Formel-1-Rennen in den Alpen.

Freitag, 15. Juli 2011. Teil 3 von „RM aus dem Cockpit“.

Speed-Racing

Aufgrund der Wettervorhersagen dürfte es sich am Dienstag, den 12. Juli um den mutmasslich letzten Flugtag der RM handeln. Danach bricht wieder der Monsun über uns herein. Davor wird eine schwache Südwest-Lage für ein richtiges Alpenflug-Rennen sorgen.

Peter Schmid machte diese Aufnahme bei Monbiel, kurz vor dem Engadin-Abenteuer.

Mit dieser Ausgangslage von Meteomann Dave Brägger im Kopf, dem wir inzwischen aufgrund seiner präzisen Prognosen der letzten Flugtage fast alles glauben, starten wir als erster Flieger unserer Klasse. Ein Erkundungs-/Konturenflug den Churfirsten entlang bestätigt meine Vermutung. Alle Südwestkreten tragen dynamisch. Haa, das wird ein Spass!

Graduus, graduus, graduus….

Also parkieren wir erst mal in der Wartebox in einem nicht recht zentrierbaren Wolkenfetzen-Ufwindli über Walenstadt, bis das Formel-1-Rennen startet. Wir machen uns wieder früh auf den Weg über die 270 km lange Strecke nach Nauders und Brigels. Die Vorfreude auf ein spannendes Rennen dringt durch alle Ritzen. Wie ein Pfeil rasen wir nach Querung der Startlinie an der Durschlegi (da hat der Marc immer einen anderen geometrischen Winkel im Kopf als ich…) den Hängen der Churfirsten entlang, bauen am Sichelchamm die minimale Querungs-Höhe ins Prättigau auf und machen drüben knapp über der Krete angekommen dasselbe Spiel weiter. Schesaplana, Drusen-und Sulzfluh und die Madrisa ziehen in rascher Folge am linken Flügelspitz vorbei. Nach kaum einer halben Stunde sind wir über Monbiel östlich von Klosters auf 3’000 Metern. Bis hierher ging’s fast kreislos. Wir sind gut im Rennen. Müssen wir auch, ich weiss inzwischen, wie der Frigg durch die Alpen rast. Da müssen wir alles geben. Das Rennfieber steigt.

Wie in den französischen Alpen.

Das nächste Ziel rückt näher: sauber ins Engadin einfädeln. Da werden heute zwei Möglichkeiten offeriert. Direkt auf Kurs, hinter dem Linard durch. Das wird kaum ohne Abwinde zu machen sein. Peter Schmid, der uns im Arcus seit dem Walensee auf den Fersen ist, wählt diese Variante. Anfangs finde ich das auch eine gute Idee. Beim ersten kräftigen Downwash wechsle ich aber meinen gewohnten Schleichweg ins Engadin über die Plattenhörner an den Linard auf die Südostseite bei Sagliains (Verladeterminal), wo uns ein satter Viermeter-Aufwind in Kürze über den Gipfel hinaus trägt. Boahh, ist das schön hier oben! Das fühlt sich ja an wie Südfrankreich. Optimismus macht sich breit. Die erste Wende in Nauders ist in Sichtweite. Und die Nordseite des Engadins ist verziert von einem satten Band von Cumulus-Wolken. Aber: der Peter war schneller! Er zieht links unter uns weg, ca. 10 km voraus. „Das hat man halt davon, wenn man Umwege fliegt…“ meint er am Funk.

Na, dann drücken wir auch ein wenig auf’s Gas! Mit einem Speed zwischen 150 und 200 km/h rasen wir das Unterengadin hinab. Die Wolkenbasis sinkt leicht ab. Damit hätten wir am Linard eigentlich gar nicht so hoch steigen müssen. Aber schön war’s eben schon.

Dummheit wird sofort bestraft.

Im Segelfliegen werden Entscheide unmittelbar in Konsequenzen verwandelt. Auch diesmal. Ich drücke auf’s Tempo, wir umrunden mit unserer Luxushöhe Nauders im Nu. Auf dem Rückweg an die Nordkrete haben wir den Peter im Arcus wieder überholt. Aber zum Preis von etwa 300 Metern geringerer Höhe. Er fliegt vorsichtiger und schaltet offenbar einen Gang zurück.

