Bitumen-Flug nach Bormio.

Gemessen an den Vorbereitungen hätte der Donnerstag, 10. Mai 2012 ein Tag der Weitschüsse werden sollen. Da werden Flächen mit Wasser aufgefüllt. Vorderkanten nochmals poliert. Der Mückenputzer überprüft. Wendepunkte bis zuletzt optimiert. Die Wetterprognose verspricht solide Segelflug-Bedingungen über den Alpen, Baishöhen bis an die Grenze des Erlaubten (geschützte Luftwaffen-Werkstatt). Die Startreihe wird in Schänis länger und länger, gleich wie die Flugvorhaben der Piloten in der Wartelinie.

Stutzig macht mich am Morgen in der Wetterprognose nur jener Satz mit der ‚einfliessenden Warmluft aus Südwesten‘. Die Folgen davon sind im Segelflieger gut spürbar. Die Aufwinde haben ‚keinen Zug‘. Man hat den Eindruck, die aufsteigende Luft bleibe im Leim stecken. Einmal zentrierte Thermik ‚verschwindet‘ nach einigen Kreisen irgendwohin (ich muss zwar zugeben, dass mir das auch ohne Warmluft-Advektion passiert 🙂

Zähflüssig wie Bitumen.

So fühlen sich die Bedingungen dann auch an. Noch bevor ich endlich in die Luft komme, fallen die ersten erfahrenen Piloten wieder auf den Boden. Hmmh – ob das Wasserfüllen vielleicht falsch war? Nach dem Klinken und dem ‚eindrehen‘ in den ersten ‚Aufwind‘ habe ich die Hand bereits am Wasserhahn und schon eine Viertelstunde später auf ‚ablassen‘ umgestellt. Nur mit viel Mühe kann ich mich im hintersten Toggenburg in einen Aufwind einhängen, der mich vor dem Absaufen rettet. Beim Weiterflug bleibe ich am Triesenberg gleich nochmals auf den Kreten unten sitzen. Auch hier ist der Durchmesser der Aufwinde vielleichtg für Schwalben ideal, für mich ist er viel zu eng, ich komme selbst mit dem leeren, leichten Flieger nicht nach oben. Die Lande-Informationen und die Frequenz von Bad Ragaz rücken auf dem PDA in die oberste Position. Der kürzeste Weg dahin führt über die Ostseite des Rheintals, via St.-Luzisteig. An den senkrechten Felswänden (!) meldet die Elektronik plötzlich auf noch 1’400 Metern unten wieder Steigwerte. So turne ich in wilden Achterkurven wie im Luftkampf die senkrechte Wand hoch. Offenbar weht hier ein an die aktuellen Bedingungen auf dem dortigen Finanzplatz angepasster, etwas ruppiger liechtensteinischer Talwind. Er trägt mich aber immerhin genau bis auf den ersten Grat. Weiter geht’s noch nicht. Rettung vor der Aussenlandung in Ragaz bringt dann die westlichste, ins Tal hinaus stehende Felsrippe des Falknis. Auch hier pfeift der Talwind durch und zusammen mit dem gut eingestrahlten Geländekessel über der Luzisteig kann ich in einem turbulenten Aufwind mit viel Querlage zusammen mit einem Adler (auch die üben offenbar manchmal, bis sie wegkommen) erstmals auf eine vernünftige Höhe steigen und ins Prättigau einfliegen.

Trotz Milchglas ins Tal der Bären.

Der Tag ist streckenmässig gelaufen. Mein Vorhaben (Achensee-Ortler) ausser Reichweite. Der Flieger ohne Wasser, die Uhr steht schon auf Zwei. Wenn ich die Übung schon abbreche, dann möchte ich immerhin einen schönen Flug ins Bündnerland machen und taste mich gemütlich(er) ins hinterste Prättigau. Über meinen Schleichweg an den Platta-Hörnern vorbei nach Sagliains ins Land des Bären mit dem seltsamen Namen ‚M13‘ und seinen Kameraden und dann weiter an die Nuna. Da werden zwar feine Steigwerte produziert, Sorgen macht nun aber eine Cirren-Schicht, die über mir eingeschoben wird und das Sonnenlicht spürbar dämpft. Dieses Milchglas verfolgt mich dann bis nach Bormio hinunter. Die Aufwinde sind wieder fast gar nicht zu treffen, wenn man mal einen erwischt hat, ist er auch gleich wieder weg (auch wenn ich sauber kreise). Am Ortler stehe ich auf die Bremse, stelle den Blinker links und fahre via Stilfserjoch und Martina wieder an den Ofenpass zurück.

