Archiv des Autors: admin

Luftige Österreich-Rundfahrt (3)

Mal südlich, mal nördlich, aber
immer den hohen Gletschern des Hauptalpenkamms entlang.

Die Aufwinde über dem Zillertal müssen wir uns mit einer ganzen ‚Blaatere‘ von Gleitschirm-Piloten teilen.

Als wir am Sonntag, den 28. Mai in St. Johann im Tirol ins Cockpit des Arcus M kraxeln, wollen wir zum Abschluss unseres dreitägigen Wandersegelfluges einerseits gemütlich an unseren Ausgangsort Schänis zurückreisen, anderseits auch noch etwas von den Hochalpen sehen. Wie gestern bei unserer Ankunft, schlängeln wir uns auch heute bei der Wegreise zwischen den herabfallenden Fallschirmspringern hindurch und weg nach Kitzbühel.

Bis der Motor ausgekühlt im Rumpf liegt, haben wir ausreichend Zeit, im ersten Aufwind eine Auslegeordnung über die Streckenführung des Hahnenkamm-Rennens zu diskutieren. Bis zur Mausefalle sind wir uns einigermassen einig, danach verliert sich die winterliche Spur dieser Highspeed-Strecke in den Lichtungen und Waldschneisen westlich Kitzbühels. Derweil habe ich andere Sorgen. Die Luft köchelt zwar überall ein wenig, aber noch nicht richtig. Zumindest nicht dort, wo ich mit der aktuellen Höhe gerade hinkomme.

Obendrauf beunruhigt mich auch noch eine Luftraum-Warnung. In 7‘500 ft beginnt hier (schon) eine TMZ von Innsbruck. Bis ich die identifiziert habe, bin ich allerdings auch schon den Graten entlang zum Pass Thurn gekrabbelt. Immer schön heiss und tief. Und der offensichtliche Versatz durch den Nordwind macht es mir nicht einfacher, ein Bild der aufströmenden Luft in den Kopf zu bekommen. Kaum habe ich nach endlos scheinender Kreiserei um Seilbahnen und Bergrestaurants genügend Höhe zusammengespart, um endlich die Nordkrete des Pinzgaus anzufliegen, sind Luftraumwarnung und schwaches Steigen gleichzeitig Vergangenheit.

Auch Sonnenschutzfaktor 50 und ein breiter Hut reichen nicht. Im Segelfliegen bekommt man immer eine Sonderladung UV-Strahlen verabreicht. Besonders, wenn man ein ausgeprägtes Riechorgan im Gesicht hat.

Die Erdkrümmung kommt in Sicht

Wir klettern in aller Ruhe auf die maximal mögliche Höhe. Jetzt braucht der Peter aber wirklich Sauerstoff. So hoch waren wir seit unserem Abflug aus dem Ortlergebiet in die Dolomiten tatsächliche nie mehr. Nun geniessen wir die Annehmlichkeiten der Hochalpen und reisen zwischen 3‘000 und 3‘700 m.ü.M. um etliche Gleitschirme und durch die hohen Gletscher und Gipfel westwärts. Peter will unbedingt ins Stubaital, um da einmal auf vernünftiger Höhe hindurchfliegen zu können. Einmal umfliegen wir die Hindernisse südwärts, dann wieder auf der nördlichen Seite der Hauptkrete.

Den Entscheid, ganz auf der Südseite zu bleiben, sparen wir uns auf. Zu tief ist da aus unserer Stratosphären-Optik die Wolkenuntergrenze. Spannend ist dann der Übergang zwischen dem Pitz- und Kaunertal in die Region am Reschenpass. Die tiefsten Lücken sind ziemlich hoch, über 3‘000 m.ü.M. Aber mit etwas Geduld über dem Kaunertal schlüfemer sicher in den nächsten, richtig guten Aufwind im Langtaufers-Tal. Der katapultiert uns gleich in eine andere Liga und öffnet uns auf mehr als komfortablen Höhen den Weg ins Engadin.

Der Rasierer hatte im prall gefüllten Arcus M einfach nicht auch noch Platz. Peter geniesst die atemberaubende Aussicht auf die Hochalpen trotzdem.

Die stärksten Aufwinde der letzten drei Tage.

Auf der Strecke zwischen dem Vinschgau und dem Oberalp-Pass treffen wir an den Engadiner Hotspots auf die stärksten Aufwinde der vergangenen drei Tage. Der Arcus M steigt in engen Kreisen auf Höhen, die hier nur am Wochenende ausserhalb der Bürozeiten der Schweizer Luftwaffe erreichbar sind. Ein buchstäblich atemberaubendes Erlebnis mit einer Aussicht auf die höchsten Engadiner Gipfel, die einfach einmalig schön ist.

Erst ab dem Vorderrheintal schwächen sie sich etwas ab, da scheint eine etwas weniger labile Luftmasse vorzuherrschen. Wir fliegen noch eine Ehrenrunde durch das Obergoms, um am Nufenenpass frühzeitig den Endanflug nach Schänis unter die Flügel zu nehmen. Mit so einem Vogel wie dem Arcus M ist das natürlich ein gemütlicher Spaziergang, bei dem man gegen Ende einfach das Tempo erhöht. Nach drei erlebnisreichen und spannenden Tagen mit allem, was Segelfliegen zu bieten hat, setzt der Arcus M butterweich auf der Piste 34 in Schänis auf. Kaum hängt der Arcus M an der Hallendecke und kaum fliesst der Schaum des ersten Weizenbieres in unsere durstigen Kehlen, tauchen schon die ersten Ideen für eine Neuauflage auf. Slowenien müssen wir nun natürlich abhaken.

Und wohin jetzt?

Aber da sind ja noch viele weisse Flecken auf unserer Erfahrungs-Flugkarte, die wir mit Erlebnissen füllen könnten. Wohin die nächste Reise führen wird? Hier erfahren Sie es, sobald wir wieder zu einem neuen Abenteuer starten.

Hier finden Sie die Flugdetails des dritten Flugtages unserer Reise nach Slowenien und quer durch Österreich.

Luftige Österreich-Rundfahrt (2)

Wandersegelfliegen ist etwas Besonderes. Für einmal nur in eine Richtung fliegen zu dürfen, ausreichend Zeit für eine gemütliche Luftwanderung zu haben und neue Regionen spielerisch kennenzulernen, sind unvergessliche fliegerische Erlebnisse. Solches beabsichtigen wir auch am Tag 2 von geplanten 3, als wir in Nötsch in Kärnten auf dem herrlich gelegenen Flugplatz stehen und darauf warten, dass der Wind aus einer Richtung bläst, mit der wir unseren Arcus M in die Luft bekommen, ohne ihn händisch ans andere Pistenende schieben zu müssen. Heute wollen wir Wien sehen.

Abendliches Fliegertreffen am Grimming. Rund um das Segelflugzentrum Niederöblarn ist die Luft mit Kunststoff-Fliegern gut gefüllt.

Unser Masterplan sieht für heute – wenn uns die Thermik denn gewogen ist – aus der südöstlichen Kärntner Ecke der österreichischen Luftfahrkarte noch oben rechts zu kommen. Da spielen die Wiener Philharmoniker zum Neujahrskonzert. Auf der Donau-Insel entspannen sich die jüngeren Bewohner dieser wunderschönen Stadt. Da ist temporär die OPEC zuhause. Und im Prater drehen sie nicht nur am Ölpreis, sondern auch an einem riesigen Rad. Schloss Schönbrunn und der Stephansdom ziehen Touristen aus aller Welt an. Auch uns. Wir wollen heute nach Wien. Oder wenigstens Wien sehen und umdrehen. Denn von da an soll unsere Luftwanderung ein wenig in Richtung Heimat zurückführen. Wir wollen abends irgendwo in Tirol sein, damit wir am Folgetag sicher nach Schänis zurückfliegen können. Weil der Peter am nächsten Tag in Rom an einer Sitzung seiner beruflichen Gspänli aus ganz Europa sein muss. Macht sich nicht gut, wenn man als jüngstes Mitglieder der exklusiven Runde da fehlt und morgens anruft, um mitzuteilen man vergnüge sich gerade noch etwas in den österreichischen Aufwinden und sie sollen doch schon mal ohne ihn beginnen. 

Zäher Beginn.

Anfangs gerät unser Flug etwas harzig. Ein erster Aufwind spediert uns zwar zügig nach oben. Bloss ist die Talquerung nach Nordosten über das Drautal selbst aus der maximal erreichbaren Höhe und selbst für unseren schönen Arcus M ‚huerä wiit‘. Nördlich des Ossiacher Sees stehen verlockende Cumulus-Wolken am Himmel. Nur, die stehen völlig am falschen Ort, nämlich in einem kontrollierten Luftraum. Weiter nördlich davon, über den Nockbergen, erkennen wir auch flache, weisse Wattebäusche mit wahrscheinlich guten Aufwinden darunter – aber die sind noch ein Tal weiter weg und sicherlich von unserer Startposition aus unerreichbar.

Die Wolken hängen an der falschen Stelle.

Wir sind uns lange nicht einig, wie wir vorgehen wollen. Zumal ich auf der Frequenz von Wien Information niemanden ans andere Ende bekomme. Wir sind zu tief, die können uns wohl gar nicht hören. Aber einfach in die kontrollierten Gebiete einfliegen geht ebenso wenig. Das Thema erledigt sich in den nächsten Minuten sowieso selber. Wir fallen aus allen Traktanden. Der Nordwind (ja, der schon wieder) bugsiert uns an den sonnenbestrahlten Hängen östlich des Millstätter Sees zum Tal hinaus statt seinen Flanken entlang hinauf. Wir beissen auf die Zähne und klemmen dort, wo der Rücken seinen anständigen Namen verliert, alles zusammen. Halten beim Eindrehen in sogenannte Aufwinde den Atem an. Nützt alles nichts. Es ist einfach nichts zu machen, wir bekommen den Segler nicht in einen Aufwind. Am Ende muss für einmal unsere fest eingebaute Thermik helfen. Im Nu starten wir mit vereinten Kräften über dem Drautal den Motor und lassen uns dann eine Etage höher tragen. Plötzlich hilft jetzt auch die richtige Thermik wieder mit. Interessant. Mitten in den Leezonen der Nockberge. Diesmal wollen wir kein Wagnis eingehen und nutzen unseren Motor bis hinauf über die flachen Kreten. Auch da bekomme ich niemanden von Wien Information an den Apparat – hören kann ich die anderen (Motor-)Flugzeuge zwar, aber der Controller uns offenbar nicht einmal ansatzweise. So schleichen wir uns über die Nockberge auf Kurs zur Turracher Höhe davon. Zum nächsten kontrollierten Luftraum westlich von Zeltweg.

Dank Transponder können wir uns im kontrollierten Luftraum um Zeltweg problemlos den Aufwindlinien entlang bewegen.

Hier sieht alles gleich aus.

Die Flachland-Navigation ist für uns Berggeissen schon eine Herausforderung. Ohne GPS wäre ich hier allein mit dem Bestimmen der Position zur Hälfte absorbiert. Aber mit den modernen Moving-Map-Systemen ist das heute echt ein Kinderspiel. Der Transponder ist noch eine Verbesserung obendrauf. Denn ab dem Murtal schalten wir unsere Lottozahlen auf, rufen den mehr oder weniger beschäftigen Controller in Zeltweg – und das war’s dann an einschränkenden Lufträumen. Der kooperative Mann lässt und dahin fliegen, wo die dicken Wolken stehen und wo wir hin wollen. Und nicht dahin, wo er auf seinem Bildschirm gerade viel leeren Platz hat. Cool!

Ohne GPS-Moving-Map-System eine Herausforderung: navigieren in den endlosen Hügelzügen des südlichen österreichischen Alpen-Vorlandes.

Flotter Flug zur Raxalpe.

Es geht flott voran. Wir flitzen unter den inzwischen zahlreicher werdenden Wolken mehr oder weniger kreislos weiter nordostwärts in die Region von Leoben, Kapfenberg und bekommen allmählich den Semmering ins Blickfeld. Bis zur Rax funktionieren die Aufwind noch so, wie sie es heute schon den ganzen Tag hindurch taten – relativ zuverlässig. Ab der Rax fühlt sich die Luft plötzlich spürbar schlechter an. Die Aufwinde stehen in markanten Lee-Zonen, jeweils eine Hälfte geht aufwärts, die andere Hälfte der Kreise abwärts. So wird das natürlich keine vernünftige Fliegerei. Peter müht sich als erster durch diese seltsamen Aufwind, nach unserer Wende am Schneeberg mit Blick auf unser Wandersegelflug-Ziel Wien draussen in der Ebene blüht mir dann dasselbe Vergnügen.

Die Wolken sehen verlockender aus, als die Thermik, die wir darunter dann (nicht immer) finden.

Plötzlich alles verkehrt.

Jetzt müssen wir bei jedem Eindrehen in einen möglichen Aufwind von Neuem entscheiden, ob wir uns in den schwachen dynamischen Aufwindgebieten auf der Nordostseite der Kreten oder in den starken, aber zerrissenen Aufwinden auf der sonnenbeschienenen Seite abmühen wollen. Das Resultat ist bleibt sich meistens gleich. Ein paar Augenblicke lang erwischen wir einen starken Aufwind, wir ziehen den Arcus jeweils in engen Kreisen ins vermeintliche Zentrum, nur, um gleich wieder hinauszufallen. Sicher ist, dass diese Fliegerei in den höheren Regionen über den Kreten noch am vernünftigsten zu handhaben ist. Da können wir die Leethermik mit den Hangwinden auf den Nordostseiten wenigstens teilweise kombinieren. Aber richtig zügig vorwärts kommen wir von hier an nicht mehr. Der Weiterflug in Richtung unseres Tagesziels St. Johann in Tirol, wird zur segelfliegerischen Sonderschicht.

In den letzten östlichen Hügelzügeln der Alpen kurz vor der Rax.

