Der schönste Alpen-Klassiker (Ortler-Matterhorn) andersrum und im Gruppetto *)

20.08.2011. Eine Hitzeperiode sorgt dieses Jahr in der zweiten August-Hälfte für spannende Segelflugbedingungen. Ab Vinon werden in der Woche nach unseren Ferien bei 36° C Bodentemperatur fast täglich Flüge in die Schweizer Alpen geflogen. Im Büro kann ich es inmitten des grössten Ölpreis- und Bestellungs-Puffs seit Jahren deshalb kaum erwarten, am Wochenende einen dieser geschenkten Tage nochmals für einen schönen Alpenflug und würdigen Saisonschluss zu packen.

Foto von einem (anderen) Flug im Frühling an den Ortler.

Ideal scheint mir dafür mein favorisierte Alpenklassiker (Ortler-Matterhorn). Aber diesmal wegen des schwierigen Abfluges in der stabilen Sommerluft in der Linthebene mit dem ersten Wendepunkt Zermatt und dem zweiten im Vinschgau. So kann man hoch aus den Glarner Alpen auf dem Schenkel des Dreieckes starten und kommt überhaupt auf die Rennbahn ins Bündner Oberland. Das geht meist besser als ein Abflug ins Prättigau, weil da morgens die Luft kaum Bewegung zeigt man in der Rheintaler Suppe untergeht. Die Kunst ist bei diesen Flügen jeweils, abends den dritten Wendepunkt in der Linthebene noch hoch aus dem Bündner Alpen erreichen und das Dreieck beim Abflugpunkt in Mollis schliessen zu können. Aber auf diesen spannenden Teil komme ich noch zurück.

Der schönste Zacken der Welt (Foto Martin Haller).

Das Gruppetto

Vor dem Start entschliessen sich Roland Hürlimann, Peter Schmid und Mario Straub spontan, die Aufgabe mitzufliegen. So starten wir kurz nacheinander um 11.00 Uhr und finden im Sernftal die ersten, zuverlässigen Aufwinde. Ich entscheide mich für die vermeintliche Direttissima und fahre am Kärpf unter den Kreten ein. Und komme nicht sauber weg. Der Aufwind ist vom starken Westwind um und hinter die Kreten umgelenkt und kaum zu zentrieren, bzw. nur über den Kreten in einem schmalen Band drin überhaupt nutzbar. Kreisen ist ausgeschlossen und viel zu gefährlich. Heinz Brem schiesst mir durch den Kopf: Am Charbonnel hat er mal während einer längeren Übung treffend bemerkt, „man sollte die im Geradeausflug gewonnene Höhe möglichst nicht beim Wenden wieder vernichten…“

Zuwenig Geduld

Mit geringstmöglicher Marge falle ich deshalb bei der Hausstock-Krete ins Bündner Oberland und kann endlich beim Panixer-Stausee tief einen ersten Aufwind packen, der mich auf eine vernünftigere Höhe hebt. Ab da geht’s wie mit dem Postauto. Zuverlässig alles der Nordkrete entlang über Oberalp und Furka bis ans Eggishorn. In dieser Phase wäre Wasser in den Flügeln schön gewesen. An der Furka hängen die Gleitschirme im Dutzend über den Hängen, man muss extrem aufpassen, keinen aufzuladen.

Roland auf Tauchstation

Beim Eggishorn wechsle ich die Talseite an den Simplon und taste mich nach einem Funkspruch von Roland Hürlimann vorsichtig am Weissmies vorbei ins Mattertal. Um diese Zeit kommt man hier in der Gegend offenbar noch nicht besonders hoch und Roland muss bis auf 2’300 Meter hinunter und in Stalden eine Ausgrabungs-Aktion starten, um überhaupt in der Luft zu bleiben. Er hat beim tiefen Einflug in die Chrächen des Mattertales nichts Aufwindiges mehr gefunden. Also bleiben wir dank dieser Warnung alle hoch und erklimmen am Gornergrat nachmittags um zwei Face-to-face mit dem schönsten Zacken der Welt die Maximalhöhe von fast 4’000 Metern, um in der Direttissima ins Binntal zurück zu sausen. Es ist einfach unglaublich, durch welche wunderschöne Landschaft wir ab Schänis immer wieder fliegen können.

