Der andere Klassiker: Ortler-Matterhorn.

Mittwoch, 25. Mai 2011. Noch morgens um sieben sitze ich grübelnd vor dem PC und zweifle, ob ich nach Hanspeter Geier’s Wetterprognose nicht doch gescheiter ins Büro fahren soll, obwohl ich heute extra um fünf Uhr aufgestanden bin, um meinen täglichen Bürokram und die oelpooler-Internetseite auch heute im Falle meiner Abwesenheit so aussehen zu lassen, als sei ich wie üblich an der Arbeit. Aufgrund der Prognose von ‚topmeteo.eu‘ entscheide ich mich aber doch für’s Fliegen und mache mich auf den Weg nach Schänis, während meine Brigitte heute (wieder einmal) das Geschäft alleine hütet.

Wie sich zeigen sollte, liegt Hanspeter heute ausnahmsweise einmal etwas daneben. Das reale Wetter hat deutlich mehr Feuchtigkeit und stärkeren Wind als er prognostiziert. Es ist dafür labiler als erwartet. Die Front, die auf den Nachmittag im Norden der Schweiz erwartet wird, scheint bis in die Alpen Einfluss zu nehmen. Vor allem der Wind wird mich heute noch mehr als mir lieb ist beschäftigen.

Geometrie-Aufgaben.

Franz Strahm hilft mir in aller Frühe beim Montieren und ich fülle den Flieger mit Wasser, als ob ein Bombentag bevorstünde. Der Abflugpunkt ist mit dem Flugplatz Schänis etwas mutig gewählt, die Wolkenfetzen hängen auf allen Höhen, grundsätzlich sind die untersten aber ziemlich tief. Es geht aber aus geometrischen Gründen nicht anders. Vor allem, weil ich der Auswerterei beim OLC mit dem ‚Start auf dem Schenkel‘ nicht recht traue, bzw. nicht weiss, wie man das am Ende genau deklariert. Die FAI will bei den Wendepunkte Sektoren. Der NSFW Zylinder. Schon das schliesst sich ja gegenseitig eigentlich aus. Wie soll das dann funktionieren, wenn dazwischen auch noch ein Zylinder (oder doch Sektoren) eingeflochten werden? Um dem aus dem Weg zu gehen, start ich eben direkt beim Start-Punkt direkt über dem Flugplatz Schänis. Eigentlich ganz einfach.

Beim Abflug in den Amdener Kessel merke ich dann aber, dass es unter, neben und über den Fetzen ganz ordentlich nach oben zieht. Wie im Lehrbuch kann ich über den Churfirsten etwas Höhe mitnehmen, um knapp ins Prättigau fallen zu können. Dort herrschen bereits etwas klarere Strukturen vor. Die Luft ist weniger feucht, die Basis höher, die Wolken haben etwas mehr Struktur. Der Weiterflug bis ins Engadin ist ein richtiger Genuss, die Luft steigt etwa dort, wo man es erwarten dürfte. Bis an den Ortler werden die Verhältnisse zusehends besser. Teilweise läuft das Variometer bis an den Anschlag und der Höhenmesser muss bei 3’900 Metern mit Gewalt und Weiterfliegen am Steigen in den kontrollierten Luftraum gehindert werden. Die erste Wende kann ich bei Tabland im Südtirol ohne grössere Knöpfe holen. Was auffällt, ist der recht zügige Nordwind, der über den Reschenpass an den Ortler und die Kreten östlich und westlich davon pfeift.

Zuviel Thermik, zuwenig Luftraum.

Den Rückweg gehe ich süferli an und versuche, bei Sulden am Ortler knapp über die Krete zu kommen. Die Vorsicht lohnt sich. Kaum komme ich in auf der ‚richtigen‘ Kreten-Seite in den Nordwind und an die Sonne, schüttelt sich die ASW-20. Das macht sie immer, wenn der Aufwind besonders stark ist. Diesmal klettert der Integrator gleich auf 5.6 Meter in der Sekunde. Hat man nicht alle Tage! Bis nach Cresta/Juf am Septimer geht das etwa so ähnlich weiter. Die Wolkenbasis ist über 4’000 Meter, man darf gar nicht alles mitnehmen, ohne den kontrollierten Luftraum anzukratzen. Die Aufwinde sind rund, gross, zuverlässig – wie man es gern immer hätte.

In den Bach gefallen.