Unübersichtliche Region.

Das unübersehbare Eisenbergwerk zieht unter unserem linken Flügel im Süden vorbei. Ich fabriziere kurz danach den Tiefpunkt dieses Tages, indem ich keinen der zittrigen Aufwinde zu zentrieren vermag. Der Arcus M fliegt dabei immer tiefer durch die Kalkgipfel. Wenn das noch lang so weitergeht, müssen wir nach Südwesten ins Paltental und nach Trieben hinaus flüchten. Da wäre auch ein geeignetes Landefeld, über dem wir den Motor zünden könnten. Hier in den wilden Tälern, Kuppen und Kalkgipfeln des Gesäuses ist daran nicht zu denken. Ein wenig Höhe bleibt uns noch für Experimente.

Geduld. Kreisen. Geduld. Kreisen. Geduld. Kreisen…

Ich kann in einem zarten Aufwind über den fast senkrechten Abbrüchen eines engen, wilden Tales nur mit viel Mühe unsere Höhe halten. Steigwerte bringe ich trotz verschiedener Versuche nicht ins Variometer. Weder das Überfliegen sonnenbeschienener, flacher Matten noch das Einkreisen über markanten Runsen nützt etwas. Langsam wächst meine Verzweiflung. Ich bringe meine Vorstellung, wie Aufwinde entstehen, einfach nicht mit der aktuellen Situation in Einklang. Naja, der Gescheitere gibt in solchen Fällen meistens nach. Also werfe ich alles über Bord, was ich mir an Erfahrung in der Thermik angeeignet habe und hüpfe einfach den Variometer-Tönen nach. Das ist auch nicht immer hilfreich, hinkt dieses doch der Anzeige des Stauscheiben-Varios etwas hinterher und zeigt tendenziell schlecht kompensierte Werte an. Einen Aufwind mit Variometer-Anzeige UND Sitzdruck zu finden, gelingt mir schon längere Zeit überhaupt nicht mehr.

Aber mit viel Geduld erwische ich dann doch noch aus einem voll in der Sonne stehenden ‚Chrachen‘ endlich einen Aufwind, der uns wieder auf eine beruhigendere Höhe über die Gipfel hinaus trägt. Den winde ich aus, bis es nicht mehr geht. Peter wird es bei meiner mühsamen Kurblerei schon langsam trümmlig. In den tieferen Höhenbändern steigen die Aufwind ein Stück weit senkrecht nach oben, um mit zunehmender Höhe vom Wind deutlich versetzt zu werden. Sucht man die Aufwinde dann anhand der Wolkenbilder, liegt man heute damit ziemlich daneben. Sucht man sie am Boden, ebenfalls, weil sie nicht da sind, wo man sie vermuten würde.

Luftige Begegnung am Dachstein.

Peter zaubert den Arcus M auf Endanflughöhe.

Jetzt steigt immerhin mit unserer grösseren Höhe der Spielraum und die Übersicht. Peter macht dann auf seinem darauf folgenden Streckenteil seine Sache markant besser. Er kämpft zwar auch mit der Leethermik und dem Nordostwind, zaubert aber den Arcus M immer näher auf unsere Endanflughöhe nach St. Johann. Aus den anfänglichen 130 km Flugdistanz mit einem Höhen-Minussaldo von 900 Metern werden irgendwann am Dachstein in einem unmöglich schrägen Aufwind weit draussen im Tal noch 60 km und +300 Meter. Diesen Saldo steigert er dann über der Skistation von Leogang auf einen geradezu luxuriösen Wert, mit dem wir im Lehnstuhl an unser heutiges Ziel gelangen werden. Unter uns passiert das Infanterie- und Biathlon-Gelände von Hochfilzen, bevor wir uns in den regen Platzverkehr am Flugplatz St. Johann einfädeln.

Menschen zur Tür hinaus werfen.

Die schmeissen hier andauernd gegen Geld Menschen mit Fallschirmen aus einer türlosen Cessna 182. Meistens sind alle gemeinsam und gleichzeitig wieder zurück am Flugplatz, die Fallschirmspringer und das Flugzeug. Ein ineffizienter Sport. So könnten die ja auch gleich drin sitzenbleiben. Wäre komfortabler, einfacher, effizienter und man hätte mehr von der Aussicht. In diesen seltsamen Betrieb wickeln wir uns im richtigen Moment dazwischen und landen auf dem Grasstreifen des idyllisch gelegenen Tiroler Flugplatzes. Uuffhh – das war jetzt doch noch ein hartes Stück Arbeit vom Schneeberg bis hierher!

Wie die Flüchtlinge.

Wir gönnen unseren Batterien im Vereinslokal eine frische Ladung Elektrizität und uns im Flugplatz-Restaurant ein feines Weissbier sowie ein Nachtessen. Hunger und Durst sind bei unserer heutigen Tätigkeit gewaltig angewachsen. Danach machen wir uns per pedes auf in unsere Unterkunft, die Peter online ausgegraben hat. Es ist eine Ferienwohnung irgendwo im Villenviertel droben am Nordhang des Flugplatzes. Mit unserer seltsamen Kleidung und den Plastiktaschen, in denen wir unsere ganze Habe transportieren, fallen wir im noblen Chalet- und Villen-Quartier schon etwas auf.

Die Arcus M-Besatzung auf dem idyllischen Flugplatz St. Johann im Tirol.

Unser heutiger Gastgeber ist sich offenbar allerhand gewohnt. Er verzieht jedenfalls keine Mine und führt uns in unser heutiges Nachtquartier, eine einwandfreie Parterre-Ferienwohnung in einem grossen Mehrfamilienhaus. Die Ruhe ist gewaltig, die Aussicht auf die Kalkwände des Wilden Kaiser ebenfalls. Zufrieden sinken wir nach einem weiteren Versuch, mit Weissbier unseren Durst zu stillen, in unserem Doppelbett in die Kissen. Es ist ein Gerücht, dass wir beide schnarchen. Da ich immer etwas später einschlafe, kann ich hier bestätigen, dass nur Peter schnarcht. Weil er aber immer mitten in der Nacht von der Bettflucht getrieben erwacht, kann auch er hier bestätigen, dass nur ich schnarche. Stimmt ja auch, wenn man wach ist, schnarcht man ja sicher nicht.

Peter, (und) der wilde Kaiser. Für einmal vom Segelflug-Abenteuer auch er etwas ‚geschlaucht‘.

Wie auch immer – anderntags marschieren wir frisch und munter ans grosszügige Frühstücksbuffet. Und wie es von dort aus weitergeht? In der nächsten Folge folgt die Beschreibung des Schlusstages unserer herrlichen Luftwanderung mit dem Weg durch die höchsten österreichischen Gletscher und Grate mitsamt einem Ausflug bis ins Wallis in diesen Blog…

Hier finden Sie die Details zum oben beschriebenen Flug.

 

Luftige Österreich-Rundfahrt (1)

Perfekte Tage für Wandersegelflug 2017 – endlich schaffen wir es nach Slowenien

Dass es uns in den vergangenen Jahren nicht gelungen ist, die im Grunde lächerliche Flugdistanz von Schänis nach Slowenien zu erfliegen, ist ja inzwischen bekannt. Dieses Jahr können wir allen faulen Sprüchen nun definitiv ein Ende setzen. Erledigt. Wir waren da. Also fast. Naja, mit einem Flügel im Luftraum. Oder mindestens in der Nähe. Nur ein paar Kilometer zu kurz. Aber wenigstens in Kärnten. Genauer: in Nötsch. Das zählt ja unter den Hardcore-FPÖ-Mitgliedern aus dem Bärental eigentlich fast schon dazu. Eigentlich richtig. Immer schon. Zu Österreich.

Einen Höhepunkt des diesjährigen Wandersegelfluges erreichen wir schon am ersten Flugtag: den Blick auf die drei Zinnen in den Dolomiten.

Kärnten von seiner besten Seite

Also für uns zählt der Luftraum ‚hinter Kärnten‘ weiterhin zu Slowenien. Und wir sind bestenfalls in der Thermik-Partei. Die ist schon ziemlich freiheitlich. Aber bis wir da waren! Was für eine Plackerei. Der Nordwind. Die schwache Thermik. Ein schwerer Flieger. Schwere Piloten. Die langen Talsprünge. Überhaupt – ein Wunder, dass wir unser erstes Tagesziel Nötsch in Kärnten erreicht haben.

Wandersegelflug macht ‚einen schlanken Fuss‘.

Aiaiaiai: Kärnten ist so weit weg!

Danach sieht es zumindest am Anfang unserer drei Wander-Segelflug-Tage aus. Wir schleichen uns über den klassischen Sommerweg (Tsiger-Highway) davon. Der Arcus-M-Motor bringt uns nach einem Start, der sich anfühlt, als sei eine Ente mit Drillingen schwanger und werde vom Fuchs in die Luft gescheucht, an den Gufelstock auf 2‘800 m.ü.M. Jaa, richtig. Höher konnte man an dem Tag fast nicht eigenstarten, sonst hätte man am Horizont Afrika erkennen können. Aber es war bitter nötig. Die Luft. Tot. Nur an einer einzigen Stelle nordöstlich der Weissenberge empfängt uns ein schwaches ‚Uufwindli‘ und lässt unseren 800-kg-Vogel die Höhe halten, bzw. grosszügig 80 Meter dazugewinnen. Das schafft Zeit. Zum Nachdenken. Was man denn allgemein so nützt im Leben. Im Speziellen jetzt gerade. Zum Philosphieren. Über die Geduld, die man so bräuchte. Zum Beispiel jetzt gerade.

Thermisch nahezu inaktive Luftmasse über dem Glarnerland – jetzt nichts wie weg hier…

Denn wir sind früh genug gestartet. Schon der Thermikbaum in Schänis bewegte sich nicht von der Stelle. Vermutlich hat er das Thermikbuch noch nicht gelesen und weiss noch gar nicht, was er hauptberuflich tun müsste. Wir wollen schnellstmöglich aus der schwierigen Luft in den Glarner Alpen weg. Wenn man nämlich hier die schneeweissen Berge in gleissender, glasklarer, trockener Luft sieht, ist thermisch erfahrungsgemäss nicht viel los.

Heute müssen uns die Prättigauer retten.

Peter und ich flüchten schnurstracks aus dem Glarner Sernftal an den Prättigauer Vilan. In der Hoffnung, dass dort etwas bessere Luft sei. Am Vilan bewegt sich die Luft an den üblicherweise verdächtigen Stellen zwar leicht aufwärts, aber mit unserem heute schwer beladenen Dickschiff kann ich kaum etwas ausrichten. In jeder Kurve vernichte ich mehr Höhe, als ich im Geradeausflug gewinne. Das ist ein schlechtes Konzept. Wie Heinz Brem richtigerweise früh erkannt hat. Er klingt mir in den Ohren, als ich nüchtern auf dem Höhenmesser eine Zahl sehe, die unter 1‘700 m.ü.M. sinkt. Jetzt hilft nur noch ganz isolierte Luft. Zuhinterst in den ‚Prättigauer Chrächen‘. Über einem Absatz direkt vor der Schesaplana kann ich mit viel Mühe die Höhe halten und langsam etwas Reserve aufbauen. Nur, um sie beim ersten Fluchtversuch wieder zu verspielen. Es wird langsam etwas warm im Cockpit. Ich bin komplett falsch angezogen für diese Höhen und Temperaturen. Unter dem linken Bein heizt Peters Plastiksack mit seinen Habseligkeiten meine Wade. Unter meinem rechten Bein ist es mit meinem Plastiksack und meinen Habseligkeiten etwas besser, aber der Schweiss läuft mir auch da in die hohen Bergschuhe.

Eigentlich sehe ich die Schesaplana am Eingang des Prättigaus lieber aus grösserer Höhe – heute kommen wir nur mit Mühe aus den ‚Prättigauer Chrächen‘ in die Höhe.

Zäh wie Honig.

Es dauert eine gefühlte Ewigkeit, bis ich unseren Plastikvogel endlich ein paar Hundert Meter in die Höhe bringen kann. Peter macht das dann etwas später wesentlich besser. Er fliegt nach der Wachtablösung einfach in einen ersten guten Aufwind und bugsiert uns damit westlich der Sassauna ‚zurück ins Geschäft‘. Nach zwei Stunden Luftkampf sind wir endlich eingangs Flüela-Tal auf Abflughöhe in den Nationalpark.

Dieser Nordwind!

Ich war anfangs Woche im Einsitzer unterwegs und hatte schon da Mühe mit dem Nordwind. Er versetzt die Aufwinde aus den sonnenbeschienenen Wänden auf den Nordseiten der Täler irgendwohin in deren Mitte. Ich kann mir heute auf unserem Flug durch den Schweizer Nationalpark schlicht nicht vorstellen, wo die Aufwinde, die etwa in einem 45°-Winkel geknickt werden, ihre eigentliche Quelle haben. Entsprechend schwierig gestaltet sich das Finden und Zentrieren eines brauchbaren Aufwindes. Denn über den sonnenüberfluteten Nordseiten der Täler geht’s richtig den Bach runter. Mit vier bis fünf Metern pro Sekunde. Da hilft nur eines: sofort die Talseite wechseln. Und so versuche ich über den schattigen (!) Südseiten der Täler Aufwinde zu finden, die von irgendwo her auf der anderen Talseite kommen. So, wie sich das liest, fliegt sich das dann auch. Wie auf einer gross geratenen Achterbahn. Wir beobachten aus dem Augenwinkel einen anderen Segler, der hoch über uns aus Südosten wegzieht und den sonnenbeschienenen Nordseiten folgt… Kurz darauf dreht er unter uns in einen ebenso vermeintlichen Aufwind auf der anderen Talseite ein. Alles reine Nervensache heute!