Wechselndes Glück

Im Binntal holt mich der Peter Schmid in der ASG 29 ein. Bis zum Pizzo Scopi beim Lukmanier fliegen wir zusammen, dort erwischt er allerdings einen Aufwind sofort und steigt mir in der ASG-29 sauber davon. Es sollte bis an die zweite Wende dauern, bis ich ihn wieder einholen kann. In den Tessiner Nordalpen komme ich nach dem schnellen Vorfliegen der letzten zwei Stunden zeitweise kaum mehr vom Fleck. Ich bin offenbar zuweit südlich und damit im Einflussberich der stabileren Luft aus Süden unterwegs. Ähnliche Effekte kann man auch am Mont Cenis oder beim Col du Montgenèvre beobachten. Roland, der das Vorderrheintal hinunter flitzt, ist schneller, hat die stärkeren Aufwind und fliegt mir auf und davon. Er ist als erster im Vinschgau. Dazwischen durchfliegen wir aber über dem Engadin einer nach dem andern traumhafte Bedingungen und eine unvergleichliche Landschaft. Die Wolken hängen in der richtigen Dosis am Himmel. Und sie tragen teilweise mit traumhaften Steigwerten von bis zu fünf Metern (Peter Schmid am Piz d’Err) auf nahezu 4’000 Meter hinauf.

Das Engadin hat Karies.

Südlich des Piz Quattervals, über dem Stausee von Livigno, finde ich über einer Mondlandschaft einen Aufwind, da löst es mir mal wieder fast die Schuhbändel. Eindrehen über dem Gipfel, der aussieht wie ein braungelber, ocker und schwarz gefärbter Backenzahn mit extremer Karies, hochziehen, Klappen schön langsam rückwärts fahren, eindrehen, am Storzä ziäh – und vier Meter konstantes Steigen auf dem Vario. Jiijjhhhaaaaaa – so macht dieser Sport auch nach 30 Jahren immer wieder unglaublichen Spass… Und die Optik nach Südosten sieht einigermassen amächelig aus. Die Hoffnung wächst, jetzt auch noch Tabland zu erreichen. Auch wenn es schon vier Uhr nachmittags und Ende August ist. Die Zuversicht wächst, auch wenn die Wolken im Vinschgau schon etwas verhudlet aussehen.

Kniffliger dritter Schenkel.

Die Kunst ist nun, am Ortler mit seiner hohen Basis so hoch zu steigen, dass man den Gleitflug in die tote Luft bis beinahe nach Meran hinunter schafft und nach 40 bis 50 km Gleitflug doch noch so hoch zurückkommt, dass man im Tal von Prato oder auf der Nordseite des Vinschgau wieder Anschluss findet. Und damit zurück nach Schänis kommt. Dafür braucht man nur noch zwei Aufwinde. Jenen am Ortler und jenen an der Nuna bei Zernez. Rückholereien aus dieser Region gehören zu den gefürchteten, mehrtägigen Übungen, wenn man überhaupt irgendwo gescheit zu Boden kommt. Also am besten gar nicht nach unten sehen.

Mario im Elend und doch wieder zurück in Schänis.

Peter Schmid und Roland Hürlimann sind auf der Nordseite des Vinschgau nach Tabland geflogen und finden über den Reschenpass einen einwandfreien Weg, sauber aus dieser südtiroler Luft-Suppe herauszukommen. Mario Straub und ich fliegen direkt über den Ortler an die Wende. Ich selber komme sauber wie selten herum, Mario ist etwas später dran und zeigt bei Prato mal wieder, wie er kämpferisch und doch umsichtig mit Stress und schwachem Steigen am Abend im hintersten Winkel eines Alpentales sauber umgeht. Er kommt nach einer 30-Minuten-Übung im Schatten beim Ortler wieder auf Absprunghöhe und kann den Flug in seinem kleinen Discus mit viel Geduld und Coolness zu Ende fliegen – herzliche Gratulation – Super-Leistung!