Mein Plan wäre, auf der Nordseite haarscharf über die Krete einzufädeln, dieser tief entlang nach Westen zu flitzen und weiter westlich, wo Wind und Sonne an einer tieferen Krete zusammen wirken, in den kräftigstmöglichen Aufwind einzufädeln. Da müssten doch 4 Meter zu holen sein. Mit diesem Plan im Kopf fliege ich mehrmals tief im Gelände ziemlich übermütig durch Zwei-Meter-Aufwindgebiete hindurch und drücke auf den Speed. Mir dämmert noch immer nicht in vollem Ausmass, dass im Unter-Engadin der Südwest zu einem starken Bergwind kanalisiert wird. Die Thermik zerreist. Über die Kreten fegt und wie am Grand-Bérard in Südfrankreich (meiner Meinung nach deswegen einer der gefährlichsten Thermikberge) die satten Lee-Aufwind zerhackt.

Schöne Aussichten in Richtung Unterengadin. 

Klare Entscheide sind gefragt.

Dann kommt’s ganz dick. Dort, wo mein phantastischer 4-Meter-Aufwind sein sollte, ist nichts. Stille auf dem Vario. Und im Cockpit. Jaheimatschottlandnuchemal. Das gibt’s doch gar nicht. Mir sausen etwa 17 Themen gleichzeitig durch den Kopf. Unser schöner bisheriger Durchschnitt. Die Thermik-Situation. Der Wind. Die Sonne. Warum ich vorhin nicht eingedreht habe. Dann wären wir jetzt nämlich über den Kreten und hätten wesentlich bessere Optionen in der Hand.

Ich drehe tief über den Kreten nach links und rechts. Nix. Weiter hinaus ins Tal unter eine dicke Wolke. Davon hat’s zwar mehrere, aber ich weiss nicht, woher die genau kommen. Wieder nix. Diese dicken Dinger mag ich sowieso nicht! Jetzt sind zusehends ganz klare Entscheide gefragt. Wir sinken rasch. Peter zieht stolz im Arcus über uns weg nach Westen. Tja. Das war’s dann wohl mit dem schnellen Schnitt. Und inzwischen droht mit der Höhe, die wir noch haben, weit Schlimmeres. Am Ende eiern wir noch mit 2’000 Metern durch das enge Unterengadin.

Hier bringen die Aufwinde noch genau das, was sie auf den ersten Blick versprechen. 

Böser Hänger.

Also doch einen Versuch auf die andere Talseite wagen. Wenn die Nordseite im Lee ist, ist die Südseite im Luv. In einem engen, steilen Tal östlich von Schuls segle ich tief unter der Krete die Geröllhalden entlang. Es steigt zwar (vermutlich nur die eine Hälfe der Spannweite), wir brauchen aber etwas Kräftigeres, wenn wir mit dem schweren Tanker hier rasch wieder aufwärts wollen. Die angepeilte Geröll-Flanke verschwindet in den Wolkenschatten. Da wird die Thermik sofort noch weniger. Wo ist denn hier der „don’t-panic-button“? Also doch wieder hinaus ins Tal. Halt einfach irgendwohin, wo ich mir eine klare Thermik-Quelle vorstellen kann. Weg von diesem undefinierbaren Wolkenzeugs mitten in der Landschaft ohne erkennbaren Bezug zum tieferen Gelände.

und so sieht die GPS-Aufzeichnung des Besuchs im „unteren“ Engadin aus.

Nachmittags noch ins Thermalbad?
Schuls hat ein schönes Thermalbad, Wellness- und Kurhaus. Auch eine schöne Landewiese. Der Puls wird ruhiger. Es beginnt wieder klar zu denken. Wenn der Bergwind hier durchpfeift und die Sonne auf die nördlichen Matten des Engadins knallt, müsste doch jede querstehende Krete und jeder Waldrand Thermik ablösen. Sowas haben wir hier gerade vor der Nase. Bei Ramosch zielen wir auf die Geissgädeli an der Lärchenwald-Kante. Jetzt bewegt sich endlich etwas. Mit einem runden Meter beginnt unser Duo langsam zu steigen. Er versetzt dabei kräftig nach Osten. Aha. Das war’s also. Langsam wird das Ausmass meines übermütigen Fehlentscheides klarer. Kleine Ursache – grosse Wirkung.