Kein einziger Kreis im Aufwind

Diese Art Fliegerei bringt mich regelmässig fast zur Verzweiflung. Rettung bringt heute (eigentlich zufällig) ein Aufwind aus der Mitte des Tales. Zufällig deshalb, weil ich mir bei der Aufwindsuche lediglich überlege, die Wirkung von Wind und Sonne kombinieren zu müssen. Wo diese theoretische Kombination praktisch nutzbare Aufwinde auslösen sollte, muss ich erst mühevoll ‚ertasten‘. Das gelingt dann endlich nicht schlecht und wir gelangen mit viel Geduld am Westende der Stauseen von Bormio auf eine vernünftige Abflughöhe ins Vinschgau. Auf astronomisch anmutenden 3‘500 m.ü.M. legen wir über der Ortschaft Sulden endlich los und starten nach Osten. Aber diese Höhe werden wir noch bitter nötig brauchen.

Der Bär brummt heute nicht im Vinschgau

Die Wetter-Optik verbessert sich zwar geringfügig. Es stehen erste Flusen am stahlblauen Himmel. Immerhin. Jetzt müsste ich darunter bloss noch Aufwinde finden. Das gelingt nicht wirklich – eigentlich verwalte ich die am Ortler gewonnene Höhe bis über Meran hinaus. Die Optionen sind nicht gerade ‚amächelig‘. Mitten über den Sarntaler Alpen beobachten wir seit längerer Zeit einen sich immer wieder teilweise auflösenden Wolkenfetzen. Die gute Nachricht ist, dass er immer wieder entsteht, wenn auch an verschiedenen Orten. Nach längerer Diskussion fliege ich einfach von Norden nach Süden die wahrscheinlichsten Aufwindquellen ab. Und habe Glück dabei. Nach einem kräftigen Durchsacker im Lee des weitherum höchsten Gipfels stürchle ich in einen Aufwind, der endlich einmal die Variometer-Nadel kreisrund im positiven Bereich zu halten vermag. Damit ist der Druck von der Leitung, eine wichtige erste Etappe ist geschafft, wir sind unserem Ziel Slowenien näher denn je.

Zwei endlos lange Gleitstrecken bis in die Dolomiten

Wieder einmal sind wir für die ausgezeichneten Gleitflug-Eigenschaften des Arcus M dankbar. Sie tragen uns auf vernünftigen Höhen – eigentlich ohne richtige Aufwinde und nur mit dem Nutzen etwas besser tragender Zonen – aus dem Vinschgau mitten in die Sarntaler Alpen und von dort aus im eben beschriebenen, geschenkten Aufwind auch hinüber in die Dolomiten. Das sind schon auf der Landkarte zweimal rund 40 Kilometer und die fühlen sich auch in der Luft endlos an.

Endlich: die Dolomiten kommen in Reichweite.

In den Dolomiten finden wir erstmals eine andere Luftmasse

Peter zirkelt den Arcus M an der westlichsten Felsenecke über St. Maddalena um die Kalkzinnen der Dolomiten-Ausläufer und hält die Maschine trotz spürbarem Nordwind-Einfluss und vielen drohenden Lee-Fallen mit Geduld und dem Auskreisen enger Aufwinde, die hier aus den steilen, engen ‚Chrächen‘ der Dolomiten in die Höhe schiessen, auf einer vernünftigen Höhe. Eines der schönsten Bergmassive der Alpen rückt nun in Griffweite: die drei Zinnen. Ich bin immer wieder fasziniert von diesen endlosen Kalkzinnen, den senkrechten Wänden und der einzigartigen, relativ flachen Landschaft, auf der sie in die Höhe wachsen. Eigentlich würde ich seit Jahren einmal gerne hier zum Skilaufen hinfahren – wenn denn Zeit und Geld einmal gemeinsam vorhanden sind.

Steil, steiler, Dolomiten. So steil die Kalkwände hier sind, so eng sind die Aufwinde.

Dobrodošel‘ – oder doch lieber ‚Habe die Ehre‘?

In der deutlich labileren Luft klettert Peter am Nord-Eingang des Lesachtales vor den Lienzer Dolomiten nun mühelos auf Endanflughöhe ins kärtnerische Nötsch direkt an der Grenze zu Slowenien. Auf dem Flug durch das Lesach– und Gailtal überlegen wir immer wieder, ob wir wirklich noch über die Karawanken nach Slowenien fliegen sollen, die Flughöhe dazu wäre in wenigen Minuten zu ersteigen, immer wieder durchfliegen wir, jetzt, da wir sie nicht mehr wirklich brauchen, starke Aufwinde. Letztlich entscheiden wir uns für den Flugplatz Nötsch in Kärnten als Nachtquartier. Nicht zuletzt deshalb, wie uns die Kameraden, die im Frühling da jeweils hinreisen, von den Restaurants und der ausgezeichneten Verpflegung vorgeschwärmt haben.

Diesmal nächtigt der Arcus M am Fusse des Dobratsch.

Seitwärts-rückwärts parkieren

Der Betriebsleiter am Flugplatz empfiehlt uns eine Landung – im leichten Rückenwind. Ich überlege lange, ob ich seiner Empfehlung folgen soll. Aber angesichts der Flugplatzlänge und der weichen Graspiste überwiegt am Ende die Bequemlichkeit und ich setze den Flieger erst nach Pistenmitte ins Gras, um nach einem kurzen Bremsweg direkt seitwärts zum nächtlichen Parkplatz auszurollen. Peter wölbt sofort nach dem Aufsetzen die Klappen um, das Flugzeug bleibt auch im leichten Rückenwind bis zuletzt perfekt steuerbar. Mit der anderen Pistenrichtung hätten wir unseren Flieger über die Graspiste zurückschieben müssen, zu zweit nicht das leichteste aller Vergnügen.

Peter macht sich bei den hier anwesenden Segelflug-Urlaubern auf die Jagd nach Verzurr-Material. Nachdem wir den Arcus M festgebunden und gereinigt haben, genehmigen wir unseren durstigen Kehlen im Vereinsheim ein Weizenbier oder zwei. Das ist immer eine gute Gelegenheit, eine vernünftige Unterkunft zu finden, die lokalen Piloten kennen die Region am besten.

Gemütlicher Abschluss des ersten Wandersegelflug-Tages im Vereinsheim auf dem Flugplatz Nötsch.

Auf dem nackten, hartem Boden

Nach einigen Telefonaten müssen wir uns geistig vom Genuss einer ganz speziellen Suppe (hat beim Entscheid, hierher zu kommen, eine Nebenrolle gespielt), die es in einem leider ausgebuchten Hotel namens Marko angeblich gegeben hätte, verabschieden. Dafür kutschiert uns einer der Piloten in die kleine Ortschaft Feistritz an der Gail. Letzteres ist das Flüsschen, das hier durchfliesst. Nicht, ohne uns vorher drauf hinzuweisen, dass die letzten Wandersegelflug-Gäste aus Deutschland direkt auf dem Boden und unter dem Flügel genächtigt hätten. Mir fliegen alleine beim Gedanken daran die Bandscheiben reihenweise aus der Wirbelsäule. Das sind noch wahre Sportsmänner! Ich glaube hingegen, ich käme nach einer Nacht auf dem harten Kärntner Boden mit freiem Blick auf das Triglav-Massiv tagelang gar nicht mehr über die hohe Bordwand ins Cockpit des Arcus M.

Bärenhunger und Festbeleuchtung

Mir hängt inzwischen der Magen knurrend in den Kniekehlen. Ausser den beiden Weizenbieren habe ich heute seit dem Frühstück in Schwanden keine anderen Grundnahrungsmittel mehr zu mir genommen, sieht man vom Trinkwasser während des Fliegens ab. Irgendwie hatte ich dafür weder Lust noch Zeit (und im Flugzeug auch keinen Platz für eine anständige Brettl-Jause). Also vertilgen wir beide im Gasthof Alte Post in Feistritz gleich eine Knödl-Suppe, ein Filetpfandl und eine weitere Garnitur Weizenbiere. Auffällig sind die Preise. Aus Schweizer Sicht und mit der Euro-Abwertung fast unglaublich günstig. Daheim dasselbe zu bekommen, ist gefühlt beinahe doppelt so teuer. Dafür sind hier die Gaststätten proppenvoll und bei uns fast leer, weil sich das niemand mehr leisten will (oder kann).

Bevor wir uns aufs Ohr legen, wollen wir noch einen Verdauungs-Spazierung durch’s Dorf geniessen. Wir drehen aber schon nach ein paar Dutzend Meter um – zappenduster, wie es hier ist. Irgendwie scheint der Gemeinde für eine nächtliche Beleuchtung und Glühbirnen in den Strassenlampen das Geld zu fehlen. Und weil im Dunkeln nur die Katzen gut sehen, tigern wir unverrichteter Dinge zurück in Richtung unseres Schlafgemaches.

Peter im Ausguck

Das wiederum ist ein sogenanntes Ersatzzimmer. Ich glaube, da war alles ausgebucht in der Alten Post in Feistritz. Und wir haben nun ein zweigeschossiges Zimmer bekommen. Vermutlich das letzte freie Zimmer überhaupt. Jedenfalls klettert Peter über eine steile Treppe hinauf unters Dach in den Ausguck. So verpassen wir bestimmt morgen früh das Einsetzen der ersten Thermik nicht. Und geschnarcht wird so erst noch zweigeschossig. Ersatzzimmer haben auch Vorteile. Ich hoffe einfach, dass es ihn nicht nächtens die steile Stiege hinunterschlägt, sollte er im Dunkeln nach all den Weizenbieren plötzlich auf die Toilette gedrängt werden.

Neue Balkan-Route?

Anderntags fährt uns der slowenische Kellner nach einem reichhaltigen Frühstück eigenhändig zum Flugplatz und macht erst mal grosse Augen, als er uns vor einem Segelflieger ausladen muss. Erst jetzt dämmert ihm, warum wir beide mit etwas seltsamem Reisegepäck eingecheckt haben: mit nur zwei Plastiksäcken mit all unseren Habseligkeiten darin. Als würden wir als gut genährte Flüchtlinge auf einer neuen Balkan-Route nach Zentral-Europa einreisen.

Weiter quer durch Österreich

Wie und wohin die luftige Österreich-Rundfahrt uns an diesem und dem darauf folgenden Tag führt, lesen Sie hier demnächst im kommenden Blog-Eintrag… Servus – und bis bald!

Hier finden Sie die Bilder-Galerie.
Und hier alle Flugdetails aus dem Online-Contest.

Alpenklassiker im Nordwestwind – ein Bein 0.2% zu kurz

Montag, 22. Mai 2017 – Tour zu den schönsten Alpengipfeln.

Das Matterhorn, fotografiert aus einem starken Aufwind direkt über dem ‚falschen‘ Wendeort Gornergrat.

Die Segelflug-Reise zum Ortler und ans Matterhorn ist einer meiner bevorzugten Alpenflüge. Diesmal habe ich es bei der Flugeingabe etwas zu eilig und plaziere einen der Wendepunkte für ein aritmethisch sauber gerechnetes 28%-FAI-Dreieck eine Spur daneben. Eigentlich müsst man ja nur den Wendepunkt in die FAI-Flächen legen – wenn man sie denn auf dem PC-Display erkennen kann. Das ist aber auch weiterhum das einzige ‚Problem‘. Sonst gehts wirklich nur um’s fliegen. Endlich habe ich mich einmal von meinen elend langsamen Durchschnittsgeschwindigkeiten ein wenig gelöst. Das nächste Mal versuche ich, den Flug einmal im dreistelligen Bereich zu umrunden. Also nicht weiter oder länger, sondern etwas schneller!

Der Nationalpark am Ofenpass präsentiert sich heute in traumhafter segelfliegerischer Optik. Der Ortler ist am rechten Bildrand an seiner Schneekuppe zu erkennen.

Heraus gekommen ist an diesem Tag ein herrlicher Flug über einer schneereichen Frühlingslandschaft. Im Wallis häckselt ein zackiger Nordwest alle Aufwinde quer durch. Damit mache ich in den Matter Tälern seltsame Erfahrungen. Die steilen Klüfte sind an diesem Nachmittag alle ungewohnt parallel angeströmt. Gut, ist da etwas Wasser in den Flächen, die Schüttlerei fühlt sich an wie ein Föhnflug. ‚Cinqueächzt und giiret jedenfalls durch alle Böen. Im nächsten Winter muss ich wohl bei der Liegewanne einmal einen Ölwechsel machen.

Einmal mehr fühle ich mich auf dem entspannten Heimweg glücklich und privilegiert wie ein Schneekönig. Was für ein tolles Erlebnis, diese beiden wunderschönen und doch gegensätzlichen Alpengipfel – der eine ein über und über mit Schnee und Gletschern bedeckter Kalkhaufen, der andere ein richtiger Walliser Granitzacken, an dem ausser ein paar dünnen Eisfeldern nichts kleben bleiben kann – an einem Nachmittag anzufliegen.

Den letzten Aufwind kann ich im Binntal (jaa… ich glaube es selber noch nicht so richtig) bis auf 3’800 m.ü.M. hinauf ausdrehen – und damit ohne irgendeine Unterbrechung – wie etwa der doofen Kreiserei in einem Aufwind – dem Strich nach zurück nach Hause pfeifen. Haah, soguet – und das erst noch alles mit McCready >2.5 oder einem Reiseflug-Speed von mehr als 140 km/h. Unglaublich, wie agil sich ‚Cinque‘ im hohen Alter bewegt 🙂

Hier sind alle Flugdetails von Rainer Roses Online Contest.

So bringt man Armin zum Strahlen

Ein Tag in der fliegenden WG *)

Wer schon mit Armin geflogen ist, weiss, dass man mit ihm eine Art fliegender Wohngemeinschaft in einer etwas knappen Zweizimmer-Wohnung eingeht. Eigentlich kann man sich da drin kaum bewegen. Speziell im vorderen Zimmer müsste eigentlich jemand die WG verlassen, wenn was zu Boden fällt und man sich bücken muss.