Geometrieaufgaben am Schluss

Die letzte Herausforderung ist nun, im Engadin so hoch wie möglich zu klettern, über dem Prättigau so wenig Höhe wie möglich zu verlieren, Reichenburg zu umrunden und via Mollis, dem morgendlichen Abflugpunkt, das Dreieck schliessen zu können. Es wird bei mir ziemlich knapp. Ich fliege auf 3’000 Metern bei Klosters in die tote Flachlandluft. Einzig über dem Rhätikon und der Schesaplana kann ich die Höhe etwas strecken. Es zeichnet sich ab, dass ich zwar herumkommen werde, aber nicht, ohne den Höhenabzug von 1’000 Metern überdehnen zu müssen. Es ist nun komplett ruhig. Den Zylinder von Reichenburg durchfliege ich noch auf 1’400 Metern. Jetzt noch nach Mollis. Boaah, ist das weit dahin… Und wenn’s geht, würde ich danach gern noch nach Schänis zurückfliegen. Denn dort ist um 19.00 Uhr der Fluglehrer-Hock. Da sollte ich schon anwesend sein.

Am Kerenzer kann ich auf 1’000 Metern unten nochmals 200 Meter Sicherheitshöhe ausgraben, das Dreieck (zu tief) schliessen und Schänis danach problemlos erreichen. Glücklich klettere ich in der ungewöhnlichen Hitze abends um halb Sieben in Schänis aus dem Fliegerchen. Das war vielleicht ein spannender Husarenritt heute!

Loggerpuff.

Die Auswertung zeigt dann wieder einmal, dass der OLC mit dieser komplizierten Geometrie nicht auf Anhieb ein FAI-Dreieck zusammen bekommt (oder ich wieder mal irgend ein technisches Detail nicht korrekt beachtet habe). Das ist mir dieses Jahr beim exakt gleichen Flug (einfach anders herum) schon einmal passiert. Das tut zwar dem Vergnügen keinerlei Abbruch – aber ärgerlich ist das trotzdem.

Den Hammer in Sachen Auswertungs-Problemen liefert mein von der FAI homologierter Zander GP 941-Logger. Der zeichnet wie früher schon einmal einen Flug ab Vinon statt ab Schänis auf. Vinon war der letzte Startort in meinen Ferien. Und trotz zweifachen An- und Ausschaltens bekommt es das Gerät nach dem langen Strassentransport offenbar nicht gebacken, den korrekten Startort Schänis zu registrieren.

FAI-500er über dem Golfe du Lyon.

Was in diesem Fall zu einem weltweit einmaligen Flug ab Vinon führt. Mehrheitlich über den Golfe du Lyon bis fast nach Korsika, durch Marseille CTR und die Marinebasis Toulon hindurch und zurück nach Vinon. Was die Technik heute nicht alles möglich macht!

Das hier ist die korrekte Flug-Aufzeichnung von Pocket-Strepla.

und das macht (gelegentlich, immer nach einer längeren Verschiebung des Loggers am Boden) der Zander GP 941 daraus.

Und zum Schluss noch das zu diesem wunderbaren und unvergesslichen Flugtag im Gruppetto *) von Schänis passende Zitat von Federico Blatter:

„Wer will denn in den Himmel – wir sind doch schon im Paradies“.

*) Roland Hürlimann, Peter Schmid und Mario Straub.
Definition von „Gruppetto“:

Und das wären die Details des ganzen Fluges sowie hier noch die Wetter-Analysen dieses 20. August.

 

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