Wie in den Theoriebüchern turnen wir nun einer langen Krete entlang aufwärts. Drehen immer wieder ein paar Kreise, um die nächste Geländestufe zu erklimmen. Irgendwann nach ewig langer Zeit sind wir im obersten Teil unter einem langen Hang mit Lawinenverbauungen. Zum Glück ohne Seile. Eng zieht der Duo dem Hang entlang in Achten nach oben. Langsam aber stetig. Irgendwann können wir eindrehen und sind wieder „back in business“. Heissä Sand, war das jetzt eine Übung. Nun aber bloss weg von hier.

Die anderen auch.

Während wir uns vom Schreck erholen, fährt gaaanz weit unten der Adrian Blum in seinem Duo ein. Boah, soweit unten in den Lawinenverbauungen möchte ich lieber nicht mehr sein! Auch der Beat Straub rauscht im Duo noch in unseren Aufwind, er muss noch nach Nauders. Ich bin gottäfroh, wenn wir endlich wieder die Nordseite anfliegen können.

Das klappt dann auch in einem unmöglich engen Aufwind im Piz Buin-Gebiet. Endlich können wir uns nördlich der Plattenhörner ins Prättigau fallen lassen. Und da stehen auf der Luvseite sofort wieder mehr als drei Meter auf dem Vario. Also, geht doch!

Der Snowboarderberg bringt’s.

Marc zentriert am Jakobshorn einen sackengen, aber starken Aufwind, der uns die Möglichkeit öffnet, direkt auf Kurs über das Stätzerhorn und die Lenzerheide an den Flimserstein zu fahren. Die Route über die südliche Talseite scheint uns etwas diffus. Peter Schmid kämpft sich da gerade durch und meldet einen kleineren Durchhänger am Piz Curvèr bei Savognin.

Wir nehmen deshalb in Kauf, dass wir am Flimserstein und Ringelspitz wieder die Kreten hinauf turnen müssen und nehmen uns diesmal etwas mehr Zeit, um in die obere Etage zu kommen. Brigels ist ja mit seiner Lage mitten im Tal und dem Rückweg an den Panixerpass sicher kein Spaziergang. Die Felslandschaft südlich der Sardona erinnert in ihrer Kahlheit an den Pic de Bure. Anfangs ist das Steigen ungenügend, aber sobald wir über die Höger kommen, können wir wieder aufdrehen.

Wie eine Gewehrkugel.

Der Rest läuft nach Plan. Vorsichtig holen wir die Wende mitten im Rheintal und ziehen gerade so schnell den Hängen entlang, dass wir uns sicher in die Schlucht beim Panixer fallen lassen können. Mit 150 Metern Reserve rauschen wir durch das Nadelöhr. Aus dem rechten Augenwinkel erscheint plötzlich – schnell wie eine Gewehrkugel – der Ventus von Frigg Hauser und taucht kopfüber in die Schlucht. Mein lieber Schieber – wir sind ja schon mit mehr als 200 km/h unterwegs! Frigg zischt durch das Sernftal und am Schilt vorbei nach Ziegelbrücke, wir einige Kilometer dahinter mit allem, was der Duo so hergibt. Das macht nun wieder wirklich Spass und wir ziehen mit Volldampf glücklich über die Ziellinie in Schänis, um sofort auf der Föhnpiste zu landen.

Bis auf den Fehlentscheid im Unterengadin lief alles spitzenmässig. Ohne diesen Absitzer, der eine halbe Stunde gekostet hat, wären wir mit einem ähnlich schnellen Speed rundherum gekommen wie der spätere Tages- und Wettbewerbssieger Frigg Hauser. Aber von ihm lassen wir uns gerne schlagen. Erstens, weil ich ihn schon seit Jahrzehnten gut kenne und zweitens, weil er zu den besten Grand-Prix-Piloten überhaupt gehört. Mehr war nicht drin gewesen – aber Spaaaassss hat es gemacht, und das nicht zu knapp!

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