Bis zum Arlberg waren die Aufwinde oder unsere Flugmanöver noch etwas unrund. Am Spullersee dreht ein österreichischer Kamerad in unseren Aufwind ein.

Am Sonntag, 10. April 2017 durfte ich auf dem Balkon dieser Unterkunft Platz nehmen und Armin hat mich – getreu dem Rat seines Kardiologen – einwandfrei nach Innsbruck und Andermatt bewegt. Anfangs war für meine Verhältnisse noch etwas viel Kampfflugzeug-Stil mit im Spiel, nach ein paar Stunden bin ich im sanften Auf und Ab, mit denen Armin den gut geladenen Arcus T jeweils mit feinem Händchen in die Aufwinde zog, beinahe eingeschlafen. Dass wir dabei eine Menge Spass hatten, ist auf der folgenden Aufnahme mit dem glücklichen Armin unschwer zu erkennen.

Ein glücklicher Armin Hürlimann auf dem hinteren Sitz des Arcus T HB-2467.

Die Verhältnisse waren an dem Tag aber auch Spitzenklasse. Nur Vorarlberg hat zu Beginn etwas viereckige Aufwinde geliefert. Das wurde über Tirols Gipfeln dann schon deutlich besser – mit den besten Aufwinden über Seefeld und südlich des Fernpasses. Und wo kann man schon einen dicken Passagier-Jet von weit oben im Landeanflug auf Innsbruck bewundern, wenn nicht aus dem Logenplatz seitlich des GNSS-Rüssels im Westen von Innsbruck? Natürlich brav mit Freigabe von Innsbruck Radar. Die Besatzung vom Turm kennen wir ja noch bestens von früheren Gelegenheiten.

Luftige Begegnung über Zams. Das obere Inntal lief an diesem Flugtag ausgezeichnet – die Controller von Innsbruck Radar hatten einiges zu tun.

Was war sonst noch speziell? Der leicht verhaltensgestörte Sollfahrtgeber? Oder waren es wirklich so massive Abwindfelder? Jedenfalls schien die Luft zwischen den teilweise weit auseinander stehenden Aufwinden stark und über längere Zeiträume grossflächig zu sinken. Was den Armin zu einem ungeahnten Geschwindigkeitsrausch antrieb. Mit MacReady 1.0 war die vorgegebene Geschwindigkeit nur noch weit jenseits der 200 km/h-Marke zu erreichen. Da half zwischen Klosters und Lenzerheide, wo wir kurz 1’000 Höhenmeter durchgebraten haben, auch manuelles Nachrechnen mit dem Stauscheiben-Vario-Ring nicht weiter, auch dieses Instrument wollte uns mit 240 km/h fliegen sehen, ungeachtet der Tatsache, dass der Boden immer näher kam. Das wiederum wurde dann dem LX 7000 zuviel – es meldete sich mit der schlichten, rot umrandeten Warnung ‚Zu schnell‚!

Das Mittelland versinkt bereits im abendlichen Dunst der tief am Himmel stehenden Sonne. Hier der Blick vom Fronalpstock / Stoos auf Veriwaldstättersee und die Rigi.

Bei einem solch wunderschönen Flugtag macht auch eine enge WG wie der Arcus T eben im vorderen Zimmer ist, viel Spass, inkl. romantischem Flug-Ausklang hinaus aus den schneebedeckten Hochalpen in den Sonnenuntergang über dem Flachland bis an die CTR von Emmen – das machen wir wieder einmal, Armin!

Blick aus der letzten Abkreiskurve auf den Flugplatz Schänis.

*) Wohngemeinschaft.

Berühmter Gast: Eva Wannenmacher.

Das Jahr 2017 beginnt gleich mit einem besonderen Gast und einer speziellen Aufgabe. Für das Schweizer Fernsehen moderiert Eva Wannenmacher einmal pro Woche die Sendung ‚Kulturplatz‘ – zum Jahresanfang am Mittwoch, 4. Januar 2017 für einmal aus der Luft. Beeindruckend, wie professionell und ‚auf den Punkt‘ sie trotz etwas zittriger Knie ihre textlich nicht gerade einfachen Ansagen in kurzer Zeit in die Kameras bringen konnte. Hier finden Sie die Aufzeichnung der Sendung. es war mir eine Ehre, dabei mit der HB-KPN von der Fluggruppe Mollis der ‚Chauffeur‚ gewesen zu sein! 

Tour de France au vol de moteur…

In den vergangenen Monaten bin ich öfters auf ein kleines, dünnes „Büechli“ angesprochen worden, in dem ich vor mehr als 30 Jahren unsere für damalige Verhältnisse eindrücklichen Erlebnisse auf unserer allerersten Motorflug-Reise kurz nach der amtlichen Prüfung festgehalten habe. Zusammen mit Max Rickenbacher, dem heutigen Präsidenten der Motorfluggruppe Mollis, bin ich damals in unserem Schulflugzeug, einer Cessna 152, rund um Frankreich getuckert. Das „Büechli“ gibt es heute nur noch in einigen wenigen Exemplaren, nachdrucken geht nicht, weil es die damaligen Produktions-Prozesse nicht mehr gibt. Und man das heute sowieso ganz anders – nämlich in einem Blog – macht.

Also habe ich mit dem Smartphone den damaligen Text fotografiert und über eine clevere App die aufgenommenen, seltsamen Zeichen unverändert in richtigen, lesbaren Text verwandelt. Die eine oder andere „Wechselstabenverbuchslung“ habe ich dabei vielleicht übersehen.

Die Dia-Positive, mit denen ich damals unsere Eindrücke fotografisch festgehalten habe, sind natürlich heute etwas „aus der Zeit gefallen“. Aber ein professioneller und preiswerter Dienstleister aus dem Thurgau, den ich im Internet entdeckt habe, hat aus den damals topmodernen und hochauflösenden Bildträgern die hier eingefügten Aufnahmen digitalisiert – cool – damit steht einem einwandfreien „Recycling“ des über 30jährigen Original-„Büechlis“ nichts im Wege.

Auch wenn mich aus heutiger Optik einige Verhaltensweisen milde schmunzeln lassen – damals war Manches anders. Alle Beteiligten waren unverheiratet und „voll im jugendlichen Saft“. Auch die Luftraum-Überwachung kam noch ohne GPS-Navigation aus, weil es das damals einfach nicht gab. Nicht, dass „früher alles besser…“ gewesen wäre – vieles scheint im Rückblick einfach etwas „fremd“. Allein deshalb möchte ich die damaligen Texte und Bilder im fliegerblog nochmals frisch aufwärmen und wünsche viel Vergnügen beim Nachlesen unserer „petits fugues aviatiques“.

Eine genaue Begriffserklärung der hier verwendeten Spezialbegriffe finden Sie ganz am Ende dieses Artikels – damit auch von den nichtfliegenden LeserInnen niemand unnötig ins Grübeln kommt.

Aber jetzt geht’s richtig los:

Tour de France au vol de moteur
avec deux pilotes du pays du „Schabziger“

Zwei junge Glarner Piloten erleben „La Grande Nation“ aus dem Cockpit einer Cessna 152. Eine Woche lang pilgern sie vom International-Airport zum dünnen Gras-Streifen kleiner Flugplätze – vom Badekurort für Rheumakranke in Nordfrankreich zum Tummelplatz der noch dünner bekleideten Badenixen an Atlantik und Mittelmeer.

Was die beiden dazwischen, über und unter den weissen Wolken am weiten Himmel Frankreichs erleben, welche Bademode im Sommer 198ö „am meisten zeigt“, wie man sich verfliegt und den richtigen Weg nach Hause doch findet, das alles lesen Sie im folgenden Bericht.

Irgendwann im harten Schweizer Winter, irgendwann auf einem wolkenverhangenen Alpenflugplatz im rauchigen Klub-Lokal, bei Bier und Wein hatte einer von uns beiden die goldige Idee, man könnte doch auch einmal – wenn man die Ausbildung zum Privatpiloten abgeschlossen habe – in den Süden f1iegen. Solche Wünsche, die eigentlich zuunterst in die Schublade für verrückte Ideen gehörten, melden sich immer im dümmsten Moment. Wir hatten zu dieser Zeitpunkt noch nicht einmal die Aussicht, in absehbarer Zeit den Schein in der Tasche zu haben. Trotzdem, gute Ideen setzen sich auch über längere Distanzen durch!

Charter

Wir begannen ziemlich früh mit den entsprechenden Vorbereitungen. Klar, wenn man nicht einmal ein Flugzeug hat und mit einem dieser heissgeliebten, unbegreiflicherweise teilweise gefürchteten Apparate, die noch vor 200 Jahren nicht einmal existierten, eine lange Reise tun möchte…

Nach diverser Korrespondenz mit verschiedenen Flugzeug-Vermietern quer durch die Schweiz vom Boden- bis zum Genfer See entschlossen wir uns für das überaus faire Angebot unserer heimischen Fluggruppe, die uns erstaunlicherweise ihr gepflegtes und gehütetes Flugzeug zur Verfügung stellten, obwohl wir noch nicht einmal eine Landung zustande brachten, die diesen Namen auch verdient.

Freunde

Der Aero-Club der Schweiz und ein liebenswürdiger Fliegerkamerad stellten ebenso grosszügig das Kartenmaterial gratis zur Verfügung, es konnte also losgehen.

Ach, du lieber Petrus

Üblicherweise ist jeder Weg in der Fliegerei mit kleinen, dafür umso häufigeren Hürden durchsetzt. So war es auch diesmal. An einem trüben Sonntagmorgen, viel zu früh für meine Verhältnisse (Petrus war offenbar auch noch im Bett und verschlief die Entstehung des Wetters an diesem Morgen), stand ich auf unserem Flugplatz und machte mich im Büro bereit, um vom Mann am anderen Ende des Telefons – er markierte das Meteo-Bodenpersonal, Tochtergesellschaft „Suisse“, Konzern  „Petrus“- zu hören, dass zwar Sichtflug-Bedingungen vorhanden seien, dass aber die Wolken-Untergrenze knapp über den Spitzen der Bintje-Stauden liege.

Cargo

Also. Erst real das Gepäck ausladen und bereitmachen. Ob es wohl nicht zu schwer ist? Der Umfang jedenfalls ist erschreckend. Langsam zweifle ich an der Genauigkeit unserer Waage. (Tue ich öfters, vor allem, wenn ich selber darauf stehe!) Nachdem auch dies zu meiner Zufriedenheit erledigt war, wollte ich nun das Flugzeug aus dem Hangar holen und es auftanken, wenn dann Max kam, sollte er nur noch einsteigen und das AVGAS durch den Motor treiben können.

Die Cessna – ?

Ich gucke also verstohlen durch die Tore zum Hangar, der ans Büro angehängt ist. Da steht nun unser Gletscherflieger, der Piper Super Cub mit 180 PS. Schön. Aber mit dem dürfen wir nicht. Also in den nächsten Hangar. Zu meinem völligen Erstaunen steht da eine Reims Rocket C 172 mit französischen Kennzeichen! Ob die unser Flugzeug ausgetauscht haben … und uns haben die nichts gesagt, wo wir doch so schön in die Ferien wollten… weiter hinten steht die vertraute Privatmaschine eines älteren Piloten aus Rapperswil. Auch gut. Mit dem dürfen wir auch nicht.

Ich kratze mich dort, wo der Rücken seinen anständigen Namen verliert. Damit denkt es sich etwas einfacher. Da war doch noch ein Hangar am anderen Ende der Piste. Früher kam es öfters vor, dass sie die Cessna dort platzierten. Also nichts wie los mit meiner vierrädrigen Karre. Nach der üblichen Prozedur mit dem Schlüssel betätige ich geladen vor Spannung – den Lichtschalter. Ich fahre mir über die doch müden Augen. Ist ja auch noch etwas früh heute! Augen auf, nochmal genau hinsehen. Da steht ein Flugzeug, braun wie unseres, aber da sind ja zwei Motoren dran – Mensch, die treiben Schabernack mit uns.

versteckt?

Zum ersten Mal an diesem Morgen kommt mir der Gedanke, unsere Freunde wollten uns verschaukeln. Die haben uns das Flugzeug versteckt! Na sowas! Oder dann hat etwas mit der Reservation nicht geklappt? Fast nicht möglich. Das wäre das erste Mal. Zum Trost gucke ich mir die wunderbare Zweimot an. Eindrücklich. So zwei Millionen harter Schweizer Franken auf drei Rädern. Da ist alles dran. Enteisung, Lederpolster, Instrumente wie bei der Swissair. Zum Parkieren im Hangar hat sich der glückliche Besitzer ein kleines Traktörchen angeschafft. Klar. Da reicht der Muskelschmalz natürlich nicht mehr. In Japan fabrizieren sie solche tollen Kleinigkeiten – wahrscheinlich zu kleinen Preis-Tolligkeiten.

Ungläubig verlasse ich den ungastlichen Ort und fahre etwas nachdenklich zurück ins Büro. Dann warte ich eben auf Max. Der hat sowieso immer die besten Ideen. Nach zwei Zigarettenlängen braust er mit seinem Silberpfeil an und begrüsst reich sonnengebräunt und wahnsinnig frisch für diese Zeit. Nachdem ich mich versichert habe, dass er gut geschlafen hat, unterbreite ich ihm das Neueste. Zuerst die weniger schlechte Nachricht. Das Wetter. Naja, das sieht ein Blinder mit dem Krückenstock. Da werden wir schon noch etwas warten müssen…

News

Dann die schlechtere Nachricht. Er kratzt sich auch. Aber an einem anständigeren Ort. Ausserdem sitzt er ja. Also, evtl. hat auch keine bessere Idee. Wir entschliessen uns, gemeinsam nochmals alles durchzugehen. Er zweifelt also auch schon an meinen frühmorgendlichen Fähigkeiten.