Foto: Frigg Hauser, aus seinem Ventus ‚H‘ über dem Stilfserjoch

Frigg Hauser ist ins Veltlin hinunter gestochen und meldet von dort tolle Bedingungen, Wolkenstrassen und Dergleichen. Über der imposten Steilwand von Bormio an den Ortler habe ich einen guten Überblick nach Südwesten. Das mit den Wolkenstrasse stimmt sicherlich, das ganze Bündnerland ist aber staubtrocken, blau, nicht die Spur von Aufwinden mit Cumulus-Wülchli drüber. Und die Feuchtigkeit, die von Süden an den Alpenbogen gestaut wird, liegt in den Urner Alpen fast auf dem Gelände auf. Ich beschliesse, ‚H‘ nicht zu folgen, weil mir das Risiko eines Absaufers auf dem Heimweg zu hoch ist und anderntags etwa ein halbes Dutzend Termine in der Agenda stehen. Die kann ich nicht alle sausen lassen… Frigg mus denn auf dem Heimweg in Buochs auch einen Zwischenhalt einbauen, meine Einschätzung war in dem Fall wohl richtig. Man hätte höchstens nicht zuweit nach Westen fliegen und dann den gleichen Rückweg wählen können, angesichts der fortgeschrittenen Tageszeit und der Milchgläser aber auch kein einfaches Unterfangen.

Inzwischen ist die Abdeckung vom Bündner Tourismus-Verband wieder entfernt worden. Dafür haben die Verantwortlichen einen schönen Cumulus über den Bären im Nationalpark plaziert. Fein. Da kann ich so hoch steigen, dass ich schon fast nach Schänis gleiten könnte. Mache ich aber nicht. Jetzt, wo die Bedingungen endlich etwas schöner aussehen, wähle ich den Rückweg über Chur zurück ins Glarnerland.

Entflohene Werbe-Steinböcke?

Im Glarnerland habe ich Heimvorteil und finde sogar Aufwinde, wenn man sie nicht gerade sieht. Jenen am Saasberg in Linthal zum Beispiel. Der Wildhüter und Tierfotograf Marco Banzer mag es zwar nicht besonders, wenn man da über seinen Schützlingen tief kreist. Ich gebe mir also Mühe, hoch einzufliegen und über den aperen Pörtern die Thermik zu zentrieren. Mitten auf einem Schneefeld stehen dann tatsächlich unbeweglich wie die Denkmäler die beiden Bündner Werbe-Steinböcke Gian & Giachen (stelle ich mir wenigstens vor). Sie schauen dem Treiben dieses modernen Störefrieds zu.

Schauen dem bunten Treiben in der Luft gelassen zu: Gian & Giachen von Graubünden Tourismus. Derzeit als Entwicklungshelfer im karitativen Dienst von Glarnerland Tourismus.

Ich höre schon, wie Gian zu Giachen in breitestem Bündner Dialekt sagt:

„Hesch ghöört – im Unterland heiendsi ietz äsoo moderni Plastigg-Vööögel. Mit denä khönnendi die bleichä n’Unterläänder a da schöööne Täääg sogäär ohni Auto oder Isäbaaahn nur mit dr Sunnä in ds Bündnerlaand zu üüss uffä reisä und d’Sunnä gnüüsa – gschpunnä, nit“? – „Joh, Gschpunnä – aber schaad, dass diä in ihrem Stress jo gäär a khai Zit zum Ikheere hen…“

Wie genau die Diskussion der beiden Werbe-Ikonen verlaufen ist, weiss ich natürlich auch nicht, aber etwas in der Art dürfte es gewesen sein. Meine beiden wackeren Steinböcke lassen sich auf jeden Fall nicht aus der Ruhe bringen und stehen unbeweglich mitten in einem riesigen Schneefeld. Den Flug schliesse ich mit einer Runde über dem noch meterhoch mit Schee bedeckten Klausenpass ab, um danach in die erstaunlich warme Luft in der Linthebene einzutauchen. Schön war’s – auch trotz (oder vielleicht wegen) der mühsamen Warmluft-Advektion, die letztlich den gemütlichen Rundflug durch das Land von ‚Graubünden Tourismus‘ verursacht hat.

OLC-Flugdaten mit allen Auf- und Abwinden im Detail.

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