebenso schön laut. Die Projekte für die Winterarbeiten werden nicht weniger…

Die Tête de Lucy macht knackige Thermik.
Etwa jeden zweiten Tag sind wir ‚en famille’ unterwegs zu den klaren, tiefblauen und kühlen Badeseen der Region, ans Mittelmeer zum Weineinkauf nach Bandol oder zum Sonnenbaden am Strand von Cap Couronne bei Martigues. Eine schöne Abwechslung bei gleichbleibend guten Segelflug-Bedingungen – es kommt kaum drauf an, welchen Tag man fliegt, es geht immer gut genug. Für einen Champagner-Korken-Moment sorgt auf meinem letzten Flug vor der Heimreise die Tête de Lucy – steht doch da in den Chrächen auf der Südseite tatsächlich ein ruppiger Aufwind, der mit mich fast 6 Metern pro Sekunde auf 3’500 Meter hinauf ‚schiesst’. Immer wieder unglaublich, wie dabei die Landschaft unter dem Cockpit wegtaucht.

Das Seniorenheim der Champions und Grandes Plumes.
Mir ist kaum ein Flugplatz bekannt, auf dem sich so viele Offene-Klasse-Flieger finden wie in Vinon. Etwa ein Dutzend ASH-25, Nimbus 4DM usw. stehen in den Hallen und vertäut und gut verpackt auf dem Flugplatz, wenn sie nicht gerade fliegen (was sie aber sehr oft tun). Sie werden von zumeist ebenso schon leicht angejahrten Piloten bewegt, die auf ein eindrückliches Fliegerleben, teilweise als bekannte Wettbewerbs-Champions oder Rekordflieger zurückblicken. Jean-Pierre Cartry etwa. Alain Poulet. Gérard und Jean-Noël Hérbaud. Thomas Badum, Klaus-Dieter Mreyen mit seinen Freunden. Oder Gérard Lherm und Gilles Navas (welche das Durchschnittsalter dieser Pilotengruppe unter 65 drücken 🙂 ) Hier finden Sie einen Ausschnitt davon auf Facebook.

Der grosszügige Flugplatz ist ideal für diese Offene-Klasse-Segler mit enormen Spannweiten. Die erfahrenen Segelflieger machen sich während der Sommermonate fast täglich eine Freude mit grossen Flügen in die nördlichen französichen Alpen, rund um den Mont Blanc, hinauf ins Grenzgebiet zur Schweiz, oder sogar an den Furkapass im Wallis und geniessen den endlos langen Rückflug aus dem Brionçonnais, wo sie ein letztes Mal auf fast 4’000 M.ü.M. hinaufklettern, um ohne einen einzigen Kreis die 180 km nach Vinon abzugleiten. Ein kleines Paradies oder eben ein Seniorenheim für Champions und Grandes-Plumes, wie hier die 25-Meter-Flieger genannt werden.

Viel Betrieb im August.
In der dritten August-Woche, in der ich mich nochmals in der Haute-Provence austoben darf, herrscht in Vinon erstaunlich viel Betrieb. Eine Gruppe junger Segelflieger aus Bamberg, eine Schülergruppe von Kindern von Air-France-Flugpersonal, eine Menge Gäste aus Holland und der Schweiz sowie die erwähnten Senioren sorgen für viel Betrieb – mehr als ich vom Juli in Erinnerung hatte. Trotzdem kommt man problemlos und zügig in die Luft, auch lange Plastikschlangen werden dank der kurzen Flugzeugschlepps rasch abgearbeitet. Die Flüge führen auch diesmal wieder in allen Drehrichtungen durch die Région frontalière zwischen Frankreich und Italien, der Maurienne, dem Rhônetal und dem Mittelmeer.

Schwerpunkt sind diesmal wieder die Baronnies, das Brionçonnais, aber auch der Parc National du Mercantour. Diesen Nationalpark kenne ich trotz vieler Aufenthalte kaum. Häufig ist es schwierig, bei vernünftigen Bedingungen in diese menschleere und zerklüftete Region und zurück zu gelangen. Dieses Jahr kann ich sie aber gleich mehrmals erkunden. Markant ist der Unterschied in der Verkehrsdichte. Während sich entlang der bekannten Rennstrecken die Flieger konzentrieren, ist etwas abseits im hintersten Vallée de l’Ubaye oder über dem Mercantour-Nationalpark kaum jemand anzutreffen.