Sogar gemeinsam kommen wir zu keinem besseren Ergebnis. – Aber, war da nicht noch irgendwo eine Werkstatt? Vielleicht? Sofort sehen wir nach. Was für ein Bild! Da steht sie. Blitzblank. Also doch. So, wie wir unseren Walter Material-Koller kennen, hat er vor unseren Ferien noch die 100-Stundenkontrolle erledigt und uns erst noch den Flieger blitzsauber geputzt. Danke. Dafür und für alles andere, was er für uns getan hat.

Bald darauf ist auch das umfangreiche Gepäck von Max verladen und der Tank der Cessna läuft fast über. Der letzte „Check for departure“. Es kribbelt leicht im Magen. Ob wohl der Kaffee nicht ganz „sauber“ war, den wir noch getrunken haben?

What a feeling

Wohl nicht, dieses Gefühl habe ich fast vor jedem Start. Max schiebt den roten Hebel nach vorn, der Motor beginnt seine Tagesaufgabe mit viel Gebrüll. Der Flieger beschleunigt langsam. Wie die Menschen am frühen Morgen. Ob die Koffer etwa doch zu schwer waren? Erstaunlicherweise beginnt dann die ganze Sache auch noch zu fliegen! Wir sehen uns an. Herrlich, nicht? Über dem Pistenende geben wir uns stumm die Hand. Also doch. Es hat geklappt. Wir beginnen unsere erste Auslandsreise. Es knackt im Lautsprecher über unseren Köpfen. ,,Hotel-Bravo-Tscharlie-Yänkii-Delta, Flugfeld Linth, Hager. Guäta Morgä –  schüüni Feriä…“

Abschied

Das war eines unserer Vorstandsmitglieder, das sich nach der Kirche das Funkgerät in die Hosentasche gestopft haben muss, um uns einen netten kleinen Abschiedsgruss senden zu können… Kein Zweifel, da sind wir gemeint! So geben wir denn pflichtbewusst, wie wir nun mal sind, sofort Antwort: „Guetä“ Morgä‘. Hotel-Yänkii-Delta, VFR to France. Mir hoffed, ds Wetter werdi nuch besser. Schüüni Wuchä, uf Widerluegä„. Flott, wie sie an uns denken. Aus Angst ums Flugzeug oder doch einfach aus Sympathie? Ich denke, das Zweite. Sind ja wirklich nette Leute, uns Anfängern ihr Flugzeug zu geben. Bei anderen Fluggruppen, das wissen wir inzwischen, wäre sowas gar nicht möglich gewesen. Nochmals, DANKESCHÖN.

Cumulus Granitus

Max schaukelt die schwerbeladene Cessna rund um die Wolken herum und geht auf Kurs in Richtung Zürich. Da die Sicht beängstigend schlechte Ausmasse annimmt, melde ich mich schon vor Wangen-Lachen bei Zürich-Information. Man ist dann auch nicht so allein. Die vertraute Stimme am Funk stärkt sofort unser Selbstvertrauen. Er bestätigt mit sonorer Stimme unsere Routenwahl und schickt uns zum nächsten Meldepunkt. Zug. WAS?? Da liegt aber ein hoher Berg dazwischen. Sehr hoch. Jedenfalls sieht das aus unserer Perspektive so aus. Ausserdem liegen da die Wolken auf den Bäumen auf. Das sehe ich von hier aus. Nach dem Erlebnis von heute Morgen frage ich zur Sicherheit noch einmal. Doch. Er wiederholt sich. Zug. Nun protestiere ich etwas schüchtern und sage ihm, wir seien Sicht-Flug-Piloten, und als solche ist man den Umgang mit Wolken-Innereien, die plötzlich hart werden, nicht gewohnt. Der Controller hat ein Einsehen und gibt uns als nächsten Check-Punkt Zürich-City.

Zürich City

Nun sind wir beruhigt. Bis auf die wenigen Wölklein, die uns zwingen, 150 Meter über den in den Wellen des Zürichsees dümpelnden Segelschifflein dahinzurasen. Schon komisch. Ein anständiger Schweizer ist sich sowas eben nicht gewohnt. Max scheint weniger beeindruckt. Sollte nicht das letzte Mal an diesem Tage sein. Wegen uns zwei Ferien-Fliegern muss der gute Controller nun sicher die halbe Linien-Fliegerei von Kloten aus umdirigieren, damit wir nicht alle auf der Frontseite der Tageszeitungen landen.

Französisch

Brav brummt die Cessna mittlerweile durch das Limmattal hinunter. Super. Die ersten Sonnenstrahlen haben die Wolken etwas wegtrocknen können. Die Sicht wird entschieden besser. Somit haben wir keine grossen Sorgen mehr. Dem Rhein entlang schleichen wir Basel-Airport an. Etwas verstört lausche ich dem Platzverkehrs-Funk des International-Airport. Da ist ja das Kribbeln schon wieder. Ob der Kaffee… Schüchtern, wie ich nun mal bin, melde ich mich auf der Frequenz von Basel Tower. Schön, wie der Gute halb Französisch und etwas Englisch antwortet. Nut habe ich von dieser Mischung nur die Hälfte verstanden. Ich war ohnehin noch nie besonders frankophil. Es ist, als sässen Sie in einem New Yorker Yellow-Cab (Taxi). Dort tönt das auch so. Es knotzert und knackt, „Bvambarambram Bramtschkdkjds“. Klar verständlich gibt dann der Chauffeur bekannt, dass er verstanden hat, wohin die nächste Fuhre geht. Etwa so geht das jetzt auch zu und her. Hektik will sich meiner Sinne bemächtigen. Nut keine Aufregung. Fragen kostet ja nichts. Das zweite Mal habe ich mich bereits etwas an die seltsame Sprache gewöhnt und begreife jetzt sinngemäss, was der Mann im Glaspalast ~über der langen Piste von uns will. Bevor er den Kopf des Mikrophons abbeisst und uns nachher zu sich aufs Büro rufen will, gebe ich ihm die verlangte Quittung seiner Flugsicherungsangaben lückenlos durch. Na also.

Wir schweben mitten über der Stadt am Rheinknie. Problemlos verständigen wir uns nun mit dem Kauderwelsch-Fritz im Tower. Ebenso problemlos finden wir die einzuhaltende Route. Max legt die Cessna auf den linken Flügel und taucht auf die riesige Piste los. Fliegen ist doch etwas pyramidal Schönes. Kurz darauf rubbelt es dreimal auf dem Asphalt, wir rollen zum „Parkplatz“ – vorbei an finnischen DC-9 und den etwas kleineren Crossair-Fliegern. Der gelbe Wagen fährt auf uns zu. Keine Angst, der führt uns nicht, nein, der führt uns nur auf unseren vorgesehenen Standplatz „in front of the tower„. Wir sind uns einig. Die Landung, der Anflug, alles lief prächtig. Und erst der Service hier!

Follow Me

Während wir unsere Siebensachen für den Zoll und die Abfertigung zusammenkramen, wartet das gelbe Wägelchen neben unserem kleinen Flieger. Auf uns? Wohl kaum, das kleine Stück gehen wir doch zu Fuss. Ein freundliches Winken, und der VW aus der Steinzeit braust mit einem komischen Grinsen seines Fahrers auf und davon. Irritiert von seinem Gesichtsausdruck sehen wir uns fragend an. Wir packen unsere Mappen und marschieren drauflos. Wo bloss ist das C-Büro? Während wir hinter jeden den grösseren Hangars nachsehen gehen, wo sie hier das ominöse C-Büro versteckt haben, schwant uns, weshalb der Mann gelächelt hat. So ein Flugplatz hat eben eine stattliche Grösse. Wie die Flieger, für die er gedacht ist! Wir fragen mal bei der Feuerwehr nach. Die wissen sonst auch immer Bescheid. Lachend erklären sie uns auf Französisch, dass wir eben hätten einsteigen sollen, das Büro sei nun mal etwas weit weg – sie hätten sich eh‘ gewundert, wo wir denn hinwollten…

Ping-Pong im Tower

Wir erledigen nach einem kurzen Spaziergang durch die lachenden Stewardessen der Swissair und ihrer Direktoren im Cockpit – wie immer tiptop in Uniform – auf dem Information-Center unsere Fluganmeldung. Etwas verloren haben wir zwischen all den schönen Stewardessen in unseren alles andere als uniformen Kleidungsstücken wohl schon gewirkt. Jedenfalls haben die „arbeitenden“ Beamten nur kurz ihr Ballspiel im Büro unterbrochen, um uns sehr zuvorkommend und ebenso kompetent zu beraten. Kreuz und quer durchs Zimmer fliegt derweil der Spielball – eine Kugel aus gequetschtem Aluminium-Papier, wahrscheinlich die Reste des Znünibrotes, an uns vorbei und trifft auch ab eine der herabhängenden Hinweistafeln, die mit lautem Krachen auf dem Pult darunter protestierend niedersausen. Erstaunlich ist es nicht, wenn hier die Leute das etwas fragwürdige Image der Flieger herhaben! Wenn die mit den landenden und startenden Flugzeugen auch solcherart Ball spielen – Prost Alphütte!

Einmalllen, bitte!

Etwas nachdenklich führen wir uns vor dem endgültigen Flug ins ausländische Niemandsland nochmals ein Mittagessen zumute. Auf dem Rückweg zum Flugzeug habe ich noch schnell das Tankwägelchen bestellt. Zu unserem Entsetzen rollt da ein Truck monumentalen Ausmasses auf uns zu. Dem entsteigt ein lachender Chauffeur in einem öligen, blauen Kombi. Volltanken? Ja, nur nicht gerade Ihren ganzen Inhalt von dem Riesenlaster da…

Den eindrücklichen Vorgang des Benzin-Fliessens dem Riesenbauch des Lastwagens in den Mini-Tank unseres kleinen, dafür netten Fliegerchens haben wir dann doch noch auf Zelluloid verewigt, bevor sich der Quirl am vorderen Ende des Motors zu drehen beginnt.

Mal nach vorn, mal…

Erwartungsgemäss verirren wir uns schon wieder auf dem Labyrinth der vielen Rollwege und Pisten. Hilferufe nach dem gelben Wägelchen geistern durch mein Gehirn. Wir rollen in die falsche Richtung und ziehen unsere Köpfe beschämt ein, während wir unsere Cessna den vielen Zuschauern von der anderen Seite – als gerade eben – nochmal zeigen. Wir haben mitten auf der Taxiway-Kreuzung gewendet und rollen nun die ganze lange Strecke wieder zurück. Was die bloss jetzt denken? Wahrscheinlich wieder so ein Wirrkopf, der die Orientierung schon am Boden verliert. Sowas will fliegen. Chaoten alles!

Ohne weitere Zwischenfälle linieren wir dann auf der langen Piste auf und ich befehle dem Motor mittels Gashebel, seine Höchstleistung aufzunehmen. Der geplagte Kerl tut dies ohne Murren und reisst uns nach entsprechend langem Anlauf in den Himmel hinauf.

Wir melden uns in Basel nach dem Passieren des letzten Checkpunktes ab und versuchen, uns in der flachen und zur Abwechslung noch flacheren Gegend zu orientieren. Schwierig. Findige Köpfe aus der Luftfahrt haben das lange vor uns bemerkt. Um sich und uns die Orientierung etwas leichter zu gestalten, haben sie sogenannte Funk-Navigationshilfen erfunden, die uns den Weg zu ihnen mit einem Funk-Richt-Strahl zeigen. Wir stellen die entsprechende Frequenz ein und nach längerem Zögern legt sich die Nadel des VOR’s – so heisst das Gerät – auf einen bestimmten Kurs fest.

Zu unserem Erstaunen finden wir die Bodenstation, die uns den Weg zeigte, haargenau. Wir beginnen, diese Art der Fliegerei zu geniessen und fräsen tief über die Kornfelder und Wälder, die Seen mit den Surfern drauf, dahin, die Nadel des nächsten VOR’s ist auch schon wieder eingefahren…

Kongo?

Nach zwei Stunden Flug landen wir in Troyes-Barberey. Wir füllen den Tank der Cessna wieder randvoll und starten um ca. 10.00 Uhr in Richtung Paris – Chartres – Bagnoles de l’Orne, Diesen kleinen Platz haben wir nach eingehendem Studium zu unserem Nachtquartier erkoren.

Das Unheil nimmt seinen Lauf. Mittlerweile habe ich auf dem rechten Sitz des „Navigators“ Platz genommen, während Max die Cessna unter seinen Fittichen hat. Nach meiner Berechnung müsste in zehn Minuten eine Autobahn kommen. Kommt auch. Sofort. Das kann aber nicht sein, sage ich auf der Stelle. Oder dann haben wir unglaublich starken Rückenwind. Max lässt sich vorläufig nicht irritieren und fliegt stur geradeaus. Die Nadel des VOR’s bleibt, wo sie hingehört. Mir wird etwas unheimlich. Die richtige Autobahn kommt und kommt nicht. Ob wir etwa schon zu weit geflogen sind, und das vorhin die richtige Autobahn gewesen ist? Wir folgen einer Eisenbahn, die auf meiner Karte nach Süden führt. Aber da wollen wir ja gar nicht hin! Die Karte scheint aus dem Kongo zu stammen. Langsam, langsam. Max folgt weiterhin stur seinem Kurs, den wir ja zu zweit ausgerechnet haben. Die Autobahn kommt tatsächlich nicht. Also, da ist was faul. Rechts sehe ich eine Kathedrale, die eigentlich in der Stadt vorher hätte stehen sollen, das müsste Chartres sein. Soviele Kathedralen haben die Franzosen auch wieder nicht gebaut.