Vom Septimer weg werden sie deutlich schwächer, die Basis liegt tiefer, es hat grössere Wolkenbänder am Himmel, welche das Gelände abschatten. Und der Wind macht sich zusehends bemerkbar, die Kreiserei wird anstrengender. So langsam bekomme ich den Krampf in den Oberschenkeln, weil ich bei jedem Kreis nachzentrieren muss, will ich die Querlage schön halten. Die Anspannung wird nicht kleiner, als ich im Val Canaria einen Fehlentscheid fälle und den schönen Leethermik-Wolken in der Leventina nachfliege. Wie immer, geht das dann richtig schief. Ich falle ‚hinter dem Gotthard‘ den Bach runter. Mit 2’500 Metern und einem etwas ratlosen Gesichtsausdruck kann ich mich gerade noch auf die Luvseite bei Realp im Urserental retten. Vielleicht wäre der mutige Schritt ins Valle Bedretto am Ende doch gescheiter gewesen? Dort hätten Sonne und Wind besser aufeinandergepasst. Stattdessen rette ich mich an einen rundlichen Granit-‚Hang‘ im Schatten. Hier steigt es nach einigen Versuchen ziemlich zuverlässig aber endlos langsam mit maximal 70 cm pro Sekunde. Einen Halbkreis lang drehe ich auch noch zu tief und mit dem Rückenwind zu langsam gegen den vermeintlich schon deutlich tiefer liegenden Hang. Der ist aber eben ziemlich flach und ansteigend und mein schwerer Flieger mit dem Wasser drin plötzlich auch zuwenig wendig. Mir wird kalt und warm. Völlig unterschätzt habe ich diese Lage, das könnte bei mehr Wind ins Auge gehen – was mich sofort wachrüttelt. Viel zu gefährlich, diese Fliegerei. Und so komme ich sowieso überhaupt gar nie nach Zermatt!

Wo ich schon immer mal hinwollte: ins Wittenwasser-Tal.

Wenigstens habe ich nun etwas Zeit zum nachdenken. Weiter zur Furka hin hängt ein hoher Cumulus-Fetzen etwa zehn Stockwerke höher. Der rotiert zwar und zerfällt immer wieder. Aber er bildet sich auch immer wieder von Neuem. Also nichts wie hin. Ich schlittere den Kreten entlang nach Westen. Tief am Boden. Aber in konstantem Steigen. Ob ich das Wasser ablassen soll? Nix da, später werde ich bei diesem Wind sicher noch froh sein drum. So wurschtle ich mich mit Hangachten hoch genug, dass ich irgendwann mitten im engen Tal südöstlich der Furka einen schwachen Aufwind zentrieren kann, der mich wieder auf Höhenwerte trägt, die mit einer drei vorne beginnen. Hier oben sehe ich auch endlich wieder mal sauber über die Kreten ins Wallis. Viel Feuchtigkeit. Überall tief hängende Wolken, wenig Strukturen. Aber hinten im Binntal hängen hoch oben die grossen Blumenkohle. Also sofort dahin! Schlimmstenfalls schleppt mich aus Raron sicher wieder jemand mit einem Propeller vorne dran nach Hause!

Die Sache mit dem Zentrieren.

Logischerweise komme ich nun auch im Binntal wieder nur knapp über den Kreten an, kann aber hier wenigstens sofort brauchbare Thermik zentrieren, die mich mit etwas Geduld wieder auf eine normale Arbeitshöhe hinaufbugsiert. Mit mir klettert eine DG nach oben, deren Pilot das zu meinem Ärger wesentlich besser macht als ich. Dass ich mit meinem schweren Flieger nicht so schnell steige, vergesse ich kurzfristig – oder es tröstet mich über meine Unfähigkeit, unter diesen auseinanderlaufenden Cumulüssern ein gutes Steig-Zentrum zu finden. Das konnte ich nämlich noch gar nie so gut wie die andern.

Der Rest ist wieder pures Vergnügen. Die Strecke ins Mattertal ist verziert von 3/8 hoch hängenden, schönen, runden Cumulus mit einem schwarzen Boden. Darunter steigt mein Fliegerchen auch wieder wunderbar. Die Wende bei Täsch kann ich dank etwas Geduld beim Höhe tanken im ‚Steinbruch‘ (dem sagen sie hier ‚Skigebiet‘) bei Grächen problemlos abholen. Tief ins Mattertal zu fliegen, war noch nie eine gute Idee. Die steilen Felsen sind erstklassige Schüttelbecher mit völlig unzentrierbarer Thermik, die daraus in engen Aufwind-Zonen turbulent emporschiesst. Weiter oben kann man dafür im Westwind sogar den Eisbrüchen der Allalin-Gruppe entlang segeln. Wunderbare Szenerie! Früher bin ich hier noch zu Fuss hochgeschuftet – da ist doch unsere liegende Sportart schon erheblich eleganter und komfortabler. Eigentlich ist diese Fussgängerei sowieso eine furchtbar primitive Art der Fortbewegung.

Im Urserental helfen die Mauersegler aus.

Der Weg nach Hause beginnt mit einer Abflughöhe von 3’900 Metern am Weissmies schon mal prächtig. Hier treffe ich um Viertel vor Fünf auch noch auf eine ASW-22 aus Fayence. Die hat noch einen weiten Weg nach Hause! Mit meiner Höhe gleite ich vom Saaser Tal bis an den Gemsstock bei Andermatt, wo ich auf 3’000 Metern in den weissen Tüchern, die hier plötzlich unter allen Kreten hängen, einfahre. Dem Mario Straub ist es hier auch nicht so besonders gut gegangen, er ist ins Urnerland geflüchtet und bastelt sich auf 1’500 Meter bei Flüelen, tüchtig und hartnäckig wie er ist, im Talwindsystem an einem Hand wieder nach oben auf Anflughöhe zum Pragelpass. ‚Super, Mario‘ – entfährt mir da spontan ein Funk-Spruch.