Bemerkenswerte Strassenführung rund um die Cime de la Bonette zwischen Jausiers und St.-Dalmas.

Südfrankreich – Urlaubsziel und Flugschule für Bartgeier.
In den vergangenen Jahren sind mir in der Luft oft Bartgeier aufgefallen. Soviele wie dieses Jahr konnte ich noch nie beobachten. Ich habe den Eindruck, die tollen Segelflugbedingungen hätten sich bei den Bartgeiern herumgesprochen (vielleicht sind unsere ausgewilderten Bartgeier aus dem Nationalpark im Engadin auch darunter gewesen). Es scheint, die Tiere pilgern in den Sommermonaten in diese meteorologisch besondere Region Europas und geniessen ihre verdienten Thermikferien. Auf einem Flug ist mir dabei südlich der Tête de l’Estrop ein Schwarm von mehr als 30 der eleganten Gross-Segler aufgefallen. Darunter waren auch zahlreiche Jungtiere. Und auf einem der schroffen ‚Toblerone’-Felsen in diesem kargen Massiv sassen drei oder vier erwachsene Tiere und eine grosse Zahl kleinerer Bartgeier.

Ich hatte den Eindruck, die Tiere machten auf diesem ausgesetzten Felsen ‚Flugschule‘. Die Senioren haben ihren Schülern gezeigt, wie man sich über die mehr als 500 Meter hoch exponierte Felspartie in die Tiefe stürzt und lernt, wie dann der Luftstrom in die Federn greift und plötzlich trägt. Der ganze Schwarm bewegte sich friedlich und elegant durch die Luft, gegenüber ihrem überdimensionierten Plastik-Kollegen entwickelten sie keine Aggressionen und haben mich einfach beobachtet. Ein herrlicher Moment.

Vinon au Lac.
Kurz vor meiner Abreise Mitte August geraten wir mit dem Campingplatz von Vinon in zwei unglaubliche Wolkenbrüche. Der erste verschwindet nach ein paar Stunden wieder fast spurlos im hartgekochten, braunen Boden. Der zweite ist dann aber ein ganz anderes Kaliber. Während mehrerer Stunden öffnet der feucht-heisse-Himmel alle Schleusen. Der Fahrweg durch die Wohnwagen wird zum Bach. Meine direkte Umgebung und der Anhängerplatz zum See. Das Wasser steigt bis wenige Zentimeter unter die Türschwelle meines Autos bzw. ersäuft beinahe mein hölziges Gartenhaus. Jetzt verstehe ich ansatzweise den Bau des Schiff-Steges bei meinem Nachbarn, der Paul letzten Herbst fast den Hals gebrochen hat. Mir ist inzwischen auch klar, weshalb der Caravan schräg auf dem Deichsel steht – damit das Wasser problemlos durch ihn hindurch fliessen kann…

Wie auch immer: Glück gehabt. Eine Stunde mehr von diesen intensiven Niederschlägen – und wir wären mit unserem ganzen Fluggerät richtig in die Flut geraten.

In diesem Sinne fahre ich wegen der braunen Sauce, welche dieser Wolkenbruch auf dem Flugplatz hinterlässt und jegliche Bewegung mit schwererem Gerät als ein Fahrrad verunmöglicht, dieses Jahr etwas leichteren Herzens nach Hause in eine arbeitsreiche und lange Wintersaison – aber ich bin sicher, dass mit Beginn der nächsten Segelflugsaison während der ersten wärmeren Frühlingstage das bekannte Kribbeln im Bauch zusammen mit den ersten Cumuli am Himmel zuverlässig wieder einkehrt.

Für alle Detail-Verliebten: Hier der Link auf alle Flüge in Vinon dieses Jahres.

Ein Gedanke zu „Niedergaren, Senioren-Heim für Grandes-Plumes und Wolkenbrüche

  1. Joerg Spichtig

    Hoi Ernst

    immer wieder amüsant deinen Blog zu lesen. Und macht gluschtig auf wieder mal fliegen in Südfrankreich! Ich habe meinen Fokus die letzten Jahre auf Brandenburg und Polen gelegt. Kann ich auch sehr empfehlen, gilt ja schliesslich als das Namibia Europas!

    Antworten

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