Landestopographie

Wenn das vor zehn Minuten die eingezeichnete Autobahn war, dann fliegen wir momentan völlig ins Sauerkraut hinaus, meine ich protestierend. Max kratzt sich, schaut mich lange (fragend) an und fliegt geradeaus weiter. Nach der Anzeige auf dem Instrument sind wir nun zu weit. Also zurück. Kurze Zeit später klopfen wir uns erleichtert auf die Schultern. Unser Zeitplan hat gestimmt. Nut die Französische Landestopographie hat diese Gegend am Montagmorgen um 07.00 Uhr in die Karten eingezeichnet. Daran muss man sich wohl erst etwas gewöhnen. Es klappt also doch mit den Funknavigationshilfen.

Wirt am Funk

Diese Episode hat uns in der Folge etwas vorsichtiger „von Hand“ navigieren lassen. Wir haben uns dann auch kein einziges Mal mehr vorn vorgerechneten Kurs weg entfernt. Im Gegenteil. Was wir in der Schulung gelernt haben, bewährt sich nun auf das genaueste. Wir fliegen so exakt, dass wir auf der Piste von Bagnoles direkt hätten landen können, genau in der Richtung des Asphalt-Streifens. Vorsichtshalber drehen wir über dem Platz noch eine Kurve, damit die da unten auch wissen, dass wir kommen. Am Funk antwortet nämlich nur der Wirt des Restaurants. Jedenfalls härt sich das so an. Mit ihm sollten wir heute auch noch zu tun bekommen. Die Sonne nimmt in der flachen Landschaft der Normandie ihr abendliches Bad und färbt den Himmel blutrot, überzieht diese herbe Gegend mit einem rosa Pyjama, während wir die Reifen unserer Cessna mit einem dreifachen „Blubb„, das alle kleinen Flieger verursachen, auf die Runway aufsetzen.

Wirtschaft zum fliegenden Schirm

Der Platz ist ja an und für sich recht nett, wir sind uns soweit völlig einig. Nur haben die lieben Kerle hier auf dem ganzen Platz keine einzige Hinweistafel hingestellt, aus der man ableiten könnte, wo man sein Vehikel über Nacht parkieren kann. Wir rollen also am Ende der Piste nach rechts von der Bahn, direkt aufs Hauptgebäude zu, wenn man dem mal so sagen will. Nach kurzer, diesmal weniger heftiger Diskussion sind wir uns einig, direkt vor dem Restaurant zu parkieren. Schon wegen des weiten Weges zum kühlen Bier nachher, von dem wir seit geraumer Zeit beide schon beim Gedanken daran einen feuchten Hals bekommen haben.

“Excusez, nous venons de la Suisse…”

Dummerweise hakt sich das linke Haupt-Rad in der holprigen Wiese fest. Da wir ja einen starken Motor bei uns haben, beschliessen wir, wie in solchen Fällen immer, Gas zu geben. Der Tourenzähler schnellt nach oben, rundherum fliegt meterhoch der Staub auf, begleitet vom donnernden Getöse und infernalischem Geknatter aus der Motorhaube. Au weh! Das darf ja nicht wahr sein! Ob da wir daran Schuld haben? Komisches Bild! Von der ehemaligen Gartenwirtschaft mit den gemütlichen Bierchen auf den roten Tischchen und den bunten Sonnenschirmen ist nichts mehr zu sehen. Die waren doch gerade eben noch… Mensch, Max, da haben wir doch etwas zu doll Gas gegeben! Sämtliche Besucher des Flugplatzes irren wie die Teilnehmer eines mittleren Erdbebens kreuz und quer durch die Geographie und sammeln ihre Sachen ein. Inkl. Sonnenschirme und sonstiges Inventar!

Chribeli

Au Backe, das wird ein Donnerwetter geben! Etwas kleiner als vorgeschrieben treten wir schüchtern, als ob wir hier eben so vorbeigekommen wären, zu den Leuten hin. Na, freundlich sind die Franzosen heutzutage auch nicht mehr. Ist eben alles nicht mehr wie früher! Wir werden noch kleiner, als es in unseren roten Schweizer Pässen eingetragen ist. Gestikulierend und wild rufend stiebt da einer in kurzen roten Hosen rund um sein offensichtlich neues Auto. Kein Wunder. Bei näherer Betrachtung stellen wir fest, dass er schon zwei Wochen nach dem Kauf dieses Autos einen Gewalts-„Chribel“ quer über die Motorhaube aufweist. Wie man wohl sowas anstellt? Sonst keine Beule am Wagen. Wenn der so weiterfuchtelt, haben wir auch bald eine Beule im Chassis… Sonst verstehen Max und ich auch ein bisschen Französisch. Wenn sie nicht so schnell reden wie der wilde Mann hier. Mit der Zeit linden wir aber doch heraus, was er meint. WIR hätten ihm seinen schönen neuen Wagen so verunziert. Na ja. Was will man da sagen. Mir fehlen die Worte. Nicht nur die französischen. Am besten, man fragt in solchen Fällen, ob er auch etwas trinken möchte – das Restaurant ist ja in der Zwischenzeit wieder recht und schlecht aufgebaut worden.

Nette Leute

Beim gemeinsamen kühlen Bier erholen wir uns alle wieder ein wenig. Wir zwei von unserem heutigen Monsterflug mit der kleinen Rundfliegerei ums VOR Chartres-la-Loup und der Monsieur nebenan spült seine vom Herumfuchteln aufgewirbelte Staubwolke den Hals hinunter. Meine Güte, gut weiss der nicht, dass wir sowas das erste Mal machen. Und erst noch keine vier Wochen nach der amtlichen Prüfung! Wir machen uns auf ein grösseres, öffentlich-rechtlich-juristisches Scharmützel gefasst, aber wir werden überrascht. Nachdem wir dem Guten etwas von unseren tollen Schweizer Versicherungen erzählen, die garantiert immer bezahlen, ausser bei bestimmten Schäden, verzichtet er dankend auf den damit verbundenen Formular-Krieg.

Mooooonshine…

Wir sind baff. Damit haben wir nicht gerechnet. Wenn ich mir im Nachhinein so vorstelle, wie man sich damit in der Schweiz befasst hätte, schwinden mir fast die Sinne. Ich darf gar nicht daran denken, was passiert wäre, wenn er sofortigen Schadenersatz gefordert hätte. Unsere Ferien hätten im mindestens leicht umorganisiert werden müssen. Wenn nicht gerade abgebrochen. Der Mann hier aber ärgert sich scheinbar nicht mehr. Ohne eine Adresse auf sein Verlangen deponiert zu haben, marschieren wir nach der Beschreibung eines hier fliegenden, jungen Mannes ans Ende der Piste und wühlen uns durchs Dickicht des nahen Waldes in (mutmasslicher) Richtung des Dorfes, das hier vorhanden sein soll.

Wie immer eine Stunde nach Sunset ist der Wald für solche Unterfangen bestens beleuchtet und man geniesst eine wunderschöne Aussicht auf die nähere Umgebung. Vor allem die Brenn-Nesseln. Zufällig oder auch nicht – wir finden einen begehbaren Weg entlang einer Pferdweide hinunter nach Bagnoles. So heisst der Kurort hier. Sieht auch so aus. Nach einer halben Stunde trampeln wir mitten hinein. Friedlich sitzen hier die Leute beim Nachtessen. Auffallend ist nur deren Alter. Unschätzbar. Ob die hier eine grosse Alterssiedlung haben? Und alle Ausgang? Scheinbar. Wir sind bestimmt mit 30 (dreissig} Jahren Abstand die jüngsten Gäste hier. Schade. In einem netten kleinen Hotel nisten wir uns ein und machen uns auf den Weg, um die hungrigen Bäuche endlich zum Schweigen zu bringen.

Zum Dessert Käse…

Auf das nachfolgende, opulente Mal will ich nicht näher eingehen. Beiden ist es jedenfalls noch in bester Erinnerung. Vor allem der Käse – zum Dessert. Andere Länder, andere Sitten. Gut war er jedenfalls.

Benzin ?????

Am andern Morgen machen wir uns langsam Gedanken über das weitere Vorgehen. Wenn ich reich recht entsinne, haben wir noch etwa für eine halbe Stunde Getränk für unseren durstigen Motor an Bord. Bei der Besichtigung der Karte stellen wir fest, dass zuerst einige Grundsatzfragen abgeklärt werden sollten. Als Tankstelle kommt nur ein anderer kleiner Platz hier in der Nähe in Frage. Alles andere wäre mit Segelflug verbunden. Da bin ich zwar gut, aber die Cessna…? Und ob die dann Benzin haben, ist eine andere Frage. Wahrscheinlich ist der Platz etwa wie der hier eingerichtet. Also unter der Woche weder Flugbetrieb noch Benzin. Wir machen uns auf den Weg zurück durch die Brenn-Nesseln.

Telefonatus enormus

Beim Blick aufs Flugplatz-Areal wohlet‘s mir erst mal. Die Cessna schaukelt im Wind leise vor sich bin. Alles noch da. Aber keine Menschenseele zu sehen. Nur Max. Der weiss aber auch nicht, wie man die Tanksäule in Gang bringt. Also ran ans Telefon. So lernt man schnell fremde Sprachen. Max versucht es als erster. Ich renne derweil wie ein Irrwisch rund ums Gebäude und rufe ihm so laut ich kann alle Telefon- (und Auto-) Nummern, die ich an Wänden und Türen finde, in die „Kabine“. Auch nachdem sich zweimal das Freudenhaus in Rennes meldete, macht der Gute unbeirrt weiter. Fleissig wie er ist, stellt er eine um die andere ein. (Nummern).

Lange Leitung

Wahrscheinlich haben sie die Telefongebühren nicht mehr bezahlt. „Da kommt jedes Mal das Tonband„, meint Max und hält mir den Hörer hin. Tatsächlich. Wir sind aber auch selber schuld. Wir haben gestern in der Aufregung das Benzin völlig verschwitzt. Das war aber auch eine tolle Gartenwirtschaft, gestern.

Camel…

In solchen Situationen zeigt es sich, wen man sich für die Ferien ausgesucht hat. Ich will nicht auf die Einzelheiten eingehen. Jedenfalls haben wir eineinhalb Stunden lang telefoniert. Ohne Erfolg zunächst. Aber auch ohne ein lautes Wort oder einen einzigen Vorwurf . Super. Im Gegenteil. Man sollte auch ruhig mal über sich selber lachen dürfen. Wir sitzen auf einem Treppenabsatz und rauchen erst mal eine Zigarette. Dabei hat man immer die besten Ideen. So stand das jedenfalls in der Werbung …ich gehe meilenweit für… Wenn nicht bald ein Wunder in Form eines handlichen Tankwartes hier auftaucht, gehen wir tatsächlich bald meilenweit.

Max löst das Problem. Er findet irgendwo die richtige Nummer. Göttliche Eingabe? Jedenfalls steht eine halbe Stunde später unsere C152 vollgetankt auf dem letzten Meter der Runway. Wir wollen angesichts der Bäume an andern Ende der Piste nichts verschenken.

Mont St.Michel

Das Wetter hat sich noch nicht ganz für die für uns ungünstige Meteo-Sorte entschieden. So nutzen wir das Loch über uns und machen uns auf und davon. Fünfzig Meter über die Höfe, Strassen, Flüsse und ausrangierten Eisenbahnlinien flitzen wir ans Ende der Normandie. Zum Mont St. Michel. Wir haben Glück. Kurze Zeit darauf dürfte die legendäre Felsen-Insel in den Wolken darüber verschwunden sein. Wir schleichen uns gerade noch zum Kellerfenster hinaus davon…

Sight Seeing

In einigen wilden Flugmanövern gelingen uns auch ein paar brauchbare Abzüge auf Zelluloid, bevor wir uns nach Bordeaux aufmachen. Das VOR Rouen läuft bald einmal ein. Die Navigation wird hier langsam zur Spielerei. Wir folgen genau dem Strich. Diesmal war das aber nicht besonders schlau. Plötzlich taucht neben uns, am Rande der Riesenstadt Rouen ein grosser Flugplatz auf. Mensch, das darf doch nicht wahr sein! Grosse Hektik macht sich breit im kleinen Cockpit. Karten werden aufgefaltet und versperren dem zuständigen Mann für die Steuerung die Sicht nach vorne. Im Lautsprecher herrscht Stille. Kein Wunder. Das ist ja auch nicht Platzfrequenz.

CTR Rouen

Max schraubt am Funkgerät, als wolle er die Lottozahlen ziehen. Immer noch Totenstille. Ob die über Mittag zu machen? Scheinbar. Auf der in der Zwischenzeit auf ein handliches Format zusammengedrückten ICAO-Karte stellen wir fest, dass auch hier die CTR’s bis an den Boden reichen. Au Backe! Zum Glück haben wir den Platz früh genug gesehen. Wir sind ja erst am Rande der CTR. Wir schnaufen erst mal tief auf. Sofort beginnt der Flieger zu sinken. Der Entschluss, unter die TMA abzusinken, brauchte keine lange Debatte.

Flight planning

Mir wird nun auch schlagartig klar, wie das überhaupt passieren konnte. Wir haben ausnahmsweise die Kurse anhand der Navigationskarte festgelegt. Alles den VOR entlang. Und auf dieser Karte fehlen die anderen Einträge natürlich. Zum Glück haben wir den Schaden noch rechtzeitig bemerkt. Vielleicht hätte es auch niemand gemerkt, allem Anschein nach bewegen sich ausser uns keine Flugzeuge rund um diesen Platz. Der Mann im Tower scheint auch gerade Siesta zu halten. Jedenfalls beantwortet keine Seele unsere Aufrufe, die wir in der Angst loswerden wollen.