Im Augenwinkel sehe ich südlich des Oberalp-Passes ein paar Mauersegler umherschiessen, bevor ich über die Krete ins Bündner Oberland fliegen will. Aufgrund von Marios Situation und der etwas strukturierter dreinschauenden Wetteroptik entscheide ich mich für den Heimflug via Oberland, auch wenn der Nordwest gehörige Leefelder produzieren wird. Der Vorteil dieser Variante ist, dass die Fluchtmöglichkeit nach Chur (Bad Ragaz) offen bleibt, wenn sie auch sehr zeitaufwendig wäre. Den besagten Mauerseglern folge ich spontan und reisse die ASW herum. Das Vario beginnt erstaunlich zuverlässig nach oben zu klettern. Unter, neben und über mir kondensiert die Luftfeuchtigkeit überall. Wie in einer grossen Glocke steige ich rasch weiter um die Fetzen herum und komme bis auf 3’400 Meter hinauf. Das würde nun sogar knapp über den Klausen reichen, wenn man überhaupt da noch durchfliegen kann und nicht bereits Schauer niedergehen. Ich bleibe deshalb bei meinem ursprünglichen, optionsreicheren Plan und ziele nach einem langen Gleitflug über der Mitte des Tales bis Sedrun auf einen Leethermik-Cumulus westlich des Val Russeins. Es geht nun wie erwartet wieder mal gehörig den Bach runter. Vier, fünf Meter pro Sekunde über längere Zeit. So geht das dann aber nicht lange weiter und ich stehe irgendwo am Boden.

Noch mehr Turnübungen, aber die Thermik kommt immer von ganz unten.

Ich flüchte knapp über die Granitzacken ins schroffe Val Russein an die Sonne. Und hier müssten mindestens Teile des Westwindes aufprallen und nach oben steigen. Kommt aber drauf an, wie hoch man ist, tief unten kann diese Situation auch dazu führen, dass die Luft parallel zum angestrahlten Hang stark absinkt. Hier scheint irgendwas dazwischen stattzufinden. Der Flieger steigt zwar langsam, aber diese Fliegerei knapp an der Krete löst bei mir fast schon Fieberschübe aus. Also erst mal weg mit dem Wasser. Sofort wird der Steigwert besser, ich komme über die Krete. Das reicht nun immerhin, um hinten im Val Punteglias meinen heiss geliebten Lawinenverbauungs-Aufwind anzufliegen. Der kommt meist zuverlässig aus einem hochliegenden Granit-Feld in einer Geländemulde. Auch heute rettet er mich und greift mir im letzten Moment unter die Flügel. Gaaaannnnz knapp über dem Boden packt er mich und trägt mich kräftig mit über vier Metern pro Sekunde nach oben. Nicht zu glauben! Die Thermik kommt aber immer von ganz unten, hat der Ruedi Stüssi schon früher immer gesagt.

Die eine Hälfte des Aufwindfeldes nahe am Bifertenstock ist bei jedem Kreis deutlich schwächer, ich bekomme es aber wegen der Turbulenzen nicht auf die Reihe, nur noch in der andern Hälfte aufzudrehen, auch wenn ich mit hoher Querlage kreise. Letztlich schiesst mich dieser letzte Aufwind, den ich noch brauchte, weit über die Krete hinauf. Das öffnet den Blick über den Kistenpass ins wolkenverhangene Glarnerland. Es hat zum Glück grosse Lücken in den weissen Wattebäuschen, ich zirkle also problemlos zwischendurch an der Baustelle von Linthal 2015 vorbei – jetzt aber ab nach Hause!

Surfen an den Nordseiten.

Zum ‚Auslaufen‘ gleite ich noch im Westwind den Hängen der Churfirsten und des Falknis entlang nach Osten. Der Nordwind hat vor allem im Rheintal erstaunliche Stärke angenommen. Am Falknis stauen auf der Nordseite die Wolken, laufen weit und schwarz auseinander. Darunter tragen die steilen Hänge der Schesaplana auf der Nordseite mit mehr als einem Meter konstant bis an den Lünersee. Hier hängt mir der Wolkensalat dann aber doch zu tief, ich drehe um und geniesse auf dem Heimweg nach Schänis die fantastischen Farben der untergehenden Sonne. Beat Straub hat sich noch am Arlberg auf 3’000 Meter in der ASG-29 gemeldet. Das müsste eigentlich für den Heimflug nach Schänis knapp reichen. Offenbar hat ihn dann noch der Nordwind irgendwo erwischt, jedenfalls macht er in Walenstadt eine Aussenlandung.

Nach fast acht Stunden Fliegerei lande ich ausgelaugt – aber total zufrieden in Schänis. Diesen tollen Flug wollte ich schon immer einmal machen. Wer kann schon aus eigener Kraft am gleichen Tag zum Ortler und zum schönsten Zacken der Welt (den haben die Zermatter ja eigentlich gar nicht verdient) fliegen?

Hier noch der übliche Link auf die Auf’s und Ab’s des Fluges im Detail.

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