Schilf

Item, der Platz von La-Baule ist nicht mehr allzu fern. Nahe bei der Riesenstadt wälzt sich ein breiter Strom durch ein riesiges Flussdelta. In vielen kurvenreichen Windungen strebt das Wasser träge dem Atlantik zu. Im flachen Licht, das durch die Wolken bricht, sieht alles wie flüssiges Silber aus. An eine Motorenpanne ist in diesem Schilfgebiet allerdings nicht im entferntesten zu denken… Kurz darauf pflanze ich die Cessna auf die Piste von La-Baule, einem herzigen Flugplatz direkt an den Badestränden des Atlantiks. „Bloss etwas kalt zum Baden hier“, denken wir beide gleichzeitig laut.

w8684-q-10

Bordeaux Control

In kurzer Zeit sind unsere Bäuche und das Flugzeug wieder marschbereit. Das nächste Ziel heisst Andernos-les-Bains. Hinter sieben Beschränkungsgebieten, Kontrollzonen, ATZ’s und all der schönen Dinge mehr. Diesmal soll uns das Beinahe-Malheur vom Morgen nicht mehr passieren. Unter der kundigen Führung von Bordeaux-Control rauschen wir der Atlantik-Küste entlang nach Süden. Wie am Sonntag ist das Wetter auch hier eine absolute Pracht.

w8684-q-8

Strandleben

Wie am Schnürchen spielt unsere Navigation nun. Auch die Funkerei wird hier wieder zum Vergnügen. Die reden wenigstens so deutlich, dass man sie sinngemäss versteht. Problemlos erhalten wir die Freigabe über dem Platz La Rochelle, der Heimat von Jacques-Yves Cousteau. Der ist allerdings ausser Sicht heute. Dafür veranstalten sie unten an den Stränden und in der schmucken Stadt ein Treffen, zu dem halb Europa eingeladen worden ist. Unzählige Surfbretter sind am Strand ausgestellt und bilden mit ihren bunten Segeln bizarre Muster, zwischen denen sich kreuz und quer braune Leiber im Sande panieren und bräunen lassen. Die Strassen sind vor lauter Autos kaum mehr auszumachen. Was bin ich in diesem Moment, wo unten alles rennt und hetzt, froh, beschaulich hier oben zu sitzen und über den Dingen zu schweben.

Checkpoint Charlie

Wir weichen nun praktisch keine hundert Meter vom Kurs ab, den wir ohne VOR, nur „von Hand“ fliegen und navigieren.

Out of Europe

Die Landschaft vor uns hat sich völlig verändert. Plötzlich sehen wir uns einem Heer von Bäumen ohne ein Anzeichen von Zivilisation – gegenüber. Wir unterfliegen gerade ein Übungsgebiet der französischen Luftwaffe. Hier ist die Luft also Jet-haltig. Irgendwann sollte dann ja auch noch der Flugplatz Andernos-les-Bains erscheinen. Tut er aber nicht.

Mogas

Kein Problem bildet heute die Auffanglinie. Der Atlantik eignet sich vorzüglich dafür. Da wir gerade den letzten Meter Europas hinter uns gelassen haben, stellen wir ernüchtert lest, dass wir entweder so genau über den Platz geflogen sind, dass wir ihn nicht sehen konnten, oder dass wir eben weit vom Kurs abgekommen sein müssen. Eher das erstere. Wir sehen uns das Treiben am Strand, der bis zu den ersten Häusern reicht, an und machen uns auf Gegenkurs davon. Bald einmal finden wir das kleine Plätzchen. Kurze Piste, denke ich mir. Noch kürzer als im Bottlang Airfield Manual. Max macht eine Pracht-Landung auf der dünnen Graspiste.

w8684-q-7

Nach der Erfahrung von heute Morgen rollen wir erst real zur Tanksäule. Da springt auch schon einer auf uns zu. Prima, wie das klappt. Was sagt der da? Sie hätten hier kein Benzin! „Aber die Tanksäule da, sehen Sie, da steht doch eine?“ Ach so, die führt nur MOGAS. Na, damit kommt unser Motörchen aber nicht zurande. Na macht nichts, wir haben ja noch von dem köstlichen Safte.

Unter den von Insekten nur so gepflasterten Tragflächen der Cessna stellen wir unser Zelt auf. Romanciers unter Ihnen, liebe Leser, kann ich das nur empfehlen. Wirklich ein tolles Gefühl, wenn dann am andern Morgen die Sonne blutrot ihre ersten Strahlen direkt auf unser Zelt schickt, als wären wie die einzigen…

Exhibitionitis akutis

Im C-Büro heisst man uns herzlich willkommen. Duschen kann man hier auch. Es sei zwar nichts Besonderes, aber in der Hitze sicher trotzdem ein Genuss. Ich bringe diesmal ein Opfer und gehe als erster hinein. Ich dachte, wir seien in Frankreich. Den sanitarischen Einrichtungen nach zu urteilen eher in Peru oder Kolumbien. Na, macht ja nichts. Mit Seife, Schrubber und dem Schwanenhals der kuriosen Dusche räume ich erst mal die grössten Kakerlaken in den Abfluss hinunter, stelle mich auf ein klappriges Ding, das wie ein Schemel aussieht und ziehe mich aus. Der hält sogar meine 80 kg aus, ohne gleich mit lautem Stöhnen zusammenzubrechen. Die Türe, die ins Restaurant führt, konnte ich nicht ganz schliessen, der Schlüssel war verschwunden. So geht hier ab und zu jemand ein und aus und ich komme zur ersten Gratis-Vorführung meines Luxuskörpers vor versammelter Gemeinde. Also, so geht das ja nun wirklich nicht.

Ich improvisiere gern. Den langen Schrubber-Stiel klemme ich mit dem Bodenlumpen am Boden fest. Die Türfalle wickle ich darum herum. Oder war das etwa umgekehrt? Jedenfalls hätte es so sicher auch nicht besser gehalten. Also wieder unter die Dusche. Sobald die ersten köstlichen Tropfen über meinen bleichen nordeuropäischen Körper prasseln, rast eine hübsche Serviertochter an mir vorbei, flüstert etwas von „Entschuldigung – sie habe gedacht, dacht, hier sei niemand“ – und rauscht von hinnen. Schade, das wär noch was für die Skiferien gewesen.

Aussichten und Einsichten

Auf dem Weg nach draussen finde ich dann auch den Schlüssel. Prima. Ich stecke ihn ins Schloss. Damit profitiert wenigstens der gute Max nicht von meinem vorbereiteten Terrain. Für die hin und her rauschende Tür. So muss er fast abschliessen.

Abends führt uns dann der im Moment netteste Franzose mit einem klapprigen Peugeot die sechs Kilometer in die Stadt hinunter. Zufrieden recken sich bald darauf unsere von Pizza und etwa drei Bier vollgestopften Bäuche in den französischen Nachthimmel. Draussen auf der“ Promenade macht jemand Musik. Tönt ja wie irische Volksmusik?

Wir sehen uns die Sache mal genauer an. Eine Art Volkstanzgruppe, zusammengesetzt aus den Touristen hier, wippt und schaukelt in völlig fremden Tanzschritten vor uns auf und ab, vor und zurück. Max meint, das kenne er bereits, das sein ein gehüpfter.. Walzer… Er war schon mal längere Zeit in Frankreich. Da hat er mir was voraus. Ich dachte eher an gedrehten, doppelten Rittberger.

Unter den lüpfigen Klängen der Französisch-irischen Koproduktion der „Musikanten hier“ hüpfen auch ein paar junge Leute rundum. Meistens Frauen. Männer sind nun mal schüchtern. So tanzen eben sie miteinander. Aus den Augenwinkeln blitzen ab und zu freche, braune Augen in meine Richtung. Max steht zwar direkt neben mir. Fasziniert schauen wir mit atlantikweitem Sehnsuchtsblick den langen schwarzen Haaren nach, die zu einer dunklen Strandschönheit gehören. Kein Wunder, so bekommt man schon nach zwei Tagen Heimweh…

Märsche

Problemlos erledigen wir in der Folge auch noch die Navigation zurück zu unserem Zelt. Sechs Kilometer weit, auf den Flugplatz. Schliesslich laufen wir ja auch jeden Meter persönlich ab. Ganz schön weit, wenn das Bier im Bauche schäumt. Zum zweiten Mal an diesem Tage bringe ich ein Opfer und klettere via klapprigen Stuhl, Beckenrand, zerdrückten Sandalen und Bodenlumpen in die „Dusche“. Max folgt etwas später.

Wo ist das Meer?

Über den folgenden Tag lässt sich wenig Greifbares sagen. Nur eines. Das Meer war weg! Als wir mit dem Badetuch durchs Städtchen marschieren unter den verwunderten Blicken der Einheimischen, stellt Max ernüchternd fest, dass es hier kein Meer mehr gibt. Zuerst denke ich mir, das sei wieder der gleiche faule Zauber wie am Sonntagmorgen mit dem versteckten Flugzeug. Ein Blick weit gen Westen belehrt mich eines Besseren. Tatsächlich.

Wasser!

Demonstrativ legen wir uns in den Sand. Heiss hier! Max rechnet derweil die Gezeiten nach. „Wenn wir hier in der Sahara durchhalten…, so um vier Uhr sollte das Meer wieder hier sein“, meint der Gute. Leider ist es erst elf Uhr morgens und der Ozean gerade am weitesten von seinem Höchststand der Flut entfernt. Es ist schon ein Phänomen, das Wasser hat sich in der völlig flachen Bucht ca. 30 Kilometer weit entfernt. Unglaublich. Und heiss hier! Mir rinnt der Schweiss nur so den Bauch runter. In nützlicher Entfernung planschen ein paar Babies in einer flachen Pfütze. Ihnen reicht das Wasser bis zum Bauchnabel hinauf, wenn sie sich hinknien. Mir bis über die Knöchel, wenn ich mich…

oder Bier!

Sogar Max, der Sun-Freak, lässt sich von der Sonne nach zwei Stunden überzeugen (uff), dass jetzt die Zeit für ein Bier gekommen sein dürfte. Der Postkartenhandel liesse sich auf diese Weise auch gerade erledigen. Mit viel Flüssigem, teilweise Alkoholischem, bringen wir den Nachmittag über die Runden, bis die halbe Stadt mit Bade-Utensilien vorbeirast. Nichts wie los, bevor das Meer wieder weg ist!

Waauu …

Zu den heutigen Badefreuden gehört ja in unserem Jahrhundert neuerdings auch die Bademode. Das stellen wir schnell fest. In diesem Sommer ist nur eines richtig „in“. Frauen kaufen sich Einteiler. Männer dunklere Brillen. Hinter der „brüetigen“ Sonne am Atlantik rollen sie dann (die Frauen) die obere Hälfte der dünnen Stoff-Fetzen so weit herunter, bis um die Hüften nur noch ein schmaler Stoffstreifen erkennbar ist! Senkrecht nach unten führt dann ein noch schmalerer Streifen, der Mühe hat, alles festzuhalten und einzupacken.

Ich persönlich finde die ganze Sache eine tolle Erfindung. Max offenbar auch. Hinter dunklen Pilotenbrillen wandern zwei Augenpaare in die nähere Umgebung. Schade, dass wir früher in der Anatomie nicht am praktischen Modell üben konnten. Hier hätte es ein paar geeignete Übungsobjekte ausgestellt gehabt.

Bikini

Rechnet man den horrenden Verkaufspreis dieser sonst die wichtigsten strategischen Stellen verdeckenden Stoffteile auf die vorhandenen Quadrat-Zentimeter um, so entstehen Preise wie sonst für den Quadratmeter an der Zürcher Bahnhofstrasse.

Kalt duschen

Solcherart und weiter schweifen unsere Gedanken über die gebräunten Leiber hier. Vor allem die Bräunste hier sticht Max durch die verdunkelnden Sonnenbrillen-Gläser in die Augen. Was für eine Schönheit! Nicht zu beschreiben. Ein Bijou / alles vorhanden / bei der Herrlichkeit haben sie aber bei der Architektur auch nicht sparen müssen… Nähere Einzelheiten sind über uns direkt zu erfahren.

w8684-q-19

Nachdem wir den ganzen Tag diese seelischen Qualen ausgehalten hatten, verlief der nächste Tag mit dem Flug ans Mittelmeer vergleichsweise ereignislos. Bis auf ein paar Details.

(French) Bregg …

Mit den sauber ausgefüllten Flugplänlein ausgestattet, drehen wir nach dem Start über dem gastlichen Andernos-les-Bains erst mal eine ausgiebige Runde. Lachend erinnern wir uns auf unserem Flug in die aufgehende Sonne an den Flugplatzchef dieses originellen Platzes. Den Sommer über lebt der Autoschlosser, aus Berufung, Flugplatzchef aus Überzeugung und Pilot aus Leidenschaft vom Verdienst, den er als Bäcker (!) den Winter über im Raum Paris verdient. Daneben macht er alles, was gerade so anfällt. Wasserrohrbrüche beheben. Schwangere Frauen moralisch wieder, aufpäppeln. Seinen Citroen, bei dem man nicht sicher ist, ob der Lack nun aus Farbe oder Rost besteht, ohne Sitze und Türen über den holprigen Flugplatz zu steuern. Und sich nebenbei von Kopf bis Fuss ehrlich wundern, wenn man ihm erklärt, man habe seinen Platz schon einen Monat nach der Prüfung finden können. Herrlicher Typ. Nach unserem Trinkgeld für die morgendlichen Kaffee-Gelage taut erst sein Misstrauen und anschliessend unser gefrorenes Französisch so richtig auf.

Unreadable controller

Der Flug durch eine weitere Serie Flugbeschränkungsgebiete wird nur durch die Begegnung mit einer Mirage etwas aufgelockert. Dafür gerade richtig. Erst bei zweimaligen Flügelwackeln drehen die Dinger in nächster Nähe ab. Auch unter Funk-Kontakt mit der betreffenden militärischen Verkehrsleitung. Die machen sich einen Heidenspass daraus, uns zu erschrecken. Da müssen einem ja die Haare ausgehen …

SpecialVFR

An der Mittelmeer-Küste wird die Sicht langsam mühsam. Der Boden ist gelblich ausgebrannt. Die Luft grau und dunstig. Die Wolken bilden sich sozusagen schon zwischen Propeller und Frontscheibe.

Oben rechts…

Resultat: Eine Sicht, in den Farben so üblich wie eine schlecht gebackene Lasagne. Unten gelb, oben weiss. Etwa so fühlen wir uns auch bei unserem Tiefflug über die brachliegenden Bikinis. Max wollte ja so tief drüber fliegen. Ich reklamiere erst, als wir die Bannerschlepper rechts oben im Bild haben. Die fliegen sonst schon fast durch die Kartoffeln! Auf der Höhe von Sète lässt Max meine Nerven nicht mehr flattern und die Cessna steigen. Der nächste Schock kommt bereits. Montpellier, unsere Destination, meldet: „Visibility 4’000 meters / Special-VFR-Conditions!!!“ Uff.

Stress

Ach du dickes Ei! Sowas haben wir aber noch nie gemacht! Na gut, dann verlangen wir eben einen Spezial-Anflug. Die Meldepunkte sind in dem trüben Brei schon fast nicht mehr zu erkennen. Wenn das mal gutgeht. Nach allerhand Versprechen zuhanden von Petrus, Sanktus und allen anderen mir wohlgesinnten Engeln linden wir annähernd einen dieser Meldepunkte. Montpellier scheint den Braten gerochen zu haben. Wir schrauben am Transponder. Wie beim Lotto. In kurzen Abständen fragt der Mann im Tower nach unserer Sicht auf das Flugfeld. Welches Flugfeld? Bange Sekunden treiben die Temperaturen in unserem Glaspalast in astronomische Höhen. Max beeindruckt das nicht. Mir tropft die Nase. Ob von der Hitze oder vor Angst, lässt sich heute nicht mehr sicher sagen.

w8684-q-3

Seitenwind

Nach Bottlang-Kurs sollten wir bereits über dem Feld sein. Irgendwer hat dieses aber offenbar leicht verschoben… Der Mann am Tower und sein Gesprächspartner in der Luft werden langsam nervt‘s. Immer noch kein Platz. Irgendwann entdecken wir im gelben Brei um uns herum so etwas wie eine Piste. Wahnsinnig lang. Das muss er sein. Begeistert schreie ich unsere neueste Erkenntnis in den Äther hinaus. Weniger begeistert tönt es zurück. Wir haben Freigabe zum Landen auf der Hauptpiste. Vor einem Airbus. „You are number one!“ Schön. Wenn der uns bloss nicht überholt.

Krimi-Manieren

Schliesslich wäre er stärker und hätte schon in seinem Kofferraum für uns alle Platz. Max macht eine Seitenwind-Landung. Auch das noch. Ich platze fast vor Neid. Einwandfrei. Max ist auch bereits mit Flügeln in der Wiege gelegen. Mit quietschenden Reifen flitzen wir “ um die Kurve zum ersten Rollweg. Wie Clint Eastwood. Mein Herzschlag reduziert seine Spitzenwerte erst langsam. Nur noch etwa 150 Schläge pro Minute. Eine Hitze ist das hier!

Irrwege

Bevor wir dann die Prozedur am Zoll und mit sämtlichen französischen Polizisten über uns ergehen lassen, paffen wir erst einmal genüsslich eins unter unserer braven Cessna.

Beauties en gros

Max packt plötzlich die Koffer, als ob er mich verlassen wollte. Ach ja, wir wollten hier ja ein paar Tage bleiben. Ich bin erst mal skeptisch. Das letzte Mal haben sie mich in dieser Gegend schamlos ausgeraubt. An der bezaubernden Ankunft im Flughafen bringen wir erst mal unsere bescheidenen Wünsche an die bezaubernden Damen am Schalter. Ebenso bezaubernd bemühen sie sich um uns. Sofort fühlen wir uns zuhause. Max füllt die bezaubernden Formulärchen aus.

Strändelen …

Die Blonde besorgt uns ein feines Hotel mit Meersicht. Die Schwarze das Taxi. Prima. Nur leider haben sie schon etwas vor. Ausserdem hätte sich die Unterhaltung auf das Nötigste beschränken müssen. Wir reden fliessend Deutsch, Englisch und etwas Französisch. So verstehen sie uns auch. Schade. So was Hübsches… Nur keine krummen Touren. Sonst bekommen wir zuhause am Ende noch eine Platte voller Vorwürfe serviert.

Wir beschnuppern am Abend erst mal den Strand. Meer vorhanden. Gebräunte Knusprigkeiten ebenso. (Siehe oben, Kapitel Bademode). Unsere Gesichter lächeln nur so durch die Gegend. Wie die Leuchttürme rundum. Wenn der liebe Gott gewollt hätte, dass sich ein Mann nichts entgehen liesse, hätte er ihm einen drehbaren Hals mit Servierboy-Prinzip-Rädern gegeben. So holt man sich dagegen nur die Halskehre. Beidseits. Unglaublich, was da für tolle Sachen aus dem Meer steigen. Wir beschliessen erste Massnahmen. Ich stehe kurz darauf unter einer eiskalten Dusche. Hilft!

Der Rest der Story ist schnell erzählt. Bis zu unserer Abreise wundern wir uns über die Verschwendungssucht des Schöpfers dieser gutgebauten Schönheiten. Unsere Gesichter werden gegen Ende der Woche immer länger. Unsere jetzt noch abgehenden Postkarten tragen alle den Vermerk „X-large-Badehose nicht vergessen!“ Auch hier gibt Max oder ich gerne auf Anfrage Details bekannt. (Nicht jugendfrei).

AIS-Beamte

Auch französische AIS-Beamte haben schlechte Tage. Unserer hat heute wohl seinen schlechtesten seit zehn Jahren. Er benimmt sich hinter seinen Tischen und Telefonen wie der personifizierte Satan. Der Grund für seinen hoffentlich vorzeitigen Herzinfarkt und seine leuchtend rote Birne könnte unser Flugplan sein. Wir tun uns das erste Mal schwer mit den Formularen, ohne die auch das teuerste Flugzeug nicht mal von Hand verschoben werden darf. Das Eingeben unserer zugegeben unvollständigen Angaben in den Computer ist zirkusreif. Der Gute hackt mit seinen Wurstfingern auf den Tasten herum, dass ich damit rechne, dass das geplagte Gerät nächstens seinen Dienst in Form von davonhüpfenden Tasten und explodierendem Bildschirm quittiert. Ein Skandal. Zwischendurch brüllt er mal ins rote, dann wieder ins grüne Telefon. Abwechslungsweise brüllt er uns an. Wenn er Zeit dazu findet. Sonst ist zwar niemand hier, der ihn beschäftigt. Scheinbar hat der Arme eine böse Ehefrau. Oder Schwiegermutter. Eher beides. Oder gar keine. Dann hat er ja auch noch uns. Aber nicht mehr lange. Sobald er das erste Mal etwas Luft holt, machen wir uns aus dem Staub.

w8684-q-4

Geneva calling

Der Flug nach Genf verläuft ohne Sorgen, ohne Probleme. Die Autobahn durch das Rhônetal ist sechsspurig verstopft. Hier findet der völkerverbindende Personalaustausch der Feriengäste aus Nord- und Südeuropa statt. An einem Samstagvormittag. Bei Grenoble melden wir uns zur Abwechslung mal bei „Geneva-Information“. Damit uns nicht langweilig wird. Alle anderen Frequenzen auf dem Weg aus dem Süden blieben stumm oder es meldete sich nur ein Tonband, aus dem zu entnehmen war, dass auf dieser Frequenz nichts zu entnehmen sei. Auch nicht eine Ausweichfrequenz. Dann eben nicht. Zu unserer vollkommenen Überraschung meldet sich der Mann aus Genf. Sternenklar. Ohne französischen Akzent. Kein Ki-Suaheli. Jubel bricht aus. Mann, tönt das gut. Könnte ein Schweizer Controller sein. Wenn er jetzt noch kochen könnte ich würde ihn sofort heiraten.

w8684-q-2

Der Anflug auf Genf ist ein Erlebnis. Quer über die Stadt am Rhône-Knie und über die Pisten setzen wir zur Landung auf Schweizer Boden an. Auch der Befehl, einer DC-9 mittels Linkskreis den Vortritt zu gewähren, ist kein Problem. Schliesslich sind wir heute grosszügig. Wäre zwar schon ein Schauspiel, wenn wegen uns der Riesenvogel eine Ehrenrunde drehen müsste…

Bloss kommen wir dann wohl auch gratis zu einer Ehrenrunde. Ins Büro des Flugplatzchefs. Über den abzusehenden Folgen beschliessen wir, gehorsam zu sein und verscheuchen den Hauch von Schalk und Übermut im Cockpit.

Im Gegensatz zu Montpellier hilft man uns hier grosszügig beim Ausfüllen des Flight Plans. Wo denn das Flugfeld Lindt sei? Der Mann meint mit breitem Grinsen, er habe immer gedacht, das sei eine Schokolade-Fabrik. Was für ein Gegensatz zum wildgewordenen … heute Morgen. Wahrscheinlich sollte aus ihm ursprünglich ein Affe werden, doch dann gingen die Felle aus… Herzliche Grüsse trotzdem nach Montpellier. Die Töchter waren netter. Hübscher auch…

w8684-q-12

Back home

Nicht ohne Stolz melden wir uns auf unserer, heimatlichen Platzfrequenz zur Landung. „Grüezi, we are back from France.“ Etwas wehmütig legt die Cessna das letzte Mal den Flügel auf die linke Seite und setzt kurz darauf ihre drei Räder auf heimatlichen Asphalt. Etwas nachdenklich stapfen wir darauf rund um den Flieger, den wir während der letzten Woche richtig liebgewonnen haben. So eine treue Seele. Hat uns nicht ein einziges Mal im Stich gelassen. Von uns aus hätten wir noch länger weiterfliegen können. So bis Weihnachten hätte ich das mindestens noch ausgehalten. Bloss: Wenn der liebe Gott gewollt hätte, dass der Mensch fliege – er hätte ihm mehr Geld gegeben…

Brio, nie mehr abwaschen

Als erstes nehmen wir uns vor, die Cessna „Oottell braffo, schaarliie-iiaanküü-delllltah“ gründlich zu säubern. Sie hat es verdient. Nut` schon wegen der kuriosen Aussprache, mit der, sie die französischen Controller jeweils aufgerufen haben.

Während wir den weiss-braunen Flieger, liebkosend vom Schmutz einer langen, wunderschönen Reise reinigen, stellt sich bereits das erste Publikum ein. Die Neugierigen, die mit dem Funkgerät in der Hand sehnsüchtig auf uns gewartet haben, begrüssen uns herzlich. Flott. Es gibt auch viel zu erzählen. Betrachtet man rückblickend unser, Unternehmen, so müssen wir beide sagen, dass dies jedem frischgebackenen Flieger einmal zu wünschen ist. Fliegerisch sind wir mit Siebenmeilenstiefeln weitergekommen. Menschlich habe ich persönlich einen neuen Freund gewonnen, mit dem man alles machen kann. Auch Benzin beschaffen, wo es gar keins hat. Und der Dinge mehr.

Danke

Schliesslich haben wir das ehrliche Bedürfnis, allen zu danken, die unsere Unternehmung mit viel Zuvorkommenheit ermöglicht haben. Der Fluggruppe Mollis. Walter Koller, dem Materialwart, für die tadellose Wartung des Flugzeuges und alle andere Unterstützung. Den Fluglehrern von Schänis für die Beratung bei der Routenwahl. Natürlich auch Max Meier aus Feusisberg für den Bottlang. Dem Aero-Club für die Karten (Gratis). Und zuletzt und am meisten: Max. Er hatte immer Verständnis für meine verrückten Ideen. Und macht mit dabei.

Pläne

Natürlich haben wir wieder ein paar davon in die entsprechende Schublade abgelegt. Wenn sie gut genug sind, werden auch sie sich durchsetzen. Dann werden wir uns irgendwann wieder treffen. Über den Weiten Amerikas. Oder den Gipfeln Canadas und Alaskas. Oder den Wüsten Australiens. Hoffentlich bist Du wieder dabei, Max.

Begriffs-Erklärungen:

AIS Aeronautical Information Service
Dienstleistungsstelle der Flugsicherung
ATC Air Trafic Control, Flugverkehrs-Kontrolle
AVGAS 100oktaniges, verbleites Flugbenzin
Bottlang Luftfahrt-Standardwerk mit detaillierten Anflugkarten und –Informationen von Flugplätzen
Bregg Legendärer, langjähriger Flugplatz-Chef und Fluglehrer für Generationen von Piloten auf dem Flugplatz Schänis.
Cessna 152 Altgedientes Schlachtross der Schulflugzeuge. Nicht besonders anspruchsvoll zu fliegen, kein besonders aerodynamischer Look – aber Generationen von Piloten haben darauf seit dem „Grossen Vaterländischen Krieg“ fliegen gelernt.
Check for departure Letzte Instrumenten- und Systemkontrolle unmittelbar vor dem Start
Controller Fluglotse
CTR Controlled Region
kontrollierter Luftraum direkt über einem Regional- oder Landesflughafen
Meteo Meteorologie, Wettervorhersage.
Mogas Unverbleites Autobenzin, 98 Oktan; löst seit ca. 1990 das verbleite Flugbenzin mit 100 Oktan (AVGAS) ab.
Runway Flugplatz-Piste
Special-VFR-Conditions Sonder-Bedingungen für Special-Visual-Flight-Rules (Sichtflugregeln). Reduzierte Anforderungen an die minimale Sichtweite im An- oder Abflug von Sichtflügen von und zu einem kontrollierten Flugplatz
TMA Terminal Area
kontrollierter Luftraum um grosse Flughäfen
Visibility Sichtweite
VOR visual omnidirectional radial
Instrument für die Radionavigation
Zweimot

Zweimotoriges Flugzeug